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Beratung

Unendlich müde

Was hinter der Abgeschlagenheit im Frühjahr steckt und wie sie sich vertreiben lässt

Die Sonne scheint, die Tage werden länger, jetzt heißt es endlich wieder raus an die frische Luft und den Frühling genießen. Aber für viele bedeutet die Wetterumstellung auch: Abgeschlagenheit, Schwindel und Kopfschmerzen. Doch wie kommt es zu der sogenannten Frühjahrsmüdigkeit? Was kann man dagegen unternehmen? Und wann ist ein Arztbesuch anzuraten? | Von Ines Winterhagen

In Deutschland leidet rund jeder Zweite unter der Frühjahrsmüdigkeit – typischerweise in den Monaten März bis Mai. Auch wenn es sich bei diesem alljährlichen Massenphänomen nicht um eine eigenständige Krankheit handelt, können die Symptome in Einzelfällen sehr stark ausgeprägt sein. Die Betroffenen fühlen sich trotz ausreichender Schlafdauer ständig müde, antriebslos, abgeschlagen, weniger leistungsfähig und oftmals gereizt. Nicht selten stellen sich dazu Schwindelgefühle, Kreislaufprobleme oder Kopfschmerzen ein. Hypotoniker sowie ältere Menschen und wetterfühlige Personen spüren diese Beschwerden besonders intensiv und leiden vermehrt darunter.

Ursachen und Gründe

Die genauen Ursachen für die Frühjahrsmüdigkeit sind wissenschaftlich nicht vollständig geklärt, aber vermutlich spielen mehrere Faktoren zusammen. Einige Physiologen vermuten, dass sich beim jahreszeitlichen Wechsel unser evolutionäres Erbe bemerkbar macht: Weil ursprünglich wenig Nahrung im Winter zur Verfügung stand, ist der Körper dann auf eine Art Sparmodus eingestellt. Somit wird die Bewegung heruntergefahren und im Frühjahr kommt der Organismus erst langsam wieder auf Touren. Zudem glaubte man lange Zeit, dass wir unter Frühjahrsmüdigkeit leiden, weil wir im Winter nicht genug Obst und Gemüse essen. Eine einseitige fettige Kost kann tatsächlich zu Vitaminmangel führen und die Anpassung zusätzlich erschweren, dürfte heutzutage aber aufgrund der ständigen Verfügbarkeit von frischen Nahrungsmitteln nicht mehr allzu relevant sein. Mittlerweile sieht man als Hauptgrund vielmehr die Umstellung des Körpers auf die sich ändernden Licht- und Wärmeverhältnisse an. Aufgrund der erhöhten Außentemperaturen weiten sich die Blutgefäße, was einen leichten Blutdruckabfall zur Folge hat und mitunter Schwindelgefühle verursachen kann. Neben dem Blutdruck muss sich im Frühjahr der Hormonhaushalt neu einstellen. Nach der winterlich-verstärkten Melatonin-Produktion fährt nun bei zunehmendem Tageslicht die Ausschüttung des aktivierenden, stimmungsaufhellenden Hormons Serotonin hoch. Dieser Neurotransmitter wird vor allem unter Lichteinfluss gebildet und steht im Wechselspiel mit Melatonin, das bei Dunkelheit produziert wird und schlaffördernd wirkt. Im Frühjahr gerät das Verhältnis dieser beiden Botenstoffe leicht ins Wanken und der Körper braucht etwa zwei bis vier Wochen, um sich daran zu gewöhnen und ein neues Gleichgewicht herzustellen.

Wann zum Arzt?

