Feuilleton

Goethe und die Arzneikunde

Bilsenkraut statt Opium
Von Peter Nuhn

Obwohl Goethe mit 82 Lebensjahren ein für die damalige Zeit erstaunlich hohes Alter erreicht hat, war er trotz seiner regelmäßigen sportlichen Betätigung und seiner im Allgemeinen disziplinierten und gesundheitsbewussten Lebensweise mit zahlreichen Bäderreisen durchaus nicht der gesundheitsstrotzende Geistesriese, wie er manchem Literaturwissenschaftler erscheint, sondern von Zeiten schwerer Depressionen und einigen lebensbedrohlichen Krisen geplagt [1–3]. Das begann mit seiner komplizierten Geburt, die er ausführlich in "Dichtung und Wahrheit” geschildert hat. An Kinderkrankheiten hatte Goethe Masern, Windpocken und vor allem die Pocken (Blattern).
Johann Wolfgang Goethe im Alter von 78 Jahren. Aquarellierte Kreidezeichnung von Josef Karl Stieler. Aus [8].

Die Pockenschutzimpfung wurde 1721 in England als Variolation (lat variola = Pocken), das heißt durch Einritzen von etwas Flüssigkeit aus den Pockenbläschen, eingeführt. Maßgeblich an der Propagierung beteiligt war Lady Montague, die Gattin eines britischen Diplomaten in Istanbul. 1796 führte dann der englische Arzt Edward Jenner die sicherere Kreuzimmunisierung mit Kuhpockenlymphe ein. Goethe hat die Entwicklung aufmerksam verfolgt, zumal er selbst in der Kindheit an Pocken erkrankt war, die allerdings auffällige Narben nicht hinterlassen haben. In seiner von 1809 bis 1814 entstandenen Autobiographie "Dichtung und Wahrheit" schrieb er über die "Einimpfung" der Pocken.

Die Einimpfung derselben ward bei uns noch immer für sehr problematisch angesehen, und ob sie gleich populare Schriftsteller schon fasslich und eindringlich empfohlen; so zauderten doch die deutschen Ärzte mit einer Operation, welche der Natur vorzugreifen schien. Spekulierende Engländer kamen daher aufs feste Land und impften, gegen ein ansehnliches Honorar, die Kinder solcher Personen, die sie wohlhabend und frei von Vorurteil fanden. Die Mehrzahl jedoch war noch immer dem alten Unheil ausgesetzt; die Krankheit wütete durch die Familien, tötete und entstellte viele Kinder, und wenige Eltern wagten es, nach einem Mittel zu greifen, dessen wahrscheinliche Hülfe doch schon durch den Erfolg mannigfaltig bestätigt war.

Syphilis?

1767 befand sich Goethe in Leipzig in einer schweren gesundheitlichen Krise, die heute als Lungenblutung infolge einer Tuberkulose, von anderen Ärzten als Blutung eines Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwürs oder sogar als eine Syphilis gesehen wird, ohne Zweifel aber psychisch überlagert war. Ein Anlass für die Annahme, dass es sich bei dieser Krise um eine Syphilis gehandelt haben könnte, geht aus dem Hinweis Goethes auf "Don Sassafras” in Briefen an Käthchen Schönkopf vom 1. 11. 1768 und 31. 1. 1769 zurück [4, 5]. Sassafrasholz (Lignum Sassafras) wurde im 18. Jahrhundert zur Behandlung der Syphilis eingesetzt. Wahrscheinlich bezieht sich die Bezeichnung "Don Sassafras” aber auf eine komische Figur aus einem nicht ermittelten Theaterstück.

Der Psychoanalytiker Eissler ist der Meinung, dass Goethe seinen ersten Geschlechtsverkehr während seines zweiten Romaufenthaltes nach seiner Rückkehr aus Sizilien mit der Witwe Faustina – beschrieben in den "Römischen Elegien" – gehabt hat, also im Jahre 1787, mit 38 Jahren [3]. Die Angst vor der "französischen Krankheit" war aber auch in Italien groß. Goethe in einem Brief vom 3. 2. 1787 an den Herzog Carl August:

Mit dem schönen Geschlechte kann man sich hier, wie überall, nicht ohne Zeitverlust einlassen.

Die Mädgen oder vielmehr die jungen Frauen, die als Modelle sich bey den Mahlern einfinden, sind allerliebst mit unter und gefällig sich beschauen und genießen zu laßen. Es wäre auf diese Weise eine sehr bequeme Lust, wenn die französischen Einflüße nicht auch dieses Paradies unsicher machten. Ich bringe das Porträt von so einem Geschöpfe mit, man kann nichts zierlicheres sehn.

