Fortbildung

C. BruhnTabuthema Inkontinenz

Gegenwärtig leiden in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen an Harn- oder Stuhlinkontinenz, das heißt an einem unfreiwilligen Abgang von Urin oder Darminhalt. Die Betroffenen stehen unter einem großen Leidensdruck. Im folgenden Beitrag sollen die Ursachen, häufigsten Symptome, Therapien sowie Beratungsmöglichkeiten in der Apotheke dargestellt werden.

Bei der Harninkontinenz ("Blasenschwäche") unterscheidet man fünf Formen: die Belastungsinkontinenz (die frühere Bezeichnung "Stressinkontinenz" soll nach der neuen Terminologie der International Continence Society, ICS, nicht mehr verwendet werden), die Dranginkontinenz ("Urge"-Inkontinenz), die Reflexinkontinenz, die Überlaufinkontinenz und die extraurethrale Inkontinenz. Die größte Bedeutung haben die Belastungs- und die Dranginkontinenz, in etwa 30% der Fälle treten die Symptome beider kombiniert als so genannte Mischinkontinenz auf.

Die Harninkontinenz-Formen sind durch folgende Symptome charakterisiert: Bei der Belastungsinkontinenz übersteigt der Blaseninnendruck (intravesikaler Druck) den Widerstand der Blasenschließmuskulatur, z. B. aufgrund einer Beckenbodenschwäche. Körperliche Belastung wie Treppensteigen, Heben von Lasten, Sport oder plötzliches Ansteigen des intraabdominellen Druckes beim Husten, Niesen oder Lachen führen zu unwillkürlichem Harnabgang.

Bei der Dranginkontinenz ("überaktive Blase") kommt es durch eine überaktive Blasenmuskulatur zu häufigem, oft plötzlich auftretendem Harndrang mit unwillkürlichem Harnabgang. Bei leichteren Formen, der so genannten Reizblase, tritt meist keine Inkontinenz auf, bei schweren Formen besteht ständiger Harndrang mit Krämpfen (so genannten Tenesmen). Nach dem Wasserlassen ist bei den Betroffenen kaum eine Erleichterung spürbar. Die Dranginkontinenz ist die häufigste Form der Inkontinenz bei Männern.

Ursache der Reflexinkontinenz sind meist Schädigungen des Rückenmarks (z. B. Querschnittslähmung, fortgeschrittenes Stadium der Multiplen Sklerose). Die Steuerung der Blasenentleerung durch das Gehirn ist unterbrochen, dadurch entleert sich die Blase unkontrolliert, d. h. ohne dass vorher ein Harndrang spürbar war und ohne dass der Harnfluss willentlich unterbrochen werden kann.

Ursache einer Überlaufinkontinenz sind meist Verengung der Harnröhre oder des Blasenausganges, z. B. durch Prostatahyperplasie, Harnblasensteine oder Tumore. Wenn der Blaseninnendruck den Druck des Verschlussapparates übersteigt, läuft die Blase über, dies geschieht meist tröpfchenweise. Die Blase kann sich außerdem nicht mehr vollständig entleeren, sodass ein Restharn verbleibt; die Folge sind aufsteigende Harnwegsinfekte und Nierenschädigung.

Ursachen der extraurethralen Inkontinenz sind angeborene Missbildungen oder sekundär gebildete Fistelgänge (z. B. nach Entzündungen, Bestrahlung). Es tritt ein Urinverlust außerhalb der Harnröhre auf. Die verschiedenen Formen treten aufgrund anatomischer und funktioneller Besonderheiten bei Männern und Frauen sowie altersabhängig mit unterschiedlicher Häufigkeit auf. Daher werden im Folgenden einige geschlechtsspezifische Unterschiede sowie Besonderheiten der Harninkontinenz im Kindesalter dargestellt.

