Arzneipflanzenporträt

Echinacea und seine Alkamide

Neue Erkenntnisse zur therapeutischen Wirksamkeit

Von Karin Ardjomand-Wölkart und Rudolf Bauer | Trotz zahlreicher neuer Untersuchungen kann die therapeutische Wirkung von Echinacea nicht eindeutig einem bestimmten Inhaltsstoff zugeschrieben werden. Allerdings deuten die jüngsten Daten darauf hin, dass die Alkamide aufgrund zahlreicher immunmodulatorischer und entzündungshemmender Eigenschaften eine sehr wichtige Rolle spielen. Sie binden an CB2-Rezeptoren, was einen Teil der therapeutischen Effekte erklären kann. Zudem ist nachgewiesen, dass die Echinacea-Alkamide nach oraler Applikation pharmakologisch relevante Blutspiegel erreichen. Daher erscheint es gerechtfertigt, sie zur Standardisierung von Echinacea-Präparaten heranzuziehen.
Foto: Rudolf Bauer

Echinacea-Präparate zählen bei uns zu den beliebtesten pflanzlichen Arzneimitteln zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungskrankheiten. Sie werden in erster Linie als immunmodulatorische Mittel eingesetzt. Es sind eine Vielzahl unterschiedlicher Zubereitungsformen auf dem Markt: wässrige Frischpflanzenpresssäfte, alkoholisch-wässrige Tinkturen, Teezubereitungen, Tabletten und Kapseln mit pulverisierter Droge oder Trockenextrakten. Zudem stammen die Präparate von drei verschiedenen Echinacea-Arten: Echinacea purpurea (L.) MOENCH, Echinacea angustifolia DC. und Echinacea pallida (NUTT.) NUTT.

Aus historischen und pflanzenanbautechnischen Gründen wird in Deutschland Echinacea purpurea am meisten verwendet. Darüber hinaus werden unterschiedliche Pflanzenteile eingesetzt: die Wurzeln, das Kraut oder auch die gesamte Pflanze.

Das erklärt, dass sich Echinacea-Präparate in ihrer Zusammensetzung sehr unterscheiden können. Ein Frischpflanzenpresssaft weist im Vergleich zu alkoholischen Extrakten erhebliche Unterschiede in den Inhaltsstoffen auf und kann sich daher auch in der Wirksamkeit unterscheiden. Unterschiedliche Inhaltsstoffmuster erhält man auch bei der Verwendung von Wurzeln im Vergleich zum Kraut, und natürlich auch bei der Verwendung unterschiedlicher Arten (Bauer und Wagner, 1990). Daher muss die Spezifikation der Präparate bei einer wissenschaftlichen Evaluierung berücksichtigt werden.

Inhaltsstoffe und Analytik

Unter den aus Echinacea-Arten isolierten Inhaltsstoffen, wie Kaffeesäurederivate, Flavonoide, Polyacetylene, Pyrrolizidinalkaloide, Polysaccharide und Glykoproteine, haben sich die Alkamide als besonders interessant erwiesen. Sie finden sich in der lipophilen Fraktion der oberirdischen Pflanzenteile von E. purpurea, E. pallida und E. angustifolia sowie (in höherer Konzentration) in den Wurzeln von E. purpurea und E. angustifolia (Übersicht bei Bauer, 1999). Verschiedene Untersuchungen belegen, dass Echinacea-Alkamide nach oraler Applikation rasch resorbiert werden und im Blut nachweisbar sind, nicht dagegen die Kaffeesäurederivate.

Eine Standardisierung von Echinacea-Präparaten mittels HPLC ist möglich (Bauer, 1997) und soll nun auch in die E. purpurea-Presssaft-Monografie des Europäischen Arzneibuches aufgenommen werden. Der Entwurf wird in Kürze in Pharmeuropa publiziert (http://pharmeuropa.edqm.eu/home).

Daneben erfolgt eine Qualitätskontrolle anhand der Kaffeesäurederivate (Cichoriensäure bei E. purpurea bzw. Echinacosid bei E. pallida). Polysaccharide und Glykoproteine tragen bei polaren Zubereitungen vermutlich ebenfalls zur Wirkung bei, allerdings erweist sich ihre Analyse immer noch als schwierig. ELISA-Methoden erscheinen für die Zukunft als am meisten erfolgversprechend (Bossy et al., 2009).