Immer wieder krank …

Jedenfalls scheint Goethe das ausgelassene Leben in Leipzig nicht besonders gut bekommen zu sein. Er wurde, wie er selbst gegenüber Mademoiselle Oeser 1768 sagte, zum Hypochonder und formuliert das gleich in einem Gedicht (aus [6]):

Da sucht man nun mit Macht mir neues Leben

Und neuen Mut und neue Kraft zu geben,

Drum reichet mir mein Doctor Medicinae

Extrakte aus der Cortex Chinae,

An Augen, Fuß und Hand

Auf´s neue stärken, den Verstand

Und das Gedächtnis schärfen.

Im Frühjahr und Herbst litt Goethe fast regelmäßig unter Bronchialkatarrhen. Ab 1800 tauchten rheumatische Beschwerden, Gicht und wiederholt Nierenkoliken sowie erste Anzeichen einer Atherosklerose auf. 1801 erkrankte Goethe wiederum sehr schwer, beginnend am Gesicht mit einem blasenbildenden Erysipel (Gesichtsrose?), was mit Phantasieren und zeitweiliger Bewusstlosigkeit einherging. Auch 1805 machte Goethe eine schwere Erkrankung durch. Ab 1812 zeigten sich Symptome einer beginnenden Herzinsuffizienz. 1817 nahm Goethe eine Kur mit Löwenzahnextrakt (Brief an Johann Heinrich Meyer vom 13. 4. 1817), im Juli wurde ein fiebriger Katarrh mit Bilsenkraut und Canthariden behandelt (Brief an Johann Heinrich Meyer vom 21. 7. 1817).

1823 erkrankte Goethe schwer. Wahrscheinlich war es der erste Herzinfarkt. Die Behandlung erfolgte mit Aderlass und Meerrettich-Kompressen. Ab 1828 nahmen die Zeichen der Altersschwächen deutlich zu. Als er 1830 die Nachricht vom Tod seines Sohnes erhielt, erlitt er einen schweren Blutsturz.

Der Verlauf des am 14. 3. 1832 zum Tode führenden grippalen Infektes (mit Übergang zu Lungenentzündung und Herzinfarkt mit Lungenödem) wird ausführlich von seinem Arzt Carl Vogel in Hufelands "Neuem Journal der praktischen Arzneikunde und Wundarzneikunst” beschrieben (Auszüge in [2]). Die Behandlung erfolgte durch "reichliche Gaben Baldrianäther” (Tinctura valerianae aetherea) und Liquor Ammonii anisatus mit heißem Tee aus Pfefferminzkraut und Kamillenblüten und einem aus starken Meerrettich-Auszügen bereiteten Zugpflaster auf die Brust. Die Brustschmerzen nach dem Infarkt wurden mit einem Cantharidenpflaster behandelt. Außerdem erhielt der sterbende Goethe noch "etliche Gaben eines Decocto-Infusum von Arnika und Baldrian mit Kampfer”.

Arzneimittel der Goethezeit

Die Arzneimittel der Goethezeit waren im Wesentlichen Heilwässer, anorganische Salze und pflanzliche Drogen. Goethes Reiseapotheke (Stiftung Weimarer Klassik) enthielt die zeitüblichen Präparate wie Aromaessenzfläschchen, Moosessenz, Citrusessenz, Rosengeist, Myrtenblütenauszug, Lavendelblütenauszug oder Zimtauszug.

Von ganz wesentlicher Bedeutung für Goethes physische und psychische Regeneration waren die häufigen Bade- und Trinkkuren , wobei neben den Anwendungen auch die gesellschaftlichen Ereignisse in den Heilbädern eine große Rolle für den Erfolg spielten. Ab 1785 – zwischen 1805 und 1823 regelmäßig – unternahm Goethe Bäderreisen nach Karlsbad (insgesamt 13), Marienbad (3), Teplitz (3), Wiesbaden (2) sowie Franzensbad, Pyrmont, Lauchstädt, Berka und Tennstedt (jeweils 1) [18].

Glaubersalz (Sal mirabile Glauberi) erfreute sich zur damaligen Zeit besonderer Beliebtheit. In einem zeitgenössischen "Handbuch der speciellen Heilmittellehre” [7d] wird Glaubersalz u. a. bei folgenden Krankheiten empfohlen:

Man bedient sich seiner als abführendes Mittel bei hypersthenischen Fiebern und Entzündungen, besonders wenn heftige Congestionen nach der oberen Körperhälfte stattfinden; daher vorzugsweise bei Gehirn-, Augen-, Ohren- und heftigen Halsentzündungen, bei der Zungenentzündung. Bei der Pneumonie können aber Abführungen überhaupt nur im Stadium der Rohheit angewendet werden, weil sie später die Krise durch Expectoration zu stören vermögen. Ferner dienen abführende Gaben des Glaubersalzes bei congestiven Zufällen, bei Schlagflüssen, Delirien, Convulsionen, heftigen Kopfschmerzen, beim Blutasthma, bei Nasenbluten, Bluthusten, wenn hypersthenische Congestionen zu Grunde liegen.

