Selbstmedikation

Harnstoff in Dermatologie und Kosmetik

Dank seiner feuchtigkeitsregulierenden und keratolytischen Eigenschaften zählt Harnstoff seit Langem zu einem der am häufigsten verwendeten Wirkstoffe in der Dermatologie. Darüber hinaus setzen Hersteller auch bei kosmetischen Produkten zunehmend auf die wasserbindende Aktivität der Substanz. So findet sich Harnstoff unter seinem INCI-Namen Urea immer öfter auf den Inhaltsstofflisten konventioneller Cremes, Lotionen und Haarshampoos.
Bei trockener Haut kann Harnstoff helfen. Er ist ein sehr guter Wasserbinder, der den Feuchtigkeitsgehalt der obersten Hautschicht erhöht. Gerade bei trockener und strapazierter Haut sollte der Kunde darauf hingewiesen werden, sich nicht zu häufig zu waschen, denn jeder Kontakt der Haut mit Wasser und Seife trocknet sie aus. Klaus Eppele – Fotolia.com

Harnstoff ist ein Endprodukt des menschlichen Stoffwechsels von Stickstoffverbindungen und wird größtenteils über den Urin ausgeschieden. Als natürlicher Feuchthaltefaktor ist er außerdem im Stratum corneum der Haut enthalten, wo er aus Schweiß und Verhornungsprozessen stammt. Das leicht hygroskopische Carbamid bildet Einschlussverbindungen mit Wasser und setzt dieses nur langsam wieder frei. 1828 wurde Harnstoff (Urea pura) von dem Chemiker Friedrich Wöhler erstmals technisch hergestellt und kommt in kosmetischen und dermatologischen Zubereitungen ausschließlich als synthetisches Produkt zum Einsatz.

Feuchtigkeitszufuhr steht an erster Stelle

Klinisch kranke Haut wie die neurodermitischer Patienten oder Altershaut zeigt oft einen verminderten Anteil an Feuchthaltefaktoren und weist um die Hälfte weniger Harnstoff auf als junge, gesunde Haut. Das führt zu deutlich verringerter Wasserbindungsfähigkeit, mit daraus resultierenden trockenen, schuppenden und juckenden Hautarealen. Auch gesunde Haut kann unter Feuchtigkeitsverlust und Trockenheit leiden. Gerade in den Wintermonaten sorgen trockene Heizungsluft und Kälte für Störungen der natürlichen Hautbarriere und Wasserverlust in den oberen Schichten der Epidermis. Fachleute empfehlen die Anwendung feuchtigkeitsspendender Pflegeprodukte, die mit Moisturizern, wie Urea angereichert sind. Zahlreiche Kosmetikhersteller nutzen die wasserbindenden Eigenschaften des Harnstoffs und bringen zunehmend mehr Produktserien mit dem Feuchthaltefaktor auf den Markt. Breite Anwendung finden Körperlotionen mit 3% Urea sowie Cremes und Salben in 5 oder 10%iger Konzentration. Experimentelle Untersuchungen belegen, dass das wiederholte Auftragen von Feuchtigkeitscremes mit einem Harnstoffgehalt von 5 bis 10% den transepidermalen Wasserverlust (TEWL) nachweislich verringert. Das Stratum corneum wird über Stunden mit mehr Feuchtigkeit versorgt und die Oberfläche leicht geglättet. Zusätzlich bleibt die Haut gegenüber irritativen Stoffen besser geschützt. Urea gilt als besonders verträglich und zeigt weder relevante lokale Nebenwirkungen noch allergenes Potenzial. Die wasserbindende Wirkung sorgt indirekt für einen antimikrobiellen Effekt, so dass weniger Konservierungsmittel eingesetzt werden müssen. Auf verletzter Haut sollten harnstoffhaltige Formulierungen allerdings vermieden werden, da sie schmerzhafte Hautreizungen hervorrufen können.

