Deutscher Apothekertag 2018

Informationen brauchen Menschen!

Themenforum zur Gesundheitskompetenz rückt Apotheker in den Fokus

cst | Zunehmende Informationsflut, neue digitale Angebote und immer komplexere Therapien: Nie waren die Herausforderungen für Patienten im Gesundheitsbereich größer als heute. Kein Wunder, dass sich nahezu jeder zweite Deutsche im Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen überfordert fühlt. Als Ansprechpartner vor Ort können Apotheker hier eine wertvolle Unterstützung bieten. Wie wichtig der „Faktor Mensch“ ist, wurde im diesjährigen Themenforum des Apothekertages zur Gesundheitskompetenz deutlich.
Foto: DAZ/Alex Schelbert
Diskutierten über die Rolle des Apothekers als Informationsvermittler: Dr. Alexander Schachinger (EPatient RSD GmbH), Moderator Gerhard Schröder (Deutschlandfunk), Thorben Krumwiede (UDP), Dr. Eva-Maria Berens (Universität Bielefeld), Mathias Arnold (ABDA-Vizepräsident) und Dr. Kai Kolpatzik (AOK-Bundesverband) (v. l.)

„Wir brauchen dringend mehr verständliche Gesundheitsinformationen!“ mit diesem Zitat des früheren Gesundheitsministers Hermann Gröhe eröffnete Moderator Gerhard Schröder, Redakteur beim Deutschlandfunk, das diesjährige Themenforum des Deutschen Apothekertags 2018. Wie das gelingen kann und welchen Beitrag Apotheker leisten können, darüber wurde im Themenforum „Gesundheitskompetenz – wie viel weiß der Patient wirklich?“ ausführlich diskutiert.

Foto: DAZ/Alex Schelbert
„Persönliche Beratung hat einen hohen Stellenwert“, meint Dr. Eva-Maria Berens.

Zum Einstieg zeigte Eva-Maria Berens, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe für Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, auf, wie es um die Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung bestellt ist. So sieht sich mehr als die Hälfte der Menschen hierzulande im Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert. Dies ergab die 2016 unter der Leitung von Professor Schaeffer veröffentlichte Studie über Health Literacy in Deutschland (HLS-GER). Besonders stark ausgeprägt sei die Problematik bei Menschen mit niedrigerem Sozialstatus und geringerem Bildungsniveau, bei älteren Personen, Menschen mit Migrationshintergrund sowie bei chronisch Kranken. Vielen fällt es schwer, die richtigen Informationen zu finden, diese zu verstehen, zu beurteilen und letztendlich anzuwenden. Den Anweisungen von Arzt oder Apotheker zu folgen, damit haben hingegen die wenigsten Patienten ein Problem. Der persönlichen Beratung komme somit ein hoher Stellenwert zu, so Berens. Apotheker fallen bei der Interaktion mit den Patienten besonders positiv auf: Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen wie beispielsweise Hausärzten sind Verständnisschwierigkeiten bei den Patienten im Austausch mit Pharmazeuten deutlich seltener.

Foto: DAZ/Alex Schelbert
„Der Faktor Mensch ist auch im Bereich digitale Versorgungslösungen eine kritische Größe!“, betont Dr. Alexander Schachinger.

Faktor Mensch ist entscheidend

Das Dilemma des digitalen Patienten verdeutlichte Alexander Schachinger, Gründer und Geschäftsführer der EPatient RSD GmbH – einem Unternehmen, das den digitalen Gesundheitsmarkt analysiert. So finde sich der Patient in zwei Parallelwelten wieder: Auf der einen Seite in den klaren Strukturen des etablierten Gesundheitssystems, auf der anderen Seite im digitalen Gesundheitsmarkt mit seinen unzähligen Angeboten. „Der Patient wünscht sich aber eine Welt“, so Schachinger. Daher müssten digitale Versorgungsmöglichkeiten von medizinischem Fachpersonal an den Patienten herangetragen werden. Nur so können Apps gut wirken. „Der Faktor Mensch ist auch im Bereich digitale Versorgungslösungen eine kritische Größe!“, so Schachinger. Doch nicht jeder Patient ist für den Umgang mit digitalen Angeboten gewappnet. Nicht nur die Gesundheitskompetenz, auch die digitale Kompetenz ist in verschiedenen Bevölkerungsgruppen ungleich verteilt. In den Bereichen Alter und Bildung ist eine deutliche Überlappung zu erkennen, die sich ungünstig verstärke, so Schachinger. Beispielsweise besitzen nur 5% der über 65-jährigen Frauen mit niedrigem ­Bildungsabschluss ein Smartphone, unter den Akademikerinnen hingegen fast ein Drittel. Von der digitalen Kompetenz hängt jedoch ab, ob eine App nutzbringend eingesetzt werden kann.

Pharmazeutische Kompetenz gegen „Informations-Overflow“

Wie können Gesundheitsinformationen patientengerecht vermittelt werden und welche Rolle kommt der Apotheke vor Ort dabei zu? Diese Fragen beschäftigten die nachfolgende Diskussions­runde. So betonte ABDA-Vizepräsident und Apothekeninhaber Mathias Arnold den wachsenden Beratungsbedarf in den Apotheken aufgrund der zunehmenden Behandlungskomplexität. Zudem sei aufseiten der Patienten ein „Informations-Overflow“ zu beobachten, nicht zuletzt durch die mediale Berichterstattung. Hier sieht Arnold die Apotheker in der Plicht „die Informationen für den Patienten zu selektieren und zu evaluieren“. Damit wichtige Informationen wirklich beim Patienten ankommen, sei zudem der regelmäßige, enge Kontakt essenziell. Insbesondere bei Stammkunden bestehe die Möglichkeit, immer wieder kurze Botschaften mit auf den Weg zu geben, so Arnold. Dies sei weitaus zielführender als einmal im Jahr ein stundenlanges Gespräch zu führen.

Apps aus der Apotheke?

Mit einem „Informations-Overflow“ bei den Patienten sieht sich auch Thorben Krumwiede, Geschäftsführer der ­Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UDP), immer wieder ­konfrontiert. Man müsse daher Wege finden, die Qualität der verfügbaren Informationen zu gewährleisten. Laut Arnold wäre in diesem Zusammenhang beispielsweise eine verlässliche Zertifizierung von Apps hilfreich. Zudem wäre es wünschenswert, Apps in Apotheken abzugeben. Dies ermögliche dem Apotheker, die Qualität der App erst einmal selbst zu prüfen. Vielleicht wären in Zukunft sogar apothekenpflichtige Apps vorstellbar, meint Schachinger und erntete dafür kräftigen Applaus aus dem Publikum. Hier würden sich beispielsweise Online-Coaching-Programme, die von den Krankenkassen erstattet werden, anbieten. Ob die Krankenkassen auch eine verstärkte Einbindung der Apotheker in der Prävention honorieren würden, ließ Kai Kolpatzik vom AOK-Bundesverband offen. Die Frage nach zusätzlichen Vergütungen bestimmter Beratungsleistungen könne erst geklärt werden, wenn Erfahrungen aus Modellversuchen vorliegen. So werde man beispielsweise im Hinblick auf die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen ARMIN zum Medikationsmanagement Ende des Jahres entscheiden, wie es weitergehe. Dass für viele Apotheker die Zeit reif ist, aus Modellversuchen endlich in die Regelversorgung zu kommen, machte eine Wortmeldung aus dem Plenum deutlich: „Die Defizite sind klar und wir Apotheker haben ­Lösungsansätze dafür!“ |

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