Prisma

Taube Mäuse können wieder hören

Viren sei Dank

rr | Taubheit ist die häufigste angeborene Sinnesbeeinträchtigung und wird in drei von vier Fällen rezessiv vererbt. Die Form, bei der ein Gendefekt des Proteins Otoferlin die Ursache ist, könnte die erste sein, die mit einer Gentherapie behandelt werden kann.
Foto: Pakhnyushchyy – stock.adobe.com
Mit einem Virus gelang es nicht nur, Genmaterial ins Ohr einzubringen, es wurde auch funktionsfähiges Otoferlin gebildet, und die Mäuse konnten wieder hören.

Das Protein Otoferlin spielt eine entscheidende Rolle bei der Signalübertragung von Sinneszellen des Innenohrs auf den Hörnerv. Wenn es verändert wird oder sein Einbau in die Zellmembran gestört ist, ist das Hören beeinträchtigt. Forschern der Universitätsmedizin Göttingen ist es gelungen, bei tauben Mäusen das fehlende Gen mit dem Bauplan von Otoferlin in das Innenohr zu schleusen und damit das Hörvermögen wiederherzustellen. Kopfzerbrechen bereitete zunächst die Suche nach einem geeigneten molekularen Transporter für das große Gen, da allein die kodierende Sequenz nahezu 6000 Basenpaare umfasst. Für derartige DNA-Transporte werden meist Viren eingesetzt, die gentechnisch so verändert wurden, dass sie statt der Virus-Gene die therapeutischen Gene erhalten. Allerdings transportieren diese nur bis zu 4700 Basenpaare fremder DNA oder sie erweisen sich als ineffizient. Die Forscher teilten die kodierende Sequenz von Otoferlin kurzerhand in zwei Teilstücke, die von zwei Viren transportiert wurden. Im Kern einer Zelle bilden die ­Viren dann ein langes, ringförmiges Multimer. Liegen die kodierenden Sequenzen in diesem Multimer zufällig in der richtigen Orientierung hintereinander, kann die Zelle die vollständige Otoferlin-mRNA ablesen – so die Theorie. In der Praxis absolvierten die so behandelten, einst tauben Mäuse jedenfalls erfolgreich einen Hörtest.

Nun wird nach Strategien gesucht, um mit größeren Proteinmengen die Gentherapie auch für den Menschen nutzbar zu machen. Man möchte baldmöglichst mit klinischen Studien beginnen. Hoffnung machen können sich allerdings nur Betroffene, die an Formen von Taubheit leiden, bei denen alle Zellen des Innenohrs vorhanden sind. |

Quelle

Gentherapie macht taube Mäuse hörend. Presse­information der Universitätsmedizin Göttingen vom 2. Februar 2019

Al-Moyed H et al. A dual-AAV approach restores fast exocytosis and partially rescues auditory function in deaf otoferlin knock-out mice. EMBO Mol Med 2019;11(1), doi: 10.15252/emmm.201809396

Das könnte Sie auch interessieren

CRISPR/Cas9 ist weniger selektiv als gedacht

Genschere macht Chaos

Eine zellbiologische Revolution mit unkalkulierbarem Risiko?

Genom-Editierung mit CRISPR-Cas9

Durchbruch für die Heilung einer HIV-Infektion?

Einfach wieder ausschneiden!

Kaum auszusprechen, aber eine Methode mit gewaltigem Potenzial!

CRISPR/Cas9

Biotechnologie

Gezielte Genfähren

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.