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Neues Programm mit breitem Themenspektrum

HAMBURG (tmb). Der Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VDPP) wurde im Juni 1989 vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen der Wendezeit gegründet und versteht sich als Plattform für Apotheker, "die sich nicht mit der jetzigen Situation im Gesundheitswesen abfinden möchten". Am 21. Juni 2009 verabschiedete der VDPP in Kaufungen ein neues Programm, das die Ziele des Vereins im Zusammenhang mit den jüngeren Entwicklungen der Pharmazie beschreibt. In dem Programm, das hier zusammengefasst dargestellt wird, geht es sowohl um pharmazeutische als auch um allgemeine gesundheitspolitische und gesellschaftliche Themen.
Infos im Web Das Programm des VDPP sowie weitere Informationen zum Verein findet man im Internet unter www.vdpp.de

Zu den wichtigsten Zielen des VDPP gehört, die Gesundheit im Sinne der WHO-Definition als physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden politisch umzusetzen. Der Verein spricht sich für die Demokratisierung des Gesundheitswesens, für patientenorientierte Arzneimittelberatung, Verbraucherschutz und den Zugang aller Menschen weltweit zu Gesundheitsleistungen aus. Er votiert dafür, alle im Gesundheitswesen Tätigen in politische Entscheidungen einzubeziehen und die Marktmacht der Industrie zu begrenzen. Damit will der Verein alle Pharmazeuten ansprechen, die "eine Überwindung des Widerspruchs zwischen Ethik und Monetik anstreben". Nach Angaben auf der Internetseite des Vereins (www.vdpp.de) hat der VDPP derzeit etwa 130 Mitglieder.

Positionen zur Berufspolitik

In dem umfangreichen Programmkapitel über "Pharmazie und Berufsalltag" sind etliche Positionen zu finden, die mit einzelnen Vorstellungen der ABDA übereinstimmen, aber auch einige starke Kontraste. Der VDPP betrachtet die bisherige Gesundheitspolitik als Kostendämpfung und beklagt die "wachsende Kommerzialisierung". Dies verschärfe den Konflikt zwischen Beratungsauftrag und Unternehmereigenschaft der Apotheker. Zudem kritisiert der VDPP die "wirkungslose Überregulierung auf dem Arzneimittelmarkt". Rabattverträge werden abgelehnt, weil sie intransparent seien und die Patienten verunsichern würden. Die Qualitätskriterien, die der VDPP an jedes Apothekenmodell anlegen möchte, sind praktisch deckungsgleich mit den Vorstellungen der ABDA, doch kommt der VDPP zu teilweise anderen Konsequenzen. So lehnt der VDPP kommerzielle Apothekenketten ab, hält aber auch die freiberuflich geführte Apotheke "nicht für alternativlos". Daneben seien gemeinnützige und genossenschaftliche Eigentumsformen denkbar. Den Arzneimittelversandhandel lehnt der VDPP ab, weil kein Zusatznutzen erkennbar sei. Die Telematik wird prinzipiell begrüßt, aber bei dem gegenwärtig verfolgten Konzept der elektronischen Gesundheitskarte stünden die Kosten in keinem sinnvollen Verhältnis zum erwarteten Nutzen.

Die EU-Arzneimittelpolitik wird vielfach positiv gewertet, weil etliche Regularien harmonisiert worden seien und die europäischen Regeln für die Arzneimittelüberwachung die Arzneimittelqualität und -sicherheit erhöhen würden. Doch fordert der VDPP zusätzlich eine Bedürfnisprüfung für Arzneimittel, weil der klinisch relevante Nutzen vieler Arzneimittel nicht hinreichend belegt sei. Außerdem wird eine Positivliste gefordert, um "Arzneimittelsicherheit, Rationalität und Wirtschaftlichkeit" zu gewährleisten. Daneben sollten krankenhausspezifische Arzneimittellisten weiter entwickelt werden.

Ein weiteres Problemfeld sieht der Verein in der Arzneimittelwerbung. Die aggressive Werbung für Arzneimittel suggeriere die Therapierbarkeit jeglicher Gesundheitsstörungen, außerdem finde die Industrie immer wieder "Schlupflöcher" um Restriktionen zu umgehen. Daher fordert der VDPP ein generelles Verbot der Arzneimittelwerbung zugunsten "objektiver, geprüfter und industrieunabhängiger Arzneimittelinformationen", die von Apothekern zu vermitteln seien. Dies solle den Verbraucherschutz stärken.

