Thema Katastrophenpharmazie

„Apotheken sind Leuchttürme“

THW-Präsident Albrecht Broemme über die Bedeutung der Apotheken im Katastrophenfall

eda | In Deutschland engagieren sich rund zwei Millionen Frauen und Männer ehrenamtlich in Einsatzorganisationen wie der Freiwilligen Feuerwehr, dem THW oder den Sanitätsorganisationen. Albrecht Broemme weiß diese einmaligen Strukturen im Bevölkerungsschutz zu schätzen. Seit 2006 ist er Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) und war zuvor viele Jahrzehnte bei der Berliner Feuerwehr haupt- und ­ehrenamtlich aktiv.

Immer wieder beschäftigte er sich mit der Frage, ob das Helfen untereinander aus der Mode gekommen ist. Es gibt viele Untersuchungen aus jüngster Zeit, die aber zeigen, dass Hilfsbereitschaft und gesellschaftliches Engagement kein Auslaufmodell ist. Die gegenseitige Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung lässt sich nicht unbedingt daran messen, wie viele Menschen in den Einsatzorganisationen aktiv sind. Albrecht Broemme dazu am Anfang des Interviews mit der DAZ: „Es darf nicht um ein Schwarz-Weiß-Denken gehen nach dem Motto: ‚Ist jemand professioneller Helfer oder nicht?‘ Im Katastrophenfall müssen sich die Hilfsorganisationen glücklicherweise viel eher mit der Frage beschäftigen, wie sie das zum Teil immense Unterstützungsangebot aus der Bevölkerung am besten organisieren.“ Als Beispiel nennt er den Laien mit Kappe, Badehose und Turnschuhen, der seine Hilfe beim Hochwasser anbietet. Wie kann er eingesetzt werden, ohne eine Gefahr für sich und andere darzustellen? Diese Spontanhilfe aus der Bevölkerung grundsätzlich abzulehnen, wäre ein strategischer Fehler.

Foto: imago images/Metodi Popow
Albrecht Broemme ist seit 2006 Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW). Zuvor war er ab 1992 Landesbranddirektor und Chef der Berliner Feuerwehr.

In Deutschland setzt man vor allem auf Ehrenamtliche, weil man ein rein hauptamtliches System gar nicht finanzieren könnte, so Broemme. Darüber hinaus weiß man zu schätzen, dass ehrenamtliche Helfer ihre Berufserfahrung in die jeweiligen Organisationen mitbringen. Wie sieht er in dem Zusammenhang die Apotheker und die Institution Apotheke? Der THW-Präsident hat sich dazu bereits Gedanken gemacht und sich sogar mit der Standesvertretung ausgetauscht.

DAZ: Ein ehrenamtlicher THW-Helfer hat also in der Regel einen anderen Hauptberuf. ­Inwiefern profitiert man von den unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen der Helfer?

Broemme: Es ist ja nicht so, dass ehrenamtliche Helfer in den jeweiligen Organisationen gar nichts kosten. Die Ausbildung kostet, genauso wie das Material, die Übungen und schließlich der Einsatz. Darüber hinaus muss auch der Verdienstausfall vom THW fortgezahlt werden – unabhängig davon, ob der Helfer nun im Angestelltenverhältnis arbeitet oder selbstständig ist. Der große Vorteil ist vielmehr diese wunderbare Kombination aus beruflichen und persönlichen Kenntnissen mit den Herausforderungen der Teamarbeit im Ehrenamt, bei der alle Helferinnen und Helfer zusammenkommen.

DAZ: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Broemme: Derzeit betreiben wir in Mosambik eine Trinkwasseraufbereitungsanlage, für die wir ein eigenes Labor mit Fachpersonal vorhalten. Dafür benötigen wir ehrenamtliche Fachleute mit einschlägiger Berufserfahrung, die darüber hinaus ihre katastrophenspezifische Ausbildung beim THW durchlaufen haben.

DAZ: Was ist Ihre persönliche Erfahrung mit Apothekern und der Institution Apotheke?

Broemme:lacht Zwischen Apothekern und THW-Helfern gibt es einige verblüffende Ähnlichkeiten. Beide tragen ihre typische Arbeitsschutzkleidung – die einen weiße Kittel, die anderen blaue Einsatzanzüge. Die andere Gemeinsamkeit ist das hohe Maß an Ausbildung und das Ziel, alle Probleme möglichst selbstständig zu bearbeiten und zu lösen. Außerdem sind Vertreter beider Institutionen ausgesprochene Experten bei logistischen Herausforderungen. Wie oft ich es schon erlebt habe – auch wenn ich glücklicherweise nicht häufig mit einem Rezept in der Apotheke bin – dass in der Apotheke viele Unklarheiten beseitigt werden. Egal, ob es um Rückfragen beim Arzt, um Nichtlieferbarkeiten oder Abrechnungsfragen ging.

DAZ: Und im Hinblick auf den Katastrophenschutz?

