Aus Kammern und Verbänden

Apothekenalltag im Zweiten Weltkrieg

"Hilfe in Zeiten größter Not – Apothekenalltag während des Zweiten Weltkriegs" – über dieses Thema referierte Dr. Caroline Schlick, Bad Homburg, am 2. Dezember in Hannover auf einer Veranstaltung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie.
Formular "Antrag auf Freigabe" von Insulin.
Fotos: Schlick

Anschaulich schilderte die Referentin, wie sich die Verknappung von Arzneimitteln und Grundstoffen während des Zweiten Weltkriegs auf den Apothekenalltag auswirkte. Einen wichtigen Beitrag zur Arzneimittelversorgung in den Kriegsjahren leisteten selbst angebaute oder gesammelte Arzneipflanzen.

"Deutsche" Arzneipflanzen als Ersatz für Importe

Schon vor dem Krieg hatte Deutschland die Einfuhr von Arzneimitteln gedrosselt, um Devisen zu sparen. Zugleich wurden der Anbau und besonders die Sammlung von wild wachsenden "deutschen" Arzneipflanzen massiv gefördert. Nach Kriegsbeginn wurden die Sammlungen planmäßig organisiert und ausgedehnt. Im Jahr 1943 erbrachten die Sammlungen acht Millionen Kilogramm getrocknete Drogen.

Zum Sammeln wurden hauptsächlich Schulkinder unter der Aufsicht von geschulten Lehrern verpflichtet. Schwer zugängliche Drogen wie Lindenblüten oder giftige Drogen wie Tollkirschenblätter wurden auch von SA-Männern oder Apothekern selbst gesammelt. Gesammelt wurden nicht nur gängige Arzneidrogen wie Brennnesselblätter, Kamillenblüten oder Löwenzahn, sondern auch Erdbeer-, Brombeer- oder Preiselbeerblätter zur Bereitung von Kräutertees, die – als Ersatz für Kaffee – als morgendliche Wachmacher dienen sollten.

Getrocknet wurden die Pflanzenteile zunächst in den Schulen, später auch in den Apotheken. Die Apotheker mussten die Drogen sortieren und prüfen, was mit einem zusätzlichen Arbeitsaufwand verbunden war.

Die Anbauflächen für Heil- und Gewürzpflanzen wie Kümmel, Senf und Majoran wurden während des Zweiten Weltkriegs erweitert. Darüber hinaus wurden auch Forschungs- und Zuchtversuchsfelder angelegt, beispielsweise die "Dachauer Plantage", auf der täglich bis zu 1500 KZ-Häftlinge arbeiteten.

Für die Verwendung "deutscher Heilpflanzen" wurde in der Bevölkerung breit geworben. So hatte das Winterhilfswerk, das als Spendenbescheinigung Ansteckabzeichen ausgab, drei Serien mit Pflanzenabbildungen kreiert, die besonders beliebt waren; eine Serie erreichte eine Auflage von 55 Millionen Stück.

Insulinmangel – schwere Zeiten für Diabetiker

Ein großes Problem war während des 2. Weltkriegs der Insulinmangel. Insulin, das damals aus den Bauchspeicheldrüsen von Schlachttieren gewonnen wurde, war durch den kriegsbedingten Rückgang an Schlachtungen knapp geworden. Zunächst wurde versucht, das "Hamstern" von Insulin zu unterbinden, indem Folgerezepte für Insulin verboten wurden. 1942 wurden Insulinbezugskarten eingeführt. Die Patienten erhielten von den Apotheken die berechnete Menge Insulin für einen Zeitraum von zehn Tagen. Mit weiterer Verschärfung der Versorgungslage wurden 1944 die Insulin-Zuteilungen pauschal um 30 Prozent gekürzt. Zudem hatten die Apotheker aufgrund von Kriegswichtigkeit und Alter der Patienten zu entscheiden, ob diese es "wert" waren, Insulin zu bekommen. Parallel dazu wurde in den letzten Kriegsjahren verstärkt nach alternativen Diabetestherapien gesucht. Galten Diabetikertees vor dem Krieg noch als unwirksam, wurden Tees aus Bohnenhülsen und Heidelbeerblättern nun explizit empfohlen. Wenngleich eine antidiabetische Wirkung dieser Tees fraglich erscheint, wurde doch eine gewisse psychische Stabilisierung der Patienten erreicht.

Bunkerapotheke und Luftschutz-Hausapotheken

Der Versorgungsengpass erzeugte Kreativität sowohl bei der Apothekerschaft als auch bei den Patienten. Unter Vermittlung der Apothekerkammern entstanden Tauschbörsen für dringend benötigte Substanzen nach dem Motto: Suche Coffein, biete Herba Majoranae. Die Eigenherstellung von Arzneimitteln in den Apotheken erlebte zwar einen Aufschwung, stieß aber wegen des zunehmenden Arbeitskräftemangels und der Rohstoffknappheit zwangsläufig an ihre Grenzen.

"Kleine Luftschutz-Hausapotheke".

Eindrucksvoll schilderte die Referentin, wie die Apothekerschaft und das gesamte Apothekenpersonal durch Improvisation und Engagement versuchte, die Arzneimittelversorgung aufrecht zu erhalten. In Mannheim wurde z. B. eine komplette Apotheke unter die Erde verlegt. Die sogenannte "Bunkerapotheke" von Helmut Krämer war in den letzten Kriegsmonaten die einzige noch funktionstüchtige Apotheke Mannheims, während alle anderen Apotheken durch Bomben zerstört worden waren.

Die Apotheken hatten auch dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung sich bei kriegsbedingten Verletzungen in gewissem Rahmen selbst helfen konnte. Bereits zu Kriegsbeginn verkauften sie eine sogenannte "Kleine Luftschutz-Hausapotheke" mit Mitteln und Verbandstoffen zur Selbstbehandlung bei Verätzungen oder Verbrennungen. Die Kästen enthielten auch eine Anleitung, eine Natriumhydrogencarbonat-Lösung in der richtigen Konzentration für Verbände bei Phosphorverbrennungen herzustellen.

Arzneimittelmissbrauch

Mit zunehmender Nahrungs- und Genussmittelknappheit während der Kriegsjahre häuften sich Fälle von nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch von Arzneimitteln, die noch verfügbar waren: Homöopathische Globuli wurden als Süßigkeiten konsumiert, der Hustensaft kam in die Bowle, und die alkoholischen Herztropfen ließen sich auch ohne Herzbeschwerden genießen. Mit diesen eher kuriosen Aspekten schloss Dr. Schlick ihren spannenden Vortrag.


Dr. Gabriele Beisswanger, Minden

Zum Weiterlesen


Blumen für die Winterhilfe

DAZ 2001, Nr. 51/52, S. 6045

www.deutsche-apotheker-zeitung.de

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