Verein für alle Pharmazeuten

In weiteren Kapiteln des Programms geht es darum, Randbereiche der Pharmazie stärker ins Bewusstsein zu rücken. In Hinblick auf die pharmazeutische Betreuung fordert der VDPP die Sozialpharmazie in der Ausbildung und im Berufsleben stärker zu gewichten. Die Approbationsordnung sollte im Sinne einer Verschiebung zur klinischen Pharmazie, zu medizinischen Fächern und zur Sozialpharmazie weiter entwickelt werden, heißt es im Programm.

Der VDPP versteht sich ausdrücklich als Vereinigung für Pharmazeuten in allen Berufsfeldern und fordert daher, das Wissen von Apothekern außerhalb der öffentlichen Apotheke stärker in der Berufspolitik zu nutzen. In der bisherigen Standespolitik sieht der VDPP diese Vielfalt aber nicht hinreichend vertreten. Außerdem sei die ABDA von den Selbstständigen dominiert, die Angestellten seien dagegen unterrepräsentiert. Daraus folgert der VDPP ein "schwerwiegendes Demokratiedefizit". Dagegen fordert der Verein, die Bundesapothekerkammer zu stärken, mit einem eigenen Haushalt auszustatten und Patienten-, Selbsthilfe- und Verbraucherorganisationen in die Kammern einzubeziehen – allerdings ohne zu erklären, wie dann die berufliche Selbstverwaltung zu verstehen sein sollte. Trotz der vielfach sehr kritischen Position des VDPP zur Pharmaindustrie bleibt auch offen, wie dies mit der Einbindung von Kollegen aus der Industrie vereinbart werden soll.

Einen eigenen Programmabschnitt widmet der VDPP der Rolle der Geschlechter. Trotz des hohes Anteils von Frauen unter den Berufsangehörigen seien diese von einer "wirklichen Gleichberechtigung" noch weit entfernt. Daher fordert der Verein auch in seinem jüngsten Programm Frauenbeauftragte in Kammern und eine Quotenregelung für Lehre, Forschung, Öffentlichen Dienst und Standesvertretungen.

Allgemeine Gesellschaftskritik

Im zweiten Hauptabschnitt des Programms unter dem Titel "Pharmazie und Gesellschaft" geht es um allgemeinere (gesundheits-)politische Themen. So kritisiert der VDPP "Zuzahlungen, Leistungsabbau, Praxisgebühr und die Ausweitung privater Zusatzversicherungen", weil sie den solidarischen Charakter der GKV aushöhlen würden. Stattdessen wird eine "Bürgerversicherung" gefordert, die private Krankenversicherung solle nur noch Zusatzversicherungen anbieten.

Neben Aussagen zur Zukunft geht es im Programm auch um die Aufarbeitung der Vergangenheit. So spricht sich der VDPP dafür aus, die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhänge in der pharmaziehistorischen Forschung besser zu berücksichtigen und insbesondere die NS-Vergangenheit kritischer aufzuarbeiten. Bei der Diskussion über neue Strukturen sollten "die verpassten Möglichkeiten der DDR-Pharmazie berücksichtigt werden", heißt es im Programm.

Die übrigen Abschnitte des Programms verfolgen eine globale Perspektive. So unterstützt der VDPP die kostengünstige Verbreitung der wichtigsten Arzneimittel. Dagegen wird der globale Patentschutz als problematisches Instrument betrachtet, das für eine "Rekolonialisierung" stehe. Stattdessen sollte Arzneimittelversorgung als globale Aufgabe betrachtet werden. In Hinblick auf den Umweltschutz fordert der VDPP, das Arzneimittelangebot auf notwendige Arzneimittel zu beschränken und die Umweltverträglichkeit zu einem zulassungsrelevanten Prüfkriterium zu machen. Im Zusammenhang mit der Bioethik wird der generelle Arztvorbehalt für genetische Tests gefordert. Außerdem spricht sich der VDPP für bioethische Mindeststandards aus.

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