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Beratung

Lucky lips

Rezeptfreie Mittel zum Schutz der empfindlichen Lippenhaut und gegen Herpes

„Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da“ sang Cliff Richard in den 1960-ern. Wenn Lippen wegen eines Herpes-Ausbruchs anfangen zu „blühen“, empfiehlt es sich jedoch, Abstand zu halten, um eine Übertragung zu vermeiden. Die Palette der Produkte, die in der Apotheke empfohlen werden kann, ist breit und reicht von lokalen Virustatika über Präparate mit pflanzlichen, adstringierenden und antiseptischen Inhaltsstoffen bis hin zu Patches zum Abdecken der Herpesbläschen. Für den Sommerurlaub empfehlen sich darüber hinaus Pflegestifte mit Lichtschutzfiltern und pflegenden Inhaltsstoffen, die die empfind­liche Lippenhaut vor Austrocknung und Läsionen schützen. | Von Claudia Bruhn

Im Gegensatz zur übrigen Gesichtshaut besitzt die Haut der Lippen keine Talg- und Schweißdrüsen und ist nur durch eine dünne Hornschicht (ca. 0,05 mm) geschützt. Da auch kaum Melanin gebildet wird, ist die Barriere gegenüber Umwelteinflüssen sehr schwach. Lippen trocknen daher leicht aus, werden spröde und rissig. Ein Trockenheits- oder Spannungsgefühl verleitet Betroffene dazu, sie durch Lecken zu befeuchten. Leck-Ekzeme, Mundwinkelrhagaden oder Infektionen können die Folge sein. Mit zunehmendem Alter treten im Bereich der Lippen ähnliche Veränderungen auf, wie sie für die gesamte alternde Haut typisch sind. Dazu zählen vor allem eine Verdünnung der Epidermis, ein Fettabbau in der Dermis sowie eine Abnahme der elastischen Fasern. Die Lippenhaut wird trockener, faltenreicher und empfindlicher, die Wundheilungszeit nimmt zu.

Lippenpflege aus der Apotheke

Lippenpflegestifte und -cremes kaufen die meisten Menschen in Drogeriemärkten. Auch wenn diese Produkte für die Apotheke keinen hohen Umsatz versprechen, kann es sich lohnen, sie bestimmten Kunden gezielt zu empfehlen. Dazu zählen jene, die regelmäßig Präparate der Apotheken-Kosmetiklinien kaufen. Alle Serien haben auch hochwertige Lippenpflegestifte im Angebot, die im Freiwahlregal häufig ein „Schattendasein“ fristen (z. B. Vichy® repair Pflegestift, Frei® Lippenpflege, Eucerin® lipaktiv/repair, Lippenkosmetikum Dr. Hauschka®, Everon® Lippenpflege Weleda sowie Bepanthol® Lippencreme, La Roche-Posay® Cicaplast Lippenbalsam, Letibalm® fluido Nase / Lippe). Die Stifte sind auf Fett-, Wachs-, Öl- oder Paraffinbasis aufgebaut und können pflegende (z. B. Panthenol) oder befeuchtende Zusätze enthalten. Beim Verkauf eines Sonnenschutzmittels sollte aktiv eine Lippenpflege mit Lichtschutzfaktor (z. B. Lippenpflege LSF 20 Neutrogena®, Lippenpflegestift UV 10 Louis Widmer®, Antherpos LSF 50 La Roche-Posay®) angeboten werden, da UV-Strahlung zu den Umweltfaktoren zählt, die die zarte Lippenhaut nachhaltig schädigen können. Außerdem kann UV-Strahlung einen Herpes-Ausbruch begünstigen, weshalb auch Kunden mit diesem Problem dazu geraten werden sollte. Eltern von Babys und Kleinkindern werden die Empfehlung einer Lippenpflege mit natürlichen Inhaltsstoffen (z. B. Hipp® Bio Lippen-Pflegestift, letibalm® Kinder) gern annehmen.

