Aus den Ländern

30 Jahre Pharmazie in sozialer und interprofessioneller Verantwortung

Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten feiert sein Jubiläum

30 Jahre Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP). 30 Jahre Gegenöffentlichkeit. 30 Jahre Einsatz für eine Demokratisierung im Gesundheitswesen. 30 Jahre patientenorientierte Arzneimittelberatung – am besten durch interprofessionelle Zusammenarbeit. Deshalb widmete sich der VdPP am 22. Juni in Hamburg der multiprofessionellen Vernetzung und hatte Referenten aus den Bereichen Pharmazie, Medizin, Pflege, Lehre und Soziologie ge­laden – zur Förderung des inter­professionellen Austauschs.
Foto: VdPP

Gudrun Hahn, Gründungsmitglied des VdPP, begrüßte alle Anwesenden und erklärte, was der Verein in 30 Jahren alles auf die Beine gestellt hatte. Die BUKO Pharma-Kampagne aus Bielefeld, der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää), die Initiative von unbestechlichen Ärztinnen und Ärzten (MEZIS) und Petra Kolle von der Apothekerkammer Hamburg gratulierten dem VdPP zum 30-jährigen Vereinsjubiläum. Durch die Veranstaltung führte Dr. Udo Puteanus, auch Gründungsmitglied und ein Verfechter der Sozialpharmazie.

Digitalisierung als zweiteiliges Schwert

„Digitales Panoptikum“ lautete der Titel der Key-Note-Speakerin Erika Feyerabend, Soziologin und Journalistin. In ihrem Vortrag machte sie deutlich, dass das Gesundheitswesen im Wesentlichen ein Gesundheitsmarkt ist. Der Einsatz digitaler Techniken muss demnach im Kontext von Wachstum und Gemeinwohlinteressen gesehen werden. Über Digitalisierung im Gesundheitswesen wird momentan viel diskutiert: von Biomedikalisierung, Telemonitoring, Gentests und Applikationen ist die Rede. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wird heiß diskutiert. Eine der großen Fragen ist die Sicherheit der Daten. Feyerabend machte deutlich, dass mehr Daten nicht unbedingt mehr Wissen bedeuten und in der Bevölkerung eine große Unsicherheit herrscht. So kam die Referentin zu dem Schluss, dass Digitalisierung nur dort Sinn macht, wo sie den Patienten nutzt.

10 Jahre Aktionsplan AMTS

Interprofessionelle Zusammenarbeit ist für eine verbesserte Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) unerlässlich. Birgit Vogt arbeitet als Apothekerin in der Geschäftsstelle der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und ist dort Referentin im wissenschaftlichen Sekretariat zum Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit des Bundesministeriums für Gesundheit. Anschaulich erklärte sie die Entwicklung der zehn Jahre Aktionsplan AMTS. Ein wesentlicher Erfolg dieses Aktionsplans war die Einführung eines bundesweit einheitlichen Medikationsplans. Vogt stellte fest, dass immer mehr Patientinnen und Patienten danach fragen. Der Plan kann auch unvollständig sein, denn der Patient entscheidet, welche Informationen zu Arzneimitteln auf dem Plan erscheinen. Nicht geklärt sind die Hoheit über die Daten und die Verantwortlichkeit. Auch gibt es keine einheitliche Datenbank, welche die Daten kontinuierlich pflegt. Der Apotheker hat nur begrenzt Zugang zum Plan, obwohl auch die Selbstmedikation eine wichtige Rolle bei der Medikation spielt.