Glaubersalz spielte die Rolle einer Universalmedizin, die bei Goethe spontane Erfolge auslösen konnte: Das Salz war kaum genommen, so zeigte sich eine Erleichterung des Zustandes, und von dem Augenblick an nahm die Krankheit eine Wendung, die stufenweise zur Besserung führte.

(Dichtung und Wahrheit, 2. Teil, 8. Buch)

Während der Campagne in Frankreich (1792) wurde ein gewaltiges rheumatisches Übel (Lumbago?) fast augenblicklich durch Verabreichung von Campher geheilt [1]. Campher war nach zeitgenössischer Meinung [7b] ein ungemein kräftiges erregendes Mittel, welches sowohl die Thätigkeit des Gefässystems steigert, als auch vorzugsweise die Expansion, den lebendigen Orgasmus des Blutes vermehrt … Die älteren Aerzte, und selbst noch Friedrich Hoffmann, hielten den Campher für ein kühlendes, temperirendes Mittel, wogegen ihn die Brown‘sche Schule und die Erregungstheoretiker für das kräftigste erregende Mittel halten. … Im Allgemeinen ist der Campher bei derjenigen Modification der wahren Schwäche angezeigt, welche sich vorzugsweise im Gefässystem zu erkennen giebt, theils durch Mangel an Erregung und Thätigkeit in demselben, besonders in den peripherischen Regionen, theils durch verminderten Lebensturgor, durch Mangel an lebendiger Expansion und daher rührenden Collapsus der Gefässe.

Goethe litt häufig unter Verdauungsbeschwerden, die zeitüblich mit Pillen aus Asa foetida, Medizinalrhabarber und Jalapenseife sowie durch Klistiere behandelt wurden.

Von den Arzneikräutern waren es besonders Arnika und Bilsenkraut, die Goethe bevorzugte. Arnika ( Blüten und Wurzel von Arnica montana) wirkt nach zeitgenössischen Angaben [7c] zunächst erregend und reizend auf die Nerven und Schleimhäute des Magens und Darmcanals, sodann dehnt sie ihre Wirkungen auf die peripherischen Endigungen des Gefässsystems aus, erregt und reizt sämmtliche Schleimmembranen, die äussere Haut, die lymphatischen Gefässe und Drüsen, und die Nieren. Das Nervensystem afficirt sie kräftig reizend, erweckend und erschütternd. In Form von Aufgüssen wurde Arnika vor allem gegen "die torpide Schwäche und Unthätigkeit” sowie bei "nervösen und asthenischen Fiebern” eingesetzt.

Goethe hat die Arnika sehr geschätzt. In den "Schriften zur Morphologie” schreibt er:

In vergnüglichem Erinnern mag ich noch gerne gedenken, mit wie frohem Erstaunen wir die Arnica montana, nach erstiegener vogtländischer Bergeshöhe, an sanften, sonnigen Abhängen, feuchter, aber nicht sumpfiger Wiesen, herrschend ja wütend erblickten, und wie angenehme zu gleicher Zeit mannigfaltige Gentianen uns begegneten.

Goethe wurde wiederholt mit Arnikaaufgüssen behandelt. Nach einem Gespräch mit Kanzler Müller am 24. 2. 1823, in dem sich Goethe über seine behandelnden Ärzte aufregte, wurde notiert:

Er triumphirte, daß sein scharfer Geschmack etwas Anis in einer Arznei entdeckt habe, und daß man sich, weil ihm diese Kräuter stets verhaßt gewesen, zur Umänderung des Recepts entschlossen. Mit Wohlgefallen hörte Er, daß man ihm Arnica geben wolle, und hielt ganz behaglich eine kleine botanische Vorlesung über diese Blume, die er sehr häufig und sehr schön in Böhmen getroffen.


Bilsenkraut Hyoscyamus niger. Aus Köhler´s Atlas der Medizinalpflanzen, 1887.

Im Alter hat Goethe häufig den von ihm sehr geschätzten Bilsenkrautextrakt verordnet bekommen. Nach einer zeitgenössischen Darstellung [7a] wirkt Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) in einem hohen Grade deprimirend und lähmend auf die Sensibilität, befördert aber auch ausserdem, vermöge eines geringen Antheils an Schärfe, die Thätigkeit mehrerer Secretionsorgane, namentlich der Drüsen, der Schleimmembranen und der äusseren Haut … Aus dem Angeführten ergiebt sich, dass das Bilsenkraut herabstimmend auf die Sensibilität wirke und zugleich die Erregbarkeit der Fasern vermindere, mithin als ein schmerzstillendes und krampfstillendes Mittel zu betrachten sey.

