Heilpflanze des Jahres 2024

Was Apotheker über Holunder-Blüten und Holunder-Früchte wissen sollten

Stuttgart - 12.02.2024, 10:45 Uhr

Was bevorzugen Sie? Holunder-Blüten oder Holunderbeeren? Aus dem pharmazeutischen Blickwinkel fällt die Antwort relativ klar aus. (Foto: cosmicanna / AdobeStock)

Was bevorzugen Sie? Holunder-Blüten oder Holunderbeeren? Aus dem pharmazeutischen Blickwinkel fällt die Antwort relativ klar aus. (Foto: cosmicanna / AdobeStock)


Wer in der Apotheke arbeitet, muss sich wahrscheinlich nicht täglich mit dem Schwarzen Holunder (Sambucus nigra) als Heilpflanze auseinandersetzen. Da Sambucus nigra vom Naturheilverein (NHV) Theophrastus aber zur Heilpflanze des Jahres 2024 gekürt wurde, lohnt sich ein Blick auf die Einsatzgebiete seiner Früchte und Blüten in Tees und Fertigarzneimitteln aus der Apotheke.

Das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) macht derzeit darauf aufmerksam, dass sich aus Schwarzem Holunder (Sambucus nigra) zwar „Köstlichkeiten wie Chutney, Sorbet oder Quarkspeisen zubereiten“ lassen, das Wildobst aber auf keinen Fall roh gegessen werden sollte: „In den Samen reifer Früchte und in unreifen Früchten ist der Giftstoff Sambunigrin enthalten“. Dieser natürliche Fraßschutz der Pflanze könne im Körper zu Blausäure umgewandelt werden. Deshalb sollte Schwarzer Holunder vor dem Verzehr immer auf über 80 Grad Celsius erhitzt werden, damit das Sambunigrin zerfällt [1].

Übelkeit, Erbrechen und Durchfall als Nebenwirkung

Anlass dieses Hinweises ist, dass der Naturheilverein (NHV) Theophrastus den Schwarzen Holunder zur Heilpflanze des Jahres 2024 gewählt hat. Auch der NHV weist darauf hin, dass der Verzehr der rohen Steinfrüchte zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen kann. Dennoch lohne sich deren Verzehr (gekocht) aufgrund zahlreicher (vom Standort abhängigen) Inhaltsstoffe der Pflanze. Beispielhaft nennt der NHV Magnesium, Kalium, Phosphor, Eisen sowie Flavonoid- und Anthocyanglykoside, Aminosäuren, Phenolsäuren, Triterpene, Schleim- und Gerbstoffe. „Dieses vielgestaltige Zusammenspiel sekundärer Pflanzenstoffe ist die Ursache der antiviralen, antioxidativen und immunstärkenden Eigenschaften des Holunders“, heißt es. Zudem hätten die Holunderfrüchte leicht abführende und schmerzlindernde Wirkung [2].

Von der Europäischen Arzneimittelagentur als traditionelles Heilmittel werden jedoch nur die Blüten und nicht die Früchte des Schwarzen Holunders anerkannt – als schweißtreibendes Mittel. Laut NHV wird den Holunderblüten zudem ein sekretolytischer Effekt sowie eine fiebersenkende und harnsteigernde Wirkung nachgesagt. Für letztere beiden Wirkungen macht der Verein das Flavonoid Rutin verantwortlich. Wie in den Früchten sollen sich auch in den Blüten Gerb- und Schleimstoffe, Triterpene und organische Säuren befinden.

Hauptanwendungsgebiete neben Erkältungs- und Infektionskrankheiten sind laut NHV somit Verstopfung und Hautunreinheiten, Kopfschmerzen, Neuralgien, Harnwegs- und Nierenleiden [2]. 

Bei dieser Vielzahl an möglichen Anwendungsgebieten: Warum begegnet uns der Schwarze Holunder nicht täglich in der Apotheke?

Holunderblüten – in Erkältungstees und Sinupret

Im Buch „Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka“ werden sowohl die getrockneten Holunderblüten (Sambuci flos) als auch die Früchte (Sambuci fructus) von Sambucus nigra näher erläutert. Allerdings heißt es dort zu den Blüten, dass „eine Wirkung aufgrund von Inhaltsstoffen umstritten“ ist – vielmehr sollen die Blüten nur als Geschmackskorrigens zur Aufnahme großer Mengen heißen Tees dienen und so die Schweißdrüsen anregen. Für den Tee sollen 3 g Holunderblüten mit kochendem Wasser übergossen und nach fünf bis zehn Minuten durch ein Teesieb abgegossen werden [3]. 

Holunderblüten sind aber auch in Fertigpräparaten wie Erkältungstees, Tabletten oder Tropfen (als Extrakt) in Kombination mit anderen Arzneidrogen enthalten (z. B. H&S® Erkältungstee bei fieberhaften Erkältungskrankheiten für eine Schwitzkur oder Sinupret® extract / Sinupret® Tropfen) [3,4,5].

