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Es ist nicht nur der Zucker

Moderne Ernährung bei Diabetes

Von Birgit Blumenschein und Martin Smollich | Die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse in Bezug auf die optimale Ernährung bei Diabetes mellitus lassen sich im Prinzip mit zwei Aussagen zusammenfassen: „Die moderne Ernährungstherapie bei Diabetikern entspricht einer gesunden Ernährung.“ Und: „Eine spezielle Diabetes-Diät gibt es nicht.“ Was aber wird konkret unter „gesunder“ Ernährung verstanden? Kohlenhydratreich oder doch kohlenhydratarm, wenig Fett oder viel Fett, und wie steht es mit der Proteinmenge? Tatsächlich werden unter der Überschrift „Gesunde Ernährung“ diverse Ernährungskonzepte diskutiert, die ein modernes Vorgehen sowohl für die Prävention als auch für die Therapie des Diabetes mellitus darstellen.

Leitlinienempfehlungen für die Ernährung bei Diabetes mellitus

Nationale und internationale Fachgesellschaften wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie die amerikanischen und die europäischen Diabetesgesellschaften (ADA, EASD) beschäftigen sich seit Jahren mit der optimalen Lebensmittel- und Speisenauswahl für Diabetiker [1], und zwar sowohl hinsichtlich der Prävention von Diabetes mellitus als auch im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts [2 – 5].

Die aktuelle S3-Leitlinie zur „Therapie des Typ-1-Diabetes“ ist gekennzeichnet durch das Statement, dass spezielle Kost- bzw. Diätformen nicht notwendig sind [6, 7]. Als entscheidend wird hier die Kompetenz der Betroffenen zur Einschätzung der Kohlenhydrate hinsichtlich Art und Menge angesehen, um entsprechende Insulin-Schemata einzuhalten oder Insulin-Dosen individuell und adäquat anzupassen. Qualifizierte Ernährungsberatungen für diese Patienten beinhalten entsprechend die Themen Kohlenhydrate, Protein, Fette sowie deren Blutzuckerwirksamkeit. Besondere Kenntnisse sollen Typ-1-Diabetiker in den Beratungen darüber hinaus hinsichtlich der Hypoglyk­ämiewirkung von Alkohol und entsprechender Vorsichtsmaßnahmen erhalten [6].

Zentrale Forderung der Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) „Therapie des Typ-2-Diabetes“ ist die „Motivation [der Patienten] zu gesunden, ausgewogenen Kostformen unter Berücksichtigung der bisherigen Ernährungsroutine“ [8]. Industriell gefertigte Lebensmittel, „die als sogenannte Diabetes-Diät oder Diabetesnahrung deklariert werden“, sollen vom Speiseplan gestrichen werden. Bei vorliegender Adipositas soll der Diabetiker Gewicht reduzieren. Menge und Art der Kohlenhydrate werden für Typ-2-Diabetiker am Insulin-Schema bzw. an der Auswahl oraler Antidiabetika orientiert. Eine ausgewogene Fettsäurezusammensetzung erfährt im zeitgemäßen Ernährungsmanagement eine höhere Priorität als die absolute Fettmenge. Die Höhe der Protein-Zufuhr wird am Krankheitsverlauf, insbesondere bezogen auf eine potenzielle Nephropathie, ausgerichtet; der differenzierte Umgang mit Alkohol soll individuell beraten werden [8]. Dennoch stellt sich hier die Frage, wie genau die von der Leitlinie postulierte „gesunde, ausgewogene Kostform“ tatsächlich aussehen soll.

