Arzneimittel und Therapie

Meningokokken-Meningitis: Tödliche Gefahr?

Ein Meningokokken-Meningitis-Ausbruch in Bayern ist in die Schlagzeilen geraten, bundesweit sind in diesem Jahr bereits zehn Menschen an dieser Erkrankung gestorben. Einen Grund zur Panik gebe es nicht, so das Robert Koch-Institut. Im Vergleich mit den Vorjahren sei keine Zunahme der Krankheitsfälle zu verzeichnen.

Erkrankungsgipfel im Winterhalbjahr Meningokokken-Meningitiden treten in Deutschland überwiegend sporadisch auf (seit 1993 weniger als 1 Erkrankung pro 100000 Einwohner jährlich). Die Krankheit ist meldepflichtig. Im Umkreis von Erkrankten kann es dabei zu wenigen weiteren Erkrankungsfällen kommen. Auch in Bayern geht das Robert Koch-Institut bis jetzt davon aus, daß die Infektion zeitlich, räumlich und hinsichtlich der betroffenen Personengruppe begrenzt ist. Der Erkrankungsgipfel liegt im Winterhalbjahr. Im Jahr 1997 wurden bundesweit 808 Fälle gemeldet, 1996 waren es 687. Dieser leichte Anstieg könne aber nicht als Trend zur Zunahme interpretiert werden, so das Robert Koch-Institut. Auch in diesem Jahr sei keine Zunahme festzustellen. Bis zur 5. Woche wurden bundesweit 58 Fälle gemeldet, dies sind deutlich weniger als im vergleichbaren Zeitraum 1997 mit 113 Fällen. Bisher wurden 1998 bundesweit 10 Sterbefälle an dieser Infektionskrankheit erfaßt.

Durch die Nase ins Gehirn Eine Meningitis kann unter anderem durch verschiedene Bakterien hervorgerufen werden. Die häufigsten bakteriellen Erreger sind Meningokokken und Pneumokokken. Die Gehirnhautentzündung durch Meningokokken ist in Deutschland nicht sehr häufig, schwere, auch tödliche Verläufe sind aber nicht selten. Die Meningokokken-Meningitis (Meningitis cerebrospinalis epidemica) wird durch Neisseria meningitis verursacht. Der Keim wird bei engem Kontakt zu einem Keimträger durch Tröpfcheninfektion übertragen. Vom Nasen-Rachen-Raum gelangen die Erreger auf dem Blutweg ins Gehirn. Nach der Ansteckung dauert es im Schnitt drei bis vier Tage bis zum Ausbruch der Krankheitssymptome. Erste Anzeichen der Erkrankung sind grippeähnliche Symptome. Typisch sind Kopfschmerzen, Fieber und eine Nackensteife, im fortschreitenden Stadium tritt eine Bewußtseinstrübung bis zur Bewußtlosigkeit hinzu. Die Betroffenen können auch unter Übelkeit, Erbrechen und Hautausschlag leiden. Bei einem von zehn Erkrankten kann es zu einem gefährlichen oder sogar tödlichen Verlauf kommen. Deshalb ist auf jeden Fall eine Behandlung im Krankenhaus erforderlich. Allerdings wird nicht jeder Infizierte auch krank. Etwa 5 bis 10% der gesunden Bevölkerung sind symptomlose Träger des Erregers, in Grippezeiten sind bis zu 90% aller Menschen infiziert. Die Infektion kann leichter ausbrechen, wenn die Bakterien beispielsweise auf durch eine Grippe vorgeschädigte Schleimhäute treffen. Kinder, abwehrgeschwächte und ältere Menschen sind besonders gefährdet. Sie sollten bei einer Infektionsgefahr Menschenansammlungen meiden.

