Erkältung

Der richtige Zeitpunkt

Bei Erkältungskomplikationen rechtzeitig zum Arztbesuch raten

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Von Claudia Bruhn | Eine Erkältung kündigt sich meistens dann an, wenn es am wenigsten passt. Berufstätige verfahren in dieser Situation häufig nach einem „Stufenplan“: Stufe 1: Symptome ignorieren und weiterarbeiten, Stufe 2: schnell ein Mittel aus der Apotheke holen, ­Stufe 3: zu Hause bleiben, wenn es gar nicht mehr geht. Einen Arztbesuch versuchen Betroffene, wenn möglich, zu vermeiden – auch aus Sorge, sich im überfüllten Wartezimmer mit weiteren Erregern anzustecken. Auf Stufe 2 kommt der Apotheke eine wichtige Lotsenfunktion zu: Eine gezielte Beratung kann dazu beitragen, dass die ­Patienten bei Hinweisen auf eine schwerwiegenden Erkrankung doch einen Arztbesuch in Betracht ziehen.

Der Begriff „banale Erkältung“ suggeriert, dass deren typische Symptome wie leichte bis mäßige Kopf-, Glieder- und Halsschmerzen, Husten, Schnupfen und gegebenenfalls leichtes Fieber nach wenigen Tagen wieder verschwunden sind. Dies ist in der Regel auch der Fall, hängt jedoch stark von der individuellen Immunkompetenz ab. So können Halsschmerzen im Rahmen einer Erkältung auch eine gute Woche und ein „banaler“ Husten mindestens zwei Wochen andauern. Liegt keine schwerwiegende Erkrankung vor, erfolgt die Behandlung symptomatisch. Dabei wenden Betroffene entweder die bekannten Hausmittel oder nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel aus der Apotheke an. Der Markt der Erkältungsmittel ist heiß umkämpft; zudem wird dem Verbraucher durch die Medien in regelmäßigen Abständen suggeriert, dass Apotheker aus „Gewinnsucht“ bei Erkältungssymptomen völlig unnütze und überteuerte Medikamente empfehlen.

Nach Meinung der Autorin wird der erkältete Kunde nur dann der Apotheke treu bleiben, wenn er das Gefühl hat, dort auf Personal mit Fachwissen zu treffen, das im vertrauensvollen Gespräch aus dem breiten Spektrum von Präparaten wirksame, gut verträgliche und leicht handhabbare auswählt. Und zum Arztbesuch rät, wenn die Grenzen der Selbstmedikation erreicht sind. Die in diesem Beitrag genannten Wirkstoffe und Präparate stellen nur eine Auswahl dar, ohne Wertung und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Halsschmerzen - Vorboten der Erkältung

Halsschmerzen sind oft das erste Anzeichen eines viral (überwiegend durch Rhino- und Coronaviren) bedingten grippalen Infekts. Wenn sich der Rachen trocken und kratzig anfühlt, können aber auch trockene Luft (z. B. durch Klimaanlagen), eine zu starke Beanspruchung (z. B. beruflich bedingt bei Sängern oder Lehrern) oder Reizstoffe (z. B. Tabakrauch) die Ursache sein. Kommen jedoch weitere Symptome wie Schluckbeschwerden sowie Schwellungen und Rötungen der Rachenschleimhaut dazu, kann man davon ausgehen, dass sich Viren oder auch Bakterien in deren Zellen vermehrt haben. Je nach Lage der Entzündung handelt es sich dann um eine Pharyngitis, Laryngitis oder eine Tonsillitis (siehe Artikel: „Meistens banal, manchmal tückisch“ auf S. 40 in dieser Ausgabe der DAZ).

Bei Halsschmerzmitteln ist die Vielfalt der Darreichungsformen groß. Daher sollte sich die Präparate-Auswahl auch an den Lebensgewohnheiten und Vorlieben des Patienten orientieren, das heißt:

  • Lutschtabletten bzw. -bonbons werden von den meisten Halsschmerzpatienten gekauft. Sie eignen sich jedoch nicht für die Anwendung vor dem Schlafengehen.
  • Rachensprays sind empfehlenswert für Kunden, die ein Mittel für die rasche Schmerzlinderung unterwegs wünschen, für motorisch eingeschränkte Menschen aber eher nicht.
  • Gurgellösungen sind nur für die häusliche Anwendung geeignet.