„Gesunde Ernährung“ für Diabetiker

Konkrete Beispiele, welche Lebensmittel und Speisen unter „gesunder Ernährung“ zu verstehen sind, finden sich direkt in den entsprechenden Leitlinien [6 – 8]. Im Mittelpunkt stehen hier kritische Lebensmittel wie Haushaltszucker, Fruchtzucker und die Polyole (Zuckeraustauschstoffe). Zu vermeiden sind für Diabetiker auch fettes Fleisch, fette Wurstwaren, fettreiche Fertigprodukte, fette Backwaren sowie Fast Food, Sahne, Chips und Schokolade. Eine Auswahl geeigneter, eher gesundheitsfördernder Fette finden Diabetiker z. B. bei bestimmten Ölen, nahezu sämtlichen Arten von Nüssen sowie bei entsprechenden Fischsorten. Obst, Gemüse und Vollkorngetreideprodukte sind die Klassiker, wenn es um gesunde Ernährungsempfehlungen geht – diese Lebensmittelgruppen sollten Diabetiker täglich bevorzugen [8]. Die Erkenntnis, dass es sich bei Diabetes mellitus nicht allein um eine Erkrankung des Zuckerstoffwechsels, sondern vielmehr auch um gravierende Störungen des Protein- und Fettstoffwechsels handelt, hat dazu geführt, dass die bis vor Kurzem noch weit verbreiteten „Diabetiker-Lebensmittel“ vom Markt genommen werden mussten. Seit 2012 dürfen in Deutschland keine Lebensmittel mehr mit dem irreführenden Hinweis „Für Diabetiker geeignet“ in Verkehr gebracht werden [9]. Entsprechend gelten für Diabetiker dieselben Ernährungsempfehlungen wie für die übrige Bevölkerung. Die Konzeption der entsprechenden Vorschläge zur Lebensmittel- und Speisenauswahl sind durch die Veröffentlichungen der „10 Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)“, die Informationen des „DGE-Ernährungskreises“ und die „Lebensmittelpyramide“ hinlänglich bekannt [10].

Aktuelle Ernährungskonzepte für Diabetiker

Gesundes Essen und Trinken für Diabetiker scheint damit kein neues Thema zu sein. Dennoch müssen gerade für Diabetiker die allgemeinen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung differenziert betrachtet werden. Kohlenhydratreiche Lebensmittel gibt es in ballaststoff­reichen und -armen Variationen, und auch Fette und Öle sind viel mehr als nur kalorienreiche Geschmacksträger, denn das unterschiedliche Fettsäuremuster verschiedener Speisen erfordert eine biochemische Differenzierung. Und auch bei den Proteinen sagt die absolute Menge wenig über die Qualität der Nahrung aus, da die biologische Wertigkeit und die Portionsgröße berücksichtigt werden müssen. Zudem gibt es verschiedene ernährungsmedizinisch basierte Konzepte, die im Rahmen der Diabetes-Therapie eingesetzt werden; besonders bekannt und verbreitet sind in diesem Zusammenhang die Mediterrane Ernährung, die DASH-Diät und unterschiedliche Low-Carb-­Diäten mit Ernährungsindizes wie dem Glykämischen Index (GI) oder der Glykämischen Last (GL) [2, 3, 11 – 14].

Mediterrane Ernährung

Eine an der mediterranen Ernährung orientierte Lebensmittelauswahl scheint für Diabetiker im Hinblick auf die Prävention und Therapie am besten geeignet [5, 15, 16], was sich auch in einer HbA1c-Senkung und einer verbesserten Insulin-Sensitivität widerspiegelt [2, 5]. Diätetische Grundlage sind Öle mit einem hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren (z. B. Olivenöl, Rapsöl, Hanföl), dazu viel Fisch (z. B. Makrele, Lachs, Hering), viel Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte, wenig Lebensmittel mit gesättigten Fettsäuren (z. B. fettreiche Wurst, Schmalz, Kokosfett), wenig Eier und Fleisch, sowie der mäßige Verzehr von fettarmer Milch, fettarmen Milchprodukten und Geflügel. Besondere Charakteristika einer mediterranen Ernährung, im Vergleich zur vollwertigen, „gesunden“ Ernährung nach den DGE-Empfehlungen, sind:

