Berliner Dialog am Mittag

Zwischen Becherboden und Spitzentechnologie

Berlin - 02.12.2014, 17:39 Uhr


Im September startete der von Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbarte ressortübergreifende Pharmadialog: Vertreter aus verschiedenen Bereichen wollen den Pharmastandort Deutschland stärken. Die Ausgangsbedingungen sind nicht schlecht – das wurde beim „Berliner Dialog am Mittag“ deutlich, zu dem der Branchenverband Pro Generika eingeladen hatte. Auch Apotheker haben ein Interesse daran, den Standort attraktiv zu halten – nicht zuletzt für Wirkstoffproduzenten.

Bis Anfang 2016 wollen die Teilnehmer des Pharmadialogs politische Maßnahmen erarbeiteten, wie Forschung, Entwicklung und Produktion am Standort Deutschland weiter gestärkt werden können. Der Optimismus herrscht dabei vor. Zumindest erkenne die Politik mittlerweile, dass eine Produktion im eigenen Land von Bedeutung ist, erklärte Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer Teva ratiopharm Deutschland und stellvertretender Vorsitzender von Pro Generika.

Dieser Ansicht ist auch Becker – selbst wenn die Apotheker nicht zum Pharmadialog geladen sind. In Deutschland könne man in der Regel noch „aus dem Vollen schöpfen“ – bei Generika wie auch bei Innovationen. Es gebe eine Angebotsvielfalt an Medikamenten wie kaum anderswo. Zugleich seien jedoch immer öfter Lieferengpässe zu beklagen. Noch seien es keine Versorgungsengpässe – dank der an sich guten Situation. Becker berichtete, wie er letzte Woche in seiner eigenen Apotheke erleben musste, dass Erythromycin nicht in der Schublade lag. Die Tabletten waren auch bei drei Großhändlern nicht zu beziehen. Glücklicherweise kam es auch hier zu keinem Versorgungsengpass – nach einem Telefonat mit dem Arzt habe man auf ein anderes Antibiotikum ausweichen können. Für Becker zeigen die Erfahrungen allerdings: Die Wirkstoffproduktion sollte nach Deutschland, jedenfalls nach Europa zurückkommen, um auch künftig für Versorgungssicherheit zu sorgen. Ebenso müsse sich auch die Forschung an Innovationen in Deutschland lohnen.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Katzmarek, Mitglied des Wirtschaftsausschusses, sieht die Ausgangsbedingungen ebenfalls positiv. Sie verwies auf das „weltweit beste Gesundheitssystem“ mit seinen qualitativ guten Ärzten, Apothekern und Krankenhäusern. Ebenso auf die gut ausgebildeten Fachkräfte, die funktionierende Infrastruktur und guten Sozialpartnerschaften. Zugleich betonte sie: Auch, wenn die Rahmenbedingungen gut seien, „wenn wir dort stehen bleiben, fallen wir zurück“.

Die Konkurrenz schläft nicht

Leyck Diecken erklärte, dass das System im Bereich der Generika infolge von Sparzwängen, vor allem von Rabattverträgen, „am Becherboden angekommen“ sei. So habe eine große Krankenkasse kürzlich 58 Prozent der in einem Vergabeverfahren eingereichten Angebote von pharmazeutischen Unternehmen bei einem Wirtschaftsprüfer eingereicht. Der Verdacht: Die Angebote könnten nicht auskömmlich sein. Und dabei seien Generika für das deutsche Gesundheitssystem von ganz besonderer Bedeutung. Sie machen mehr als 75 Prozent aller Verordnungen aus, aber nur etwa zehn Prozent der Kosten.

Auch der ratiopharm-Standort in Ulm ist für Leyck Diecken ein ganz Besonderer: Zwar habe Teva weltweit 76 Standorte, viele sind vor allem bei den Lohnkosten sicherlich günstiger. Doch der effizienteste, so Leyck Diecken, sei Ulm. Er verwies auch darauf, dass deutsche Unternehmen ihr Know-How ins Ausland bringen – seien es Maschinen, sei es die Ausbildung der Leute vor Ort. Das hat Folgen: Nun sei es soweit, dass gerade das Biosimilar aus Südkorea angemeldet wurde – dabei sehen sich Deutschland und Europa gerade in diesem Forschungsbereich in einer klaren Vorreiterrolle.

Katzmarek wies allerdings darauf hin, dass noch keine „Land unter“-Stimmung in Deutschland sei. „Asien nimmt uns alles weg – das stimmt nicht mehr.“ Man sei auf einem guten Weg – es werde anerkannt, dass die Pharmabranche auch gesamtgesellschaftlich Nutzen schaffe.


Kirsten Sucker-Sket


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