Broemme: Die Apotheken sind eine der wenigen Institutionen, die mit ihrem gesamten Versorgungsauftrag einen Rund-um-die-Uhr-Dienst leisten – ähnlich wie bei der Polizei oder der Feuerwehr. Sie sind also gewissermaßen die einzige zivile Bastion, die Tag und Nacht für die Bevölkerung bereitsteht. Als THW-Präsident stellt sich mir dann natürlich eine sehr naheliegende Frage: Funktioniert dieses System auch bei Stromausfall? Verfügt jede Apotheke über ein Notstromaggregat oder einen leistungsfähigen Akku?

Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb
Blackout? In Deutschland möglich! Tonnenschwere Schneemassen und heftige Stürme sorgten Ende 2005 im Westmünsterland dafür, dass Strommasten umknickten und rund 250.000 Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten waren. Rund 1000 THW-Helfer leisteten mit 200 Generatoren und 60 Netzersatzanlagen über mehrere Tage dafür, dass der Betrieb von Altenheimen, Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden aufrechterhalten werden konnte.

DAZ: Dazu gab es bereits einen informellen Austausch zwischen Ihnen und der Standesvertretung der Apotheker. Worum ging es dabei?

Broemme: Die Kontaktaufnahme geschah bei einem Frühstück, mit dem man bekanntlich jeden THWler anlocken kann. Bei diesem Parlamentarischen Frühstück kam ich ins Gespräch mit dem DAV-Vorsitzenden Fritz Becker, später auch mit der ABDA-­Geschäftsführerin für Pharmazie Dr. Christiane Eckert-Lill. Nach intensivem Gedankenaustausch einigten wir uns darauf, uns bei weiteren Terminen nochmal länger zu unterhalten. Meine Idee ist nämlich, die rund 19.000 Apotheken in Deutschland noch viel offensiver in die Planungen des Katastrophenschutzes einzubinden. Sie könnten einen Leuchtturmcharakter erhalten.

DAZ: Was genau versteht man darunter?

Broemme: Der Begriff „Leuchtturm“ wird verwendet für Einrichtungen, die auch bei einem totalen Blackout noch über elektrischen Strom und weitere Infrastruktur verfügen. Die Bevölkerung kann dort Hilfe und Auskünfte erhalten. Apotheken gibt es, sowohl in den Städten als auch im Land, noch überall. Die Frage ist also, unter welchen Umständen können sie welche Aufgaben übernehmen.

DAZ: Welche Aufgaben wären vorstellbar?

Broemme: Pharmazeutisch zum Beispiel die Verteilung von Kaliumiodid-Tabletten bei einem nuklearen Fallout. Darüber hinaus könnte ich mir vorstellen, dass Apotheken auch Informationen des Katastrophenschutzes verbreiten, als Flyer oder mündlich.

DAZ: Also es geht darum, die vorhandene Struktur und Präsenz sowie Logistik unter einen besonderen Schutz zu stellen und im Fall der Fälle zu nutzen, um an die Bevölkerung herantreten zu können?

Broemme: Ganz genau. Den Apotheken soll aber nicht etwas Neues mit aller Gewalt übergestülpt werden, was sie am Schluss noch mehr belastet oder aufgrund mangelnder Kenntnisse und Ressourcen gar nicht leisten können. Ich habe auch mit dem Präsidenten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Christoph Unger, gesprochen. Er findet die Idee wunderbar, in einem ersten Aufschlag zunächst einmal die Bedeutung der Apotheke um die Ecke hervorzuheben.

DAZ: „Flächendeckende Versorgung“ ist ein Begriff, der uns im Zusammenhang mit der Apothekenzahl, Stadt- und Landverteilung sowie Notdienstbereitschaft begegnet. Was bringen Sie damit in Verbindung?

Broemme: Die flächendeckende Versorgung… Und dann setzen wir noch eins drauf: Die flächendeckende Versorgung, drei Wochen lang, ist ja derzeit überhaupt nicht realisierbar. Natürlich reden wir dabei über den Katastrophenfall – wie zum Beispiel ein großes Hochwasser – und nicht über den normalen Arbeitsalltag. Die Frage ist aber doch, inwiefern ein System in der Regelversorgung tatsächlich gut funktioniert, um dann für den Katastrophenfall noch ausreichend gewappnet zu sein. Das Beispiel der Hilfskrankenhäuser zeigt, dass es teurer und aufwendiger ist, solche Institutionen im Bedarfsfall wieder hochzufahren. Besser wäre es, die Struktur und flächendeckende Versorgung permanent am Laufen zu halten. Das gilt auch für Apotheken. Es ist ein großer Vorteil in Deutschland, dass der Katastrophenschutz sowohl auf staatlicher als auch auf privatwirtschaftlicher Grundlage aufgebaut ist. Dazu kommen die einzelnen Menschen: Also Einsatzkräfte, Berufsexperten und die Bevölkerung, die sich am besten auch zu Hause auf Versorgungsengpässe vorbereitet.

Foto: THW Freising
Das THW besteht aus mehr als 80.000 Helferinnen und Helfern in 668 Ortsverbänden und leistet technische Hilfe im Bereich Infrastruktur und Gefahrenabwehr.

