Fünfte Jahreszeit

Bützchen? Heute nicht!

Wie man einen Lippenherpes mit OTC-Mitteln behandelt

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Von Henrik Harms | Karneval, Fastnacht oder Fasching – unter diesen und verschiedenen weiteren Namen sowie mit unterschiedlichen traditionellen Akzenten wird in vielen Regionen Deutschlands vor der vorösterlichen Fastenzeit mehr oder weniger ausgiebig gefeiert. Man kommt mit vielen Menschen in Kontakt und will sich dabei natürlich von seiner besten Seite präsentieren. Umso ärgerlicher, wenn es einen genau jetzt wieder erwischt. Das erste Kribbeln und Brennen an den Lippen kündigt das Aufblühen eines Herpes labialis mit den auffälligen Fieberbläschen an. Neben der ästhetischen Einschränkung ist nun eine strikte Hygiene und Abstandhalten indiziert, was in dieser Zeit natürlich schwerfällt – zumal im Rheinland mit dem traditionellen Bützchen-­Geben, einem freundschaftlichen Küsschen mit geschürzten Lippen auf die Wange. Doch wie kann man die nervige Infektion behandeln oder sogar verhindern?

Der Lippenherpes (Herpes labialis) wird durch Herpes-­simplex-Viren (HSV) ausgelöst, bei denen zwei Typen unterschieden werden: Der HSV Typ 1 besitzt weltweit, wie auch in der deutschen Bevölkerung, eine größere Prävalenz und führt vor allem zu Infektionen im Gesicht. Der HSV Typ 2 ist seltener und verursacht den größten Teil der Fälle von genitalem Herpes. Etwa 25% der Fälle von genitalem Herpes werden jedoch durch HSV-1 ausgelöst, und zumindest in den USA wird über eine Zunahme von Lippenherpes infolge von HSV-2-Infektionen berichtet [1, 2].

HSV-Infektion, Symptome, Persistenz der Viren

Herpes-simplex-Viren werden durch Kontakt- und Schmierinfektionen der Haut und Schleimhäute übertragen; beim Herpes labialis ist auch eine Tröpfcheninfektion möglich. Generell scheint das HSV-1 sehr gut an seinen humanen Wirt angepasst zu sein, was sich auch an der großen Durchseuchung bzw. Seroprävalenz von über 80% in der adulten deutschen Bevölkerung (18 bis 64 Jahre) zeigt, ohne dass dies die Lebensqualität stark mindert [1]. Eine Erstinfektion mit HSV-1 erfolgt oft bereits im Kleinkindalter und verläuft in den meisten Fällen symptomlos; meistens bleiben die Infizierten danach auch symptomfrei, da das Immunsystem die HSV-Infektion effektiv bekämpfen und erfolgreich kontrollieren kann. Bei etwa 30% kommt es jedoch regelmäßig zu neuen sichtbaren Erkrankungsausbrüchen, wobei etwa 1% einen schwereren Verlauf nehmen [3]. Entscheidend hierfür ist nach neueren Erkenntnissen vor allem auch die individuelle genetische Ausstattung, welche einen Ausbruch begünstigen oder Schutz bieten kann. So konnte gezeigt werden, dass Polymorphismen des Cold Sore Susceptibility Gene-1 (CSSG-1) eindeutig die individuelle Häufigkeit von Herpes-labialis-Ausbrüchen beeinflussen [3 – 5]. Dies erklärt auch, warum Menschen, deren Partner unter häufigen Herpes-labialis-Ausbrüchen leiden, nicht unbedingt selbst Symptome zeigen müssen.

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Es kribbelt schon in der Lippe, obwohl noch nichts zu sehen ist: So beginnt der Lippenherpes (Prodromalphase).

Wie schon gesagt, kann ein intaktes Immunsystem eine zunächst oberflächliche primäre HSV-Infektion der Hautoberfläche rasch bekämpfen und zurückdrängen. Danach kommt es jedoch zu einer neuronalen Ausbreitung über die Axone der sensiblen Innervation, wo sie lebenslang verbleiben oder persistieren. Diese latente Infektion ist zunächst asymptomatisch, sie kann jedoch – je nach genetischer Ausgangslage und weiteren externen Faktoren – immer wieder zu akuten Herpes-labialis-Ausbrüchen führen, wenn die HS-Viren von den Neuronen über deren Axone wieder in die Peripherie gelangen. Die entstehenden hochkontagiösen HSV-gefüllten Vesikel (Bläschen) sorgen dann für eine Weiterverbreitung.