Harninkontinenz bei Frauen

Harninkontinenz tritt insgesamt bei Frauen viel häufiger auf als bei Männern, was vor allem anatomische Ursachen hat. Beispielsweise haben Frauen einen größeren Beckenboden, bei Männern wird durch die Prostata der Verschluss der Harnröhre unterstützt. Darüber hinaus gibt es für Frauen in nahezu jedem Lebensalter zahlreiche Risikofaktoren, die vor allem die Entstehung einer Belastungsinkontinenz begünstigen können. Dies sind hauptsächlich:

  • Bindegewebsschwäche aufgrund genetischer Disposition
  • permanente Druckerhöhung im Beckenbereich durch Übergewicht, schwere körperliche Arbeit, chronische Bronchitis oder chronische Obstipation
  • (häufige) vaginale Geburten (Zerreißen von Nervenfasern beim Geburtsvorgang)
  • allgemeine Muskel- und Gewebsschwäche sowie hormonelle Defizite im Alter

Das Symptom Reizblase, eine Frühform der Dranginkontinenz, lässt sich von jungen Frauen oft leichter "wegstecken". Im Alter verringert sich die Mobilität, sodass bei plötzlich auftretendem Harndrang die Toilette nicht mehr so schnell wie früher erreicht werden kann und es zum unfreiwilligen Harnabgang kommt.

Harninkontinenz bei Männern

Bei Männern treten Blasenfunktionsstörungen mit oder ohne Harninkontinenz vor allem im höheren Lebensalter auf. So kommt es beispielsweise zu häufigem, oft auch plötzlich auftretendem Harndrang, einem schwachen oder unterbrochenen Harnstrahl ("Harnstottern") oder einem Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung.

Die Ursachen dafür können sehr vielfältig und teilweise schwerwiegend sein, daher ist eine Abklärung durch den Urologen notwendig. So können beispielsweise eine benigne Prostatahyperplasie oder ein Prostatakarzinom, eine altersbedingte Insuffizienz des Blasenmuskels oder der Schließmuskel sowie Blasensteine oder rezidivierende Infektionen Ursache der Beschwerden sein. Nach Prostataoperationen kann es zu Störungen im Verschlussmechanismus der Harnröhre und damit zur Inkontinenz kommen.

Harninkontinenz im Kindesalter

Der Erwerb der Blasenkontrolle ist ein langer Prozess. In den ersten Lebensmonaten gibt der Säugling etwa 30 Mal in 24 Stunden Harn ab. Zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat erfolgt eine Reduktion der Miktionsfrequenz auf etwa 20 Mal in 24 Stunden. Zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr entwickelt sich ein Gefühl für den Harndrang, das heißt das Kind kann erstmalig die körperlichen Signale einer stark gefüllten Blase wahrnehmen.

Frühestens gegen Ende des zweiten, häufig jedoch erst im Laufe des dritten Lebensjahres ist die Innervation der Blase so weit fortgeschritten, dass eine Kontrolle des Schließmuskels möglich wird. Auch die Zahl der Miktionen nimmt ab (auf etwa 10 pro 24 Stunden). Im vierten Lebensjahr ist ein Kind zunehmend in der Lage, selbst bei Harndrang die Blasenentleerung noch einige Zeit hinauszuzögern bzw. auch bei geringer Füllung willentlich eine Entleerung einzuleiten. Ein recht hoher Prozentsatz der Kinder schafft es jedoch in den ersten vier Lebensjahren nicht, eine normale Blasenkontrolle zu erreichen. In Deutschland nässen etwa 15% der 5- und 6-Jährigen und etwa 10% der 7-Jährigen (überwiegend nachts) noch ein, insgesamt schätzungsweise 600 000 Kinder.

Die Ursachen für Blasenentleerungsstörungen im Kindesalter können sehr vielfältig sein: angeborene Defekte (z. B. Spina bifida, Fehlbildungen im Urogenitaltrakt), Reifungs- und Entwicklungsverzögerungen der Blasenfunktion (z. B. Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination), hormonelle Einflüsse, psychische oder psychosoziale Ursachen, genetische Faktoren.

Die Wahrscheinlichkeit für ein Kind, unter einer Enuresis zu leiden, liegt bei 45%, wenn ein Elternteil und bei 77%, wenn beide Eltern im Kindesalter eine Enuresis hatten. Nach Empfehlungen der International Continence Society (ICS) unterteilt man heute Blasenentleerungsstörungen bei Kindern ein in Harninkontinenz (Einnässen tags und nachts) und die häufiger auftretende reine Enuresis (früher Enuresis nocturna) mit nur nächtlichem Einnässen. Bei der Enuresis (griech. enourein = Harn lassen) wird weiterhin die primäre Enuresis (das Kind war noch nie trocken) von der sekundären (vorausgegangene Blasenkontrolle über mindestens sechs Monate) unterschieden.