Doch was ist, wenn die vermeintliche Frühjahrsmüdigkeit, Niedergeschlagenheit und Motivationslosigkeit nicht verschwinden? Wenn die Antriebslosigkeit über einen Monat oder länger anhält? Dann sollten die Betroffenen sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und zunächst zur Abklärung der genauen Ursache den Hausarzt aufsuchen. Möglicherweise hat die Müdigkeit in diesen Fällen andere Ursachen. Denn auch Erkrankungen wie eine Hypothyreose, ein Burnout-Syndrom oder Fatigue können sich ähnlich bemerkbar machen. Aber auch eine Pollenallergie, Eisen-Mangel, Leberprobleme oder Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten können hinter der Müdigkeit stecken. Und nicht zuletzt können die Symptome Anzeichen einer beginnenden Depression sein. Die wesentlichen Unterschiede zwischen Frühjahrsmüdigkeit und einer Depression bestehen nicht nur in der Dauer der Beschwerden, sondern auch in deren Intensität. Bei einer Depression ist die Niedergeschlagenheit oder Gereiztheit deutlich stärker ausgeprägt und geht oft einher mit Hoffnungslosigkeit, erheblichen Selbstzweifeln und physischen Begleiterscheinungen wie etwa mit Schlafstörungen.

Während der Übergangszeit vom Winter auf den Frühling sollten Betroffene keinesfalls auf vermehrten Schlaf oder körperliche Schonung setzen und nicht einfach tatenlos darauf warten, bis der neurobiologische Haushalt wieder in Balance ist. Ganz im Gegenteil: Aktivität hilft, die Umstellung zu beschleunigen und die Frühjahrsmüdigkeit schneller hinter sich zu lassen. Das heißt, raus an die frische Luft und Sonne tanken, wann immer sich die Möglichkeit bietet. Oft sieht die Realität aber völlig anders aus. Die hellen Tageszeiten werden überwiegend sitzend oder stehend auf der Arbeit verbracht, statt Sonnenlicht gibt es Kunstlicht – das alles verhindert die rasche Anpassung. Um hier Abhilfe zu schaffen, lohnt sich bereits ein Spaziergang in der Mittagspause. Zudem kann der Kreislauf in der Freizeit durch ausreichende Bewegung an der frischen Luft angekurbelt werden – egal ob mit Sport, Wandern, Spazierengehen oder Gartenarbeit. Dabei zählen an erster Stelle Regelmäßigkeit sowie vor allem Spaß und Freude an der Bewegung und nicht ein rein leistungsbezogener Gedanke.

Zehn Tipps gegen Frühjahrsmüdigkeit

  • Bewegung ist der wichtigste Tipp gegen Frühjahrsmüdigkeit! Im Alltag sollte jede Gelegenheit hierzu ergriffen werden: z. B. mit dem Rad zur Arbeit fahren, die Treppe statt des Fahrstuhls benutzen, eine Station früher aus dem Bus steigen und den Rest laufen.
  • Tagesrhythmus am besten nach der Sonne ausrichten, also möglichst mit den ersten Sonnenstrahlen morgens aufstehen, um viel Sonnenlicht aufzunehmen; abends auf künstliches Licht durch Smart­phones oder Tablets verzichten.
  • Kreislauf anregen: Sitzende Tätigkeit auf der Arbeit unterbrechen, freie Zeit und Pausen nutzen, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen.
  • Ab in die Sonne: Selbst bei bewölktem Himmel die Gelegenheit zu Tageslicht nutzen. UV-Strahlen regen die Serotoninbildung an. Das vertreibt die Müdigkeit und sorgt für gute Laune und Glücksgefühle.
  • Sauna am Abend oder Wechselduschen am Morgen regen Kreislauf und Stoffwechsel an. Wichtig: Immer mit kaltem Wasser aufhören.
  • Abstinenz: Den Durst mit alkoholfreien Getränken löschen, denn Alkohol verstärkt die Müdigkeit.
  • Powernap: Frische Energie tanken durch ein kurzes Nickerchen. Aber bitte nicht länger als 30 Minuten, sonst könnte sich die Müdigkeit noch verstärken.
  • Sport: Möglichst im Freien sportlich aktiv werden, z. B. mit Joggen, Walken, Radfahren. Alternativ sind auch morgendliche Kraft- oder Gymnastikübungen sinnvoll, gern auch bei offenem Fenster.
  • Arzneimittel als Auslöser für Müdigkeit überprüfen: Unter verschiedenen Arzneimitteln, wie z. B. Antiallergika, kann verstärkte Schläfrigkeit auftreten.
  • Ernährung hilft der Frühjahrsmüdigkeit auf die Sprünge: Trink- und Ernährungsgewohnheiten wieder anpassen, statt Fast Food auf leichte, frische, nährstoffreiche Kost und viel Obst und Gemüse setzen.