Es wird auch betont, dass es mit größerer Sicherheit als das vergleichbare Opium angewendet werden kann, da es keine Ausleerung zurückhält (nicht obstipierend wirkt).

Angeregt durch den Apotheker Friedlieb Ferdinand Runge (1794–1867), einen Schüler Döbereiners, hat sich Goethe für die pupillenerweiternde Wirkung der Extrakte verschiedener Nachtschattengewächse interessiert. Runge unternahm am 3. 10. 1819 in Anwesenheit Goethes in dessen Wohnung einen Versuch über die Wirkung von Giften auf‘s Katzenauge Dabei wurden einer Katze wenige Tropfen vom "unvermischten Saft des zerstampften Krautes" von Bilsenkraut in ein Auge gebracht und eine Vergrößerung der Pupille beobachtet. Darüber berichtet Eckermann:

"Döbereiner hat mir gesagt", bemerkte Goethe, "daß die Arten Belladonna und Dature auf ganz gleiche Weise wirken, wie die von Hyoscyamus, und daß Sie gefunden haben, der das Auge so sehr verändernde Stoff befinde sich in allen Teilen der Pflanze." Runge wies ihn darauf hin, dass nur Pflanzen der erwähnten Gattungen diese Wirkung aufweisen, aber z. B. Aconitum das Gegenteil am Auge bewirkt.

Goethes "Schriften zur Morphologie” enthalten ein kleines Kapitel "Über zwei emetische Wurzeln”, in dem Goethe auf eine in den Zeitungen angepriesene und gegen die Wassersucht empfohlene "Brasilianische Wurzel” der Pflanze "Raiz preta” eingeht, die offensichtlich mit der Brechwurz (Cephaelis ipecacuanha) identisch ist.

Opium ist Goethe als schmerzlinderndes Mittel bekannt gewesen und wird wiederholt in seinen Werken erwähnt. In einer Szene des "Faust" tritt es, in einer Metapher nur notdürftig versteckt, als tödliches Gift auf:

Ich grüße dich, du einzige Phiole!

Die ich mit Andacht nun herunterhole,

In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst.

Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,

Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,

Erweise deinem Meister deine Gunst!

Ich sehe dich, es wird der Schmerz gemindert,

Ich fasse dich, das Streben wird gemindert.

Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.

Ins hohe Meer werd ich hinausgewiesen,

Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,

Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.

Diese bekannten Verse, die Faust im Studierzimmer vor dem beabsichtigten (aber nicht ausgeführten) Selbstmord spricht, lassen kaum einen Zweifel daran, dass es sich bei den "holden Schlummersäften" um eine Opiumpräparation handelt. Die Verse sind noch nicht im 1790 fertiggestellten "Urfaust" enthalten, sondern erst im 1806 beendeten "Faust, Erster Theil".

Obwohl Goethe die Entwicklung der Chemie sehr aufmerksam verfolgte, scheint er die Isolierung des Morphins nicht registriert zu haben. Das Alkaloid wird von ihm nie erwähnt. Die erste Veröffentlichung über die Entdeckung des Morphins erschien 1805 in dem vom Erfurter Apotheker J. B. Trommsdorff herausgegebenen "Journal der Pharmacie”, blieb aber ebenso unbeachtet wie der Artikel "Ueber das Opium und dessen krystallisirbare Substanz” im selben Journal von 1811. Erst eine Publikation in den "Annalen der Physik” im Jahre 1817 brachte Sertürner die nötige Anerkennung. Aus diesem Jahre stammt auch die Bezeichnung Morphium für die von ihm isolierte Substanz nach dem antiken Gott Morpheus des Schlafes und der Träume. Zu den nachfolgenden Ehrungen gehörte auch die Ehrenmitgliedschaft in der "Jenaer Societät für die gesammte Mineralogie”, der Goethe vorstand.

Goethe selbst hat auch Opium zur Schmerzbekämpfung eingenommen. 1801 notiert er in seinen Tag- und Nachtheften:

Damals hatte das Brownische Dogma ältere und jüngere Mediziner ergriffen; ein junger Freund, demselben ergeben, wußte von der Erfahrung, daß Peruvianischer Balsam, verbunden mit Opium und Myrrhen, in den höchsten Brustübeln einen augenblicklichen Stillstand verursache und dem gefährlichen Verlaufe sich entgegensetze. Er riet mir zu diesem Mittel, und in dem Augenblick war Husten, Auswurf und alles verschwunden.

