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Palmitoylethanolamid gegen Schmerzen - Ein sicheres diätetisches Lebensmittel für medizinische Zwecke?

Foto Springer MedizinSPLAgentur Focus; Fotomontage DAZekr
Eine Kommentierung von Sylke Neser und Dieter Schrenk |Glaubt man den vielfältigen Ankündigungen zu Palmitoylethanolamid, dann steht mit diesem Fettsäureamid eine natürliche Substanz zur Verfügung, die die Therapie chronischer Schmerzen revolutionieren könnte. Vertrieben wird die als alternatives Schmerzmittel ohne Nebenwirkungen gehandelte Substanz als diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke. Werden hier wieder gesetzliche Spielräume genutzt, um mit falschen Versprechungen Hoffnungen zu schüren?
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Abb. 1: Strukturformel von Palmitoylethanolamid.

Palmitoylethanolamid (N-(2-Hydroxyethyl)-hexadecanamid; Abb. 1), ein Ethanolaminderivat der Palmitinsäure, ist ein Fettsäureamid, welches in Zusammenhang mit Wirkungen auf das endocannabinoide System diskutiert wird [Pertwee et al., 2010]. Aktuell findet Palmityolethanolamid (PEA) unter der Kennzeichnung als diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke Verwendung für ergänzende bilanzierte Diäten.

In Form von Tabletten und Mikrogranuli unter den Markennamen Normast® und Pelvilen® ist PEA (über das Internet) in Deutschland käuflich zu erwerben [Hesselink, 2012]. Bei Pelvilen® handelt es sich um ein Kombinationspräparat bestehend aus PEA (400 mg) und dem Resveratrol-Glucosid trans-Polydatin (40 mg). Die deklarierten Gehalte von 300 bis 600 mg PEA sollen laut Literatur bei der Schmerztherapie, insbesondere bei chronischen Unterleibs- und neuropathischen Schmerzen, Anwendung finden und analgetisch, anti-inflammatorisch sowie neuroprotektiv wirken [Petrosino et al., 2010].

Phosphatidylethanolamine, Endocannabinoide und die Schmerzregulation

Endocannabinoide stellen aus Membranbestandteilen wie Phosphatidylethanolaminen abgeleitete lokale Neuromodulatoren dar, welche on demand, also bei Bedarf, aus in Zellmembranen vorliegenden Vorläufermolekülen synthetisiert werden. Die neuromodulatorischen Eigenschaften der Endocannabinoide resultieren aus ihrer Affinität zu Cannabinoid(CB)-Rezeptoren und sind unter anderem an der Regulation des Schmerzempfindens beteiligt [Natarajan et al., 1982; Rice et al., 2002].

Hinsichtlich des endocannabinoiden Systems sind die G-Protein-gekoppelten Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 beschrieben [Howlett et al., 2002]. CB1-Rezeptoren sind vornehmlich präsynaptisch im zentralen und peripheren Nervensystem lokalisiert, wo sie infolge von Agonist-Interaktionen die Transmitterfreisetzung hemmen. CB2-Rezeptoren kommen hauptsächlich in peripheren Geweben und Zellen des Immunsystems vor [Facci et al., 1995]. Die auf Immunzellen befindlichen CB2-Rezeptoren sind mitunter beteiligt an der Cytokin-Freisetzung, wie an der Freisetzung von Interleukin 4 [Klein et al., 1998; Maestroni, 2004].

PEA: Fettsäureamid mit "cannabinomimetischen" Eigenschaften?

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Abb. 2: N-Arachidonylethanolamin (A) und 2-Arachidonylglycerol (B).