Stuhlinkontinenz

Unter Stuhlinkontinenz wird die Unfähigkeit oder der Verlust der willkürlichen Kontrolle über das zeit- und ortgerechte Absetzen von Stuhl verstanden. Nach dem klinischen Erscheinungsbild unterscheidet man vier Schweregrade:

Grad 1: Abgang von Luft Grad 2: Abgang von Schleim Grad 3: Abgang von dünnflüssigem Stuhl Grad 4: vollständiger Kontrollverlust

Als Ursachen kommen infrage:

  • Schädigung des Schließmuskels und der Analhaut, z. B. nach Analfistel-Operationen, durch Rektumprolaps,
  • Nervenschädigungen, z. B. bei Verletzungen des Rückenmarks, unter der Geburt, nach ausgedehnten Operationen im Beckenbereich,
  • Beckenbodeninsuffizienz im Alter, d. h. nachlassende Elastizität des Gewebes, in das der Schließmuskelapparat eingebettet ist,
  • Erkrankungen wie Diabetes, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, fortgeschrittene Multiple Sklerose, schwere Demenz, Hyperthyreose, Durchfall, chronische Obstipation (paradox: trotz der Verstopfung kommt es zu unkontrolliertem Abgang von flüssigem Stuhl, da im Darm vermehrt Schleim gebildet wird, wenn er durch verhärteten Stuhl verlegt ist).

Eine Stuhlinkontinenz ist - verständlicherweise - mit einem noch größeren Tabu behaftet als die Harninkontinenz, doch auch dafür gibt es zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten.

Therapie

Die Möglichkeiten der Prävention und Therapie der Harn- und Stuhlinkontinenz sind äußerst vielfältig. Im Folgenden sollen die wichtigsten kurz vorgestellt werden. Die Therapie im Kindesalter ist durch einige Besonderheiten gekennzeichnet, daher wird sie gesondert behandelt.

Umstellung der Ernährungs- und Miktionsgewohnheiten

Bei der Harninkontinenz kann bereits durch eine Umstellung der Ernährungs- und Miktionsgewohnheiten eine Verbesserung der Symptomatik erzielt werden. Der Arzt lässt die Patienten zu diesem Zwecke im Rahmen der Diagnostik häufig ein Trink- und Miktionsprotokoll anfertigen.

Auch bei der Stuhlinkontinenz wird zunächst versucht, durch Ernährungsumstellung (Meidung blähungstreibender Speisen, verstärkte Zufuhr von Nahrungsmitteln, die stuhlfestigend wirken, z. B. Bananen, Reis) eine Verbesserung der Symptome zu erreichen. Wichtig ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, da eine zu geringe Trinkmenge eine Obstipation begünstigt. Ist der Darm durch verhärteten Stuhl verlegt, erhöht sich einerseits der intraabdominelle Druck, was zu einer Belastungsinkontinenz führen kann. Auch eine Stuhlinkontinenz wird begünstigt, da der Darm dann verstärkt Schleim produziert und es zum unfreiwilligen Abgang von dünnflüssigem Stuhl kommen kann.

Konservative Therapie

Zu den konservativen Therapiemöglichkeiten bei Harn- und Stuhlinkontinenz zählen Blasentraining, Beckenbodengymnastik, Elektrostimulation, Biofeedback und Entspannungsverfahren (z. B. progressive Muskelentspannung nach Jacobson). Beim Blasentraining trainiert der Patient, die Abstände zwischen den Toilettengängen allmählich zu verlängern. Die Beckenbodengymnastik hat zum Ziel, die Muskulatur des Beckenbodens und die Schließmuskel von Blase und Darm durch gezieltes Training zu stärken.

Besonders gute Erfolge werden damit bei der Behandlung der weiblichen Belastungsinkontinenz erzielt. Durch die Kombination mit kleinen Gewichten, so genanten Vaginalkonen, kann die Effektivität noch gesteigert werden. Bedeutsam ist regelmäßiges Beckenbodentraining auch zur Prävention, daher sollte sie Bestandteil der Schwangerschaftsgymnastik sowie der Rückbildungsgymnastik nach der Entbindung sein.

