Aus den Ländern

Seminar im Zeichen des Urteils

Wirtschaftsseminar in Rostock

ROSTOCK (tmb) | Am 19. Oktober, nur wenige Stunden nach der Verkündung des EuGH-Urteils zur Preisbindung, eröffnete Axel Pudimat, der Vorsitzende des Apothekerverbandes Mecklenburg-Vorpommern, in Rostock das Wirtschaftsseminar des Verbandes. Pudimat kritisierte das Urteil als „Herabwürdigung unserer Tätigkeit auf ein Krämer­niveau“. Weitere Seminarthemen waren die Telematik und die Beziehung der Apotheken zur Pharmaindustrie.
Fotos: DAZ/tmb
Axel Pudimat

„Wilder Markt“

Zum EuGH-Urteil erklärte Pudimat: „Der Europäische Gerichtshof hat leider nicht im Sinne einer geregelten Versorgung entschieden, sondern den freien, wilden Markt für wichtiger erklärt.“ Er zeigte sich überrascht, dass der EuGH ein höchstrichterliches Urteil kassiert habe. Mit der Entscheidung werde die Zuzahlung für verschreibungspflichtige Medikamente als sozialpolitisches Steuerungs­instrument ausgehebelt. Da sich die Politik zum bestehenden Apothekensystem bekannt habe, zeigte sich Pudimat jedoch optimistisch, dass die Politik dieses System erhalten werde.

Ärzte fürchten Haftung

Außerdem blickte Pudimat auf den Deutschen Apothekertag zurück. Positiv sei zu verbuchen, dass Ausschreibungen auf Apothekenebene politisch nicht gewünscht seien. Rabattverträge für Zytostatika seien immer noch besser, als im Preiskampf zwischen Kassen und Herstellern zermahlen zu werden, so Pudimat.

Die Präsentation des Modellprojektes ARMIN habe die ersten Erfahrungen mit dem Medikationskonsil in Greifswald bestätigt, so Pudimat. Es wurde offensichtlich, dass Haftungsfragen für Ärzte eine große Rolle spielen. „Und besonders wenn Apotheker so auftreten, als wenn wir nur Medika­tionsprobleme suchen, treffen wir ­häufig auf Vorbehalte und Skepsis, obwohl wir eigentlich nur unterstützen wollen“, mahnte Pudimat. Mit viel Kommunikation und einem guten Vertrauensverhältnis lasse sich dieses Problem vermeiden.

Zukunft der elektronischen Gesundheitskarte …

Weit in die Zukunft wies der Vortrag von Sören Friedrich, der die neue Abteilung IT/Telematik der ABDA leitet. Er beschrieb die Gestaltung der Telematik-Infrastruktur für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und den Aufbau eines eigenen IT-Netzes der Apotheker.

Die für Apotheker wichtigste An­wendung der eGK sei vorläufig der Medikationsplan, der ab Anfang 2019 flächendeckend in elektronischer Form angeboten werden soll. Anfang 2018 werde die Erprobung beginnen. Bis Ende 2017 soll der Medikationsplan auf der eGK gespeichert werden. Danach sollen weitere Daten erfasst werden, die zusätzliche Speicher erfordern. Für viele künftige Funktionen werde die eGK ohnehin nur als Ausweis dienen können, weil beispiels­weise die umfangreichen Daten einer elektronischen Patientenakte nicht auf einer solchen Karte gespeichert werden können.

Für das elektronische Rezept sei bisher kein Termin vereinbart, sodass dies derzeit nicht forciert werde.

… und des Apotheker-IT-Netzes

Mit Blick auf das geplante Intelligente Netz der Apotheker (IN.A) betonte Friedrich die Vorteile eines berufs­eigenen Netzes, bei dem die Apotheker selbst über Funktionen und Partner entscheiden können. Als mögliche ­Anwendungen nannte er Wissens­datenbanken, den Informationsaustausch unter Apothekern sowie mit Ärzten und Krankenkassen. Friedrich bekräftigte: „Wir werden kein Netz hinstellen, das nicht schon sinnvolle Applikationen hat.“

Lutz Boden

Industrie als Partner

Lutz Boden, Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH), warb dafür, dass die Gesellschaft den Pharmabereich als multifaktoriellen Wirtschaftsfaktor wahrnehmen solle. Er kritisierte, dass regionale Wirtschaftlichkeitsvereinbarungen die auf ­Bundesebene mühsam getroffenen ­Regelungen unterlaufen könnten. Als Alternative zum geplanten Arzt-Informationssystem für die frühe Nutzenbewertung neuer Arzneimittel appellierte Boden an die Apotheker, sich stärker ins Spiel zu bringen. „Es ist Sache der Apotheker, die Ärzte zu informieren, auch über die Nutzenbewertung“, so Boden.

Zu den Lieferengpässen erklärte ­Boden, kein Hersteller habe ein Interesse, nicht lieferfähig zu sein. Die Ursachen für Lieferengpässe seien zahlreich und von Fall zu Fall unterschiedlich. Daher sollten alle Eingriffe in die Arzneimittelversorgung daraufhin überprüft werden, wie sie sich auf die Lieferfähigkeit auswirken. Letztlich gehe es darum, die Angebotsvielfalt zu sichern.

Außerdem betonte Boden die große Bedeutung der Selbstmedikation für die Versorgung. Da die Patienten diese Arzneimittel selbst bezahlen, müsse bei der Bewertung auch die Evidenz der Ärzte und Apotheker zählen, denen sich die Patienten anvertrauen. Zudem empfahl Boden, das grüne Rezept noch mehr zu nutzen, damit ärztliche Empfehlungen nicht verloren gehen.

Das EuGH-Urteil kritisierte Boden als „Schlag ins Gesicht der Patienten“. Er sicherte zu, dass der BAH sich bei der Politik für den Erhalt des be­stehenden Versorgungssystems einsetzen werde. |

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