Goethe bezieht sich hier auf den schottischen Arzt John Brown (1735–1788), der eine breite Verwendung von Opium proklamierte (er selbst nahm es regelmäßig ein, um Gichtanfällen vorzubeugen, und starb an den Folgen). Der Brownianismus beruhte auf dem von Albrecht von Haller aufgestellten Reizbarkeitsbegriff. Brown führt eine Krankheit allgemein darauf zurück, dass entweder eine zu heftige Erregung durch einen intensiv einwirkenden Reiz gesetzt wird, was er als sthenischen Zustand (griech. sthenos = Stärke) bezeichnet, oder aber eine zu schwache Erregbarkeit vorliegt, ein asthenischer Zustand. Die Behandlung erfolgte nach dem Grundsatz contraria contrariis Sthenische Krankheiten werden dementsprechend mit Schwächungsmitteln wie Aderlass und Blutegel, Hungern, Abführ- und Brechmittel behandelt, asthenische Erkrankungen mit Stärkungsmitteln wie Fleischbrühe, Wein, Campher und vor allem Opium. Das Brownsche System wurde vor allem in Deutschland sehr geschätzt.

Zu einer Abhängigkeit von Opium ist es bei Goethe nicht gekommen, zumal er 1806 auf eigenen Wunsch zur Behandlung seiner Nierenkoliken von Opiumpräparaten auf Bilsenkraut wechselte. Charlotte von Stein notierte Anfang 1806:

Goethe ist wieder recht krank. Seine Krankheit ist periodisch: er bekömmt sie alle drei oder vier Wochen. Er sagte mir: er nehme jetzt Bilsenkraut statt Opium dafür; dieses thäte ihm besser.

Allerdings sind etliche Apothekerrechnungen von Goethe über Laudanum (Opiumtinktur) aufgetaucht [17]. Interessant sind Notizen von Luise Seidler (1786–1866) über Gespräche mit Goethe Ende November oder Anfang Dezember 1813. Sie war als Malerin von 1819 bis 1823 in Italien gewesen und seit 1824 Kustodin der Gemäldesammlungen in Weimar:

Von Goethe kann ich Dir [Pauline Schelling] wenig Erfreuliches mittheilen: diese unruhigen Zeiten haben seine Behaglichkeit gestört und das empfindet er übel und soll es auch wiederum empfinden lassen. … Auch meinte er: man müsse sich auf alle Art zerstreuen und er arrangire jetzt seine Kupferstiche nach den Schulen; das sei Opium für die jetzige Zeit. Nimm dies, wie Du willst: mir war es leid, daß er für die jetzige Zeit, die freilich lastenvoll, aber doch überaus groß und herrlich ist, Opium will.

Opium bzw. Mohn taucht auch noch an weiteren Stellen in Goethes Werken auf. Bereits in dem 1777–1785 entstandenen Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" wird flüssiges Opium (Opiumtinktur) als Gift erwähnt. Im Achten Buch, 10. Kapitel, taucht der Verdacht auf, dass sich Felix, der Sohn Wilhelms, mit flüssigem Opium versehentlich vergiftet hat, was sich dann aber nicht bestätigt. Das flüssige Opium hatte der etwas mysteriöse Harfenspieler Augustin aus der Hausapotheke des Geistlichen entwendet und es – ähnlich wie Faust – für einen möglichen Selbstmord als "Talisman" bei sich getragen.

In seinen 1790 – also vor Sertürners "Morphium" – in Venedig verfassten Epigrammen, bringt Goethe bereits den Mohn in Verbindung mit dem antiken Gott Morpheus:

Göttlicher Morpheus, umsonst bewegst du die lieblichen Mohne;

Bleibt das Auge doch wach, wenn mir es Amor nicht schließt.

Die Schlaf und Traum erzeugende Wirkung des Mohns finden wir auch in anderen Gedichten Goethes erwähnt, so in "An den Schlaf" aus den "Lyrischen Gedichten" und in "Euphrosyne":

An den Schlaf

Der du mit deinem Mohne

Selbst Götteraugen zwingst,

Und Bettler oft zum Throne,

Zum Mädchen Schäfer bringst,

Vernimm: Kein Traumgespinste

Verlang ich heut von dir,

Den größten deiner Dienste,

Geliebter, leiste mir.

Euphrosyne

Zu dem Ziele des Tages, der stillen hirtlichen Wohnung;

Und der göttliche Schlaf eilet gefällig voraus.

Dieser holde Geselle des Reisenden. Daß er auch heute

Segnend kränze das Haupt mir mit dem heilgen Mohn!