  • die Hauptfettquelle

– mediterrane Ernährung: Olivenöl und Nüsse

– DGE-Empfehlung: Rapsöl

  • die tägliche Fettzufuhr

– mediterrane Ernährung: bis 35% der Gesamtenergie­zufuhr als Fett

– DGE-Empfehlung: max. 30% Gesamtenergiezufuhr als Fett

  • die Fischportionen

– mediterrane Ernährung: drei Portionen/Woche

– DGE-Empfehlung: ein bis zwei Portionen/Woche

  • die Hülsenfrüchteportionen

– mediterrane Ernährung: drei Portionen/Woche

– DGE-Empfehlung: keine explizite Empfehlung

  • die Rotweinportionen

– mediterrane Ernährung: ca. sieben Gläser/Woche

– DGE-Empfehlung: nicht explizit für Rotwein, maximal ein Glas Wein/Tag

Herausragende Bedeutung der Fettqualität: Olivenöl und Rapsöl sind in deutschen Diabetiker-Küchen inzwischen bekannt; die in der mediterranen Ernährung jedoch üblicherweise erhöhte tägliche Fettzufuhr scheint viele Diabetiker von der praktischen Durchführung abzuhalten. Der größte Anteil an Diabetikern ist übergewichtig oder adipös, weshalb die bisherigen Empfehlungen der Fachgesellschaften die Fettzufuhr auf maximal 30% der Gesamtenergiezufuhr begrenzen, entsprechend ca. 60 bis 80 g Gesamtfett/Tag [10, 17]. Die Aufnahme einer noch größeren Fettmenge geht mit einer höheren Kilokalorienaufnahme einher, was bei Diabetikern, die meist eine Gewichtsreduktion erreichen sollen, paradox erscheint. Eine grundsätzliche Fettrestriktion scheint jedoch nicht mehr dem Stand der Wissenschaft zu entsprechen: In der PREDIMED-Interventionsstudie mit fast 7500 Teilnehmern konnte gezeigt werden, dass eine konsequente mediterrane Diät nicht nur das kardiovaskuläre Risiko verringert, sondern auch die Neuerkrankungsrate an Typ-2-Diabetes um 40% reduziert – und zwar trotz einer gegenüber der Kontrollgruppe deutlich erhöhten Fettzufuhr (in Form von Olivenöl) [18 a – c]. Eine erhöhte Zufuhr an ungesättigten Fettsäuren im Verhältnis zu gesättigten Fettsäuren, dem zentralen protektiven Element der mediterranen Ernährung, führt bei Diabetikern zur Senkung des HbA1c und einer Verbesserung der Insulin-Sensitivität [19 – 21]. Entsprechend sollte der diätetische Fokus auf der Fettqualität und nicht auf der absoluten Fettmenge liegen. Ein weiterer positiver Effekt der mediterranen Ernährung bei Diabetikern wird durch den hohen Ballaststoffanteil der pflanzlichen Lebensmittel erreicht [18c]. Über mögliche protektive Effekte des Resveratrols aus Rotwein gibt es widersprüchliche Diskussionen, die hier nicht wiedergegeben werden sollen [22].

DASH-Diät

Bei der DASH-Diät (Dietary Approach to Stop Hypertension) handelt es sich nicht um eine kurzfristige Diät, sondern um eine auf Dauer angelegte Ernährungsweise. In verschiedenen großen Studien konnte gezeigt werden, dass eine der DASH-Diät entsprechende Ernährung gerade jene kardiovaskulären Risiken reduziert, die bei Diabetikern besonders relevant sind [2]. Die Lebensmittelauswahl der DASH-Diät sieht fettreduzierte Milchprodukte, viel Fisch, Obst und Gemüse, viele Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Avocados, hochwertige Öle und Nüsse vor [23]. Sie schränkt rotes Fleisch und süße Getränke ein und bietet somit im Wesentlichen eine Lebensmittelauswahl, die den allgemeinen DGE-Empfehlungen entspricht. Einzig die Portionsmengen der DASH-Diät unterscheiden sich gravierend von jenen der DGE-Empfehlungen [24]: Die Mengen an Obst, Gemüse und Getreideprodukten sind bei der DASH-Diät teilweise doppelt so groß zu wählen; dies gilt auch für Fette und Öle. Umgekehrt sieht die DASH-Diät lediglich die Hälfte der in den DGE-Empfehlungen beschriebenen Fleisch-, Fisch- und Eiportionen sowie weniger Süßwaren vor. Die positiven gesundheitlichen Effekte der DASH-Diät mit Blutdrucksenkung, Gewichtsreduktion und der damit verbundenen Senkung der Risikofaktoren für den Typ-2-Diabetes werden unter anderem auf den hohen Anteil an Ballaststoffen zurückgeführt [2, 13, 25].

