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Die Medizingeschichte von Hanf: von Entdeckung, Prohibition und seiner Wiederentdeckung

Langnau - 30.10.2020, 15:00 Uhr

Die Geschichte von Cannabis als Medizin reicht tausende Jahre zurück: Erstmals als Heilmittel erwähnt wurde die Hanfpflanze etwa 2700 v. Chr. in einem chinesischen Arzneibuch. (Foto: John / stock.adobe.com)

Die Geschichte von Cannabis als Medizin reicht tausende Jahre zurück: Erstmals als Heilmittel erwähnt wurde die Hanfpflanze etwa 2700 v. Chr. in einem chinesischen Arzneibuch. (Foto: John / stock.adobe.com)


Seit Jahrtausenden wird Hanf als Faserlieferant, Nahrungs-, Heil- und Rauschmittel verwendet. In Europa wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts vom Hanf fast ausschließlich die Fasern oder die Samen gebraucht, das Kraut als Heil- oder Rauschmittel war nahezu unbekannt. Dies änderte sich, als der in Indien stationierte Arzt William B. O’Shaughnessy seine Patienten im Jahr 1839 erfolgreich mit (indischem) Hanf behandelte und diese Resultate in der westlichen Welt bekannt machte.

Marihuana Tax Act: Beginn des weltweiten Verbots

Danach ging es schnell: Innerhalb weniger Jahre konnte sich das aus Indien importierte Cannabiskraut und die daraus gewonnenen Präparate als geschätzte Medikamente etablieren. Während 100 Jahren war medizinisches Cannabis nun in Gebrauch, allerdings nahm bereits nach dem 1. Weltkrieg dessen Bedeutung wieder ab. Verantwortlich dafür waren verschiedene Gründe, nicht zuletzt aber der außenpolitische Druck der USA. Im Jahr 1931 wurde, nach dem Scheitern der amerikanischen Alkoholprohibition, ein neues „Feindbild“ gesucht und in Form des Hanfs als „Mörderpflanze“ gefunden. Diese Bestrebungen gipfelten mit dem im Jahr 1937 beschlossenen „Marihuana Tax Act“-Gesetz, welches den Gebrauch von Hanf auf allen Ebenen zum Verschwinden bringen sollte. Darunter litt natürlich auch das Ansehen von Hanf und führte schlussendlich zum allgemeinen, weltweiten Verbot dieser altbewährten Medizinalpflanze.

Entdeckung des Endocannabinoid-System sorgt für Revival von Hanf

Im Gegensatz zum rekreativen Gebrauch („Kiffen“) von Cannabis zu Beginn der 1960er Jahren geriet die medizinische Bedeutung der Pflanze nahezu in Vergessenheit. Dies sollte sich erst anfangs der 1990er Jahre wieder ändern und zwar aus folgendem Grund: In dieser Zeit wurde im menschlichen Körper das sogenannte Endocannabinoid-System mit den entsprechenden Cannabinoid-Rezeptoren (CB1, CB2) entdeckt. Nun hatte man endlich Einblick in die bis dato mehr oder weniger unbekannte Wirkweise des Hauptwirkstoffes Tetrahydrocannabinol (THC). Trotz nach wie vor weltweit geltendem Verbot der Hanfpflanze setzte ein Forschungsboom ein, und innerhalb weniger Jahre wurde medizinisches Cannabis aus seinem Dornröschenschlaf erweckt. In den letzten Jahren kann von einer Renaissance des Medizinalhanfs und dessen zwei wichtigsten Cannabinoiden, dem Tetrahydrocannabinol (THC) und dem Cannabidiol (CBD), gesprochen werden.

Mittlerweile werden Cannabisextrakte mit THC und CBD als Fertigarzneimittel (Nabiximol in Sativex®) zur Symptomverbesserung bei erwachsenen Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von Multipler Sklerose (MS) eingesetzt. Mit Epidyloex® hat ein CBD-haltiges Arzneimittel Eingang in die Behandlung schwerer Formen kindlicher Epilepsien (Lennox-Gastaut-Syndrom, Dravet-Syndrom) gefunden. Nabilon, ein synthetisches Cannabinoid, findet in Canemes® bei Chemotherapie-bedingtem Erbrechen Anwendung. Daneben gibt es CBD als verschreibungspflichtige Rezeptur nach NRF, Dronabinol (THC) und getrocknete Cannabis-Blüten sowie Cannabis-Extrakte.


Dr. Manfred Fankhauser, Apotheker
redaktion@daz.online


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