Unschöne Bläschen

Unter den eingangs genannten potenziellen Infektionen der Lippenhaut nehmen die mit Herpes-Viren eine Sonderstellung ein. Denn bei ihnen handelt es sich nur selten um Neuinfektionen, sondern meistens um die Reaktivierung einer Erstinfektion mit Herpes-simplex-Viren des Typs 1 (HSV-1). Dieses DNA-Virus ruft hauptsächlich Läsionen der Lippen und der Mundschleimhaut, aber auch des Genitalbereichs hervor. Häufig hat HSV-1 bereits im Kindesalter Haut- oder Schleimzellen befallen. Da es die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann, infiziert es auch Nervenzellen. In deren Zellkern kann die Virus-DNA in Ringform jahrzehntelang persistieren. HSV-1 sind vor allem in den Nervenknoten der Gesichtsnerven (Trigeminal-Ganglien) latent vorhanden, von wo aus sie bei Reaktivierung rasch in den Bereich der Lippen gelangen können. Zu den Hauptursachen für eine solche Reaktivierung zählen Stresssituationen, Erschöpfungszustände, Klimaveränderung, Fieber, Infektionskrankheiten, Traumata, Ekelgefühl und Hormonumstellungen (in der Schwangerschaft, während der Menstruation).

Behandlung von Lippenherpes

Lippenherpes kann lokal oder systemisch therapiert werden. Eine systemische Behandlung ist bei ausgedehntem, kompliziertem Befall angezeigt (z. B. Aciclovir i. v. 5 mg/kg Körpergewicht/Tag bis zur Abheilung der Bläschen). Ebenfalls kann der Arzt bei rezidivierendem Verlauf mit unregelmäßigen und seltenen Episoden eine orale Kurzzeittherapie mit Aciclovir (dreimal/Tag 400 mg oral über fünf bis zehn Tage) verordnen, alternativ mit Famciclovir oder Valaciclovir, bei häufigen Rezidiven auch über mehrere Monate. Auch eine kurmäßige Einnahme von Extrakten aus Purpursonnenhutkraut (z. B. Echinacin® liquidum) wird bei rezidivierenden HSV-1-Infektionen empfohlen.

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Pflegebedürftig Lippen haben keine Schweiß- und Talgdrüsen, sie können nicht schwitzen und trocknen schnell aus. Dafür findet man in den Lippen die höchste Dichte an Nervenenden im gesamten Körper.

Präparate möglichst stadiengerecht einsetzen

Erste Wahl bei der Behandlung des unkomplizierten Herpes labialis ist die topische Therapie mit Virustatika, Adstringenzien oder Phytotherapeutika. Die verfügbaren Präparate sind in der Lage, Schmerzen und Spannungsgefühl zu lindern, verkürzen jedoch die Dauer der Erscheinungen maximal um einen Tag. Eine Alternative ist die topische Wärmetherapie, die damit beworben wird, dass sie bei rechtzeitiger Anwendung Herpesbläschen komplett verhindern kann.

Grob lässt sich ein Herpes-Ausbruch in zwei Phasen, eine virale und eine Wundheilungsphase, einteilen. Wer häufig von Lippenherpes betroffen ist, spürt die ersten Anzeichen bereits, wenn die Haut noch intakt ist. Es beginnt mit einem Kribbeln, Brennen und/oder Spannungsgefühl und Rötungen an der betroffenen Stelle. Dort bilden sich während eines Zeitraums von drei bis vier Tagen mit Flüssigkeit gefüllte, hoch ansteckende Bläschen. In diesem Zeitraum empfiehlt sich das fünf- bzw. sechsmal tägliche Auftragen rezeptfreier lokaler Virustatika mit den Wirkstoffen Aciclovir (Zovirax® Lippenherpescreme, Generika, keine Altersbeschränkung) bzw. Penciclovir (z. B. Pencivir®, erst ab zwölf Jahren), um die Virusreplikation zu hemmen. Beide Wirkstoffe sind Guanosin-Analoga, die in Herpes-infizierten Zellen durch die virale Thymidinkinase in die jeweiligen Triphosphate umgewandelt werden. Diese hemmen die Herpes-spezifische DNA-Polymerase und verhindern dadurch eine weitere virale DNA-Synthese, ohne normale zelluläre Prozesse zu beeinträchtigen. In dem kürzlich aus der Rezeptpflicht entlassenen Arzneimittel Zovirax® Duo ist Aciclovir (5%) mit Hydrocortison (1%) kombiniert. Die antientzündliche Wirkung des Cortisons soll die Symptomschwere reduzieren und den Heilungsprozess beschleunigen können.

Ebenfalls empfehlenswert für die ersten Tage des Herpes-Ausbruchs ist eine Lippencreme mit dem Wirkstoff Docosanol (z. B. Muxan®). Er soll das Eindringen der Erreger in die Hautzellen hemmen, indem er die Fusion der Viren mit der Plasmamembran behindert. Auch die Inhaltsstoffe von Melissenblätter-Extrakt (Lomaherpan®) wirken eintrittshemmend durch Bindung an Oberflächenrezeptoren der Hautzellen.