Was macht die schlafenden Viren munter?

Bei einem wieder aufflammenden Herpes labialis handelt es sich also selten um eine Neuinfektion, sondern meist um eine Reaktivierung vorhandener HS-Viren. Der Mechanismus der HSV-Reaktivierung ist zwar noch nicht vollständig aufgeklärt, es sind jedoch mehrere Triggerfaktoren bekannt. Alle Faktoren, die das Immunsystem schwächen, begünstigen logischerweise einen Herpes-labialis-Ausbruch:

  • Das Immunsystem der Haut wird durch eine stärkere UV-Exposition supprimiert. Da Karneval jedoch in der dunklen Jahreszeit im Februar oder Anfang März stattfindet, spielt dieser Faktor hier eher keine Rolle.
  • Dagegen können die niedrigen Temperaturen im Verbund mit der oft spärlichen und wenig wärmenden Karnevalsverkleidung das Immunsystem unter Druck setzen.
  • Weiterhin stresst die oft recht ungesunde Lebensweise mit Schlafmangel, unausgewogener Ernährung und reichlichem Alkoholkonsum während der tollen Tagen das Immunsystem [6, 7].
  • Auch psychischer Stress beeinflusst das Immunsystem negativ, weshalb stärkere Ekelgefühle durch den psychischen Stress zu Herpes-labialis-Ausbrüchen führen können [8]. So wird oft ein Zusammenhang zwischen einem aufblühenden Lippenherpes und den anscheinend ungenügend gespülten Biergläsern im Festzelt vermutet. Anstelle einer Neuinfektion durch kontaminierte Gläser ist hier eher eine Reaktivierung der Herpes-Infektion aufgrund der starken persönlichen Ekelgefühle der Betroffenen wahrscheinlich.
  • Ein weiterer – jedoch karnevalsunabhängiger – Triggerfaktor ist bei Frauen die Menstruation aufgrund der damit einhergehenden hormonellen Veränderungen [9].

Lippenherpes behandeln oder sogar verhindern: Auf die Phase kommt es an

Eine unkomplizierte HSV-Infektion, die auf die Lippen und den Mund beschränkt ist, lässt sich zum Glück mit verschiedenen – auch rezeptfreien – Arzneimitteln effizient behandeln. Anders sieht es aus, wenn die Infektion auch andere Bereiche befällt. So sollte der Patient bei einer Generalisierung oder einem Befall der Genitalien (Herpes genitalis) oder der Augen (Herpes simplex corneae) unbedingt einen Arzt aufsuchen. Das Gleiche gilt bei einer eitrigen bakteriellen ­Superinfektion oder bei einer allgemeinen starken Immunsuppression (z. B. durch Aids oder eine Chemotherapie). Auch bei Kleinkindern und Schwangeren ist Vorsicht geboten.

Um die Behandlung sinnvoll zu planen, muss man die verschiedenen Phasen einer HSV-Infektion kennen (Tab. 1). Je nach Phase können verschiedene Behandlungen sinnvoll eingesetzt werden.

Tab. 1: Die sieben Phasen einer HSV-Infektion mit ihren typischen Symptomen.
Phase
Symptome
Prodromalphase
Schmerzen, Kribbeln, Brennen, Spannungsgefühl bei noch intakter Haut
Erythemphase
Rötung der Haut
Papelphase
schmerzhafte Papeln entstehen
Vesikelphase
Papeln füllen sich mit HSV-haltigem hochinfektösem Sekret und bilden Vesikel
Ulzerations­phase
Aufbrechen der Vesikel unter Bildung schmerzhafter, nässender Wunden
Verkrustungsphase
Bildung von stark juckenden Verkrustungen und Schorf
Abheilungs­phase
Abheilen der Rötungen und Schwellungen i. d. R. ohne Narbenbildung

Virustatika und Docosanol

Einen besonderen Stellenwert besitzen die sehr gut verträglichen topisch angewendeten Virustatika Aciclovir (Zovirax® und Generika) und Penciclovir (Pencivir®). Die große Selektivität und gute Verträglichkeit dieser Nucleosidanaloga ergibt sich aus dem speziellen Wirkmechanismus dieser Antimetaboliten, durch den auch sehr effizient die Virusvermehrung gehemmt wird. Zudem lindern sie die Symptome und verkürzen den Krankheitsverlauf signifikant [10, 11].