Folgende Mittel kommen bei Halsschmerzen zur Anwendung:

  • Lutschtabletten mit Lokalanästhetika wie Benzocain (z. B. neo-angin® Benzocain dolo), häufig auch kombiniert mit desinfizierenden und antibakteriellen Wirkstoffen (z. B. Lidocain mit Tyrothricin und Cetrimoniumbromid in Lemocin®),
  • Ambroxol mit kombinierter lokalanästhetischer und schleimlösender Wirkung (z. B. Frubizin® akut),
  • Rachensprays mit desinfizierenden (z. B. Hexetidin in Hexoral® Spray) oder antiphlogistischen Wirkstoffen (z. B. Flurbiprofen in Dobendan® Direkt Spray),
  • reizlindernde Schleimstoffdrogen wie Eibisch- oder Primelwurzel, Isländisch Moos (z. B. Isla® Moos Pastillen),
  • bei stärkeren Schmerzen auch systemische Analgetika mit Paracetamol oder Ibuprofen.

Die meisten Halsschmerzmittel sind für eine Anwendung von maximal drei bis fünf Tagen indiziert. Haben sich die Beschwerden in dieser Zeit nicht merklich gebessert, ist zum Ausschluss anderer Ursachen ein Arztbesuch anzuraten. Chronische Halsschmerzen können im schlimmsten Fall auch durch Tumore (Zungen-, Kehlkopf-, Speiseröhrenkrebs) bedingt sein. Bei Kindern und Jugendlichen weisen zusätzliche Symptome wie Hautausschlag, Zungenverfärbungen oder geschwollene Lymphknoten auf eine Infektion (z. B. Scharlach, Diphtherie, Pfeiffer‘sches Drüsenfieber) hin. Bei eitrig belegten, angeschwollenen Gaumenmandeln und Fieber > 38,5°C sollte ebenfalls von einer Selbstmedikation abgeraten werden.

Schnupfen – fast obligatorisch bei Erkältung

Das Beratungsgespräch bei einem Erkältungsschnupfen ist häufig recht kurz, denn es umfasst meist nur den Wunsch nach einem abschwellenden Nasenspray (z. B. mit Oxymetazolin, Xylometazolin) und endet idealerweise mit dem Hinweis, dieses wegen des Rebound-Effekts nicht länger als eine Woche anzuwenden.

Alternativ können empfohlen werden:

  • salzhaltige Nasensprays oder –salben, z. B. Rhinomer®, Nisita® Nasensalbe), auch mit Zusätzen (z. B. Dexpanthenol in Mar® plus, Aloe vera und Eukalyptus in Rinupret® Pflege Nasenspray)
  • Nasenspüllösungen (z. B. Emser® Nasenspülsalz)
  • ätherische Öle zum Einreiben und Inhalieren (z. B. Bronchoforton® Salbe, Pinimenthol® Inhalierset)

Wenn sich im Beratungsgespräch zeigt, dass das Symptom verstopfte Nase häufig auftritt, sollte an eine allergische Rhinitis gedacht werden. In diesem Fall sind rezeptfreie Beclometason-Nasensprays (z. B. ratioallerg® Heuschnupfenspray) empfehlenswert. Durch seine antiinflammatorischen und antiödematösen Eigenschaften würde dieser Wirkstoff auch bei nicht-allergischer Rhinitis sowie Sinusitis helfen, ist aber für diese Indikationen derzeit nicht zugelassen.

Bei etwa jedem zehnten Patienten geht der Schnupfen in eine Sinusitis über. Sie ist durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • Gesichtsschmerz oder -druck, Kopfschmerzen, die sich beim Bücken verstärken,
  • Engegefühl, Verstopfung oder Druckgefühl in der Nase,
  • gesteigerte (häufig eitrige) nasale Sekretion,
  • Verminderung bis Verlust des Geruchssinns.

In Leitlinien-Empfehlungen zur akuten Rhinosinusitis spielen Phytopharmaka eine wichtige Rolle. Als Beispiele für Phytotherapeutika, die die Symptome der akuten Rhinosinusitis bessern können bzw. denen eine kurative Wirkung zugeschrieben wird, werden verschiedene Inhaltsstoffe bzw. Extrakte genannt: Myrtol (z. B. Gelomyrtol®), Cineol (z. B. Soledum®), Gentiana-Wurzel und Primelmischung (z. B. Sinupret®) oder Extrakte aus Pelargonium sidoides (Umckaloabo®).