Verfahren der Elektrostimulation/Biofeedback eignen sich vor allem zur Behandlung von Stuhl-, Belastungs-, Drang- und Mischinkontinenz. Bei der Elektrostimulation werden spezielle Muskelfasertypen des Beckenbodens bzw. der Schließmuskeln gezielt angesprochen. Bei Biofeedback-Trainingsgeräten werden über Elektroden in der Scheide oder dem Enddarm Muskelpotenziale gemessen und optisch oder akustisch wiedergegeben. Dadurch kann der Patient kontrollieren, ob beim Beckenbodentraining die richtigen Muskeln mit der richtigen Anspannung trainiert werden.

Medikamentöse Therapie

m-Cholinorezeptor-Antagonisten (Parasympatholytika) Substanzen wie Trospiumchlorid (Spasmolyt®) und Tolterodin (Detrusitol®) blockieren die Acetylcholin-vermittelte Erregungsübertragung an muskarinergen Cholinorezeptoren des Detrusors. Der Detrusortonus sinkt, der Sphinktertonus wird indirekt erhöht. Daher eignen sich diese Substanzen vor allem zur Behandlung einer Dranginkontinenz.

Neurotrop-muskulotrop wirkende Spasmolytika Substanzen wie Oxybutynin (Cystonorm®) und Propiverin (Mictonorm®, Mictonetten®) wirken direkt erschlaffend auf glatte Muskelzellen der Blase, auch sie werden bei überaktiver Blase eingesetzt.

Alpha-Rezeptoragonisten Alpha-Rezeptoragonisten (z. B. Midodrin, Gutron®) erhöhen durch Angriff an alpha-1- und alpha-2-Rezeptoren an Blasenhals und Prostata den Widerstand der Harnröhre. Sie werden daher bei Belastungsinkontinenz eingesetzt, wenn andere Behandlungsmaßnahmen nicht zum Erfolg geführt haben.

Duloxetin Der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin wird voraussichtlich in einigen Monaten als erster Wirkstoff eine Zulassung zur Therapie der weiblichen Belastungsinkontinenz erhalten. Durch die Wirkung der Substanz werden verstärkt zentralnervöse Impulse über den Pudendus-Nerv zum Blasenhals und zur Harnröhre gesandt. Daraufhin erhöht sich die Aktivität der quergestreiften Muskulatur des Harnröhrensphinkters, gleichzeitig wird die Detrusorkontraktion gehemmt und die Blasenkapazität steigt. Duloxetin muss ständig eingenommen werden.

Alpha-Rezeptorantagonisten Die alpha-Rezeptorantagonisten Alfuzosin (Urion®) und Tamsulosin (Alna®) führen durch eine Blockade von alpha-1A-Rezeptoren zur Erschlaffung der glatten Muskulatur des Blasenhalses, der Harnröhre und der Prostata. Sie werden daher bevorzugt bei Harninkontinenz aufgrund benigner Prostatahyperplasie (Überlaufinkontinenz) eingesetzt.

Phytopharmaka Bei leichten Formen der Dranginkontinenz (Reizblase) können Extrakte aus Kürbissamen, Brennesselwurzel und Gewürzsumachrinde empfohlen werden. Es muss jedoch zuvor abgeklärt sein, dass den Beschwerden keine Harnwegsinfektion zugrunde liegt. Bei der Abgabe eines Phytopharmakons empfiehlt sich im Beratungsgespräch der Hinweis, dass ein Facharzt zu Rate gezogen werden sollte, falls sich die Beschwerden nach etwa zweimonatiger Anwendung nicht bessern.

Operationen

In einigen Fällen lässt sich eine Inkontinenz nur mit operativen Maßnahmen beheben. Dabei handelt es sich jedoch meist um minimal-invasive Methoden, die implantierten Materialien weisen eine gute Verträglichkeit auf. Nachfolgend seien einige Beispiele genannt.

Kunststoffbänder zur Unterstützung der Harnröhre Diese werden vor allem bei Frauen eingesetzt, bei denen aufgrund einer Beckenbodenschwäche eine Belastungsinkontinenz auftritt. Kunststoffbänder (z. B. TVT, Tension-free Vaginal Tape, Monarc™-System) werden in einem kleinen Eingriff mittels verschiedener Techniken unter die Harnröhre gezogen. Sie stabilisieren den Verschlussapparat, sodass bei Belastungen kein unfreiwilliger Harnabgang mehr erfolgt.