Low Carb, glykämischer Index und glykämische Last

Die Diskussionen, ob Diabetiker eher kohlenhydratreich oder doch besser kohlenhydratarm essen sollen, ist in den einschlägigen Foren und Ratgebern unverändert aktuell. So erfuhren Low-Carb-Ernährungsformen in den vergangenen Jahren eine regelrechte Renaissance. Dabei sind Diätformen mit niedrigem Kohlenhydratanteil (low carbohydrates, kurz: low carb) keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Für die Atkins-Diät, die South-Beach-Diät und moderne Formen der sogenannten LOGI-Methode (LOGI: low glycemic and insulinemic diet) konnte in Studien, trotz teilweise extrem hoher Fettportionen, eine signifikante Gewichtsreduktion und eine verbesserte Insulin-Sensitivität gezeigt werden [2 – 4, 11 – 13, 19]. Diäten mit einem niedrigen Kohlenhydratanteil wiesen in einer Metaanalyse eine starke Senkung des HbA1c auf; je höher der Proteinanteil in der Diät, desto stärker war auch die Appetitminderung [15].

Die Prinzipien des glykämischen Index (GI) und der glyk­ämischen Last (GL) sind Orientierungshilfen zur Beurteilung kohlenhydratreicher Lebensmittel, insbesondere im Hinblick auf den resultierenden Blutzucker-Anstieg. Der glykämische Index gibt an, wie hoch die Blutglucose-Konzentration durch ein kohlenhydratreiches Lebensmittel über den Normalwert hinaus angehoben wird [26]. Die glykämische Last, als Erweiterung des glykämischen Index, berücksichtigt neben der Art der Kohlenhydrate auch die aufgenommene Menge und deren Wirkung auf den Blutzucker-Anstieg [27]. Je nach Anteil und Art der Kohlenhydrate führt der Verzehr entsprechender Lebensmittel zu unterschiedlichen Blutzucker-Konzentrationen. Da viele Lebensmittel jedoch nicht isoliert und roh, sondern in gemischten Speisen und nach chemisch modifizierender Zubereitung gegessen werden, ergeben sich viele unterschiedliche Indizes [28]. Lebensmittel mit niedrigem glykämischem Index bzw. niedriger glykämischer Last führen zu einem geringeren Blut­zucker-Anstieg, was pathophysiologische Vorteile bei Diabetikern nahelegt [29, 30]. Bislang konnte jedoch in kontrollierten Studien nur an gesunden Probanden gezeigt werden, dass der vorzugsweise Verzehr von Lebensmitteln mit niedrigem glykämischem Index bzw. niedriger glykämischer Last die Insulinsensitivität verbessern und die Triglycerid-Spiegel senken kann [5].

Irritationen für Fachkräfte und Diabetiker

Diabetiker sollten gemäß der aktuellen Leitlinienempfehlungen eine entsprechende Nährstoffrelation für die Deckung der täglichen Gesamtenergiezufuhr favorisieren [6, 8] (siehe Tabelle 1); im Vergleich fällt auf, dass die kohlenhydratreduzierten Kostformen teilweise stark davon abweichen. Aufgrund der Datenlage besitzen jedoch auch diese Kostformen ihre Berechtigung, was in der Praxis häufig zu Irritationen führt. Doch die Empfehlung, die Kohlenhydratauswahl im täglichen Speiseplan auf jene Kohlenhydrate auszurichten, die einen niedrigen glykämischen Index aufweisen, schließt nicht aus, insgesamt auch weniger Kohlenhydrate zu verzehren – wie in den Low-Carb-Kostformen beschrieben. Zudem ist den beiden Ernährungskonzepten „low carb“ und „low fat“ gemein, dass das zu bevorzugende Fettsäuremuster mit dem Schwerpunkt auf ungesättigte Fettsäuren in jedem Fall möglich ist.

