Arzneimittel und Therapie

Metaanalyse zeigt klare Vorteile einer Primärprävention

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Vor etwa einem Jahr empfahlen die Autoren eines Cochrane Reviews einen zurückhaltenden Einsatz von Statinen zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Jetzt zeigt eine aktuelle Metaanalyse, die die Daten von 27 Studien auswertete, überzeugende Vorteile einer Statintherapie zur Primärprävention bei Risikopatienten. Statine könnten das Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle und Diabetes gering erhöhen, aber die klaren Vorteile überwiegen diese potenziellen Gefahren, so die Autoren. Die derzeitigen Leitlinien sollten daher geändert werden.

HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren (Statine) bleiben in der Diskussion. Die Autoren des 2011 erschienenen Cochrane Reviews hatten den Nutzen eines frühzeitigen Statineinsatzes trotz positiver Wirkungen auf Gesamtmortalität, kardiovaskuläre Ereignisse und Revaskulisierungsraten bezweifelt und zu einem zurückhaltenden Einsatz geraten. Auch in Deutschland ist eine Primärprävention für Risikopatienten umstritten. Ausgangspunkt dieser Diskussionen sind nicht zuletzt die anfallenden Kosten. Gerade hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf eine neue Nebenwirkung von Statinen als möglichen Klasseneffekt hingewiesen und ein Stufenplanverfahren eingeleitet: Statine können das Risiko für Diabetes erhöhen.

Alter als Indikation für eine präventive Statintherapie?

Die aktuelle Metaanalyse des internationalen Wissenschaftlerteams CTT (Cholesterol Treatment Trialists) kommt jetzt zu völlig anderen Ergebnissen als die Cochrane-Analyse. Auch ohne kardiovaskuläres Vorereignis wie einen Herzinfarkt ist eine Medikation mit Statinen für "eigentlich Gesunde" offensichtlich sinnvoll. Die Autoren werteten 27 Studien mit insgesamt etwa 175.000 Teilnehmern aus. Alle Probanden hatten vor Therapiebeginn ein unterschiedlich hohes Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis in den folgenden fünf Jahren. Das tatsächliche Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse konnte im Vergleich zu einer Therapie mit niedrig dosierten Statinen oder ohne Statine in allen Risikogruppen um etwa 20% pro Senkung des LDL-Spiegels um 1 mmol/l reduziert werden. Besonders effektiv war eine Statintherapie bei Hochrisikopatienten. Aber auch bei einem Risiko von 10% oder weniger für ein schweres Ereignis konnte das relative Risiko um 15% reduziert werden, und nach einer Statintherapie über fünf Jahre führte jede Senkung des LDL-Spiegels um 1 mmol/l zu elf Ereignissen weniger pro 1000 Studienteilnehmern.

Die Autoren fanden keine Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko oder eine Erhöhung der Mortalität durch andere Erkrankungen. Auch wenn eine Statintherapie zu einer leichten Erhöhung des Risikos für hämorrhagische Schlaganfälle und Diabetes führen könnte, so würde nach Ansicht der Autoren der eindeutige Nutzen die potenziellen Risiken überwiegen.

Nach den derzeit geltenden Leitlinien erfolgt eine Statintherapie nur bei Patienten mit einem 10-Jahres-Risiko für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis von mindestens 20%. Da jedoch die meisten Männer über 50 Jahre und Frauen über 60 Jahre ein mindestens 10%iges Risiko haben, fordern die Autoren, die Leitlinien entsprechend zu ändern. Auch wenn entsprechende gesundheitsfördernde Änderungen des Lebensstils vorzuziehen seien, könnte gerade das Alter eine Indikation für eine Statintherapie darstellen.


Quelle

Cholesterol Treatment Trialists‘ (CTT) Collaborators: The effects of lowering LDL cholesterol with statin therapy in people at low risk of vascular disease: meta-analysis of individual data from 27 randomised trials. Lancet 2012, DOI:10.1016/S0140-6736(12)60367-5, Vorabveröffentlichung vom 17. Mai 2012.

Ebrahim, S.; Casas, J.P.: Statins for all by the age of 50 years? Lancet 2012, DOI:10.1016/S0140-6736(12)60694-1, Vorabveröffentlichung vom 17. Mai 2012.


Dr. Hans-Peter Hanssen



DAZ 2012, Nr. 21, S. 46