Implacement-Therapie mit Zuidex™ Diese Methode eignet sich für leichte bis mittelschwere Belastungsinkontinenz, wenn andere Therapien gescheitert sind. Dabei wird ein Gel (Dextranomer/Hyaluronsäure Copolymer) in die Harnröhrenwand oberhalb des Schließmuskels injiziert. Es bildet sich ein Polster, das den Verschluss der Harnröhre verbessert.

Künstliche Blasen- und Darmschließmuskel Es wird eine kleine Silikon-Prothese in den Körper des Patienten implantiert, die die natürliche Funktion des jeweiligen Schließmuskels nachahmt. Im Ruhezustand ist die Harnröhre bzw. der Enddarm durch eine flüssigkeitsgefüllte Manschette umschlossen. Zum Wasserlassen bzw. Stuhlgang betätigt der Patient eine Pumpe, dadurch werden die Harnröhre bzw. der Darm kurzzeitig geöffnet.

Stützende und absorbierende Hilfsmittel

Vaginalpessare Vaginalpessare sind ein wirkungsvolles Hilfsmittel bei Belastungsinkontinenz, z. B. wenn diese durch eine Uterusabsenkung hervorgerufen wird. Das Pessar (aus Silikon, Polyurethan) wird in der Vagina platziert und verhindert, dass der Druck in der Blase höher ansteigt als in der Harnröhre, dadurch wird unfreiwilligem Harnabgang vorgebeugt.

Kondomurinale und ableitende Hilfsmittel Kondomurinale aus Latex oder Silikon sowie die dazugehörigen Auffangbeutel können sehr diskret getragen werden. Bei schwerer oder schwerster Inkontinenz kommen Katheter zum Einsatz. Es handelt sich dabei um dünne Kunststoffschläuche, die durch Fachpersonal entweder durch die Harnröhre (transurethraler Katheter) oder durch einen Einstich in die Bauchdecke oberhalb des Schambeins (suprapubischer Katheter) in die Blase gelegt werden.

Absorbierende Hilfsmittel Absorbierende Hilfsmittel wie Betteinlagen, Slipeinlagen oder Inkontinenz-Slips kommen zum Einsatz, wenn sich trotz therapeutischer Maßnahmen die Symptome nicht vollständig beseitigen lassen bzw. für den Zeitraum, bis eine Diagnose gesichert ist oder sich ein Behandlungserfolg einstellt. Bei Stuhlinkontinenz finden Analtampons Verwendung.

Therapie im Kindesalter

Wegen der individuell sehr unterschiedlichen Ausreifung der Blasenkontrolle im Kindesalter empfehlen Urologen, eine Funktionsdiagnostik erst nach dem 5. Lebensjahr durchzuführen. Die Therapie ist abhängig von der zugrunde liegenden Störung, dem Alter des Kindes und seinem Vermögen zur Mitarbeit. In den meisten Fällen ist eine ambulante Behandlung möglich.

Änderung der Trink- und Miktionsgewohnheiten Untersuchungen haben gezeigt, dass 50% der deutschen Kinder ihre Haupttrinkmenge nach 18 Uhr zu sich nehmen und dann früh schlafen gehen, was die in diesem Alter relativ kleinkapazitäre Blase in der Nacht einfach zum "Überlaufen" bringt. Mit dem Führen eines Trink- und Miktionsprotokolls im Rahmen der Diagnostik sowie einer nachfolgenden Veränderung der Trink- und Miktionsgewohnheiten (annähernd gleichmäßig über den Tag verteilt trinken, regelmäßige Blasenentleerung) lässt sich bei 50 bis 98% der Kinder mit primärer Enuresis ein Behandlungserfolg erzielen. Keinesfalls dürfen am Abend koffeinhaltige Getränke (Cola, Eistee) getrunken werden.

