Nachwuchssorgen

Gibt es in Deutschland (bald) einen Apothekermangel?

Von Juliane Ziegler und Benjamin Wessinger | Immer wieder klagen Apothekenleiter darüber, dass sie Schwierigkeiten haben, approbierte Angestellte zu finden oder einen Filialleiter-Posten zu besetzen. Auch die Suche nach einem Nachfolger, an den die Apotheke übergeben werden kann, gestalte sich oft schwierig. Auf der anderen Seite gibt es Apothekenleiter, die ihre offenen Stellen ohne Probleme besetzen können. Zeichnet sich also ein Apothekermangel ab oder handelt es sich eher um ein gefühltes denn um ein reales Problem?

Für letztere Einschätzung spricht, dass zumindest die ABDA bisher einen tatsächlichen Mangel an Apothekern nicht mit Zahlen belegen kann. Dafür ist die Zahl der in öffentlichen Apotheken tätigen Approbierten von 46.014 im Jahr 2004 auf 48.422 im Jahr 2012 – dem letzten, für das Zahlen vorliegen – gestiegen. (Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der in Apotheken tätigen PTA von gut 44.000 auf über 58.000, die Gesamtzahl der Apotheken nahm von 21.392 auf 20.921 leicht ab – nach einem vorübergehenden Anstieg auf 21.602 im Jahr 2008). Auch ein Blick auf die Universitäten lässt vorerst keinen Apothekermangel befürchten: Die Absolventenzahlen der 22 Pharmazeutischen Institute in Deutschland ist stabil, die Zahl der Pharmaziestudierenden steigt sogar. Im Studienjahr 2007/2008 gab es nach Angaben der ABDA 11.721 Studenten, bis 2011/2012 stieg die Zahl kontinuierlich auf 13.603. Da die Abbrecherquoten beim Pharmaziestudium vergleichsweise niedrig sind und es keine Hinweise darauf gibt, dass die durchschnittliche Studiendauer ansteigt, werden in den kommenden Jahren voraussichtlich eher mehr als weniger junge Apotheker in das Berufsleben einsteigen.

Nicht alle in Vollzeit, nicht alle in der Apotheke

Also alles in Ordnung? Nicht unbedingt. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt etwa warnte auf der Pressekonferenz vor dem Deutschen Apothekertag 2013 vor einem drohenden Nachwuchsmangel in naher Zukunft. Zwar bestätigte er damals auf Nachfrage, dass die Zahl der Apothekerinnen und Apotheker aktuell nicht sinkt. Er gab aber zu bedenken, dass der Bedarf an pharmazeutischem Personal inklusive Approbierten in den öffentlichen Apotheken steige, nicht zuletzt durch die Mehrarbeit aufgrund von Rabattverträgen. Außerdem arbeiten viele angestellte Apothekerinnen und Apotheker in Teilzeit, ein Umstand der sich angesichts des allgemeinen Trends zu eher kürzeren Arbeitszeiten und einem gestiegenen Wert der Freizeit gerade unter hochqualifizierten jüngeren Arbeitnehmern wohl auch in Zukunft nicht ändern wird (siehe Kasten). Dazu kommen die Pharmazeuten, die überhaupt nicht in die öffentliche Apotheke gehen, etwa weil sie eine akademische Karriere einschlagen, in die pharmazeutische Industrie gehen oder sich andere Betätigungsfelder suchen.

Andere Branche, ähnliche Sorgen

Dass die Apotheken mit ihren Nachwuchssorgen nicht alleine dastehen, ist ein schwacher Trost. Der Blick auf die Mediziner zeigt aber, welche Relevanz inzwischen unter jungen Akademikern die sogenannte Work-Life-Balance hat. Unter dem Titel „Der alte Arzt hat ausgedient“ widmete sich schon im April 2012 ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung diesem Problem (www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/generation-y-der-alte-arzt-hat-ausgedient-11729029.html). Klinikdirektoren berichten darin über ihre Erfahrung mit der sogenannten „Generation Y“ der ab 1981 Geborenen, denen geregelte Arbeitszeiten wichtiger seien als der berufliche Aufstieg. „Ich denke, das steht ganz oben ...“, werden in dem Artikel junge Assistenzärzte zitiert, „... dass man nicht zu viel arbeitet“. Oder: „Man sollte sich in Deutschland viel stärker ein Vorbild nehmen an skandinavischen Ländern, wo der Dienstschluss genau eingehalten wird.“ – Ein großes Problem für Krankenhäuser, aber auch für Apotheken, die oft eine hohe Flexibilität der Arbeitszeiten voraussetzen.