Die ersten identifizierten Endocannabinoide waren N-Arachidonylethanolamin (Anandamid) und 2-Arachidonylglycerol (Abb. 2) [Devane et al., 1992a; Devane et al., 1992b; Sugiura et al., 1995]. PEA gilt grundsätzlich nicht als Endocannabinoid, jedoch werden in der Literatur ‚cannabinomimetische’ Eigenschaften der Substanz diskutiert. So wurden PEA-vermittelte analgetische Effekte in Mäusen beobachtet, die unter Einwirkung eines CB2-Rezeptor-Antagonisten reversibel waren [Calignano et al., 1998; Calignano et al., 2001]. Weiterhin verzeichneten die Autoren synergistische analgetische Effekte bei kombinierter Gabe mit dem endocannabinoiden CB1-Rezeptor-Agonisten Anandamid [Calignano et al., 1998]. Bei in der Harnblase weiblicher Ratten induzierten Entzündungen vermochte die Gabe von PEA (2,5 bzw. 10-30 mg/kg KG) die mit der Entzündung einhergehende viscero-viszerale Hyperreflexie zu vermindern, wohingegen keine prophylaktischen Wirkungen durch PEA verzeichnet wurden [Farquhar-Smith et al., 2002; Jaggar et al., 1998a; Jaggar et al., 1998b]. In vitro zeigte PEA in Untersuchungen an Mastzellsystemen eine schwache Bindungsaffinität gegenüber CB2-Rezeptoren [Facci et al., 1995]. In diesem Zusammenhang wird ein möglicher negativer regulatorischer Effekt auf die Aktivierung von Mastzellen diskutiert. Demgegenüber stehen weitere In-vitro-Untersuchungen, bei welchen für PEA keine CB-Rezeptorbindungsaffinitäten festgestellt wurden [Lambert et al., 1999; Sheskin et al., 1997].

Kleine Studien weisen auf Schmerzreduktion, aber auch auf Nebenwirkungen hin

In einer randomisierten Split-mouth(links-und rechtsseitige Zahnextraktion)-Einfachblindstudie an 30 Patienten zur Frage postoperativer Effekte von PEA auf das Schmerzempfinden nach der Extraktion von Weisheitszähnen ermittelten die Autoren Bacci et al. (2011) eine Schmerzminderung um eine Einheit auf einer 10 Einheiten umfassenden visuellen Analogskala (VAS). Die Patienten erhielten über 15 Tage jeweils 600 mg PEA täglich. Hierbei wurden zwei unerwünschte Wirkungen nach der Einnahme von PEA beschrieben, wobei in einem Fall über Benommenheit und in einem anderen Fall über Herzrasen berichtet wurde [Bacci et al., 2011]. In einer weiteren Studie wurden 30 Patienten mit neuropathischen Schmerzen im Alter von 32 bis 78 Jahren für 45 Tage mit einer Kombination aus Pregabalin (75 – 200 mg/Tag) und PEA (600 mg/Tag) behandelt. Beobachtet wurde eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität auf einer 10 Einheiten umfassenden visuellen Analogskala (VAS) von VAS > 7 zu VAS < 2 (Desio et al., 2010). Die Wirkungen durch Pregabalin alleine, welches selbst zur Schmerzbehandlung bei peripherer Neuropathie zugelassen ist [Pfizer, 2004], wurden nicht untersucht. Weiterhin wurde der Einfluss von Pelvilen® auf die Intensität chronischer Unterleibsschmerzen bei Endometriose untersucht [Cobellis et al., 2011; Indraccolo und Barbieri, 2010]. In der von Cobellis et al. (2011) durchgeführten randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie erhielten 21 der 61 teilnehmenden Frauen im Alter von 24 bis 41 Jahren über einen Zeitraum von 90 Tagen orale Dosen von zweimal 400 mg PEA mit 40 mg trans-Polydatin (2 x 1 Tablette Pelvilen®) täglich. Beobachtet wurde eine signifikante Schmerzreduktion in allen Gruppen, wobei die Einnahme von Pelvilen® eine höhere schmerzmindernde Effektivität als das Placebo zeigte. In der von Indraccolo und Barbieri (2010) veröffentlichen Studie mit Pelvilen® an vier Frauen (25 – 45 Jahre) wurde neben der Schmerzreduktion über unerwünschte Wirkungen berichtet. Eine Studienteilnehmerin litt nach jeder Pelvilen® -Einnahme unter Übelkeit, während eine weitere Patientin im Studienzeitraum Schmierblutungen bekam, deren Ursachen im Rahmen der Studie nicht geklärt werden konnten. Weiterhin wird in einer im Internet verfügbaren "Packungsbeilage" zu Normast® auf eine mögliche gefäßerweiternde Nebenwirkung nach der Einnahme von Normast® hingewiesen, wobei nähere Details offen bleiben (www.neuropathie.nu).

