Lippenherpes

Cremen, kleben oder Hitze 

Was bei Lippenherpes hilft

Von Sabine Werner | Er taucht immer dann auf, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen kann: Vor Bewerbungsgesprächen, besonderen Festtagen oder in Stresssituationen hat so manch einer mit Herpes labialis (umgangssprachlich „Herpes“ oder „Fieberbläschen“) zu kämpfen. Die unschönen Bläschen erzeugen einen hohen Leidensdruck. Für die Beratung in der Selbstmedikation steht in der Apotheke ein breites Spektrum an Präparaten zur Verfügung, dabei sollte jedoch gegebenenfalls auch rechtzeitig an den Arzt verwiesen werden, um schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden.

Lippenherpes wird in der Regel durch Herpes-simplex-Viren Typ 1 (HSV-1) ausgelöst. Etwa 90% der Erwachsenen sind europaweit mit HSV-1 infiziert. Die Übertragung des Virus erfolgt meist im Kindesalter durch die Eltern und verläuft oft symptomfrei, seltener in Form einer Gingivostomatitis (Mundfäule). Das Virus persistiert nach der Erstinfektion lebenslang in Nervenknoten, meist im Trigeminusganglion. Durch verschiedene Trigger kann es aktiviert werden, wandert über die Nervenbahnen zurück in die Haut und verursacht meist im Lippenbereich harmlose, aber unangenehme Beschwerden. Diese Ausbrüche finden jedoch nur bei 30 bis 45% der Erwachsenen statt. Nach dem 35. Lebensjahr nimmt die Häufigkeit ab.

Auslöser können sowohl körpereigene Trigger wie ein geschwächtes Immunsystem, Hormonschwankungen, Verletzungen im Lippenbereich, Schlafmangel, Stress oder Ekel, als auch externe Trigger, wie UV-Strahlen, sein. Ein Lippenherpes verläuft in sieben charakteristischen Phasen, die sich über einen Zeitraum von 10 bis 14 Tagen bis zum vollständigen Abklingen der Symptome ziehen (s. Tab. 1).

Grundsätzlich ist die HSV-1-Infektion nicht heilbar. Das Virus persistiert lebenslang im Körper. Eine Therapie kann lediglich die Dauer eines Rezidivs verkürzen oder seine Symptome mildern. Für die Selbstmedikation stehen verschiedene halbfeste Zubereitungen und Medizinprodukte zur Verfügung. Unter die Verschreibungspflicht fallen weitere Topika sowie die systemischen Virustatika.

Hochselektiv: Nukleosid-Analoga

Topische Standardtherapie sind die Nukleosid-Analoga Aciclovir und Penciclovir. Es handelt sich um Prodrugs, die selektiv in von Herpesviren befallenen Zellen mithilfe der viralen Thymidinkinase in ihre aktiven Triphosphate umgewandelt werden. Sie hemmen die virale DNA-Polymerase und somit die Virusreplikation. Außerdem tragen Kettenabbrüche durch Einbau der Substanzen in die virale DNA zu dieser Wirkung bei. Für beide Wirkstoffe gilt, dass die Anwendung so früh wie möglich (beim ersten Kribbeln, der ersten Rötung) erfolgen sollte und nach dem Aufplatzen der Bläschen keinen Sinn mehr macht, da die Virusreplikation vor allem in den ersten 48 Stunden nach Ausbruch stattfindet. Penciclovir beansprucht dabei für sich, auch bei einem späten Therapiebeginn in der Papel- oder Bläschenphase noch wirksam zu sein. Es sollte auch die Umgebung der betroffenen Stellen mitbehandelt werden, jedoch kein Auftragen auf die Schleimhaut erfolgen. Die Applikation der Creme erfolgt alle vier Stunden (Aciclovir 5%, fünfmal täglich) oder alle zwei Stunden (Penciclovir 1%, mindestens sechsmal täglich), bis die Bläschen verkrustet sind. Beide Substanzen verkürzen die Krankheitsdauer (je nach Studie um 0,5 bis 2,5 Tage, im Mittel um 10%). Für Penciclovir konnte in einer Studie zusätzlich eine Reduktion der Schmerzperiode von 4,1 auf 3,5 Tage im Vergleich zu Placebo gezeigt werden. Als mögliche Nebenwirkungen werden lokale Reizungen, Juckreiz, bei Penciclovir auch ein Taubheitsgefühl beschrieben. Penciclovir ist auch als hautfarbene und damit weniger auffällige Creme erhältlich.