Von einer chronischen Sinusitis spricht man, wenn die Beschwerden ohne wesentliche Besserung über mehr als drei Monate andauern. In diesem Fall gehören die Betroffenen in die Hände eines HNO-Arztes. Einem aktuellen Review zufolge kann begleitend durch ein- bis dreimal tägliches Spülen mit hypertoner Salzlösung (Konzentration 2 bis 3,5%ig, mindestens 100 ml) eine effektive Linderung der Beschwerden erzielt werden. Durch lokale Kochsalzspülungen oder die Inhalation warmer Dämpfe soll über eine Verflüssigung des Nasensekrets die mukoziliare Clearance verbessert werden. Auch über eine gefäßverengende und somit abschwellende Wirkung wird berichtet. Die Leitlinie „Rhinosinusitis“ weist darauf hin, dass der Zusatz ätherischer Öle bei der Inhalation keinen objektiv nachweisbaren klinischen Effekt hat.

Husten – viele weitere Ursachen möglich

Bei diesem Symptom wird klassischerweise die Frage nach der Art des Hustens (trocken, verschleimt, mit starkem Auswurf?) gestellt, um aus der Vielzahl der pflanzlichen, chemischen bzw. partialsynthetischen Wirkstoffe den geeigneten auswählen zu können. Häufig beobachtet man aber, dass die Stadien rasch ineinander übergehen, sodass sich die in der Apotheke geschilderten Symptome am Folgetag bereits verändert haben können. Typischerweise herrscht zu Beginn eines viralen Infekts kurzzeitig ein trockener Reizhusten vor, daran schließt sich eine Sekretionsphase an, in der das Bronchialsekret mehr oder weniger gut abgehustet werden kann.

Folgende synthetische Wirkstoffe kommen bei akuter Bronchitis zum Einsatz:

  • Schleimlöser wie Ambroxol (z. B. Mucosolvan®), Bromhexin (z. B. Bisolvon®), Acetylcystein (z. B. ACC® akut)
  • Hustenstiller wie Dextrometorphan (z. B. Hustenstiller® ratiopharm), Pentoxyverin (z. B. Silomat® Pentoxyverin), Benproperin (z. B. Tussafug®), Dropropizin (z. B. Larylin®).

Die Leitlinie „Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit akutem und chronischem Husten“ betont, dass Expektoranzien zwar in dieser Indikation häufig verordnet werden, eine ausreichende Evidenz bei akutem Husten und Erkältungskrankheiten liegt aber nicht vor. Nur mit Acetylcystein konnte bei chronischer Bronchitis in einem Review eine Verringerung von Exazerbationen und eine Symptombesserung gezeigt werden, für den Einsatz von Ambroxol bei chronischer Bronchitis konnten keine Vorteile nachgewiesen werden. Auch zu den Antitussiva äußert sich die Husten-Leitlinie kritisch: hinsichtlich des Hustenreizes wirken Antitussiva nicht besser als Placebo, allerdings verbessern sie die Fähigkeit zu schlafen. Abschwellende Nasentropfen bzw. -sprays haben nur einen kurzzeitigen lindernden Effekt. Zur Linderung von Hustensymptomen können Phytopharmaka mit Thymian­extrakt (z. B. Aspecton®)eingesetzt werden, auch in Kombination mit Primelextrakt, z. B. Bronchipret®) oder Efeuextrakt (z. B. Prospan®). Durch Studien konnte die Verkürzung bzw. Linderung von Hustensymptomen bei akuter Bronchitis gezeigt werden. Auch für Pelargonium-sidoides-Extrakt konnte eine leicht beschleunigte Besserung der Symptomatik beobachtet werden, allerdings wurde über gastrointestinale Nebenwirkungen sowie über vereinzelte hepatotoxische Zwischenfälle berichtet. Ein entsprechender Hinweis wurde im Rahmen eines Stufenplanverfahrens in die Produktinformationen aller Pelargoniumwurzel-haltigen Arzneimittel aufgenommen. Die Gabe von Vitamin C zu Beginn eines Atemwegsinfektes hat keinen therapeutischen Benefit, so die DEGAM-Leitlinie, aber die regelmäßige Einnahme von Zink scheint das Auftreten von Erkältungssym­ptomen zu reduzieren.

Nicht selten dauert ein Husten nach Abklingen aller anderen Erkältungssymptome noch mehrere Tage oder sogar Wochen an. Betroffene sind dann recht empfänglich für den Vorschlag, eine chronische Bronchitis, eine Lungenentzündung oder eine schwerwiegendere Erkrankung (z. B. COPD, Mukoviszidose, Tumore) ärztlicherseits ausschließen zu lassen. Dieser Rat sollte insbesondere Senioren gegeben werden. Nicht ohne Grund gehört die Impfung gegen Pneumokokken, die Haupterreger einer bakteriellen Lungenentzündung, zu den Standardimpfungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Personen ab 65 Jahren. Eine solche Infektion äußert sich hauptsächlich durch Symptome wie starkes Krankheitsgefühl mit Fieber und Schüttelfrost, Schmerzen beim Atmen, Atemnot und das Abhusten gelblich-grünen Schleims.