Als ein weiteres bewährtes Hilfsmittel gegen Frühjahrs­müdigkeit ist das Kalt-Warm-Wechselduschen oder ein Sauna­besuch anzuraten, um den Kreislauf und die Durchblutung anzuregen. Für ansonsten gesunde Personen ist darüber hinaus das Heilfasten zu befürworten – gemäß den Leitlinien der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung e. V. mit einem achttägigen Fastenprogramm, bestehend aus einem Entlastungstag, fünf Fastentagen sowie zwei Aufbautagen. Aber auch bereits der weitesgehende Verzicht auf Zucker und Alkohol kann schon sehr hilfreich sein. Weiterhin sollten nach der reichhaltigen Kost der Wintermonate vermehrt Ballaststoffe sowie viel frisches Obst und Gemüse auf dem Speiseplan stehen. Außerdem ist auf eine ausreichende Trinkmenge zu achten – ca. 1,5 bis 2 Liter Wasser oder Tee über den Tag verteilt –, um Müdigkeit zu verhindern. Der maßvolle Genuss Coffein-haltiger Getränke ist erlaubt. Sie aktivieren auf angenehme Weise Aufmerksamkeit und Konzentration. Wer seine Müdigkeit allerdings den ganzen Tag über mit Kaffee und Energydrinks bekämpft, ohne dem Körper Erholungspausen zu gönnen, betreibt Raubbau an seinen Regenerationskräften und verstärkt den Müdigkeitszustand.

Auf einen Blick

  • Frühjahrsmüdigkeit ist ein Symptomenkomplex aus Abgeschlagenheit, Kreislaufproblemen und Kopfschmerzen. Betroffen sind vor allem wetterfühlige Menschen sowie Personen mit niedrigem Blutdruck.
  • Hinter der Frühjahrsmüdigkeit steckt in erster Linie eine Umstellung des Körpers auf veränderte Lichtverhältnisse und Temperaturen.
  • Halten die Beschwerden länger als vier Wochen an, können Depressionen, Schilddrüsenfunktionsstörungen oder Arzneimittelnebenwirkungen hinter der Müdigkeit stecken. Der Arzt sollte die genaue Ursache klären.
  • Ausreichende Bewegung an der frischen Luft, Wechselduschen und eine leichte, nährstoff­reiche Kost helfen bei der Überwindung der Frühjahrsmüdigkeit.
  • Auch Kreislauftropfen und Vitaminpräparate sollen zu mehr Vitalität und Energie während der Umstellungsphase verhelfen.