Trotz des verbreiteten Anbaus von Hanf (Cannabis sativa), gab es in Deutschland über Jahrhunderte keine berauschenden Hanfpräparate. Immerhin war die berauschende Wirkung bekannt, was in Grimms Wörterbuch mit einem Zitat Gotthold Ephraim Lessings belegt wird:

In Düringen sagt man auch von einem der schlaftrunken noch kein klares Bewusztsein von sich hat: er kann sich nicht aus dem hanfe filtzen.

Goethe scheint Haschisch nicht gekannt zu haben, obwohl er wiederholt berichtet, dass er an Hanffeldern vorbeigekommen ist und sich in Zusammenhang mit seinem "West-östlichen Divan" intensiv mit der Kultur des mittleren Ostens (Persien) – der Heimat des Hanfs – beschäftigt hat. Auch eine Übersetzung der "Geschichten aus Tausendundeiner Nacht", in denen Haschisch häufig erwähnt wird, kannte Goethe (Hinweis in seinem "Mahomet"), ebenso "Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen" des Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall (1818).

1994 wurde zunächst in der Zürcher "Wochenzeitung", etwas später in der "Zeit" ein bis dahin unbekanntes Manuskript Goethes veröffentlicht, das evtl. aus dem Jahre 1797 stammen sollte und in dem von Haschischexperimenten mit Schiller und drei seiner Studenten berichtet wird:

Beim Mittagsmahle erörterte ich mit Schillern die wunderliche Sitte, welche unter seinen Studiosi Einzug erhalten, nämlich mittels einer Pfeife ein süssliches orientalisches Harz abzubrennen, über dessen erheiternde Kraft viel Lob zu hören sei. … Danach kreiste die Pfeife ein zweites Mal, während sich ein eigentümliches Gefühl, begleitet von einem tiefen Summen, in meinem Kopf breitmachte … Mein Zustand war der seltsamste: allerlei trübe Gedanken schwirrten um mich herum wie kalte Goldfische in einem Glase, allein ich erhaschte keinen und blieb gelangweilt, was sich mit immer stärkerem Unwillen mischte … Ueber unser Abenteuer waren wir uns schnell einig; es schien uns, nach einem Bonmot Schillers, dass die Wirkung weder besonders übel, dafür aber noch salzloser als die vereinigten Gedichte Klopstocks & Müllers gewesen sei, ferner bemerkte ich, dass jene Studiosi des Hanfs mir vorkämen wie jene lieben Kleinbürger, die auf die Philister schimpfen, dabei aber Gemüt und Gemütlichkeit hochleben lassen … Aber da sah ich mitten im Explizieren nach Schillern hin und fand ihn schlummernd sitzen, den Kopf auf den geleerten Wurstteller gebettet.

Verständlich, dass dieses Manuskript in der Folge viel zitiert wurde, bis sich der Schweizer Constantin Seibt als Fälscher bekannte (Berner Zeitung vom 25. 11. 2000). Die Episode erschien sowieso etwas verwunderlich, da Goethe kein Freund des Tabakrauchens war.

Anhänger der Homöopathie

In späteren Jahren wurde Goethe ein Anhänger der Homöopathie [9]. Die erste Arbeit von Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755–1843) über Homöopathie war 1796 in Hufelands "Journal" erschienen. Hufeland war bis zu seinem Weggang nach Berlin im Jahre 1800 der Hausarzt Goethes. Im Jahre 1810 publizierte Hahnemann das "Organon der rationellen Heilkunde”, das grundlegende Werk der Homöopathie. In Kurzfassung könnte man sagen, dass Hahnemann aus Browns contraria contrariis ein similia similibus curentur machte. In Zusammenhang mit der homöopathischen Behandlung des österreichischen Fürsten Schwarzenberg wurde auch Goethe auf die Homöopathie aufmerksam: Er übergab Graf Paar, einem Adjutanten des Fürsten, am 25. 8. 1820 sein Manuskript "Bekenntnis eines Hahnemannschen Schülers”. In den Tag- und Jahresheften notierte er über Paar und Prokesch, gleichfalls Adjutant des Fürsten: beyde von der Hanemannischen Lehre durchdrungen, auf welche der herrliche Fürst seine Hoffnung gesetzt hatte, …

Am 2. 9. 1820 schrieb Goethe an Johann Jacob und Marianne von Willemer:

Eine Bemerkung jedoch kann ich, als akademischer Bewohner, hiebey nicht unterlassen; die Frankfurter Juweliere müssen von der Theorie des Doctor Hahnemann in Leipzig, eines freylich jetzt in der ganzen Welt berühmten Arztes vernommen und sich das Beste davon zugeeignet haben. Dieser lehret nämlich: daß der millionste Teil einer angedeuteten, kräftigen Arzeney gerade die vollkommenste Wirkung hervorbringe und jeden Menschen zur höchsten Gesundheit sogleich wiederherstelle. Nach diesem Grundsatz haben viele Goldkünstler bey der Behandlung des Mittel-Juwels verfahren und ich glaube jetzt eifriger als je an die Lehre des wundersamen Arztes, seitdem ich die Wirkung einer allerkleinsten Gabe so lebhaft gefühlt und immer wieder empfinde … Möge dem Fürsten Schwarzenberg … es eben so gedeihen als mir, so wird es jenem Arzt an Ruhm und Lohn keineswegs gebrechen.

