Feuilleton

"Cannabis-Frühling" ist vorbei

Die USA erschweren die Therapie mit "medizinischem Marihuana"

Über die jüngste Geschichte der therapeutischen Anwendung von Cannabis in den USA informiert eine Ausstellung im Hanf Museum Berlin. Auf die Legalisierung in Kalifornien im Jahr 1996 und die Tolerierung durch die Bundesbehörde folgten nun Maßnahmen gegen den Vertrieb von "medizinischem Marihuana".

Werbung für Marinol (Dronabinol), ein THC-haltiges Arzneimittel. Foto: Wylegalla

Keine Gleichstellung von Cannabis mit Tabak und Alkohol

Mit einer Million Dollar unterstützte der Multimilliardär George Soros im Oktober 2010 einen Volksentscheid, um in Kalifornien die Legalisierung von Marihuana zu erreichen. Die Initiative "Proposition 19" (Regulate, Control and Tax Cannabis Act of 2010) hatte dafür plädiert, allen Personen über 21 Jahre den Besitz einer Unze (28 g) Marihuana für den persönlichen Konsum sowie den Anbau von Hanf auf einer Fläche bis zu 25 Quadratfuß (2,3 m2) zu genehmigen. Die Befürworter einer Liberalisierung des Rauschmittelgesetzes konnten jedoch nicht die Mehrheit der Wähler überzeugen. Daher bleibt auch in Kalifornien der Cannabiskonsum ohne medizinische Indikation weiterhin verboten.

Der 81-jährige Soros hat nie "gekifft" und war weit davon entfernt, mit der Spende einen "Ablassbrief" erwerben zu wollen. Vielmehr ging es ihm darum, den Fiskus zu entlasten. Denn Kalifornien könnte durch eine Besteuerung von Marihuana mit 50 Dollar pro Unze jährlich 1,4 Milliarden Dollar einnehmen. Außerdem würde der Staat immense Kosten für die strafrechtliche Verfolgung geringfügiger Delikte sparen.

Während die Entkriminalisierung des Marihuanakonsums missglückte, war Kalifornien führend bei der Freigabe von Cannabis für therapeutische Zwecke: 1996 hatten die Wähler in einem ebenfalls durch Soros unterstützten Referendum entschieden, dass schwerkranke Menschen wie Krebs- und Aids-Patienten die Droge gegen Schmerzen und Appetitlosigkeit nehmen dürfen. 

Chaos in der Rezeptur – Die Herstellung von Cannabis-Arzneimitteln lege artis sieht anders aus. Foto: Wylegalla

Nutzpflanze seit dem Neolithikum

Hanf (Cannabis sativa) wird seit mehr als 6000 Jahren in der Alten Welt angebaut und war anfangs vor allem als Faser- und Ölpflanze von Bedeutung. Seine heutige, fast weltweite Verbreitung von den gemäßigten Zonen bis in die Tropen verdankt er der Nutzung als Rauschdroge (Haschisch, Marihuana). Das Harz der weiblichen Blütenstände ("Cannabis" im engeren Sinne) enthält mehr als 60 Cannabinoide, die bis heute in keiner anderen Pflanzenart gefunden wurden. Nur einige Cannabinoide sind psychoaktiv, andere wirken antibiotisch, einige sogar antipsychotisch oder antiepileptisch. Darüber hinaus enthält das Harz weit über hundert Nicht-Cannabinoide mit pharmakologischen Eigenschaften.

Aufgrund seiner Wirkstoffe diente Cannabis seit Menschengedenken nicht nur als Rauschmittel, sondern immer wieder auch als Arzneidroge. So waren Cannabiszubereitungen in den USA bis ins 20. Jahrhundert legale Arzneimittel mit einem sehr breiten Indikationsspektrum. Zeitweise standen sie dort sogar an dritter Stelle der am häufigsten verordneten Medikamente.

Die 2. internationale Opiumkonferenz 1925 in Genf erweiterte ein früheres Abkommen zur Kontrolle von Rauschmitteln, indem sie nun auch den Handel und den Gebrauch von Cannabis untersagte – medizinische und wissenschaftliche Zwecke ausgenommen. 1970 verboten die USA per Bundesgesetz (Controlled Substance Act) auch die medizinische Anwendung von Marihuana, indem sie es als Betäubungsmittel der Klasse I einstuften, d. h. als Droge mit höchstem Suchtpotenzial.

Heute sind nicht nur die schädlichen Folgen des Haschischkonsums bekannt, sondern auch die therapeutischen Potenziale einiger Cannabinoide. Bereits 1971 wurde nachgewiesen, dass das Rauchen von Cannabis oder die orale Applikation seines psychoaktiven Hauptwirkstoffs THC (Δ9-Tetrahydrocannabinol) den Augeninnendruck senken kann. Inzwischen haben klinische Studien die Wirksamkeit und (relative) Unbedenklichkeit von THC-Arzneien (Dronabinol, Marinol) bei Krebs- und Aids-Patienten, die an einem Anorexie-Kachexie-Syndrom leiden, belegt. Ebenso können chronische, vor allem neuropathische Schmerzen sowie Spastiken bei multipler Sklerose und Rückenmarkserkrankungen (Myelitis) erfolgreich mit THC behandelt werden.