Während für Aciclovir keine Alterseinschränkung gilt, ist Penciclovir erst für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Gegen Aciclovir resistente HSV-1-Stämme weisen zu etwa 95% eine Kreuzresistenz gegen Penciclovir auf. Doch es konnte über die letzten Jahrzehnte trotz massivem Anstieg des Einsatzes der beiden Wirkstoffe kein Anstieg der Resistenzbildung beobachtet werden. In der Schwangerschaft und Stillzeit sollten Aciclovir und Penciclovir nur nach strenger Indikationsstellung durch den Arzt angewendet werden.

Für Aciclovir wurde vom Hersteller des Originalpräparats der Einfluss der Cremegrundlage auf die Wirkstoff-Penetration in die Haut untersucht. In einer In-vitro-Studie an menschlicher Haut zeigte sich für die Zubereitung, die 40% Propylenglykol als Penetrationsförderer enthält (Zovirax®) ein deutlich höheres Penetrationsvermögen als für andere Zubereitungen mit einem zum Teil erheblich niedrigeren Anteil an Propylenglykol. Es wird daher gefordert, die Bioäquivalenz der unterschiedlichen Zubereitungen zu diskutieren. Grundsätzlich ist jedoch auf die hohe Variabilität der Studienergebnisse von Herpescremes hinzuweisen, auf die vermutlich der Zeitpunkt des Therapiebeginns den größten Einfluss hat.

Topische Alternativen: Zink, Melisse und Co.

Für weitere halbfeste Präparate ist die Wirksamkeit gegen Lippenherpes deutlich weniger untersucht als für die Nukleosid-analoga. Gemeinsam ist den Alternativ-Präparaten, dass sie in erster Linie das Eindringen des Virus in die Zelle hemmen, also nicht mehr helfen, wenn das Virus bereits in der Zelle ist. Sie haben ihre Bedeutung allerdings in der Behandlung von Kindern, Schwangeren oder Patienten, die alternative Therapien anwenden möchten.

Docosanol und sein Hauptmetabolit Docosansäure werden in die Plasmamembran menschlicher Zellen eingebaut. In vitro hemmt Docosanol dadurch die Fusion von Virus und Zellmembran und soll so das Eindringen der Viren in die Zellen verhindern. Eine 10%ige Creme ist zugelassen zur Anwendung bei Kindern ab zwölf Jahren und Erwachsenen und muss ab dem Prodromal- oder Erythemstadium fünfmal täglich (alle drei Stunden) aufgetragen werden. Außer leichten Hautreaktionen sind keine Nebenwirkungen bekannt.Die Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit ist möglich.

Für Melissenblätter-Extrakt ist in vitro ein zweifacher Wirkmechanismus belegt: das Eindringen des Virus in Zellen wird blockiert und das Virus selbst inaktiviert. Eine 1%ige Zubereitung ist auch für Kinder ab einem Jahr und für Schwangere zugelassen, sie muss zwei- bis viermal täglich aufgetragen werden.

Zink-Salze wirken adstringierend, kühlend, entzündungshemmend und wundheilungsfördernd. Zinksulfat wirkt zudem in vitro schwach virustatisch, da es das Eindringen der Viren in Zellen hemmt. In einer 1%igen Zubereitung wird es viermal täglich aufgetragen. Im Gegensatz zu den üblichen weißen Cremes gegen Lippenherpes ist die Zubereitung farblos. Als Nebenwirkungen können Hautreizungen durch das enthaltene Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid und Spannungsgefühle auftreten. Ein weiteres Präparat enthält zusätzlich zu Zinksulfat Heparin-Natrium, das in vitro ebenfalls das Eindringen des Herpesvirus in die Zelle hemmt. Das farblose Gel muss ab den ersten Symptomen drei- bis sechsmal täglich aufgetragen werden und ist ab einem Alter von sechs Jahren zugelassen.