Verhaltenstherapie Verhaltenstherapeutische Maßnahmen werden eingesetzt, wenn als Ursache der Enuresis eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung vermutet wird. Bei vielen Eltern zeigt sich immer wieder ein großer Ehrgeiz (zum Teil übernommen von den eigenen Eltern), möglichst früh mit der Sauberkeitserziehung zu beginnen. Ist das Kind frühzeitig trocken, sind die Eltern sehr stolz darauf, gibt es Probleme, fühlen sie sich als "pädagogische Versager". Wegen der oben beschriebenen Entwicklung der Blasenkontrolle im Kindesalter empfiehlt es sich jedoch, mit dem "Trockenwerden" bis nach Vollendung des zweiten Lebensjahres zu warten, da eine zu frühe und zu strenge Sauberkeitserziehung leicht zu sekundären Störungen führen kann.

Alarmsysteme Das Prinzip von "Klingelhose", "Klingelmatte" oder anderen Alarmsystemen (z. B. DRI-Sleeper®) beruht auf einem akustischen Alarm, der durch wenige Tropfen Urin ausgelöst wird. Durch das Aufwachen wird der Harnfluss gestoppt und das Kind hat die Möglichkeit, auf die Toilette zu gehen. Die Erfolgsquote liegt bei etwa 70 bis 80%.

Medikamentöse Therapie Das häufig eingesetzte Desmopressin (DDAVP, Minirin®, Nocutil®) ist ein Analogon des antidiuretischen Hormons (Adiuretin, ADH). Bei einigen Enuretikern steigt die ADH-Konzentration in der Nacht nicht genügend an, dadurch wird die nächtliche Urinproduktion nicht ausreichend gebremst und die Blase "läuft über". Bei Inkontinenz aufgrund neurogener Detrusorüberaktivität werden im Kindesalter die Anticholinergika Propiverin (Mictonetten®), Oxybutynin (Cystonorm®) und Tolterodin (Detrusitol®), meist auch in Kombination mit anderen Therapien wie Alarm- oder Psychotherapie, eingesetzt.

Eine weitere Therapieoption sind alpha-1-Blocker (z. B. Alfuzosin, Einsatz off-label). Imipramin sollte aufgrund kardialer Nebenwirkungen nicht mehr verwendet werden. In klinischen Studien wurden bei neurogener Blasenfunktionsstörung im Kindesalter gute Erfolge mit der Injektion von Botulinumtoxin-A in den Detrusor erzielt.

Physiotherapie Eine konservative Behandlung durch Physiotherapie zeigt bei Harninkontinenz oder Enuresis oft gute Erfolge. Mittels Übungen zum gezielten Anspannen und Entspannen des Beckenbodens, Atemschulung oder Lockerungsübungen für die Muskulatur können die Kinder lernen, den Zeitpunkt der Blasenentleerung selbst zu bestimmen.

Ungeeignete bzw. umstrittene Therapien Als ungeeignete "Therapien" sind Beschimpfungen oder Bestrafungen vonseiten der Eltern zu nennen. Sehr umstritten ist auch das nächtliche Wecken zum Zwecke des Toilettenbesuchs, da damit meist nur eine reflexartig "eingeübte" Urinabgabe (wie beim Säugling) erreicht wird, außerdem können Schlafstörungen, morgendliche Erschöpfung und Aggressivität auftreten.

Kuraufenthalte in Spezialkliniken für Enuretiker werden von Fachleuten ebenfalls weniger empfohlen, da nach der Rückkehr sehr häufig Rückfälle auftreten. Eine sekundäre Enuresis tritt häufig bei familiären Veränderungen (Umzug, Geburt eines Geschwisterkindes, Einschulung, Trennung der Eltern) auf. Hierbei kann es vorkommen, dass auch ohne Therapie das Problem in dem Maße von selbst verschwindet, wie sich die unbewussten Ängste und Spannungen beim Kind, die zum Bettnässen geführt haben, lösen.

Beratung in der Apotheke

Viele Menschen mit Inkontinenzproblemen betrachten ihr Leiden nicht als Krankheit, sondern als persönliches "Versagen". Es ist ihnen peinlich, sie schämen sich oder sind sich unsicher, ob es überhaupt Behandlungsmöglichkeiten dafür gibt. Daher weiß in vielen Fällen nicht einmal der Hausarzt Bescheid. Auch in der Apotheke werden sich die Betroffenen nicht gern "offenbaren". Im Beratungsgespräch sind jedoch oft Anzeichen für ein Inkontinenzproblem zu erkennen, so beispielsweise, wenn nach einem blasenstärkenden pflanzlichen Medikament gefragt wird. Oder eine Kundin verlangt ein aufsaugendes Hilfsmittel für die 90-jährige Oma, das sie aber eigentlich für sich selbst benötigt. In der Apotheke sollte auf solche Anzeichen geachtet und diskret Hilfe angeboten werden, Möglichkeiten sind im Folgenden aufgeführt.

