Gesundheitspolitik

Nachwuchs dringend gesucht!

Sorge um Apothekensterben erreicht die Publikumspresse

STUTTGART (vobu/cha) | Nachwuchsmangel, Apothekensterben und drohende Versorgungsengpässe sind in Fachkreisen schon lange ein Thema – jetzt berichtet zunehmend auch die Publikumspresse darüber.

Ob „Märkische Allgemeine“, die „Welt“ oder die „Apotheken Umschau“: Sie alle schreiben über den mangelnden Nachwuchs im Apothekensektor. Betroffen ist vor allem der ländliche Raum: Den pharmazeutischen Nachwuchs zieht es in die Städte, dazu kommt, dass Landärzte ebenfalls häufig keinen Nachfolger finden – und mit dem Arzt auch die Apotheke verschwindet. Kammern und Verbände versuchen, hier gegenzusteuern und den Uniabsolventen das Land­leben schmackhaft zu machen. Aus pharmazeutischer Sicht äußerst bedenklich erscheint dagegen, dass mancher Politiker eine Rezeptsammelstelle durchaus als Ersatz für die Land­apotheke ansieht: Wich­tiger als eine Dorfapotheke sei, so ein Sprecher des brandenburgischen Gesundheitsministeriums, „dass der Patient zu seinem Medikament kommt“.

Die Geschäftsführerin der Landesapothekerkammer (LAK) Brandenburg, Kathrin Fuchs, warnte in der Märkischen Allgemeinen vor einer problematischen Entwicklung der Anzahl der Apotheken im Land. 575 gibt es dort aktuell nach Angaben der LAK. Diese Zahl könne aber womöglich schon bald geringer werden, befürchtet Fuchs. Der Grund: Vor allem die vergebliche Suche nach Nachfolgern – insbesondere in den ländlicheren Gebieten. Da statistisch gesehen in den kommenden zehn Jahren nicht nur in Brandenburg, sondern bundesweit nach einer Schätzung der ABDA ein Drittel der Apotheker in den Ruhestand geht, fürchtet Fuchs langfristig um die Versorgung der Bevölkerung.

© Kai Felmy

Junge Leute zieht es in die Städte

Auch in Sachsen sieht der Sächsische Apothekerverband (SAV) das Problem der demografischen Entwicklung. Die „Welt“ zitierte deren Vorsitzenden, Thomas Dittrich, die Suche nach Nachfolgern gestalte sich im ländlichen Raum schwieriger als in den Ballungsräumen. Ende des vergangenen Jahres zählte der SAV 991 Apotheken in Sachsen. Lutz Gebert, Sprecher der Thüringer Apothekerkammer, hatte im Januar gegenüber der Thüringer Allgemeinen geschätzt, dass rund jede zehnte Apotheke in dem Bundesland in den kommenden Jahren schließen könnte. Im September 2015 gab es 561 Apotheken in Thüringen.

Die jungen Leute zöge es immer mehr in die Städte, sodass die Nachfolger mit der entsprechenden Qualifikation auf dem Lande fehlen würden. So erklärte ABDA-Sprecherin Ursula Sellerberg bereits im Januar gegenüber DAZ.online, warum viele Apotheker vergebens suchen und viele Dorf­apotheken ihre Türen endgültig schließen, wenn der Inhaber in den Ruhestand geht. Die Beispiele nicht nur aus dem Osten der Republik, sondern bundesweit häufen sich – exemplarisch in der jüngeren Vergangenheit etwa aus Holzkirchen und Schwarzach in Bayern oder Herzhorn in Schleswig-Holstein.

Indes sieht die ABDA die flächendeckende Arzneimittelversorgung insgesamt weiterhin gewährleistet. Dennoch sinkt die Zahl der Apotheken weiter. Zuletzt hat die ABDA im September 20.296 Apotheken gezählt. Ende 2014 waren es noch 20.441.