Allgemeine Verhaltensregeln während eines Herpes-Ausbruchs

  • Bläschen nicht berühren oder aufkratzen
  • Übertragung auf die Hornhaut der Augen unbedingt verhindern, auf Kontaktlinsen verzichten
  • Körperkontakt mit andere Menschen meiden, insbesondere mit Schwangeren, Kleinkindern und Säuglingen (Gefahr der Herpes-Enzephalitis)
  • Handtücher, Waschlappen, Kosmetika, Besteck und Trinkgefäße nicht mit anderen teilen
  • topische Präparate mit Wattestäbchen auftragen, nach der Anwendung die Hände gründlich waschen
  • UV-Strahlung meiden, gegebenenfalls Sunblocker für die Lippen verwenden

Eliminieren durch Erhitzen

Ebenfalls zu einer frühzeitigen Anwendung wird beim Medizinprodukt Herpotherm® geraten. Das Lippenstift-ähnliche Gerät wird auf dem betroffenen Hautareal platziert und leicht angedrückt. Nach dem Einschalten erwärmt sich eine kleine Kontaktfläche aus Keramik auf 51 °C. Diese Temperatur, bei der die thermolabilen Viren absterben sollen, wird für eine Dauer von drei Sekunden aufrechterhalten, bevor sich Herpotherm® automatisch abschaltet. Der Hersteller wirbt damit, dass das Medizinprodukt bei rechtzeitiger Anwendung den Ausbruch einer Herpes-Episode komplett verhindern kann. Bei späterer Anwendung soll ein leichterer Verlauf oder ein früheres Abheilen erreicht werden können. Das Medizinprodukt ist besonders für Schwangere bzw. Allergiker geeignet. Aciclovir und Penciclovir sind in Schwangerschaft und Stillzeit nicht kontraindiziert, dennoch verzichten Schwangere und Stillende häufig aus eigenem Antrieb auf Virustatika auf synthetischer Basis.

Später: Austrocknen und die Heilung fördern

Am Ende der viralen Phase brechen die Virus-gefüllten Bläschen auf und es entstehen schmerzhafte, nässende Wunden. In diesem Stadium sollte die Behandlung darauf abzielen, die Läsionen auszutrocknen und eine Superinfektion der geschädigten Haut zu vermeiden. Geeignet sind Zink-haltige topische Zubereitungen (Virudermin® Gel, Widmer® Lipactin Gel), wobei diese sich wegen der virustatischen Wirkung der Zink-Ionen auch für die vorangegangene Phase eignen. Eine hohe Bindungsfähigkeit für Wasser und Wundsekrete wird auch einem Silicium-Gel (SOS® Lippen-Herpes-Gel) zugeschrieben. Zur Verhinderung einer bakteriellen Superinfektion eignen sich Clioquinol (z. B. Linola® sept) und Tyrothricin (Tyrosur®). Wenn sich auf den Bläschen eine weiche, sich nach und nach verhärtende Kruste bildet, beginnt die Abheilungsphase. Spätestens nach zwei Wochen ist der Herpes-Ausbruch ohne Narben abgeheilt. Verkrustete Läsionen behandelt man am besten mit fettenden Externa wie beispielsweise 5% Panthenol-Creme.

Zusätzlich: Abtönen und Überkleben

Infolge einer Schwäche des Immunsystems bricht Lippenherpes meistens dann aus, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen kann: vor einer Prüfung, der eigenen Hochzeit oder im Urlaub. Deshalb werden zahlreiche Produkte angeboten, die durch Abtönen (z. B. Fenistil® Pencivir bei Lippenherpes getönte Creme) oder Abdecken (Herpes-Patches) die Läsionen möglichst „unsichtbar“ machen sollen. Neben dem kaschierenden Effekt haben die Minipflaster weitere Vorteile. Ein großer Vorzug ist der Schutz vor Weiterverbreitung der Viren durch versehentliches Berühren durch den Betroffenen oder andere Personen. Außerdem schützen Herpes-Patches die Läsionen vor einer Kontamination und Verschmutzung und sollen dank der enthaltenen Hydrokolloidschicht nach dem Prinzip der feuchten Wundheilung deren Abheilung fördern (Zoviprotect® Lippenherpes Patch, Compeed® Herpesbläschen Pflaster, Herpes-Patch Wund med®) sowie Kribbeln, Juckreiz und Schmerz lindern. Bei Zoviprotect® weist der Hersteller darauf hin, dass das Produkt nicht gleichzeitig mit der Herpes-Creme angewendet werden soll. Vorteilhaft ist auch, dass die Pflaster mit Make-up oder Lippenstift überschminkt werden können.