Die von Hahnemann verkündete Ähnlichkeitsregel (similia similibus) fand auch – allerdings in ironischer Form – Eingang in den Zweiten Teil des "Faust" (Erster Akt), wo "Eine Braune" aus der Menge hervortritt:

Ich bitt‘ um Mittel! Ein erfrorner Fuß

Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen,

Selbst ungeschickt beweg‘ ich mich zum Gruß.

Mephisto darauf:

Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß.

Die Braune:

Nun das geschieht wohl unter Liebesleuten.

Mephisto:

Mein Fußtritt, Kind! Hat Größres zu bedeuten.

Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt;

Fuß heilet Fuß, so ist‘s mit allen Gliedern.

Heran! Gebt acht! Ihr sollt es nicht erwidern.

Nach einer Interpretation galt der Fußtritt, den Mephisto der "Braunen" versetzt, dem Arzt John Brown, dessen Lehre Goethe inzwischen ablehnte [16].

Meinung über Naturwissenschaften und Medizin

Abschließend sollen noch einige Bemerkungen Goethes zur Arzneikunst und zur Ausbildung der Mediziner gemacht werden.

"Überhaupt”, sagte Goethe, "treibt man auf Akademien viel zu viel und gar zu viel Unnützes. Auch dehnen die einzelnen Lehrer ihre Fächer zu weit aus, bei weitem über die Bedürfnisse der Hörer. In früherer Zeit wurde Chemie und Botanik als zur Arzneikunde gehörig vorgetragen, und der Mediziner hatte daran genug. Jetzt aber sind Chemie und Botanik eigene unübersehbare Wissenschaften geworden, deren jede ein ganzes Menschenleben erfordert, und man will sie dem Mediziner mit zumuten! Daraus kann nichts werden; das eine wird über das andere unterlassen und vergessen. Wer klug ist, lehnet daher alle zerstreuenden Anforderungen ab und beschränkt sich auf ein Fach und wird tüchtig in einem." [10]

Eckermann notierte nach einem Gespräch mit Goethe (15. 3. 1830):

Er sprach viel über Jena und die Einrichtungen und Verbesserungen, die er in den verschiedenen Branchen der Universität zu Stande gebracht. Für Chemie, Botanik und Mineralogie, die früher nur in soweit sie zur Pharmazie gehörig behandelt worden, habe er besondere Lehrstühle eingeführt. Vor allem sey für das naturwissenschaftliche Museum und die Bibliothek von ihm manches Gute bewirkt worden.

Und an anderer Stelle:

… da sich bemerken ließ, daß, bei dem früheren beschränkteren Zustand der Naturwissenschaften, solche bloß in Bezug auf die ausübende Arzeneikunst betrachtet wurde. Botanik und Chemie waren als Dienerinnen des Apothekers angesehen … ja man hatte es früher einem Professor der Botanik zum Vorwurf gemacht, daß er manche der Heilkunst nicht unmittelbar nützende Pflanzen im … Garten aufgezogen.

Im "Jahrmarktsfest zu Plundersweilern” lässt Goethe den Marktschreier eine damals wohl noch übliche Form der Arzneimitteldistribution vorführen:

Ihr könntet‘s denken auch von mir,

Drum rühm ich nichts und zeig‘ euch hier

Ein Päckel Arzeney, köstlich und gut.

Die Waar‘ sich selber loben thut.

Wozu‘s alles schon gewesen,

Ist auf‘m gedruckten Zeddel zu lesen.

Und enthält das Päckel ganz

Ein Magenpulver und Purganz,

Ein Zahnpülverlein honigsüße

Und einen Ring gegen alle Flüsse.

Wird nur dafür ein Batzen begehrt,

Ist in der Noth wohl hundert werth.

