Foto: Lenhard-Schramm

Schwerpunkt Contergan

Aus den Augen, aus dem Sinn?

60 Jahre Contergan – wie es dazu kam und was man daraus gelernt hat

Contergan ist für viele Menschen heute kein Begriff mehr, mit dem sie etwas anfangen können. Kein Wunder, denn nur noch selten sieht man Contergan-Geschädigte in der Öffentlichkeit. Vermutlich mindestens 10.000 Kinder waren damals weltweit betroffen. | Von Rut Katzenmaier

In Deutschland waren es rund 5000, von denen heute weniger als 3000 noch leben. Sie sind zwischen 55 und 60 Jahre alt, leiden oftmals unter gravierenden Folgeschäden und sind nach Jahren der mehr oder weniger gelungenen Selbstständigkeit auf Hilfe angewiesen. Nachvollziehbar also, wenn sie das Haus nicht mehr so oft verlassen. Natürlich leben auch viele Contergan-Geschädigte nicht mehr. Die Lebenserwartung wurde schon damals von Ärzten als geringer als normal eingestuft.

Seit 2009 können wieder Anträge gestellt werden, um Entschädigungen infolge des Contergan-Skandals von Staat und Contergan-Stiftung zu erhalten. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, gibt es neben den äußerlich typischen Merkmalen wie verkürzten und verdrehten beziehungsweise gar nicht ausgebildeten Gliedmaßen auch Organfehlbildungen sowie Schädigungen von Knochen und Gefäßen, die erst im Alter als typische Langzeitfolgen auftreten.

Foto: Science Museum, London
Beinprothesen aus dem Jahr 1966 für einen vierjährigen Jungen, der wegen Contergan mit verkürzten Gliedmaßen geboren wurde.

Unter dem Handelsnamen Contergan® (25 mg) und Contergan® forte (100 mg) war der Wirkstoff Thalidomid am 1. Oktober 1957 als Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie vermeintlich nebenwirkungsfreies Präparat gegen Schwangerschaftsübelkeit in den westdeutschen Apotheken auf den Markt gekommen. Bereits 1958 wurden die ersten Fehlbildungen bei Neugeborenen bekannt. Am 31. Dezember 1960 verwies die britische Ärztin Leslie Florence in einem Leserbrief auf die mögliche nervenschädigende Wirkung von Thalidomid beim Ungeborenen. Die produzierende Firma Grünenthal, mit Sitz in Stolberg bei Aachen, bestritt die Zusammenhänge zwischen Contergan und den Erkrankungen. Zeitweise vertrat man damals sogar die Auffassung, die Ursache der Behinderungen sei in Atombomben-Tests oder aber im Fehlverhalten der Mütter zu suchen.

1961 überprüften und publizierten schließlich der Hamburger Arzt Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William Griffith McBride unabhängig voneinander den Zusammenhang zwischen Contergan und den Missbildungen. In der Bundesrepublik Deutschland wurde ab Juli 1961 schrittweise die Rezeptpflicht in den einzelnen Bundesländern eingeführt.

Erst am 27. November 1961 nahm die Firma Grünenthal schließlich das Arzneimittel Contergan aus dem Handel.

Das Patent für die Herstellung des Wirkstoffs wurde an die Firma Celgene verkauft, die das Mittel – beziehungsweise Nachfolgepräparate – unter anderem Namen herstellt. Thalidomid wird heute aufgrund seiner immunmodulatorischen und antineoplastischen Wirkung vor allem in der Onkologie eingesetzt. |

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