Tab. 1: Nährstoffrelation verschiedener Ernährungsformen. DASH: dietary approach to stop hypertension; DGE: Deutsche Gesellschaft für Ernährung; LOGI: low glycemic and insulinemic diet
Ernährungsform Kohlenhydrate Fett Protein
Anteil an der Gesamtenergiezufuhr [%]
„gesunde Ernährung“ für Diabetiker gemäß Leitlinien [6, 8] 45 bis 60% < 30% 10 bis 25%
Low Carb 10 bis 40% 30 bis 40% 20 bis 40%
LOGI 30% 45% 25%
mediterrane Ernährung 50% 20 bis 35% 10 bis 35%
10 Regeln der DGE > 50% < 30% < 20%
DASH 55% 27% 18%

Zukunftsvision: Individualisierte Ernährungstherapie

Die Individualisierte Ernährungstherapie wird aktuell als großes Zukunftsmodell für die Ernährung von Diabetespatienten gehandelt. Ausgehend von den Missverständnissen durch die teilweise widersprüchlichen Ernährungskonzepte ist es für die betroffenen Patienten häufig das Beste, wenn im Beratungs- und Therapieverlauf auf Grundlage der Bedürfnisse des Patienten ein individuell angepasstes Vorgehen gewählt wird. Mithilfe eines verhaltenstherapeutischen Ansatzes und klientenzentrierter Gesprächsführung, vermittelt und gestaltet durch qualifizierte Ernährungsfachkräfte, kann ein Diabetiker sein Ess- und Trinkverhalten reflektieren, ändern und einüben. Vorrang erhält hier das individuelle Erarbeiten von Ernährungsansätzen und Zusammenhängen zum Ess- und Trinkverhalten – jenseits der früher üblichen Pauschalempfehlungen.

Zusätzlich zu dieser kommunikationspsychologisch fundierten Ernährungstherapie findet die Individualisierung der Ernährungstherapie jedoch auch auf medizinisch-naturwissenschaftlicher Ebene statt: So sind ca. 60 verschiedene Gene an den unterschiedlichen phänotypischen Ausprägungen eines Typ-2-Diabetes beteiligt, weshalb es nicht „den einen“ Typ-2-Diabetes gibt. Vielmehr handelt es sich um eine interindividuell sehr heterogene Stoffwechselerkrankung, die aus einer komplexen Interaktion zwischen Genotyp und Lebensstil/Ernährung resultiert [5, 31]. Zurzeit wird im Sinne einer individuellen Diabetestherapie intensiv an Möglichkeiten der Genotypisierung/Phänotypisierung geforscht [32]; aus den Ergebnissen soll dann nicht nur eine individuelle Pharmakotherapie, sondern insbesondere bei Typ-2-Diabetikern auch eine individuelle, Genotyp-basierte Ernährungstherapie abgeleitet werden.

Kohlenhydrat-bezogenen Diäten

Atkins-Diät

  • radikale Low-Carb-Ernährungsform
  • 5 bis 10% der Gesamtenergie in Form von ballaststoffreichen Kohlenhydraten wie Gemüse und Salat
  • Proteinmengen werden an anthropometrischen Daten orientiert (Körpergröße, Aktivität u.a.)
  • Fettzufuhr über Öl, Butter, Sahne, Käse, Eier, Fleisch, Geflügel, Fisch, Oliven, Nüsse, Samen

South-Beach-Diät

  • gemäßigte Low-Carb-Ernährungsform
  • 10 bis 20% der Gesamtenergie in Form von ballaststoffreichen Kohlenhydraten, sechs Mahlzeiten pro Tag
  • Phase 1: ausschließlich Gemüse und Salat als Kohlen­hydratträger, zusätzlich Fisch
  • Phase 2: Zulage von Kohlenhydratträgern mit niedrigem glykämischem Index (Vollkornprodukte, Gemüse, Früchte)
  • Phase 3: Zulage kohlenhydratreicher Lebensmittel bis zum Zeitpunkt erneuter Gewichtszunahme
  • Verzehr fettreicher Lebensmittel fast ausschließlich mit überwiegend einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren (z. B. Pflanzenöle, Nüsse und Fisch)