Therapie und Prophylaxe mit Antibiotika Die Therapie muß so früh wie möglich beginnen, da nach schweren Meningitiden neurologische und psychische Defekte zurückbleiben können und eine Infektion sogar tödlich enden kann. Die Meningokokken-Meningitis wird nach dem Erregernachweis mit einer spezifischen Chemotherapie behandelt. Bei Verdacht auf eine bakterielle Meningitis kann bereits vor dem Ergebnis des Antibiogramms initial mit Penicillinen und Cephalosporinen therapiert werden. Meistens sind die Erreger gegenüber den gebräuchlichen Antibiotika voll sensibel. Die Behandlung wird durchgeführt, bis das Nervenwasser frei von Entzündungszellen ist. Enge Kontaktpersonen sollte prophylaktisch Antibiotika einnehmen. Als Mittel der Wahl wird Rifampicin angesehen. Es sollte zwei Tage lang in einer Dosis von 20 mg/kg Körpergewicht und Tag, verteilt auf zwei Dosen eingenommen werden. Eine Dosis sollte maximal 600 mg betragen. Bei Säuglingen im ersten Trimenon kann die Einzeldosis auf 5 mg/kg KG reduziert werden. Diese Chemoprophylaxe kann weitere Infektionen und auch neue Erkrankungsfälle verhindern. Das Robert Koch-Institut empfiehlt, eine Chemoprophylaxe ohne Zeitverzug bei den unmittelbaren Kontaktpersonen eines Erkrankten einzuleiten. Dazu gehören Familienangehörige, Intimpartner, Kinder der gleichen Gruppe in Kindertagesstätten oder Heimen. Nicht indiziert ist eine Chemoprophylaxe bei Personen ohne diesen engen körperlichen Kontakt. In Klassengemeinschaften von erkrankten Schulkindern wird sie daher nicht angeraten. Im Rahmen einer sich anbahnenden oder bereits ausgeprägten Epidemie muß über eine Chemoprophylaxe individuell entschieden werden. Hier hat die Verbreitung der Meningokokkenstämme einen so hohen Grad erreicht, daß die individuelle Infektionswahrscheinlichkeit durch die nur kurzfristig wirkende Chemoprophylaxe nur unwesentlich beeinflußt wird, weil Reinfektionen unmittelbar folgen.

Kann eine Impfung schützen? Eine allgemeine Impfung wird derzeit weder in Bayern noch im übrigen Deutschland empfohlen. In Europa werden Infektionen vor allem durch den Stamm B verursacht (1997 in Deutschland: 70%), gegen den kein Impfstoff zur Verfügung steht. Die Antigene dieses Stammes sind den körpereigenen so ähnlich, daß es bei einer Impfung zu Autoimmunreaktionen käme. Impfstoffe gibt es gegen die Stämme A, C, W135 und Y. Sie enthalten die gereinigten Polysaccharid-Kapseln der jeweiligen Stämme. Diese Kapseln sind für die unterschiedlichen Serotypen verantwortlich. In Deutschland wurden 1997 25% aller Fälle durch den Stamm C verursacht, bei der aktuellen Infektion in Bayern waren vier der sechs erkrankten Personen mit diesem Stamm infiziert. Die Schutzwirkung einer Impfung tritt erst nach einer Woche ein. Das Robert Koch-Institut empfiehlt sofortige Massenimpfungen erst, wenn die endemische in eine epidemische Situation übergeht. Vor allem besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen wie Kinder und Jugendliche sollten dann vordringlich geimpft werden. In den USA verursacht Stamm C 30 bis 40% der Krankheitsausbrüche. Vom "Center for Disease Control and Prevention" wird bei Endemien eine Impfung mit dem Vierfach-Impfstoff empfohlen. Eine Schutzimpfung wird in Deutschland bei Reisen in den "Meningitis-Gürtel" Afrikas (Sahelzone vom Sudan bis zum Senegal), die ländlichen Bezirke der Golfregion, Südamerika (Brasilien, La-Plata-Staaten) sowie den nordindischen Raum am Fuß des Himalaya angeraten. In Afrika herrschen Keime der Serogruppe A vor, auch in Europa sind kleinere Erkrankungsherde im Raum Moskau durch Stämme dieser Gruppe aufgetreten. Für Reisende nach Mekka ist die Impfung mindestens 10 Tage vor der Reise sogar vorgeschrieben, und sie darf nicht länger als drei Jahre zurückliegen. Der Impfschutz hält normalerweise bei Erwachsenen drei bis fünf Jahre an, bei Kindern höchstens zwei Jahre. Deshalb ist eine Routineschutzimpfung für Kinder nicht sinnvoll, dafür müßten erst länger wirksame Impfstoffe entwickelt werden.

Quelle Presseinformationen des Robert Koch-Instituts, 3. und 5. März 1998. Presseinformationen des Landratsamtes Rottal-Inn, Pfarrkirchen, 3. und 4. März 1998. Robert Koch-Institut: Meningokokken als Krankheitserreger in Deutschland. Epidemiol. Bulletin 26/96. Robert Koch-Institut: Zur Prophylaxe der Meningokokken-Meningitis. Epidemiol. Bulletin 14/96. Rosenstein, N., et al.: Efficacy of meningococcal vaccine and barriers to vaccination. J. Am Med. Assoc. 279, 435-439 (1998). Dr. Bettina Hellwig, Stuttgart

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