Stärkste Rückgänge nach Berücksichtigung von Neueröffnungen und Schließungen verzeichneten die beiden Landesapothekerkammern in Nordrhein-Westfalen zusammen mit insgesamt 46 weniger Apotheken. Zwischen Ende 2014 und September 2015 sank die Zahl von 4388 auf 4342. In Baden-Württemberg waren es 26 Apotheken weniger, die Zahl sank hier im gleichen Zeitraum von 2612 auf 2586.

Zuwächse gab es nur in Bremen, das zwei Apotheken mehr verzeichnen konnte. In Brandenburg und im Saarland gab es in diesem Zeitraum in der Summe keine Veränderung, in den übrigen Bundesländern jeweils ein Minus. In den letzten drei Monaten schlossen aber auch in Brandenburg noch vier Apotheken, und die zum Teil noch nicht vollständig erhobenen Zahlen der übrigen Länder dürften die negative Tendenz für das Gesamtjahr bestätigen.

Verstärkt wird das Problem durch die ebenfalls weiter zurückgehende Zahl der Ärzte insbesondere auf dem Land, wo Praxen zum Teil mit dem gleichen Problem des Nachfolgermangels zu kämpfen haben. Dazu kommen die allgemein weiterhin schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Apotheker, von denen sich Anfang 2015 laut ABDA-Präsident Friedemann Schmidt rund ein Viertel in einer betriebswirtschaftlich schwierigen Situation sah.

Gänzlich hilflos stehen Verbände und Kammern dem Nachwuchsmangel allerdings nicht gegenüber. In Sachsen-Anhalt etwa bemüht sich die LAK, bereits die Studierenden aufs Land zu holen. Im Januar richtete sie zum dritten Mal eine Praktikumsbörse aus, bei der Pharmaziestudenten und Apotheker, die nach Fachkräften suchen, zueinanderfinden konnten. „Ich kann sie nur ermuntern, sich für eine Ausbildungsapotheke in einer ländlichen Region zu entscheiden. Denn dort nehmen sich die Apotheker und ihre Mitarbeiter oft mehr Zeit für ihre Schützlinge“, warb dort etwa der Vizepräsident der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, Lars Mohrenweiser.

In Brandenburg macht sich die Landesapothekerkammer für einen Studiengang Pharmazie im Bundesland stark, in Sachsen kämpft der SAV dafür, den seit dem Jahr 2011 von Schließung bedrohten Studiengang an der Uni Leipzig zu erhalten.

Arbeitslose Kollegen aus Spanien

Einen ganz anderen Weg geht die im nordrhein-westfälischen Lengerich ansässige Apothekenkooperation Migasa: Sie holte im letzten Sommer 14 junge Spanier und Spanierinnen nach Deutschland, die nach dem Pharmaziestudium arbeitslos waren (siehe auch DAZ 2015, Nr. 42, S. 62: "Die Chance meines Lebens"). Die meisten von ihnen blieben, lernen eifrig Deutsch und hospitieren in Apotheken. Vier haben zwischenzeitlich nach Bestehen der C1-Fachsprachenprüfung die Approbation erhalten und arbeiten nun in ihren Ausbildungsapotheken.

Rezeptsammelstellen als Lösung?

Das Landesgesundheitsministerium Brandenburgs betrachtet das Problem wiederum von einer anderen Seite. „Natürlich kann nicht in jedem Dorf eine Apotheke sein“, sagte Ministeriumssprecher Gabriel Hesse der Märkischen Allgemeinen. Auch auf dem flachen Land sei die Versorgung gesichert, etwa durch Rezeptsammelstellen. „Wichtiger als eine Dorfapotheke ist, dass der Patient zu seinem Medikament kommt“, so Hesse.

Ob eine Rezeptsammelstelle eingerichtet werden kann, ist in § 24 ApBetrO geregelt. Dies geht nur, wenn „zur ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung von abgelegenen Orten oder Ortsteilen ohne Apotheken eine Rezeptsammelstelle erforderlich ist“. Nicht immer ist das der Fall, wie jüngst das Beispiel aus dem Kölner Stadtteil Merkenich zeigte. Dort lehnte die Apothekerkammer Nordrhein eine Rezeptsammelstelle ab, weil im Umkreis von nur fünf Kilometern Apotheken zu finden seien.