Experimentelle Studien

In den letzten Jahren wurden zahlreiche In-vitro-Untersuchungen mit einzelnen Inhaltsstoffen und Gesamtextrakten durchgeführt, um Anhaltspunkte bezüglich der immunmodulierenden Wirkmechanismen zu bekommen. Mithilfe von Rezeptorbindungsstudien konnte gezeigt werden, dass Echinacea-Alkamide Affinitäten zu den Cannabinoidrezeptoren aufweisen und auf diesem Wege bestimmte Effekte im Immunsystem auslösen (Gertsch et al., 2004; Woelkart et al., 2005). Auffällig ist die strukturelle und funktionelle Ähnlichkeit von Echinacea-Alkamiden und Anandamid, einem endogenen Liganden des G-Protein-gekoppelten CB2-Rezeptors.

CB2-Rezeptoren sind in großen Mengen in verschiedenen Typen von Entzündungszellen und immunkompetenten Zellen vorhanden (Matias et al., 2002). Es ist auch bekannt, dass Cannabinoide sowohl hemmende als auch stimulierende Effekte auf das Immunsystem ausüben, indem sie die Zytokin-Expression modulieren (Croxford und Yamamura, 2005; Klein et al., 2003). Generell inhibierten Echinacea-Alkamide und Anandamid das Lipopolysaccharid-induzierte Entzündungsgeschehen in menschlichem Vollblut stark und übten modulierende Effekte auf die Zytokin-Expression aus, wobei diese Effekte nicht ausschließlich der Bindung an CB2 zuzuschreiben sind.

Jüngste Studien haben gezeigt, dass Echinacea-Extrakte auch direkt gegen Grippe-, Herpes- und Coronaviren wirken (Schapowal, 2013). Selbst geringste Konzentrationen von Extrakten aus E. purpurea oder E. pallida zeigten signifikante Wirkungen gegen Influenza-, Herpes- und RSV-Viren (Pleschka et al., 2009; Sharma et al., 2009; Hudson, 2012; Schneider et al., 2010). Der entsprechende Wirkmechanismus und die beteiligten Wirkstoffe konnten noch nicht identifiziert werden; die bisher bekannten Substanzen scheinen dafür jedoch nicht infrage zu kommen.

Klinische Studien

Die klinische Studienlage ist bei Echinacea-Präparaten immer noch nicht zufriedenstellend. Es deuten zwar viele Studien auf eine Wirkung hin, insbesondere bei Zubereitungen aus dem Kraut von E. purpurea. Aber wegen der unterschiedlichen Zusammensetzung der geprüften Zubereitungen sind die Ergebnisse der Studien widersprüchlich und nicht aussagekräftig. In Zukunft sollten klinische Studien mit klar definierten Produkten gemacht werden.

Das Nebenwirkungs- und Interaktionspotenzial von Echinacea-Präparaten ist nicht besorgniserregend. Kontraindikationen bei Autoimmunerkrankungen erscheinen nicht gerechtfertigt. Die Vorsichtsmaßnahme, Atopiker nicht mit „Echinacea“ zu behandeln, ergibt sich aus der allgemein bekannten Allergenität gegen Pollenproteine von Asteraceen. Ein besonderes Risiko für Kinder über einem Jahr ist nicht dokumentiert.

Regulatorische Situation

Die deutsche Kommission E hat zwei positive Echinacea-Monografien verfasst:

  • für den Presssaft aus dem Kraut von E. purpurea zur unterstützenden Behandlung rezidivierender Infekte im Bereich der Atemwege und der ableitenden Harnwege sowie äußerlich bei schlecht heilenden oberflächlichen Wunden und
  • für die alkoholische Tinktur aus E.-pallida-Wurzeln zur unterstützenden Therapie grippeartiger Infekte.

Mittlerweile hat auch das Herbal Medicinal Products Committee (HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) entsprechende Anwendungsempfehlungen publiziert. Einzig für den Presssaft aus den oberirdischen Teilen von E. purpurea wurde ein „well established medicinal use“, d.h. die Wirksamkeit ist aufgrund langjähriger Erfahrung als plausibel anerkannt. Die Wurzelextrakte von E. purpurea und E. pallida sowie die topische Anwendung des E.-purpurea-Presssaftes bei kleinen oberflächlichen Wunden sind in der Kategorie „Traditional Herbal Medicinal Products“ eingestuft worden, für die wissenschaftliche Studien notwendig sind. Für Echinacea angustifolia gibt es bisher mangels Daten noch keine Anwendungsempfehlung, was allerdings nicht heißt, dass E. angustifolia unwirksam ist. 

Autoren

Priv.-Doz. Dr. Karin Ardjomand-Wölkart
Univ.-Prof. D. Rudolf Bauer

Institut für Pharmazeutische Wissenschaften, Pharmakognosie,
Karl-Franzens-Universität Graz

Universitätsplatz 4/I, A-8010 Graz

ka.woelkart@uni-graz.at,

rudolf.bauer@uni-graz.at

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