Beispiele apothekenexklusiver, mit Harnstoff angereicherter Kosmetika:

  • Eucerin® Trockene Haut Repair Lotion 10% Urea
  • frei® Urea + Gesichts-Creme mit 5% Urea
  • La Roche Posay® Iso-Urea Körpermilch mit 5% Urea
  • Medipharma Olivenöl Haut in Balance® Dermatologische Handcreme 3% Urea, 5% Olivenöl
  • Eau Thermale Avène® Akèrat Körpercreme Urea 10%
  • Vichy Lipidiose Nutritive Repair-Körperbalsam® mit 5% Urea
  • Lierac Anti-Dessèchement® Körpermilch für trockene Haut 7% Urea

Dermatologie und Kosmetik: Übergang ist fließend

Die Grenze zwischen kosmetischer und dermatologisch-medizinischer Anwendung harnstoffhaltiger Pflegeprodukte lässt sich nicht streng festlegen. Neben der feuchtigkeitsregulierenden Wirkung nutzen Dermatologen das Carbamid gern als schuppenlösende Substanz in Konzentrationen von 10% und darüber. Auch der juckreizstillende Effekt setzt ab dieser Konzentration ein. So werden entsprechende Zubereitungen in Verbindung mit Milchsäure zur Therapie von Ichthyosen verwendet. Ebenso profitieren Patienten mit chronischen Ekzemen und Psoriasis in kortisonfreien Behandlungsintervallen von 10%igen Urea-Formulierungen. Ab Konzentrationen von 40% entwickelt Harnstoff stark keratolytische Wirkungen und eignet sich zum schmerzlosen Auflösen von Nägeln, z. B. in Zusammenhang mit Antimykotika zur Behandlung von Onychomykosen (Nagelpilz). Nicht zuletzt dient Harnstoff als Penetrationsvermittler und wird in verschiedenen Rezepturen als entsprechendes Hilfsmittel eingearbeitet, z. B. in Glucocorticoid-haltigen Zubereitungen.

Beispielrezepturen mit Harnstoff:

  • Harnstoff-Paste 40% mit Clotrimazol 1% (NRF 11.57.) zur Behandlung von Onychomykosen
  • Hydrophile Harnstoff-Emulsion 5%/10% (NRF 11.72) zur Behandlung trockener Haut.

Halbe-Halbe: Urea-haltige Körperlotionen im Öko-Test


Das Magazin Öko-Test hat in seiner Februarausgabe die Testergebnisse von 18 untersuchten harnstoffhaltigen Körperlotionen und -cremes vorgestellt. Neben zwölf Reformhaus-, Drogerie- und Discountprodukten waren auch sechs Vertreter apothekenexklusiver Serien im Rennen. Die Urea-Konzentrationen der Zubereitungen reichten von 3% bis 10%. Die Hälfte der überprüften Kosmetika schnitt nach den Bewertungskriterien von Öko-Test mit "sehr gut" ab, darunter Eucerin® hautglättende Creme 5% Urea, frei® Urea + Körperlotion, Sebamed® Lotion Urea akut 10% und Olivenöl Körpercreme 10% Urea + 10% Olivenöl. Das Produkt Eubos® med trockene Haut Urea 3% Körperlotion erlangte ein "befriedigend", während Iso-Urea-Fluid von La Roche Posay® und Vichy Lipidiose Nutritive Urea 5% Repair-Körperbalsam® mit einem "ungenügend" bewertet wurden. Maßgeblich für die Abwertung der Schlusslichter waren der umstrittene Einsatz Formaldehyd-abspaltender Konservierungsmittel, sowie die Verwendung von halogenorganischen Verbindungen, PEG und PEG-Derivaten. Auch die Verarbeitung von mehr als einem Prozent Paraffin, Erdölprodukten und Silikonen wurde von Öko-Test kritisch eingestuft.


Quelle: Öko-Test, Februar 2011.

Problematische Galenik

In wässriger Lösung hydrolysiert Harnstoff allmählich zu Ammoniak und Kohlendioxid, wobei sich der Prozess unter Wärme beschleunigt. Der pH-Wert nimmt zu und die Lösung wird alkalisch. Da die Haut jedoch zum Erhalt ihrer Barrierefunktion im leicht sauren pH-Bereich bleiben sollte und verschiedene Wirkstoffe (z. B. Corticoide) basenempfindlich sind, wird der Einsatz schwachsaurer Pufferlösungen notwendig (z. B. Citrat-Puffer, Lactat-Puffer). Daher könnte Harnstoff künftig durch die beiden Feuchthaltefaktoren Milchsäure und Hyaluronsäure Konkurrenz bekommen, die per se ein saures Milieu mitbringen. Bei der Herstellung harnstoffhaltiger Zubereitungen sollte ein Rekristallisieren von Urea durch verdunstendes Wasser vermieden werden – Sandeffekt in Creme oder Lotion. Behältnisse mit kleinen Öffnungen, wie Tuben, sind deshalb zu bevorzugen.


Apothekerin Franziska Wartenberg



DAZ 2011, Nr. 6, S. 56