Goethe kannte die wichtigsten Arzneimittel seiner Zeit (Ausnahme: Morphin). In Straßburg, wo er Jura studierte, nahm er auch an den chemischen und medizinischen Vorlesungen von Jakob Reinbold Spielmann in der Hirsch-Apotheke teil. Später unterhielt er Kontakte zu Apothekern, Medizinern und – seit Beginn des 19. Jahrhunderts – auch zu Chemikern [11–15]. So bemühte er sich intensiv um die Berufung geeigneter Professoren an die Universität Jena und verfolgte dazu die einschlägige Literatur. Goethes 1807 erschienener Roman "Die Wahlverwandtschaften" hat nicht nur durch den Titel ("Wahlverwandtschaft" im Sinne von chemischer Affinität, von Anziehung und Abstoßung, also als "erotische Chemie" zu interpretieren [6]), sondern auch im Text zahlreiche Bezüge zur Chemie. Anregungen bekam Goethe dazu von dem Weimarer Apotheker Johann Friedrich August Göttling (1755–1809). Engen Kontakt hatte Goethe außerdem zu Johann Wolfgang Döbereiner (1780–1849), der neben einem Lehrbuch der Chemie auch zwei pharmazeutisch-chemische Bücher schrieb, die Goethe kannte: "Elemente der pharmazeutischen Chemie" (1814) und "Handbuch der pharmazeutischen Chemie" (1816). Auch die 1821 von Carl Christoph Traugott Friedemann Goebel (1794–1851) veröffentlichten "Grundlinien der pharmazeutischen Chemie und Stöchiometrie" befanden sich in Goethes Bibliothek.

Den ambivalenten Aspekt von Arzneimitteln, die bei schlechter Qualität und unsachgemäßer Anwendung mehr schaden als nützen, hat Goethe in "Faust I" angesprochen:

Hier war die Arzenei, die Patienten starben,

Und niemand fragte: wer genas?

So haben wir mit höllischen Latwergen

In diesen Tälern, diesen Bergen

Weit schlimmer als die Pest getobt.

Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,

Sie welkten hin, ich muß erleben,

Daß man die frechen Mörder lobt.

Dass Goethes sogar der ärztlichen Kunst auf akademischer Grundlage kritisch gegenüber stand, zeigt eine weitere Stelle in "Faust I", wo Mephisto zum Schüler sagt:

Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;

Ihr durchstudiert die groß‘ und kleine Welt,

Um es am Ende gehen zu lassen,

Wie‘s Gott gefällt.


Literatur

[1] Nager, F.: Der heilkundige Dichter. Goethe und die Medizin. Zürich und München 1990.

[2] Wenzel, M.: Goethe und die Medizin. Selbstzeugnisse und Dokumente. Frankfurt und Leipzig 1992.

[3] Eissler, K.R.: Goethe. Eine psychoanalytische Studie. 2. Bde. München 1987.

[4] Lange-Eichbaum, Wilhelm; Wolfram Kurth: Genie, Irrsinn und Ruhm. München 1967.

[5] Baus, Lothar: Goethe – ein "genialer" Syphilitiker: Geschichte einer verschwiegenen Krankheit. Homburg/Saar 2001.

[6] Möbius, P.J.: Über das Pathologische bei Goethe. Mit einem Essay von Bernd Nitzsche. München 1982.

[7] Sundelin, C.: Handbuch der speciellen Heilmittellehre, Berlin 1827, a) S. 476 I; b) S. 146 II; c) S. 177 II; d) S. 64 I.

[8] Krätz, Otto: Goethe und die Naturwissenschaften. München 1998.

[9] Schmeer, Ernst H.: Goethe und die Homöopathie. Zeitschrift Klass. Homöopathie 41 (1997) 193 –198.

[10] Eckermann, J.P.: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Leipzig 1968, S. 78.

[11] Schwedt, G.: Goethe als Chemiker. Heidelberg u. Berlin 1998.

[12] Schwedt, G.: Pharmazeuten als Goethes Berater in der Chemie. DAZ-Beilage Geschichte der Pharmazie 51 (1999), 17–22.

[13] Schwedt, G.: Goethe unter bedeutenden Pharmazeuten. Pharmazie in unserer Zeit 28 (1999) 314 –319.

[14] Unterhalt, B.: Goethe und die Pharmazie. Dtsch. Apoth. Ztg. 139 (1999) 3367–3372.

[15] Friedrich, C.: Pharmazeuten rund um Goethe. Pharm. Ztg. 144 (1999) 3303 –3311.

[16] Kommentar zur Goethe-Ausgabe, Bd. 8, S. 868. Berlin 1965.

[17] Kreutel, Margit: Die Opiumsucht. Stuttgart 1988.

[18] Görres, Jörn (Hrsg.): "Was ich dort gelebt, genossen …" – Goethes Badeaufenthalte 1785–1823. Königstein/Ts. 1982.


Anschrift des Verfassers:

Prof. Dr. Peter Nuhn

Institut für Pharmazie

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