Verweise auf Literatur und Internet

Wenn der Kunde deutlich Probleme hat, über seine Situation zu sprechen, kann er auf Informationsquellen verwiesen werden, um sich zuhause erst einmal in Ruhe zu informieren. Dies können sein: Gesundheitsratgeber aus dem Sortiment der Apotheke, Patientenratgeber von Firmen oder Internetadressen (z. B. www.initiative-trockene-nacht.de, www.dieblase.de).

Erfragen der Komedikation

Zahlreiche Medikamente können eine Harn- oder Stuhlinkontinenz begünstigen (siehe Tabelle). Dazu zählen beispielsweise Diuretika (vor allem Schleifendiuretika, da sie eine besonders rasche Diurese herbeiführen), Sedativa und Hypnotika (da sie zur mentalen Beeinträchtigungen wie z. B. Verwirrtheit führen können) oder ACE-Hemmer, die als Nebenwirkung Husten auslösen und damit eine Belastungsinkontinenz begünstigen können.

Dies hat vor allem für Patienten im höheren Lebensalter eine Relevanz, da Senioren durchschnittlich drei bis vier Medikamente pro Tag einnehmen und zusätzlich altersbedingt die Mobilität und damit die Fähigkeit, schnell eine Toilette zu erreichen, eingeschränkt sein kann. Auch Arzneimittel der Selbstmedikation (Laxanzien!) sollten erfragt werden.

Empfehlung von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen

Von folgenden Fach- und Selbsthilfeverbänden können Betroffene Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen in Wohnortnähe erhalten:

Gesellschaft für Inkontinenzhilfe e.V. (GIH) Friedrich Ebert-Str. 124 34119 Kassel Tel. (05 61) 78 06 04 Auf der website www.gih.de finden sich für alle Bundesländer - geordnet nach Postleitzahlen - Listen von Selbsthilfegruppen für Betroffene und ihre Angehörigen, weiterhin Listen von Ärztinnen und Ärzten und Kliniken, die sich auf die Inkontinenzbehandlung spezialisiert haben und in so genannten Kontinenzzentren tätig sind, sowie Kur- und Rehakliniken, die Programme zur umfassenden Blasenrehabilitation anbieten.

Hilfe für inkontinente Personen e.V. Blackertzstr.12 40629 Düsseldorf Tel. (02 11) 5 92 12

DVET Fachverband Stoma und Inkontinenz Virchowstr. 14 38642 Goslar Tel.: (0 53 21) 5 10 80 Deutsche ILCO e.V. Selbsthilfe für Stomaträger Kepserstr. 50 85356 Freising Tel. (0 81 67) 8 49 09 Soma e.V. SH-Organisation für Menschen mit Anorektalfehlbildungen Nicole Schwarzer Weidmannstr. 51 80997 München Tel: (0 89) 14 90 42 62

Deutscher Verband für Physiotherapie Zentralverband der Physiotherapeuten und Krankengymnasten (ZVK) e.V. Deutzer Freiheit 72–74 50679 Köln Tel. (02 21) 9 81 02 70 www.zvk.de Unter der Internetadresse oder gegen Einsendung eines Rückumschlages ist eine bundesweite Liste von Physiotherapeuten erhältlich, die (u. a.) eine spezielle Weiterbildung in Funktioneller Beckenbodenarbeit besitzen.

Diskreter Hinweis auf absorbierende Hilfsmittel

Von den Herstellern aufsaugender Inkontinenzprodukte werden Apotheken auf Anfrage Prospekte, Anschauungsmaterial (z. B. Wanddisplays) oder Muster zur Verfügung gestellt, die im diskreten Beratungsgespräch verwendet werden können.