Von stark austrocknenden Hausmitteln wie Zahnpasta, Alkohol oder Essig ist abzuraten, da sie den Heilungsprozess sogar verzögern können.

Wirkstoff-freie Heilung: Herpes-Patches

Als Alternative zu den halbfesten Zubereitungen stehen Hydrokolloid-Pflaster, sogenannte Herpes-Patches zur Verfügung. Sie enthalten keine antiviralen Wirkstoffe, haben jedoch einige Vorteile: Das Patch schützt den betroffenen Bereich vor Schmutz und Wasser, gleichzeitig wird die Verbreitung der Herpesviren durch die Abdeckung und das Aufnehmen des Bläschensekrets unterbunden. Das ist vor allem im Kontakt mit Säuglingen und Kleinkindern oder bei Berufsgruppen im Gesundheitswesen von Bedeutung. Unter dem Pflaster herrscht ein feuchtes Wundheilungsmilieu, so dass weniger Krusten gebildet werden und die Läsionen schneller abheilen. Optisch sind die Herpes-Pflaster unauffälliger als weiße Cremes und können mit Make-up und Lippenstift überschminkt werden. Vor allem in den späteren Phasen des Lippenherpes sind die Herpes-Pflaster sicher Mittel der Wahl. Allerdings ist auf ein hygienisches Fixieren zu achten, damit es nicht zu bakteriellen Superinfektionen unter dem Pflaster kommt. Herpes-Pflaster dürfen nicht mit Cremes kombiniert werden, da die Haftung der Pflaster sonst stark vermindert wird. In einer Studie, die die Anwendung von Compeed® Herpesbläschen-Patch Invisible mit der Anwendung 5%iger Aciclovir-Creme vergleicht, verkürzte Aciclovir tendenziell die Erkrankungsdauer stärker (um 11%, jedoch nicht signifikant). Im Gegenzug war der Schweregrad der wichtigsten Symptome wie Juckreiz und Kribbeln bei den Patch-Anwendern signifikant geringer.

Es stehen zwei Arten von Herpes-Pflastern zur Verfügung: Das Compeed® Herpesbläschen-Patch Invisible löst sich nach zwölf Stunden von der Haut ab und sollte dann durch ein neues Pflaster ersetzt werden. Es muss auf der trockenen Haut fixiert werden. Die apothekenexklusiven Herpatch® Herpes-Pflaster lösen sich nach mehreren Stunden von selbst auf, es ist kein schmerzhaftes Abziehen nach teilweisem Lösen nötig, bei dem auch die Gefahr besteht, die Bläschen aufzureißen. Herpatch® Pflaster werden vor dem Fixieren zwei bis sechs Sekunden in Wasser gelegt, auf der feuchten Haut fixiert und können, wenn sie sich vorzeitig ablösen, durch Anfeuchten erneut fixiert werden. Obgleich als Medizinprodukt im Handel, werden „aktive Eigenschaften“ von Herpatch® beworben: Die enthaltenen Polysaccharide aus roten Mikroalgen, Zinksulfat und Beta-Glucan sollen die Wundheilung zusätzlich fördern.