Noch gar nicht berücksichtigt sind bei dieser Betrachtung die Probleme, die der demografische Wandel in den kommenden Jahrzehnten bewirken könnte. Eine stetig wachsende ältere Bevölkerung bedeutet eher zunehmende Aufgaben und mehr Arbeit für die Apotheken, was sich in einem steigenden Personalbedarf ausdrücken dürfte. Gleichzeitig stehen immer weniger junge Leute zur Verfügung, diese Aufgaben wahrzunehmen. Da der Mangel an Berufsnachwuchs in einer alternden Gesellschaft sehr viele Branchen treffen wird, dürfte sich ein Konkurrenzkampf zwischen den Branchen und Berufen um junge Leute entwickeln.

Keine Schließung wegen fehlendem Apotheker

Aktuell scheint die Situation jedoch von solchen Szenarien noch weit entfernt zu sein. So sagt beispielsweise der stellvertretende Geschäftsführer der Sächsischen Landesapothekerkammer, Tobias Hückel, dass bislang in Sachsen noch keine Apotheke schließen musste, weil es zu wenig Apotheker gebe. Auch Dr. Frank Diener von der Treuhand Hannover betont, dass die zunehmenden Apothekenschließungen der letzten Zeit ihren Grund in der wirtschaftlichen Situation der Apotheken haben, nicht darin, dass keine Apotheker für eine Nachfolge zur Verfügung stünden. Es spreche viel für die These, dass bei besserer betriebswirtschaftlicher Lage der Apotheken auch mehr (junge) Apotheker ein Interesse an der Selbstständigkeit hätten. „Wir bemerken jedenfalls, dass das Interesse an gut aufgestellten Betrieben ungebremst groß ist – aber eben auch nur an solchen gut aufgestellten Betrieben“, sagt Diener. An den anderen, nicht so gut aufgestellten sei das Interesse hingegen dramatisch gesunken – wie die Schließungen zeigten.

Problem auf dem Land ...

Bei der ABDA schätzt man die Situation allerdings anders ein. „Ein Nachwuchsmangel an Apothekern besteht insbesondere in ländlichen Gebieten“, betont ABDA-Sprecherin Ursula Sellerberg. Und dieses Problem werde sich in den kommenden zehn Jahren verschärfen. Denn ein Drittel der Apothekenleiter werde in diesem Zeitalter das Rentenalter erreichen und einen Nachfolger suchen. Sellerberg macht noch auf ein weiteres Problem aufmerksam: Vor allem die ostdeutschen Bundesländer müssen in den kommenden Jahren das altersbedingte Ausscheiden der Pharmazieingenieure kompensieren. Dieses Problem sieht auch die Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, die die Nachwuchssorgen zu einer der drei drängendsten Aufgaben im Apothekenbereich zählt, die der neue Bundesgesundheitsminister dringend angehen muss. In den vergangenen Jahren sei zwar die Zahl der Beschäftigten in Sachsen-Anhalts Apotheken gestiegen – „man beachte jedoch den sinkenden Anteil approbierter Apotheker – das nennen wir Fachkräftemangel“, erklärt Martin Wolff, Sprecher der Kammer. Und auch er sagt: „Je weiter eine Apotheke von den Ballungsräumen entfernt ist, umso schwerer gestaltet sich die Suche nach Approbierten.“

Diese Sichtweise bestätigen Apothekenleiter aus Kleinstädten oder Dörfern. Der bayerische Apotheker Jarrko Seidel beispielsweise hat für seine Hubertus-Apotheke im bayerisch-schwäbischen Thannhausen im vergangenen Jahr vergeblich eine Apothekerin oder einen Apotheker gesucht. Überhaupt nur eine einzige Bewerberin habe sich bei ihm gemeldet, die am Ende in eine andere Apotheke gegangen sei. Er hat die Suche danach aufgegeben. Ähnliche Erlebnisse hatte auch Stefan Zerrle im etwa 40 Kilometer entfernten Bad Wörishofen vor einigen Jahren gemacht. Ende letzten Jahres konnte er nun doch eine Apothekerin einstellen. „Diesmal haben sich sehr schnell vier Bewerberinnen gemeldet“, erzählt der Inhaber der Eichwald-Apotheke. Im Umkreis hätten im vergangenen Jahr einige Apotheken schließen müssen, deren Angestellte seien nun auf der Suche nach einer neuen Stelle gewesen. Die Idee, Pharmazeuten im Praktikum nach Bad Wörishofen locken zu können, um sich so den Nachwuchs praktisch selbst heranzuziehen, habe er sehr schnell aufgegeben.

... aber auch in den Städten

Der Aussage, in den größeren Städten sei die Personalsituation entspannt, widerspricht Peter Angelmaier, Senior-Chef der Centrum-Apotheke in der Münchener Innenstadt. Zwar gebe es auf Stellenanzeigen durchaus Bewerbungen. Die langen Öffnungszeiten, die in Innenstadtlagen oder Centern nötig seien, schreckten jedoch viele potenzielle Mitarbeiter ab. Denn durch die langen Öffnungszeiten müssten seine Mitarbeiter bei ihren Arbeitszeiten sehr flexibel sein, wozu nicht jeder bereit sei. Ein weiteres Problem seien die hohen Mieten, die manchen Bewerber an Ende davon abhalten, in eine Großstadt wie München zu ziehen.