Die ApBetrO sehe verschiedene Instrumente vor, um auch besondere regionale Herausforderungen zu bewältigen, sagte ein Sprecher der ABDA. „Wenn Rezeptsammelstellen die beste lokale Lösung für ein aufkommendes Versorgungsproblem darstellen, kann man dies im Sinne der dort lebenden Patienten natürlich nur begrüßen.“

Zweigapotheken nur bei Notstand

Das Apothekengesetz (ApoG) kennt allerdings bei Versorgungsengpässen noch andere Möglichkeiten. So bestimmt § 16: „Tritt infolge Fehlens einer Apotheke ein Notstand in der Arzneimittelversorgung ein, so kann die zuständige Behörde dem Inhaber einer nahe gelegenen Apotheke auf Antrag die Erlaubnis zum Betrieb einer Zweigapotheke erteilen, wenn dieser die dafür vorgeschriebenen Räume nachweist.“ Eine Zweig­apotheke ist, anders als eine Filiale, eine „Apotheke light“; sie muss nur aus einer Offizin, ausreichendem Lagerraum und einem Nachtdienstzimmer bestehen. Geführt wird sie von einem Verwalter, die Erlaubnis wird jeweils für fünf Jahre erteilt und kann verlängert werden.

Lässt sich ein Notstand nicht beheben, so kann nach § 17 ApoG „die zuständige Behörde einer Gemeinde oder einem Gemeindeverband die Erlaubnis zum Betrieb einer Apotheke unter Leitung eines von ihr anzustellenden Apothekers erteilen, wenn diese die nach diesem Gesetz vorgeschriebenen Räume und Einrichtungen nachweisen“. Letztere gibt es nach Kenntnis der ABDA keine – Zweigapotheken aber sehr wohl noch einige. So werden in Niedersachsen zwei Zweigapotheken betrieben. Nach Auskunft der Landesapothekerkammer kann in beiden Fällen an diesem Standort keine Vollapotheke geführt werden, die sich für einen selbstständigen Apotheker rentiert. Da gemäß Apothekengesetz § 16 ein Notstand in der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung gegeben ist, habe man einer jeweils nahe gelegenen Apotheke erlaubt, diese Apotheke als Zweig­apotheke zu betreiben. In Brandenburg gibt es schon seit Langem fünf Zweigapotheken. Laut Auskunft der Landesapothekerkammer habe man nach Zulassung der Filialapotheken diskutiert, ob es künftig keine Zweigapotheken mehr geben solle. Da Filialen sich an den jeweiligen Standorten nicht tragen würden, wäre die Alternative eine Rezeptsammelstelle – weshalb man sich aus naheliegenden Gründen für die Beibehaltung der Zweigapotheken entschieden habe.

Nicht nur die zukünftigen Chefs fehlen

Der Nachwuchsmangel beschränkt sich allerdings nicht nur auf die zukünftigen Apothekenleiter: Auch bei den PTAs und PKAs sieht es nicht gerade rosig aus. Schützenhilfe im Interesse der Apotheker leistet hier die Apotheken Umschau und preist in ihrer aktuellen Ausgabe die Apothekenberufe als attraktiv, familienfreundlich und interessant an.

Insgesamt können die Apotheker sich freuen, dass sich die Publikumspresse zunehmend für das Thema Nachwuchsmangel und Apothekensterben interessiert. Gelingt es noch, den Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung und den fehlenden Honorarerhöhungen herzustellen, so könnte dies den Druck auf die Politik erhöhen, hier den Apothekern mehr entgegen­zukommen. Wie erfolgreich eine solche Mobilisierung der Öffentlichkeit sein kann, haben Berufsgruppen wie Ärzte, Krankenschwestern und Erzieher in der Vergangenheit schon bewiesen. |


Lesen Sie hierzu auch den Kommentar "Zu viele Apothekerinnen?".


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