Relativ neu ist ein weiteres Medizinprodukt gegen Lippenherpes-Rezidive: Herpotherm®, beworben als „elektronischer Lippenstift“ gegen Herpes. Der Stift produziert Wärme (51 bis 53°C) über vier Sekunden, die – beim Auftreten der ersten Symptome angewendet – die Entstehung der Bläschen verhindern soll. Als Wirkmechanismus wird ein Absterben der bei 50°C thermolabilen Viren angegeben; weiter werden eine Aktivierung von TRPV-1 (Transient Receptor Potential Vanilloid 1) oder eine vermehrte Expression von Hitzeschockproteinen diskutiert. In einer 2013 veröffentlichten Pilotstudie des Herstellers an 103 Patienten wurde eine deutlich schnellere Linderung der Symptome Juckreiz, Brennen und Schwellung im Vergleich zu einer Aciclovir-Creme berichtet. Es erfolgte allerdings keine klinische Beurteilung des Krankheitsverlaufs, sondern es wurden lediglich Patientenfragebögen ausgewertet. Die Studie war aufgrund der unterschiedlichen Applikationsarten auch nicht verblindet.

Wichtig: strenge Hygiene

Während einer Herpes-Infektion sind einige Hygiene-Regeln zu beachten, damit die Herpes-Viren nicht über das hochinfektiöse Sekret der Bläschen auf andere Körperregionen (Auge, Genitalien) oder andere Personen übertragen werden. Die Bläschen und Krusten sollten nicht berührt und vor allem nicht aufgekratzt werden. Vor und nach der Anwendung halbfester Zubereitungen oder von Herpes-Pflastern müssen gründlich die Hände gewaschen werden. Es empfiehlt sich, halbfeste Zubereitungen mit Wattestäbchen aufzutragen. Auf Kontaktlinsen sollte während eines Herpes-Rezidivs verzichtet werden. Die Zahnbürste sollte nach dem Verkrusten der Bläschen gewechselt werden, während der Akutphase dürfen keine Waschlappen oder Handtücher mit den Lippen in Berührung kommen, die später weiter verwendet werden. Küssen ist nicht erlaubt. Besonders vorsichtig muss man beim Kontakt mit Säuglingen und Kleinkindern sein. Hier dürfen von akut erkrankten Eltern auch keine Schnuller oder Sauger in den Mund genommen werden. Das gemeinsame Benutzen von Geschirr (Gläser, Besteck etc.) sollte in der infektiösen Phase unterbleiben.

Bei häufigen Rezidiven sollte vorbeugend auf einen guten UV-Schutz für die Lippen geachtet werden. Einige Studien haben auch gezeigt, dass die prophylaktische Anwendung der Nukleosid-Analoga über einige Tage, etwa vor Zahnarztbesuchen, einen Herpes-Ausbruch verhindern kann, allerdings sind die Präparate nicht zur Prophylaxe zugelassen. Dass bei Rauchern statistisch gesehen seltener Lippenherpes-Rezidive auftreten als bei Nichtrauchern, stellt jedoch angesichts der zahlreichen anderen negativen Auswirkungen kein schlagkräftiges Argument für die Zigarette dar.

Risikopatienten: zum Arztbesuch raten

Während ein normaler Lippenherpes selbstlimitierend ist und problemlos in der Selbstmedikation therapiert werden kann, kann ein Befall anderer Regionen, vor allem der Augen, zu langfristigen Schäden führen. Eine Meningoenzephalitis durch Infektion des zentralen Nervensystems stellt eine lebensbedrohliche Komplikation dar. Auch eine Übertragung des HSV-1 auf ein Neugeborenes während der Geburt sollte unter allen Umständen vermieden werden. Grundsätzlich darf also nicht versäumt werden, Risikopatienten und Patienten mit schweren, ungewöhnlichen Verläufen zur Abklärung zum Arzt zu schicken (s. Tab. 3). 

Literatur:

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Autorin

Dr. Sabine Werner studierte Pharmazie in München und Berlin. Nach ihrer Promotion arbeitete sie in einer Krankenhausapotheke in Tansania. Neben ihrer Tätigkeit in einer öffentlichen Apotheke unterrichtet sie an der Berufsfachschule für pharmazeutisch-technische Assistenten in München.

Apothekerin Dr. Sabine Werner;

Berufsfachschule für PTA;

Chiemgaustr. 116, 81549 München

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