Interview Markus Lewe (Oberbürgermeister Münster)

„Dass Apotheker zu viel verdienen, halte ich für eine Mär“

Berlin - 15.03.2019, 07:00 Uhr

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe erklärt im Interview mit DAZ.online, warum es sich lohnt, sich für den Erhalt der Apotheke vor Ort einzusetzen. (b/Foto: imago)

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe erklärt im Interview mit DAZ.online, warum es sich lohnt, sich für den Erhalt der Apotheke vor Ort einzusetzen. (b/Foto: imago)


Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe, der auch Präsident des Deutschen Städtetages ist, ist derzeit in ganz Deutschland auf PR-Postern der ABDA zu sehen. Er wirbt dort für den Erhalt der Apotheke vor Ort und für Nachwuchs im Apothekerlager. Die Grünen in Münster kritisieren dieses Engagement. Im Interview mit DAZ.online erläutert Lewe nun, warum er gerade für die Apotheken kämpft und warum er meint, dass die Apotheken in Städten „soziale Wäme“ ausstrahlen.

DAZ.online: Herr Lewe, Sie setzen sich im Rahmen einer ABDA-Kampagne öffentlich für den Erhalt der Apotheken vor Ort ein. Dafür werden Sie jetzt von den Grünen aus Ihrer Heimat kritisiert. Haben Sie Verständnis für die Vorwürfe?

Lewe: Nein. Es geht ja gar nicht nur um die Apotheker, sondern vor allem um die Versorgung der Bevölkerung in einer alternden Gesellschaft. Ich würde das jederzeit wieder machen.

DAZ.online: Warum ist der Erhalt der Apotheken vor Ort aus Ihrer Sicht eine Sache, für die sich das Kämpfen lohnt?

Lewe: Apotheken sind ein Stück Heimat. Mir geht es darum, europäische Städte und ihre Kultur zu erhalten und ihre Vielfalt zu stärken. Wir müssen trotz voranschreitender Digitalisierung dafür sorgen, dass sich das Zusammenleben in Städten lohnt und dass wichtige menschliche Bedürfnisse befriedigt werden. Dazu gehört die Arzneimittelversorgung durch die Apotheken.

DAZ.online: Der Konflikt zwischen stationärem und dem Online-Handel und seine Auswirkungen auf die Innenstädte zeigt sich also exemplarisch im Apothekenmarkt?

Lewe: Ganz genau, es kommt auf eine vernünftige Balance an. Apotheker nehmen sich Zeit, um zu fragen, wie es einem geht. Das passiert in Online-Portalen nicht. Soziale Nähe gibt es im Netz nicht. Wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht verloren geht.

Lewe: Erst sterben die Kneipen, dann die Apotheken

DAZ.online: Nun liegt das ja nicht nur an der Strategie der Versandhändler. Es ist vielmehr auch die Bequemlichkeit der Verbraucher, sich Waren nach Hause schicken zu lassen. Und es ist bekanntlich extrem schwer, solche sozial-psychologischen Entwicklungen umzukehren. Wie wollen Sie also die Menschen für diese Thematik sensibilisieren?

Lewe: Gibt es denn noch örtliche Apotheken, die Medikamente nicht auch nach Hause bringen? Ich kenne jedenfalls keine mehr. Ich weise ständig darauf hin, wie wichtig das öffentliche Zusammenleben für Menschen ist. Gesellschaftliche Vielfalt können wir nur im öffentlichen Raum abbilden. Fällt das weg, muss man sich über die Folgen im Klaren sein. Erst sterben die Geschäfte und Kneipen, auch Orte sozialer Begegnung. Es folgen Arztpraxen und Apotheken. Heimat spielt ja nicht zufällig eine zentrale Rolle in der Politik. Die Debatte sollte häufiger über soziale Entwicklungen geführt werden, nicht nur über Neid und Geld.

„Die Apotheke wird für den Berufsnachwuchs unattraktiver"

DAZ.online: Sie spielen auf den Versandhandelskonflikt zwischen den Apothekern und dem Versandhandel an?

Lewe: Mir geht es in der Kampagne nicht um den Konflikt, den Apotheker und ausländische Versender haben. Den kann keine Stadt regeln. Ich habe mich an der Kampagne aus sozialen und lokalen Gründen beteiligt. Dazu gehört auch, dass sich weiterhin junge Menschen für den Apothekerberuf begeistern. Schon jetzt ist es offensichtlich so, dass die örtliche Apotheke für den Berufsnachwuchs immer unattraktiver wird. Den Hinweis, dass es anderen schlechter geht als Apothekern, halte ich für kein überzeugendes Gegenargument.