Aciclovir wird hauptsächlich durch eine HSV-codierte Thymidinkinase zum Monophosphat phosphoryliert und akkumuliert dann in den HSV-infizierten Zellen, bevor es weiter zum aktiven Triphosphat phosphoryliert wird, das dann bevorzugt die DNA-Polymerase des HSV hemmt und die HSV-Vermehrung in allen Phasen stark reduziert.

In den späteren Phasen der HSV-Infektion werden die durch das HSV stark geschädigten Epithelzellen vom Immunsystem abgetötet. Gegen diesen Prozess können die Virustatika nichts ausrichten; sie wirken also vor allem in den frühen Phasen und nur bedingt in den späteren Stadien einer HSV-Infektion (Penciclovir ist in den späteren Stadien wirksamer als Aciclovir) [12].

Bei Docosanol (Muxan®) handelt es sich um einen gesättigten aliphatischen Alkohol. Dieser verändert angeblich die Membran der Wirtszelle so, dass die angelagerten Viren nicht mehr in sie eindringen können. Demnach ist eine Wirkung nur in den frühen Phasen (Prodromal-, Erythemphase) zu erwarten [13, 14]. Da die Studienlage zu Docosanol noch überschaubar ist, fällt seine Bewertung schwer; ein Therapieversuch empfiehlt sich insbesondere, wenn der Patient auf eine Therapie mit den bewährten Nucleosidanaloga nicht anspricht.

Melissenextrakte und Zink

Besonders für Patienten, die ein Phytotherapeutikum wünschen, bietet sich eine Behandlung mit einem Extrakt aus den Blättern der Melisse (Melissa officinalis, Lamiaceae) an. Melissenextrakte wirken, indem sie das Eindringen der HS-Viren in die Epithelzellen durch reversible Blockade relevanter Zellrezeptoren hemmen. Die meisten Studien wurden mit dem in der Lomaherpan® Creme eingesetzten Extrakt durchgeführt. So wurden in kleineren Studien eine höhere Wirksamkeit gegenüber Placebo und eine vergleichbare Wirksamkeit gegenüber Aciclovir festgestellt – sofern die Behandlung in den ersten acht Stunden nach Auftreten der ersten Symptome durchgeführt wurde [15 – 17]. Diese Ergebnisse können nur bedingt auf andere Melissenextrakte und die daraus hergestellten Präparate übertragen werden.

Interessant ist auch die Behandlung mit Zinksulfat (z. B. Virudermin®Gel), eventuell mit Zusatz von Heparin (Lipactin®). Auch Zinkionen hemmen das Eindringen der HS-Viren in die Wirtszellen, wobei Heparin die Wirkung verstärkt. Folglich sollten die entsprechenden Präparate ebenfalls hauptsächlich in den frühen Phasen einer HSV-Infektion wirken. Daneben besitzt Zink auch adstringierende und wundheilungsfördernde Eigenschaften, wodurch die Präparate auch in späteren Phasen durchaus eine Berechtigung haben.

Hydrokolloidpflaster

Eine weitere Therapiemöglichkeit, bei der es jedoch nicht um eine Hemmung der HS-Viren geht, besteht in der Anwendung von Hydrokolloidpflastern (z. B. Compeed®), bei denen es sich um Medizinprodukte handelt. Diese werden nahezu unsichtbar auf die betroffene Hautpartie aufgeklebt und können auch überschminkt werden. Es erfolgt keine direkte Hemmung der Viren, sondern die Pflaster fördern – nach dem Prinzip der feuchten Wundheilung – den Heilungsprozess. Damit können Sie theoretisch in allen Phasen, besonders aber auch in den späteren Phasen (wenn andere Herpesmittel ohnehin nur noch bedingt wirken), angewendet werden und beschleunigen die Regeneration der Haut, was auch durch kleinere Studien belegt ist [19]. Ein weiterer Vorteil besteht in der Abdeckung der betroffenen Hautpartien, weil dadurch eine Übertragung der HS-Viren auf andere Personen und andere Hautpartien minimiert werden kann.

