Weihnachtsbäckerei aus pharmazeutischer Sicht (Teil2)

Pharmakologie der Schokolade

Stuttgart - 05.12.2018, 10:15 Uhr

Schokolade enthält pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe. (m / Foto: larisabozhikova / stock.adobe.com)

Schokolade enthält pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe. (m / Foto: larisabozhikova / stock.adobe.com)


Nicht wenige Zutaten, die in der Weihnachtsbäckerei verwendet werden, begegnen einem auch teils heute noch in der Apotheke. Schokolade hingegen ist ein Lebensmittel und gehört eigentlich nicht mehr zum Apothekensortiment. Vor mehr als 200 Jahren hatte sie jedoch einen ganz anderen Stellenwert. Warum? Das erfahren Sie im zweiten Teil der „Weihnachtsbäckerei aus pharmazeutischer Sicht“.

Bis ins 19. Jahrhundert waren die meisten Schokoladen­erzeugnisse apothekenpflichtig. Kein Wunder, galten sie doch als Stärkungs- und Aufputschmittel. Viele bekannte und weniger bekannte Naturwissenschaftler leisteten Beiträge zur Untersuchung des Samens vom Kakaobaum (Theobroma cacao), dessen Gattungsname „Götterspeise“ bedeutet. So isolierte der ansonsten unbekannte russische Chemiker Alexander Woskresensky (1809 – 1880) erstmals den in pharmakologischer Hinsicht wesentlichen Inhaltsstoff des Kakaos und bezeichnete ihn als Theobromin. Adolph Strecker (1822 – 1871, „Strecker-Synthese“) konnte den Zusammenhang zwischen den Purinalkaloiden Coffein, Theophyllin und Theobromin herstellen. Der Stereochemiker und Nobelpreisträger Emil Fischer (1852 – 1919, „Fischer-Projektion“) untersuchte die Molekülstruktur und lieferte schließlich die erste Synthese.

Theobromin wirkt stärker diuretisch als die damals verwendeten pflanzlichen Aquaretika und hat darüber hinaus einen gefäßerweiternden und positiv inotropen Effekt, weswegen es sich zur Behandlung der Herzinsuffizienz eignete. Da es die glatte Bronchialmuskulatur relaxiert und die Schleimsekretion fördert, wurde es ferner zur Asthmatherapie eingesetzt. Es besitzt sogar eine antitussive Wirkung, die stärker ausgeprägt sein soll als die von Dihydrocodein. Zudem wirkt es euphorisierend und leicht anregend.

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Heute wissen wir, dass für die positiven Effekte der Schokolade viele weitere Verbindungen mitverantwortlich sind: Polyphenole wirken antioxidativ, senken den Blutdruck und schützen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Phytosterole beeinflussen den Cholesterinspiegel positiv, und der Cannabinoid-Rezeptoragonist Anandamid sowie Vorläufer verschiedener Neurotransmitter und biogener Amine wirken stimmungsaufhellend und verbessern die Gedächtnisleistung.

Zäpfchengrundlage und „Gelenkschokolade“

Doch gehört die Schokolade deshalb wieder in die Apotheke? Als Grundlage für Zäpfchen und andere halbfeste Arzneiformen ist das Kakaofett („Kakaobutter“) jedenfalls durch besser geeignete Hilfsstoffe ersetzt worden. Problematisch sind nämlich seine fehlende Volumenkontraktion beim Erkalten, eine ungünstige Polymorphie sowie das nur gering ausgeprägte Aufnahmevermögen von Wasser und wasserlöslichen Stoffen. In ihrer Funktion als Geschmackskorrigens und Complianceförderer – vor allem in der Pädiatrie – könnte Schokolade durchaus wieder an Bedeutung gewinnen. Und seit einigen Jahren versucht ein Hersteller, mit seiner chondroitinhaltigen „Gelenkschokolade“ den Markt der Nahrungsergänzungsmittel zu erobern. Ironischerweise wäre es jedoch vielmehr angebracht, dass die Zielgruppe auf das ein oder andere Täfelchen verzichten würde, um das Übergewicht und den nachfolgenden Gelenkverschleiß zu vermeiden. Denn Schokolade – egal, ob weiße, braune oder dunkle – ist ein kalorienreiches Genussmittel (100 g haben 500 bis 550 kcal) und eignet sich eher für besondere Anlässe als für die Pharmakotherapie. 


Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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