DAZ.online: Warum?

Lewe: Ich sehe auch in Münster, dass die Apothekenzahl kontinuierlich sinkt. Wenn sich der Betrieb einer Apotheke richtig lohnte, gäbe es wohl nicht so viele Schließungen. Dass die Apotheker zu viel verdienen, halte ich für eine Mär.

DAZ.online: Nun sind Sie ja im Rathaus auf die Zusammenarbeit mit den Grünen angewiesen. Wird diese Geschichte Spuren hinterlassen?

Lewe: Nein, es gab gar keine Kritik aus dem Rathaus. Wir betreiben in Münster als Stadt eine PTA-Schule. Die Absolventinnen bleiben der Region hoffentlich erhalten. Da können wir nicht den Apothekenschließungen einfach zugucken und sagen, es gebe Schlimmeres. Das gibt es immer.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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5 Kommentare

Lewe/Grüne

von Alexander Zeitler am 16.03.2019 um 2:00 Uhr

Sehr geehrter Herr OB Lewe,

ich gehe mal davon aus, dass Ihre ApothekerIn vor Ort Sie mal in ihre EKST schauen lies. Und Sie dadurch zu Ihrer Äusserung kamen.

Grüne:
Egal, wo her Herr Habek stammt. Eigentlich bin ich auf deren Seite. Wir haben in BW einen integren sehr geschätzten MP, Winfried Kretschmann.
Aber je mehr man Äusserungen der Grünen liest, verfolgt.
Die sind keine Partei für "Arme". Das ist eine Partei für Besserverdienende. Mit dem SUV zum Biomarkt.

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Grüne und Apotheke im „Trennungsgang“

von Heiko Barz am 15.03.2019 um 12:25 Uhr

Interessanter Weise entstammt doch der Grüne Robert Habeck einer Apothekerfamilie und müßte doch seinen Kampfgenossen ( m/w/d ) genügend Information über die Komplexität der Deutsche Apotheke liefern können, um dem seit 25 Jahren andauernden pharmazeutischen Realitätsverlust seiner Ideologen entgegenzuwirken. Aber auch denen werden die bekannten „Sponsoren“ so dermaßen unter die Arme greifen, dass deren Bedürfnissen gern gefolgt wird - oder muß!
Wen politisches Sponsoring interessiert, der schaut sich mal die MONITOR Sendung von gestern Abend an. So wurde z.B: der rumänische Eurporatvorsitz von Coca Cola gesponsert. Mittlerweile wurde das allerdings auf großen Druck hin wieder gecancelt.
Das politisch geglättete „Sponsoring“ ist für mich gleichbedeutend mit dem Begriff der Bestechung.
Mit diesem Wissen hätte die ABDA die 35 Millionen € für das neue und in Zukunft wohl überflüssige Apothekerhaus lieber für ein Sponsoring des BMG anbieten sollen, dann hätten wir vielleicht eine berufliche Zukunft gehabt.

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Das Wording

von Peter am 15.03.2019 um 11:35 Uhr

KANN ich nicht mehr hören. Man kann nicht zu viel verdienen nur zu wenig und für Kollegen mit 30 K Betriebsergebnis ist das ein Ohrfeigenarschtrittsolarplexusfausthiebkopfnuss Wording.
Entweder man verdient viel (wenige von uns), gut (ein paar mehr) oder ZU wenig (45%? von uns?) Ichhabe noch nie vernommen, dass ein Handwerker zu viel verdient, oder ein Arzt, oder ein Anwalt, oder ein Notar, NEIN, DIE verdienen gut oder viel aber gesagt wurde noch nie ZU VIEL.

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AW: Neiddebatte

von Armin Spychalski am 16.03.2019 um 9:44 Uhr

JA, JA, JA, die ewige Leier Neiddebatte geht mir auch auf den Senkel. Der Dreck unter den Schuhen wird uns geneidet. Wir sind eben immer noch die Schubladenzieher, vorausgesetzt wir haben noch keinen Kommissionierer, haha.

grüne Realität

von Karl Friedrich Müller am 15.03.2019 um 8:54 Uhr

Die Grünen machen sich für Arme und Benachteiligte stark.
Wie Konzerne und Arzneimittelversender DocMorris +Co
Die Armen, leiden, hängen am Hungertuch...
gaaaanz furchtbar....
Es ist einfach schlimm, was für einen Stuss manche Politiker absondern, nur um ihren Hass zu verbreiten

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