Molicare: Info- bzw. Patientenbroschüren können angefordert werden über die Service-Nr. der Paul Hartmann AG: 0 18 05 05 15 22, www.hartmann-online.com

Tena: Info- bzw. Patientenbroschüren können angefordert werden über die Service-Nr. der SCA Hygiene Products GmbH: 0 18 02 12 12 21 (pro Anruf 6 Cent), www.tena.de

Attends: Info- bzw. Patientenbroschüren können angefordert werden über die Service-Nr. der PaperPak Germany GmbH: 0 18 02 00 12 04, www.attends.de

Literatur bei der Verfasserin

Beratung tut Not: Gegenwärtig leiden in Deutschland etwa 5 Millionen Menschen an Harn- oder Stuhlinkontinenz, das heißt einem unfreiwilligen Abgang von Urin oder Darminhalt. Die Betroffenen stehen unter einem großen Leidensdruck. Der Beitrag stellt die Ursachen, häufigsten Symptome, Therapien sowie Beratungsmöglichkeiten in der Apotheke dar.

Die normale Blasenfunktion

Die normale Blasenfunktion wird in zwei Phasen unterteilt: 1. Speicherphase: Mit zunehmender Blasenfüllung wird der Blasenmuskel (Detrusor) gedehnt, der intravesikale Druck steigt langsam an. Bei einem Volumen von 150 bis 250 ml tritt erstmals ein Blasenfüllungsgefühl auf, mit Erreichen der Blasenkapazität von 350 bis 450 ml wird es als Harndrang wahrgenommen.

Das Wasserlassen (Miktion) kann jedoch aufgrund zentraler Hemmmechanismen willkürlich so lange unterdrückt werden, bis die äußeren Bedingungen für ein Blasenentleerung günstig sind. Selbst bei intraabdomineller Druckerhöhung (z. B. durch Husten, Niesen) bleibt der Harnröhrenverschlussdruck stets über dem intravesikalen Druck, sodass die Kontinenz gewährleistet ist.

2. Miktionsphase: Zum Zwecke des Wasserlassens wird der Miktionsreflex willkürlich aktiviert. Es kommt dann zur Relaxation des quergestreiften Harnröhrensphinkters und gleichzeitig zur Kontraktion des Detrusors, die Harnblase kann sich mit kräftigem Strahl restfrei entleeren. Bei Kleinkindern ist dieses fein abgestimmt Zusammenspiel zwischen Detrusor und Sphinktermuskulatur noch unreif, daher haben sie keine Kontrolle über ihre Miktion.

Progressive Muskelentspannung nach Jacobson

Die progressive Muskelentspannung nach Jacobson ist ein effektives Entspannungsverfahren, das in Amerika in den 30er Jahren von dem Arzt Edmund Jacobson veröffentlicht wurde. Hierbei werden 16 ausgewählte Muskelgruppen nacheinander angespannt und wieder gelockert. Ziel des Muskeltrainings ist es, einen angenehmen Ruhezustand aktiv herbei zu führen.

Literaturtipps

Hilfsmittel und Medizinprodukte für die Kitteltasche Constanze Schäfer, Ingo Doneth 464 S. 200 vierfarb. Abb., kt. 19,– Euro Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2003. ISBN 3-8047-1948-1

Wissen zum Thema Inkontinenz - für den Patienten und den Apotheker - Sprechstunde Blasenschwäche Günther Leikam, 160 S., Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München ISBN 3-7742-2249-5

Harninkontinenz Ingo Füsgen, Trias Verlag, Stuttgart ISBN 3-89373-265-9

Harninkontinenz. Ein Ratgeber zur Blasenkontrolle. Christina Niederstadt und Gisela Fischer, Bestellung direkt beim Wort & Bild Verlag, Konradshöhe, 82065 Baierbrunn

Inkontinenz. Was muss der Apotheker darüber wissen? Ingo Füsgen, 118 S., Govi-Verlag, Eschborn ISBN 3-7741-0547-2

Beckenboden: das Training für mehr Energie. Irene Lang-Reeves, 80 S., Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München ISBN 3-7742-4786-2 und

Beckenbodentraining mit CD ISBN 3-5170-6248-0

Was tun bei Blasenschwäche? Klaus F. Kopp und Lena Brax, 128 S., Trias Verlag Stuttgart ISBN 3-8937-3722-7

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