Unterstützung aus der Apotheke

Kommen die Kunden mit Symptomen einer Frühjahrs­müdigkeit gezielt in die Apotheke, erwarten sie oft auch die konkrete Empfehlung geeigneter Präparate. Personen mit Kreislaufbeschwerden und niedrigem Blutdruck können hier unter anderem Kreislauftropfen (z. B. Korodin®, Effortil®) empfohlen werden. Gegen die Abgeschlagenheit und zur Unterstützung des Energiestoffwechsels helfen Nahrungsergänzungsmittel mit einem Mix aus essenziellen Vitaminen und Mineralstoffen (z. B. Vitasprint®, Centrum® Vital Fokus, Orthoexpert® Energy Boost). Die Hersteller dieser Präparate versprechen den Anwendern unter anderem positive Wirkungen auf den Stoffwechsel sowie eine ge­steigerte Leistungsfähigkeit. Häufige Bestandteile sind B-Vitamine, allen voran Vitamin B12, das im Organismus eine Rolle bei der Energiegewinnung spielt, unverzichtbar bei der Blutbildung ist und ebenso wichtig für die Nervenfunktion. Besonders Veganer und Vegetarier sollten auf eine ausreichende Zufuhr achten, denn sie sind oft unterversorgt. Auch Vitamin D soll bei Konzentrationsschwäche oder Antriebslosigkeit helfen, und nicht nur bei Veganern gehört neben Vitamin B12 auch Vitamin D zu den kritischen Nährstoffen. Wird häufig über Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Schlappheit geklagt, sollte immer empfohlen werden, den Vitamin-B12- und auch den Vitamin-D-Spiegel bestimmen zu lassen, denn nur so kann ein wirklicher Mangel belegt und eine sinnvolle Supplementation eingeleitet werden. Gerade bei der Abgabe von Vitamin-D-haltigen Produkten sollte daran gedacht werden, dass einige Nahrungsergänzungsmittel bis zu 20.000 IE Vitamin D enthalten können. Von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wird Erwachsenen eine tägliche Zufuhr von 20 µg Vitamin D (800 IE) empfohlen. Eine Überversorgung mit Vitamin D kann aber zur Entwicklung von Nierensteinen und Nierenversagen führen.

Zum Weiterlesen

  • Podlogar J, Smollich M. Vitamin D für alle? Beratungs­wissen rund um Vitamin-D-aktive Verbindungen. DAZ 2018, Nr. 35, S. 28
  • Podlogar J, Smollich M. Vitamin-B₁₂-Mangel oft unterschätzt. Beratungswissen zu den Cobalaminen. DAZ 2018, Nr. 26, S. 38

Zur Unterstützung bei Beschwerden einer Frühjahrsmüdigkeit ist bei einigen Kunden eine Basenkur (z. B. Basosyxx®, Basica®) beliebt. Hinter dem Konzept solcher Kuren steckt der Gedanke, dass ein Säurenüberschuss im Körper Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder Kopfschmerzen verursacht, wissenschaftliche Beweise für die Theorie einer ernährungsbedingten Übersäuerung gibt es allerdings nicht.

Begleitend zu abgegebenen Präparaten kann ein Schrittzähler (z. B. Omron® Walking style One 2.1) angeboten werden, der es den Betroffenen erleichtert, auf ausreichende Bewegung zu achten und motivierend wirkt. Und letztlich ist bei vermehrtem Aufenthalt im Freien natürlich immer auch an einen entsprechenden Sonnenschutz zu denken, womit die Abgabe eines geeigneten, auf den jeweiligen Hauttyp abgestimmten Produkts mit ausreichendem Lichtschutz­faktor das Beratungsangebot in der Apotheke sinnvoll abrunden kann. |

Literatur

Zaszczynski A. Hormonhaushalt in Balance bringen - Apotheker geben Tipps gegen Frühjahrsmüdigkeit. Informationen der Apothekerkammer Niedersachsen; www.apothekerkammer-niedersachsen.de/presse.php?view=%7C2645,4, Abruf: Januar 2020

NN. Springtime fatigue: a typical and common form of sensitivity to changes in the weather. www.medi.de/en/health/healthy-life/beauty/tips-on-how-to-combat-springtime-fatigue/, Abruf: Januar 2020

Informationen der Deutsche Homöopathie-Union DHU-Arzneimittel GmbH & Co. KG, https://www.schuessler.dhu.de/produkte/product/show/fruehjahrs-kur.html, Abruf: Januar 2020

Autorin

Dr. Ines Winterhagen, Fachapothekerin für Offizinpharmazie, Homöopathie und Naturheilkunde; Autorin für die DAZ und den Deutschen Apotheker Verlag; Mitglied im Aus- und Weiterbildungsausschuss der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg

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