Der Missbrauch von Cannabis ist in den USA weit verbreitet. Diese Wasserpfeifen "Marke Eigenbau" haben ausgedient.
Foto: Wylegalla

Legalisierung von "medizinischem Marihuana"

Ende der 80er Jahre bildeten sich in Kalifornien erste Initiativen wie der "Cannabis Buyer Club" (CBC) in San Francisco, die Cannabis an Aids- und Krebspatienten verkauften. Auf politischer Ebene forderte die National Organization for the Reform of Marijuana Laws (NORML) die Legalisierung der medizinischen Anwendung von Cannabis. Anfang November 1996 votierten 56 Prozent der Kalifornier in einem Volksentscheid, der "Proposition 215", für die Wiederzulassung von Cannabis als Arzneimittel.

Anschließend entstanden "medical marijuana dispensaries", die auf ärztliche Empfehlung "medizinisches Marihuana" abgaben. Weil noch kein entsprechendes Gesetz verabschiedet worden war, arbeiteten die "Marihuana-Apotheken" zwar illegal, doch wurden sie weitestgehend toleriert. Erst nach sieben Jahren trat am 12. Oktober 2003 die "California Senate Bill 420" in Kraft, die die Bedingungen für die Anwendung von medizinischem Marihuana präzise regelt. Die berechtigten Patienten bzw. deren Pfleger wurden registriert und erhielten jeweils einen anonymen Ausweis, dessen Gültigkeit die Polizei anhand der Identitätsnummer jederzeit überprüfen kann. Zudem darf ein Pfleger pro Kommune nur einen berechtigten Patienten betreuen.

Die zur Gewinnung von medizinischem Marihuana bestimmten Hanfpflanzen dürfen nicht profitorientiert angebaut und verkauft werden. Registrierten Patienten ist der Besitz von höchstens acht Unzen Marihuana und sechs reifen sowie zwölf unreifen Hanfpflanzen erlaubt. Im Umkreis von 1000 Fuß (300 m) um Schulen, Spielplätze und anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche ist der öffentliche Konsum von Marihuana verboten.


Der Nahe Osten ist die Heimat des Haschisch. Das Rauchen mittels Wasserpfeifen hat dort eine lange Tradition. Foto: Wylegalla

Ende der Abgabe an ambulante Patienten

Nach Kalifornien haben rund 15 weitere US-Bundesstaaten die Anwendung von Cannabis für medizinische Zwecke legalisiert. Über ihren Gesetzen steht allerdings ein Bundesgesetz, das Cannabis als suchtförderndes Rauschmittel klassifiziert und jeglichen Konsum unter Strafe stellt. Deshalb hat die Drug Enforcement Administration (DEA, dem Bundesjustizministerium unterstellte Drogenbekämpfungsbehörde) immer wieder "medical marijuana dispensaries" geschlossen. Die Beamten zogen Computer, Patientendateien und Medikamente ein. Ärzte bangten um ihre Zulassungen, und Patienten befürchteten Medikamentenentzug und Strafverfolgung.

Die Regierung Obama war zunächst kompromissbereit: Am 19. Oktober 2009 verabschiedete sie ein Memorandum, das die DEA anwies, in den Staaten mit legalem medizinischem Marihuana nicht mehr gegen dessen Verordner, Distributeure und Anwender vorzugehen. Der "Cannabis-Frühling" war indessen nur von kurzer Dauer: Am 7. Oktober 2011 forderten die Bundesstaatsanwälte in Kalifornien die Inhaber von "dispensaries" auf, innerhalb von 45 Tagen die Abgabe von Marihuana einzustellen.

Die Ursache für den plötzlichen Meinungswechsel ist nicht bekannt. Fakt ist indessen, dass auch die Finanzbehörden den Inhabern von "dispensaries" das Leben schwer machen, indem sie ihnen unter Berufung auf Gesetze aus der Reagan-Ära die Anerkennung steuermindernder Aufwendungen wie etwa der Lohnkosten verweigern und die Nachzahlung von Steuern verlangen.

Ein besseres Morgen?

Welche Zukunft Cannabis als Arzneimittel in den USA hat, ist derzeit unklar. Die Website http://medicalmarijuana.com wirbt immer noch für "a better tomorrow" mit Cannabis, während die Website www.medicalmarijuanablog.com geschlossen wurde. Ein Schwachpunkt des bisherigen Systems war sicher, dass die "dispensaries" keine Apotheken waren. In Kliniken ist die medizinische Anwendung von Cannabis weiterhin möglich, und vielleicht werden in Zukunft öffentliche Apotheken mit der Abgabe an berechtigte ambulante Patienten betraut.


Hanf Museum


Das Hanf Museum wurde von dem Verein H.A.N.F. e. V. gegründet. Das Kürzel steht für "Hanf als Nutzpflanze fördern".

Mühlendamm 5,
10178 Berlin-Mitte
Tel. (0 30) 2 42 48 27
www.hanfmuseum.de


Geöffnet: Dienstag bis Freitag 10 – 20 Uhr, Samstag u. Sonntag 12 – 20 Uhr


Reinhard Wylegalla



DAZ 2012, Nr. 4, S. 92

Das könnte Sie auch interessieren

Wenn nichts mehr hilft, lindert Cannabis chronische Schmerzen und Krämpfe

Letzte Wahl

Die pharmakologische Perspektive

Cannabis und Endocannabinoide

Vergleich der therapeutischen Anwendung in Deutschland und der Schweiz

Cannabis als Arznei

Volksbegehren nimmt erste Hürde

Bayern sollen über Hanfgesetz abstimmen

Die Rolle der POMC-Neuronen

Cannabinoide machen hungrig