Cave Hausmittel

Zur Anwendung weiterer Hausmittel wie Zahnpasta, Essig und Teebaumöl (Melaleucae alternifoliae aetheroleum) kann nicht geraten werden. Zahnpasta und Essig trocknen die Haut aus. Teebaumöl und der darin enthaltene Zimtaldehyd besitzen ein hohes allergisches Potenzial und reizen, wenn sie in hohen Konzentrationen angewendet werden, selbst die Haut, wodurch diese die Beschwerden – bei bisher unbewiesenem Nutzen – sogar noch verschlimmern können. |

Literatur

 [1] Hellenbrand W et al. Seroprevalence of herpes simplex virus type 1 (HSV-1) and type 2 (HSV-2) in former East and West Germany, 1997–1998. Eur J Clin Microbiol Infect Dis 2005;24:131-135

 [2] Rosen T. Recurrent Herpes Labialis in Adults: New Tricks for an Old Dog. J Drugs Dermatol 2017;16(3 Suppl):s49

 [3] Kriesel JD, Bhatia A, Thomas A. Cold sore susceptibility gene-1 genotypes affect the expression of herpes labialis in unrelated human subjects. Hum Genome Var 2014;1:14024

 [4] Kriesel JD et al. C21orf91 Genotypes Correlate With Herpes Simplex Labialis (Cold Sore) Frequency: Description of a Cold Sore Susceptibility Gene. J Infect Dis 2011;204:1654-1662

 [5] Griffiths SJ et al. A Systematic Analysis of Host Factors Reveals a Med23-Interferon-λ Regulatory Axis against Herpes Simplex Virus Type 1 Replication. PLoS Pathog 2013;9(8):e1003514

 [6] Pruett SB, Fan R. Ethanol inhibits LPS-induced signaling and modulates cytokine production in peritoneal macrophages in vivo in a model for binge drinking. BMC Immunol 2009;10:49

 [7] Möller-Levet CS et al. Effects of insufficient sleep on circadian rhythmicity and expression amplitude of the human blood transcriptome. Proc Natl Acad Sci 2013;110:E1132-E1141

 [8] Buske-Kirschbaum A et al. Preliminary Evidence for Herpes labialis Recurrence following Experimentally Induced Disgust. Psychother Psychosom 2001;70:86-91

 [9] Critchley HOD et al. The endocrinology of menstruation – a role for the immune system. Clin Endocrinol (Oxf) 2001;55:701-710

[10] Femiano F, Gombos F, Scully C. Recurrent herpes labialis: efficacy of topical therapy with penciclovir compared with acyclovir (aciclovir). Oral Dis 2001;7:31-33

[11] Lin L et al. Topical application of penciclovir cream for the treatment of herpes simplex facialis/labialis: a randomized, double-blind, multicentre, aciclovir-controlled trial. J Dermatol Treat 2002;13:67-72

[12] Kimberlin DW, Whitley RJ. Antiviral resistance: mechanisms, clinical significance, and future implications. J Antimicrob Chemother 1996;37:403-421

[13] Leung DT, Sacks SL. Docosanol: a topical antiviral for herpes labialis. Expert Opin Pharmacother 2004;5:2567-2571

[14] Treister NS, Woo S-B. Topical n-docosanol for management of recurrent herpes labialis. Expert Opin Pharmacother 2010;11:853-860

[15] Astani A, Reichling J, Schnitzler P. Melissa officinalis extract inhibits attachment of herpes simplex virus in vitro. Chemotherapy 2012;58:70-77

[16] Mazzanti G et al. Inhibitory activity of Melissa officinalis L. extract on Herpes simplex virus type 2 replication. Nat Prod Res 2008;22:1433-1440

[17] Sanchez-Medina A et al. Comparison of rosmarinic acid content in commercial tinctures produced from fresh and dried lemon balm (Melissa officinalis). J Pharm Pharm Sci 2007;10:455-463

[18] Arenberger P et al. Comparative Study with a Lip Balm Containing 0.5% Propolis Special Extract GH 2002 versus 5% Aciclovir Cream in Patients with Herpes Labialis in the Papular/Erythematous Stage: A Single-blind, Randomized, Two-arm Study. Curr Ther Res 2018;88:1-7

[19] Karlsmark T et al. Randomized clinical study comparing Compeed® cold sore patch to acyclovir cream 5% in the treatment of herpes simplex labialis. J Eur Acad Dermatol Venereol 2008;22:1184-1192

Autor

Dr. Henrik Harms, Studium der Pharmazie und Promotion in Pharmazeutischer Biologie an der Universität Bonn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der University California Santa Cruz und dem Deutschen Zentrum für Infek­tionsforschung der Universität Bonn. Seit 2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Naturstoffforschung der Universität Gießen, Insektenbiotechnologie, Naturstoffanalytik.­­

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