Gesundheitspolitik

Zahlenrätsel um Medikationsplan

Wie viele Patienten werden Anspruch auf den Medikationsplan haben? Eine Hochrechnung zur Polymedikation

BERLIN (lk) | Schon beim komplizierten Retax-Problem stochern der Deutsche Apothekerverband (DAV) und der GKV-Spitzenverband im Nebel: Keiner der künftigen Verhandlungspartner verfügt nach eigenen Angaben über valide Daten zum tatsächlichen Retax-Geschehen. Jetzt wiederholt sich das Zahlenrätsel beim Medikationsplan. Auch im Bundesgesundheitsministerium gibt es keine exakten Daten darüber, wie viele Patienten ab Herbst 2016 einen Anspruch auf den neuen Medikationsplan ab drei regelmäßigen Medikationen erhalten sollen.

Bisher haben sich alle Statistiken zur Polymedikation auf fünf und mehr Verordnungen bezogen. Offenbar hatte niemand damit gerechnet, dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, die von Ärzten und Apothekern gemeinsam aufgestellte Forderung nach einer niedrigeren Schwelle aufgreifen würde.

So hatte der Treuhand-Generalbevollmächtigte Frank Diener kürzlich eine Kostenabschätzung zum Medikationsplan ab der ursprünglich geplanten Grenze von fünf und mehr Medikationen vorgenommen (siehe DAZ 2015, Nr. 17, S. 13). Seine Rechnung gründete auf Daten des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI) und ging von sieben Millionen anspruchsberechtigten Patienten aus. Allerdings verfügt das DAPI über keine Daten zur Anzahl der Patienten, die regelmäßig drei und mehr Arzneimittel anwenden.

ABDA verweist auf Faktenblatt Polymedizin

„Die gewünschten Zahlen können wir Ihnen als Analyse leider nicht anbieten“, lautete auch die Antwort eines ABDA-Sprechers auf eine Anfrage der AZ. Stattdessen verweist die ABDA auf das Faktenblatt „Polymedikation“ vom September 2014. Danach nahmen im Jahr 2011 „über fünf Millionen Versicherte einer gesetzlichen Krankenkasse (GKV) fünf oder mehr unterschiedliche Wirkstoffe in Arzneimitteln zur systemischen Therapie dauerhaft ein“. Über 600.000 Versicherte nahmen sogar zehn oder mehr unterschiedliche Wirkstoffe in der systemischen Daueranwendung ein.

Glaeske rechnet hoch

Bleiben Zahlen aus verschiedenen Reports der Krankenkassen, z. B. dem Barmer GEK-Arzneimittel­report 2013. Dort findet sich eine Analyse zur Polymedikation von Versicherten der Barmer GEK, Deutschlands zweitgrößter Krankenkasse. Die Statistik bezieht sich zwar nur auf Versicherte ab dem 65. Lebensjahr. Laut Herausgeber Professor Gerd Glaeske befindet sich in diesem Altersbereich allerdings der größte Anteil der Polypharmazie-Patienten. Danach erhalten insgesamt 57,5 Prozent dieser Barmer GEK Versicherten drei und mehr Wirkstoffe verordnet. Für die AZ macht Glaeske folgende Hochrechnung auf: „Wenn Sie das in absolute Zahlen umrechnen wollen, müssten Sie die 57,5 Prozent von 2,1 Millionen Versicherten, nämlich 1,21 Millionen mit dem Faktor acht multiplizieren, dann würden Sie etwa die Größenordnung in der gesamten GKV haben.“ Die Barmer GEK versichert rund neun Millionen Menschen, insgesamt sind circa 72 Millionen in der GKV versichert. Glaeske: „Es kämen also etwa 9,7 Mio. Versicherte allein über 65 für die von Ihnen angefragte Fallgruppe zusammen.“ Wie viele Patienten unter 65 Jahren eine Polymedikation mit drei und mehr Verordnungen erhalten, müsste aus den Kassendaten noch statistisch aufbereitet werden. |

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