DAZ: Sie meinen die Vorratshaltung von Lebensmitteln und Getränken für längere Zeiträume als nur wenige Tage?

Broemme: Die Frage ist: Wie versorgt sich jeder einzelne Mensch? Muss man für Grundnahrungsmittel an Wochenenden oder Feiertagen andauernd zum Nachbarn rennen, weil die eigenen Vorräte aufgebraucht sind? Manche lagern sogar Konserven ein, haben aber nur einen elektrischen Öffner. Ich empfehle, außer Wasserflaschen auch einen gepflegten Weinkeller zu haben, weil Wein einfach länger hält und besser schmeckt. lacht

DAZ: Haben in dem Zusammenhang auch die dezentrale Nahversorgung und die Vor-Ort-Präsenz von verschiedenen Händlern, Experten und Einrichtungen für den Katastrophenfall eine herausragende Bedeutung?

Broemme: Zentrale Strukturen können im Normalfall sehr gut funktionieren. Staatliche Sanitätsmaterial- und Arzneimittellager beispielsweise sind relativ zentral organisiert. Auch die Apotheken führen ihre Warenwirtschaft bekanntlich sehr unterschiedlich. Manche werden fünf Mal am Tag vom Großhandel beliefert, andere seltener. Alles kein Problem unter Normalbedingungen, aber im Katastrophenfall neigen solche Strukturen zum Zusammenbrechen. Auch das THW muss sich damit intensiv auseinandersetzen, wie resilient die eigene Organisation ist. So verfügt nicht jede der rund 700 Einrichtungen bundesweit über eine autarke Stromversorgung.

DAZ: Meinen Sie, die Politik schafft dafür eine solide Grundlage?

Broemme: Im Bereich des Bevölkerungsschutzes sind meistens Bürgermeister und Landräte verantwortlich. Bei den Apotheken sind es eher Entscheider auf wesentlich höheren Ebenen, wie Ministerien. Schon eine staatliche Einrichtung auf Ebene des jeweiligen Bundeslandes ist meistens zu weit weg, um zu wissen, was vor Ort wirklich notwendig ist.

DAZ: Was ist Ihre Vision für die Apotheken im Kontext des Katastrophenschutzes? Was wünschen Sie sich?

Broemme: Es gibt noch über 19.000 Apotheken in Deutschland und damit ein Netz von Institutionen und Anlaufstellen, die für die Bevölkerung im Katastrophenfall einen wichtigen Mehrwert darstellen können. Keine Angst, die Apotheken müssen dafür nicht anfangen, zu kochen oder Feldbetten aufstellen. Es sollte aber vielmehr das Bewusstsein in der unmittelbaren Nachbarschaft einer jeden Apotheke geschärft werden, dass man hier Hilfe erwarten darf. Dieser Leuchtturmcharakter muss weiter ausgebaut werden und in der Politik verankert sein. Für das THW würde ich mir natürlich wünschen, dass sich mehr Apothekerinnen und Apotheker ehrenamtlich engagieren, auch wenn das THW keine Sanitätsorganisation mit vielen Schnittmengen zum pharmazeutischen Berufsbild ist.

DAZ: Auf was sind Sie rückblickend ganz besonders stolz als THW-­Präsident?

Broemme: Vor einigen Jahren habe ich angefangen, für alle aktiven Helferinnen und Helfer im THW einen Impfschutz zu fordern und zu fördern. Das war ein ziemlicher Kampf gegen Bedenken und Desinteresse für dieses Thema, obwohl wir aus Hochwasser- und vor allem Auslandseinsätzen stets gelernt haben, wie wichtig es ist, dass man sich nicht mit Typhus oder Tetanus infiziert. Im Sinne des Gesundheitsschutzes haben wir das Thema forciert und mit Kampagnen begleitet, damit kein Helfer ohne ausreichenden Impfschutz in den Einsatz geht.

DAZ: Ende des Jahres werden Sie als THW-Präsident in den Ruhestand treten. Sie blicken auf eine beispiellose Karriere im Bevölkerungsschutz zurück. Beschreiben Sie uns kurz Ihre Gefühlswelt zum Ende Ihrer Berufstätigkeit.

Broemme: Ich blicke auf 50 Jahre Engagement im Bevölkerungsschutz zurück – zunächst als ehrenamtlicher Helfer in THW und Feuerwehr, dann als Hauptamtlicher in beiden Organisationen. Das war eine wunderbare Erfahrung, und nun ist es aber Zeit, sich vielen anderen Fragen in einer neuen Lebensphase zu widmen. Vielleicht liegt es am Wonnemonat Mai, aber ehrlich gesagt freue ich mich auf die Pensionierung, weil ich dann wieder mehr Zeit für mich und meine Familie habe. Angst vor dem Ruhestand habe ich jedenfalls keine. Auch wenn es emotional schwierig werden wird …

DAZ: Herr Broemme, vielen Dank für das Gespräch und Ihnen alles Gute. |

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