Aktive Nachwuchsförderung

Was also tun gegen den – drohenden oder schon bestehenden – Nachwuchsmangel? „Die Mitgliedsorganisationen der ABDA und auch die ABDA selbst werden ihre Aktivitäten der Nachwuchsgewinnung verstärkt koordinieren und intensivieren“, erklärt ABDA-Sprecherin Ursula Sellerberg. Schon in den vergangenen Jahren gab es Bemühungen in diese Richtung. So startete die ABDA zum „Tag der Apotheke“ 2010 die Kampagne „Studier‘ Pharmazie“. Bis heute werden auf der Website www.studier-pharmazie.de Informationen über das Studium, mögliche Studienorte und den späteren Beruf für potenzielle Pharmaziestudenten bereitgestellt. Interessierte junge Leute können sich beispielsweise in kurzen Webvideos über die Lerninhalte des Pharmaziestudiums informieren. Auch die Landeapothekerkammern sind aktiv. Im Herbst letzten Jahres hat die Landesapothekerkammer Thüringen am „Tag der Pharmazie“ unter dem Motto „Helden der Gesundheit“ das Thema Nachwuchsmangel in die Öffentlichkeit getragen. Und die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg hat die „Akademischen Ausbildungsapotheken“ gegründet, mit denen unter anderem das Ziel verfolgt wird, Pharmazeuten im Praktikum auch in Apotheken in ländlichen Gebieten zu „locken“. 

Ein gefühltes Problem? 

Ein Kommentar von Benjamin Wessinger

Dr. Benjamin Wessinger ist Chefredakteur der DAZ

Schon vor zehn Jahren, noch als Pharmaziestudent, wurde ich auf einem Bayerischen Landesapothekertag von mehreren Apothekern bekniet, mein Praktisches Jahr doch unbedingt bei ihnen im Allgäu/im Chiemgau/in Niederbayern zu absolvieren. Der eine bot kostenlose Unterkunft, der andere traumhafte Arbeitszeiten, der dritte übertarifliche Bezahlung.

Das Problem, dass gerade Landapotheken große Schwierigkeiten haben, freie Stellen zu besetzen, ist also nicht neu. Die harten Zahlen scheinen zwar zu belegen, dass es aktuell keinen Mangel an angestellten Apothekern gibt – immer mehr Approbierte arbeiten in immer weniger Apotheken. Es gibt dabei aber, ähnlich wie bei den Ärzten, große regionale Unterschiede.

Dazu kommt, dass die offiziellen ABDA-Zahlen „Köpfe“ ausweisen, es wird die Anzahl der in den Apotheken arbeitenden Personen angegeben, nicht die Anzahl der (Vollzeit-)Stellen. Der Arbeitskräftemangel könnte also größer sein, als es den Anschein hat, da die Teilzeitkräfte nicht ausgewiesen werden. Und Teilzeitkräfte gibt es in den Apotheken ja wahrlich nicht wenige.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf den hohen und weiterhin steigenden Frauenanteil hingewiesen. Denn solange in den meisten Beziehungen die „klassische“ Rollenverteilung mit dem Mann als Hauptverdiener gelebt wird, wird eher die Frau aus dem Beruf aussteigen und zugunsten der Karriere des Partners auf eine (Vollzeit-)Berufstätigkeit verzichten.

Es müssten also die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass mehr Frauen in Vollzeit arbeiten wollen und können als bisher. Das ist natürlich eine gesellschaftliche Aufgabe, aber auch die Arbeitgeber müssen ihren Beitrag leisten. Zum einen durch eine angemessene Bezahlung, zum anderen durch flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten, wie sie viele Apotheken heute schon vorbildlich bieten.

Bisher scheint es sich beim Apothekermangel eher um ein „gefühltes“ Problem zu handeln. Viele Apothekenleiter spüren, dass die Zahl der Bewerber auf offene Stellen nachlässt, dass sie schwerer neue Mitarbeiter finden, dass weniger Apotheker sich selbstständig machen wollen. Die Apothekerschaft ist gut beraten, auf dieses Gefühl zu hören! Wir müssen heute Maßnahmen ergreifen, um den Apothekerberuf attraktiv zu halten, ihn fachlich wie wirtschaftlich weiterzuentwickeln.

Wenn wir abwarten, bis sich die gefühlte Entwicklung in harten Zahlen niederschlägt, könnte es dafür schon zu spät sein.

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