Nahrungsergänzung mit Lysin

Als Nahrungsergänzungsmittel bei Lippenherpes wird die essenzielle Aminosäure L-Lysin (z. B. in SOS Lysin® Kapseln) beworben. Als Beleg für die Wirksamkeit wird beispielsweise eine In-vitro-Studie aus dem Jahr 1964 angeführt, in der in HSV-infizierten Humanzellen die Replikation der Viren durch Arginin gefördert, durch L-Lysin dagegen gehemmt wurde. In einer kleinen klinischen Untersuchung verkürzte sich bei den Teilnehmern (n = 27), die täglich 3 g L-Lysin als Nahrungsergänzung eingenommen hatten, die Häufigkeit und Schwere rezidivierender Herpes-Ausbrüche und die Wundheilungszeit verringerte sich. Es wird empfohlen, nach Rücksprache mit einem Arzt mit der Einnahme von L-Lysin bei ersten Anzeichen von Lippenherpes zu beginnen und diese bis zur vollständigen Abheilung fortzusetzen. Alternativ können Arginin-reiche Lebensmittel (z. B. Mandeln, Nüsse, Getreideprodukte) gemieden und Lysin-reiche (z. B. Bohnen, Soja und Linsen, Kartoffeln) bevorzugt werden.

„Natürliche“ Mittel gegen Herpesbläschen

Bei vielen Betroffenen helfen die beschriebenen rezeptfreien Möglichkeiten nicht mehr, beispielsweise weil sich gegen Aciclovir und Penciclovir Resistenzen entwickeln können. Dann stoßen die in der Laienpresse und im Internet vielfach beworbenen „natürlichen“ Mittel gegen Lippenherpes auf besonderes Interesse. Diese reichen von Honig und Propolis, Oliven- und Teebaumöl, Knoblauch und Aloe vera bis hin zu Gewürznelken. Analog zum Lysin gibt es für diese Mittel nur kleine oder fragwürdige Untersuchungen. Wird eine Alternative zur Schulmedizin gewünscht, kann statt zu Hausmitteln eher zu einem homöopathischen Mittel wie beispielsweise Natrium chloratum, Rhus toxicodendron, Dulcamara oder Hepar sulfuris oder Echinacea geraten werden.

Grenzen der Selbstmedikation

Lippenherpes soll im Rahmen der Selbstmedikation nicht länger als sieben Tage behandelt werden. Sind dann die Bläschen noch nicht abgeheilt oder haben sich die Symptome verschlimmert (z. B. durch starke Eiterbildung), sollte ein Arzt aufgesucht werden. Ein Arztbesuch ist auch empfehlenswert bei ausgedehnten Läsionen, bei Neurodermitikern (bei denen sich als Komplikation ein Eczema herpeticatum entwickeln kann) sowie bei zusätzlichen Symptomen wie allgemeinem Krankheitsgefühl und Fieber. Rasches Handeln ist auch gefragt bei einem Befall, der über den Lippenbereich hinausgeht (z. B. Nase, Augen). |

Literatur

Altmeyers Enzyklopädie 2018, Fachbereich Dermatologie, www.enzyklopaedie-dermatologie.de, Abruf am 14. Mai 2018

www.compeed.de

www.zovirax.de

www.herpotherm.de

Lennecke K, Hagel K. Selbstmedikation für die Kitteltasche, 6. Aufl. 2016, Deutscher Apotheker Verlag

Griffith RS et al. Success of L-lysine therapy in frequently recurrent herpes simplex infection. Treatment and prophylaxis. Dermatologica 1987;175(4):183-190

Tankersley RW. Amino acid requirements of herpes simplex virus in human cells. J Bacteriol 1964;87:609-613

Herpes – was tun? www.zentrum-der-gesundheit.de/herpes.html, Abruf am 16. Mai 2018

Fachinformationen der genannten Präparate

Autorin

Dr. Claudia Bruhn ist Apothekerin und arbeitet als freie Medizinjournalistin. Sie schreibt seit 2001 regelmäßig Beiträge für die DAZ.

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