Können infektiöse Ursachen oder schwere Erkrankungen als Ursache eines chronischen Hustens ausgeschlossen werden, sollte man an Medikamente (z. B. ACE-Hemmer) oder psychische Probleme als Auslöser denken.

Echt oder nur grippal?

Die Abgrenzung eines grippalen Infekts von der durch Influenza-A- und -B-Viren hervorgerufenen sogenannten „echten Grippe“ ist deshalb von Bedeutung, weil Letztere zu Komplikationen wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Problemen oder Endokarditis führen kann. Erleichtert wird die Unterscheidung dadurch, dass der Krankheitsbeginn bei der Influenza sehr plötzlich stattfindet und neben hohem Fieber und ­einem starken Krankheitsgefühl auch starke Kopf-, Glieder- und Halsschmerzen auftreten können. Beim grippalen Infekt dagegen verschlechtern sich die Symptome eher allmählich, und das Krankheitsgefühl ist vergleichsweise schwächer ausgeprägt. Gemeinsam ist beiden Krankheiten, dass die Behandlung symptomatisch erfolgt; Neuraminidase-Hemmer, die bei Influenza verordnet werden können und die Symptome abmildern bzw. ihre Dauer verkürzen, spielen eine untergeordnete Rolle.

Meningitis ausschließen

Zur Fiebersenkung und Linderung stärkerer Kopf- und Gliederschmerzen empfehlen sich bei der Influenza Wirkstoffe wie Paracetamol (z. B. ben-u-ron®) oder Ibuprofen (z. B. Nurofen®). Eine leicht erhöhte Körpertemperatur bei grippalem Infekt muss dagegen nicht unbedingt antipyretisch behandelt werden, da dies eine sinnvolle Abwehrreaktion des Organismus darstellt. Wenn eine Influenza ausgeschlossen werden kann und dennoch Fieber, starke Kopfschmerzen sowie weitere Grippe-ähnliche Symptome vorherrschen, muss auch an eine Meningitis gedacht werden. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Hirnhäute (Meningen) um Gehirn und Rückenmark, die bakteriell (z. B. Meningokokken, Pneumokokken) oder viral (z. B. Polio-, West-Nil-Virus) verursacht sein kann. In einigen Regionen zählen Meningitiden zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Daher kann die Frage „Waren Sie kürzlich verreist?“ bei vermeintlichen Erkältungssymptomen hilfreich sein. Bei Erkrankungen mit längerer Inkubationszeit (auch bei der Meningitis kann diese bis zu zehn Tage betragen) ziehen ­Betroffene eine mögliche Infektion während der Urlaubsreise oft nicht mehr in Betracht. |

Quelle

Neubeck M. Evidenzbasierte Selbstmedikation 2015/2016.2. Aufl. 2015, Deutscher Apotheker Verlag

Lennecke K et al. Selbstmedikation für die Kitteltasche, 5. Aufl. 2012, Deutscher Apotheker Verlag

Rhinosinusitis. Leitlinie (2sk) der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V., Stand: 1. März 2011, Gültigkeit auf Antrag des Leitliniensekretariats verlängert bis 29. Februar 2016, AWMF-Register 017/049

Rhinosinusitis. Leitlinie (2sk) der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Stand Februar 2008 (Gültigkeit abgelaufen), AWMF-Register 053/012

Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit akutem und chronischem Husten. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), AWMF-Leitlinien-Register Nr. 020/003 Stand: 01.02.2010 (in Überarbeitung)

Rudmik, L, Soler, ZM: Medical Therapies for Adult Chronic ­Sinusitis. A Systematic Review, JAMA (2015); 314(9):926-939, doi:10.1001/jama.2015.7544.

Website des Robert Koch-Instituts Berlin, www.rki.de

Bruhn C. Krank nach dem Urlaub? Reiserückkehrer kompetent beraten. Dtsch Apoth Ztg 2013;37:46-48

Autorin

Dr. Claudia Bruhn ist Apothekerin und arbeitet als freie Medizinjournalistin. Sie schreibt seit 2001 regelmäßig Beiträge für die DAZ.