Der „Wichtl“ nennt überdies untersuchte Wirkungen, die über die Mitteilung des NHV hinausgehen: So sollen N-Phenylpropanoyl-L-aminosäureamide in hoher Konzentration in Holunderblüten vorkommen und die Adhäsion von Helicobacter pylori an der Magenschleimhaut hemmen. Enthaltene Flavonoide sollen in wässrigen Extrakten eine antiinflammatorische Wirkung gezeigt haben [3].

Nahrungsergänzungsmittel und Medizinprodukte mit Holunderbeeren

Für die Holunderbeeren schlüsselt der „Wichtl“ die enthaltenen Vitamine weiter auf. In 100 g frischen Holunderbeeren sollen u.a. circa

  • 65 mg Vitamin B1
  • 78 mg Vitamin B2
  • 18 mg Vitamin C und
  • 17 mg Folsäure enthalten sein.

Allerdings werden keine Fertigarzneimittel auf Basis von Holunderbeeren genannt – „wegen unzureichender pharmakologischer und klinischer Datenlage“. Holunderbeerensaft werde aber gerne als Hilfsstoff zur Färbung verwendet und auch in Erkältungssäften [3]. Beispielsweise ist zudem laut Lauer-Taxe (Stand 01.02.2024) in den Nahrungsergänzungsmitteln „Cetebe® Immun Aktiv Tabletten“ und „Vigantolvit® Immun Filmtabletten“ Holunderbeeren-Extrakt enthalten. Ebenfalls wird Holunderbeeren-Extrakt beispielsweise in dem Medizinprodukt „Emser® Sinusitis Spray forte“ als Wirkstoff gelistet.

Phytopharmaka wirken vielfältig bei Atemwegsinfekten

Linderung aus dem Apothekergarten

Wer etwas über die Evidenz pflanzlicher Arzneimittel erfahren möchte, findet in den Monografien des „Committee on Herbal Medicinal Products“ (HMPC) der europäischen Arzneimittelbehörde eine Übersicht. Dort gibt es sowohl einen Eintrag zu Sambuci fructus, der zuletzt im April 2014 aktualisiert wurde als auch einen Eintrag zu Sambuci flos mit Stand Juli 2018. Allerdings wird die Datenlage zu Sambuci fructus dort als mangelhaft eingeschätzt, sodass der HMPC sich 2014 nicht in der Lage sah, eine Monografie zu den Holunderbeeren zu erstellen [6]. 

Für die Holunderblüten existiert eine Monografie, in der flüssige Zubereitungen als traditionelle pflanzliche Arzneimittel zur Linderung erster Erkältungssymptome eingestuft werden (nicht für Kinder) [7]. Das heißt, dass diese Einstufung lediglich auf Basis langjähriger Erfahrung mit der Arzneidroge erfolgt und nicht auf Basis von klinischen Studien [8]. 

Wer also ein echtes Arzneimittel mit Holunder sucht, der kann lediglich auf Holunder-Blüten zurückgreifen. 

Literatur 

[1] Bundeszentrum für Ernährung (BZfE).Schwarzer Holunder ist Heilpflanze des Jahres 2024. Abruf 07.02.2024, www.bzfe.de/service/news/aktuelle-meldungen/news-archiv/meldungen-2023/september/schwarzer-holunder-ist-heilpflanze-des-jahres-2024/

[2] Naturheilverein (NHV) Theophrastus. Schwarzer Holunder – heimische Heilpflanze wieder im Fokus. Abruf 07.02.2024, www.nhv-theophrastus.de/presseartikel-zur-heilpflanze-des-jahres-2024-holunder

[3] Ein Handbuch für die Praxis: Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka. Max Wichtl (Begr.,), Wolfgang Blaschek (Hg.), 6. Auflage 2016, www.deutscher-apotheker-verlag.de/Wichtl-Teedrogen-und-Phytopharmaka/9783804730687

[4] Internetauftritt von H&S. Erkältungstee - Arzneitee Nr. 4, www.arzneitee.de/arzneitee/erkaeltung-hals-bronchien//27_erkaeltungstee-nr4

[5] Internetauftritt von Sinupret Extract, www.sinupret-extract.de/pflanzenkraft/hochkonzentriert

[6] Sambuci fructus - herbal medicinal product, Stand April 2014, https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/sambuci-fructus

[7] Sambuci flos - herbal medicinal product, Stand Juli 2018, https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/sambuci-flos

[8] Internetauftritt der europäischen Arzneimittelbehörde EMA zu Herbal medicinal products, www.ema.europa.eu/en/human-regulatory-overview/herbal-medicinal-products


Diana Moll, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (dm)
redaktion@daz.online


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