Beschränktes Wissen über Wirkungen und Nebenwirkungen

Die Einnahme von PEA wird in Zusammenhang mit analgetischen Wirkungen propagiert, wobei keine klaren Angaben bezüglich der Zielgruppen und der Unbedenklichkeit getroffen werden. Sowohl hinsichtlich der Wirkmechanismen, des Wirkspektrums, der Pharmakokinetik als auch der Wechselwirkungen mit Arzneimitteln ist das heutige Wissen über PEA-vermittelte Effekte im Organismus sehr beschränkt. Mögliche toxikologisch relevante Eigenschaften, Kontraindikationen und Langzeitwirkungen sowie die therapeutische Breite sind klärungsbedürftige Fragen. Bisherige Erkenntnisse bezüglich erwünschter und unerwünschter Wirkungen erfordern Untersuchungen mit umfangreicheren Studiendesigns. Problematisch ist die Umsetzung des Erfordernisses, dass gem. Richtlinie 1999/21/EG das diätetische Lebensmittel unter ärztlicher Aufsicht verwendet werden soll (!), da der uneingeschränkte Zugang zum Präparat über das Internet ohne eine pharmakologische Betreuung der Verbraucher (Patienten) möglich ist.

Ausnutzung weniger stringenter Regularien?

Ob die Einnahme von PEA unbedenklich ist und die erwünschten Wirkungen eintreten, und inwieweit PEA als sicheres diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke einzustufen ist, kann an dieser Stelle nicht letztendlich geklärt werden. Es drängt sich aber der Verdacht auf, dass wieder einmal ein "Arzneimittel" unter den viel weniger stringenten Regularien des Lebensmittelmarktes an den Kunden gebracht werden soll. Dabei spricht Bände, dass die "besonderen medizinischen Zwecke" für dieses sogenannte "diätetische Lebensmittel" in den uns vorliegenden Fällen auf bzw. in der Packung überhaupt nicht klar und verständlich benannt werden. Eine Klärung der Gesetzeslage für den Bereich von ‚Lebensmitteln mit arzneimittelartiger Aufmachung und (indirekter) Bewerbung kann nur immer wieder mit Nachdruck gefordert werden.


Literatur

Bacci, C, Cassetta, G., Emanuele, B., Berengo, M. (2011). Randomized Split-Mouth Study on Postoperative Effects of Palmitoylethanolamide for Impacted Lower Third Molar Surgery. ISRN Surg Article ID 917350, 6 pages.

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Cobellis, L., Castaldi, M.A., Giordano, V., Trabucco, E., De Franciscis, P., Colacurci, N. (2011). Effectiveness of the association micronized N-Palmitoylethanolamine (PEA)– transpolydatin in the treatment of chronic pelvic pain related to endometriosis after laparoscopic assessment: a pilot study. Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 158, 82 – 86.

Desio, P. (2010). Associazione tra pregabalin e palmitoiletanolamide (PEA) per il trattamento del dolore neuropatico. (Combination of pregabalin and palmitoylethanolamide (PEA) for neuropathic pain treatment). Pathos 17(4): 9 – 14.

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Autoren

Prof. Dr. Dr. Dieter Schrenk, Sylke Neser

Fachrichtung Lebensmittelchemie und Toxikologie

Technische Universität Kaiserslautern

Erwin-Schroedinger-Str. 52, 67663 Kaiserslautern



DAZ 2012, Nr. 22, S. 64

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