Zur Rolle der Pflegenden

Welche Rolle die Pflegefachkräfte im Medikationsprozess spielen, erläuterte Thomas Klatt, Gesundheits- und Pflegewissenschaftler der Universität Halle. Je nach Setting (Psychiatrie, Krankenhaus, Ambulanz und stationäre Versorgung) sind die Beteiligung und die Entscheidungskompetenzen der Pflegefachkräfte sehr unterschiedlich stark ausgebildet. Durch u. a. Fachkräftemangel, schlechte Bezahlung und Zunahme der Zahl der zu versorgenden Patienten wird die Arzneimitteltherapie als einfache und praktische Therapie bevorzugt eingesetzt. Da nicht immer ein Arzt und schon gar kein Apotheker verfügbar ist, sind die Pflegefachkräfte oft auf sich gestellt. Angaben zu Bedarfsmedikation sind häufig unvollständig, sodass die Pflegefachkraft selbst entscheiden muss, ob und, wenn ja, wie viel von dem entsprechenden Arzneimittel gegeben werden soll. Klatt sprach sich für eine intensivierte Ausbildung der Pflegefachkräfte aus.

Interprofessioneller Austausch im WorldCafé

Die drei geladenen Leiter der Kleingruppen moderierten anschaulich und informativ. Aleksandar Milosevic, Pharmaziestudent der Uni München und Beauftragter für Bildung und Tagung beim Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD), sprach mit den Teilnehmern über die Notwendigkeit der interprofessionellen Lehre. Es wurde diskutiert, welche Auswirkungen es auf die interprofessionelle Zusammenarbeit haben könnte, wenn alle ein Jahr gemeinsam studieren würden. Vorstellbar wäre auch eine Famulatur, die alle Gesundheitsberufler in einem anderen Bereich ausüben müssten, dann würden Pharmaziestudierende die Famulatur nicht in der Apotheke absolvieren, sondern z. B. in einer Arztpraxis und Medizinstudierende würden einen Einblick in den Apothekenalltag erhalten.

Die Arbeit der Stationsapothekerinnen und -apotheker im Krankenhaus ­wurde von Dr. Gesine Picksak von der Medizinischen Hochschule Hannover unter die Lupe genommen, und sie ­berichtete von ihrem Arbeitsalltag ­sowie den Chancen und Herausforderungen für Apotheker auf Station in Form der Tandemvisite, die derzeit aus Ärzten, Apothekern und Pflegefachkräften besteht. In der Diskussion stellte sich heraus, dass das Team durchaus erweiterungsfähig ist. Physiotherapeuten, Diätassistenten und Sozialarbeiter sollten mit ins Boot geholt werden. Einen kritischen Punkt sieht die Fachapothekerin für Klinische Pharmazie im Bereich des Entlassmanagements; noch immer funktioniert die Zusammenarbeit hier nicht gut genug, vor allem steht der Patient nach der Entlassung oft alleine da. Ein Sozialberatungsgespräch könnte helfen. Neben der Präsenz vor Ort, also auf Station, spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle zum Informationsausgleich.

Der Hamburger Arzt Kai-Uwe Helmers sprach in seiner Gruppe vor allem über Probleme bei der Heimversorgung. Hier läuft alles zusammen: im Heim, in der ambulanten Versorgung und im Krankenhaus arbeiten Arzt, Apotheker und Pflegefachkräfte zusammen – nicht ohne Kommunikationsprobleme. Trotz Heimversorgungsverträgen kommt es häufig zu Kompetenz-Problemen. Problematisch sieht Helmers auch den Umgang mit der Meldung von Nebenwirkungen, hier wünscht er sich mehr Unterstützung von den Apothekern.

Kompetenz und Kommunikation

Auf der Fachtagung wurde deutlich, dass in den letzten Jahren schon viel geschehen ist. Jedoch hat jede Profession ihre Kompetenz und sollte sie herausstellen und Präsenz zeigen. Digitalisierung kann ein Mittel zur verbesserten Kommunikation sein, ersetzt aber nicht den persönlichen Kontakt vor Ort. Die Zusammenarbeit aller Akteure im Gesundheitswesen ist ein wichtiges Vereinsziel des VdPP, mit dieser Fachtagung hat der VdPP ein kleines Stück zur verbesserten Kommunikation zwischen den Gesundheitsberufen beigetragen. |

Esther Luhmann, VdPP/daz

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