LOGI-Methode

  • beliebte Low-Carb-Ernährungsform
  • bis 30% der Gesamtenergie in Form von ballaststoffreichen Kohlenhydraten
  • Priorisierung nach glykämischer Last
  • Bevorzugung von proteinreichen Lebensmitteln, besonders zu jeder Mahlzeit
  • Verzehr fettreicher Lebensmittel fast ausschließlich mit überwiegend einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren (z. B. Pflanzenöle, Nüsse und Fisch)

Fazit für die Praxis

  • in Leitlinien formulierte Ernährungsempfehlungen für ­Diabetiker beziehen sich sowohl auf die Prävention der Krankheit als auch auf ihre Therapie;
  • besonderes Augenmerk in der Ernährungstherapie für Diabetiker wird derzeit auf Art und Menge der Kohlen­hydrate sowie die Fettsäurenqualität gelegt;
  • moderne Ernährungstherapie berücksichtigt die individuell bekannten Ernährungsmuster;
  • moderne evidenzbasierte Ernährungskonzepte unterscheiden sich z. B. in der Nährstoffrelation teilweise erheblich von den Ernährungsempfehlungen der Fachgesellschaften;
  • „gesunde Ernährung“ sollte jeder Diabetiker im individuellen Beratungsgespräch mit qualifizierten Ernährungsfachkräften diskutieren;
  • eine Genotyp-basierte, individualisierte Ernährungs­therapie wird derzeit erforscht. |

Literatur

 [1] Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) Nationale und internationale Statements, Stellungnahme der Deutschen Diabetes Gesellschaft zum Positionspapier der Amerikanischen und Europäischen Diabetesgesellschaft (ADA und EASD) zu Strategien der Behandlung des Typ 2 Diabetes. www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Leitlinien/Internationale_Statements/DDG_Stellungnahme_EASD_120525.pdf, Zugriff am 6. Dezember 2014

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 [9] Diätverordnung in der Fassung der Bekanntmachung vom 28. April 2005 (BGBl. I S. 1161), die zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom 25. Februar 2014 (BGBl. I S. 218) geändert worden ist

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Autoren

Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich, Fachapotheker für Klinische Pharmazie, Antibiotic Stewardship-Experte (DGI). 1998 bis 2004 Studium von Biologie und Pharmazie in Münster und Cambridge (UK), 2005 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universitätsfrauenklinik Münster und Promotion über ein Thema zur experimentellen Pharmakotherapie des Mammakarzinoms, 2009 bis 2013 klinische Tätigkeit und pharmakologischer Konsildienst. Seit 2013 Professor und Studiengangsleiter des Studiengangs Clinical Nutrition/Ernährungsmanagement an der Mathias Hochschule Rheine.

Wissenschaftliche Schwerpunkte:

Klinische Ernährung, Klinische Pharmakologie, Arzneimitteltherapiesicherheit und rationale Antiinfektiva-Therapie.

Dipl. med. päd. Birgit Blumenschein, Diätassistentin, 1988 bis 1990 Ausbildung zur staatlich anerkannten Diätassistentin, 1996 bis 2002 Lehrassistentin an medizinischer Fachschule, Fachbereich Diätassistenz, 1997 bis 2003 Studium der Medizinpädagogik an der Charité in Berlin. Seit 2003 selbstständig tätig in eigener Praxis, seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Mathias Hochschule Rheine, Studiengangskoordinatorin des Studiengangs Clinical Nutrition/Ernährungsmanagement, B.Sc.

Wissenschaftliche Schwerpunkte:

Ernährungsmedizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Stoffwechsel und Adipositas; Gesundheitsbildung, Betriebliches Gesundheitsmanagement.