Datenschutz in den USA

Warum Amazon im US-Apothekenmarkt scheitern könnte

Berlin - 04.07.2018, 07:00 Uhr

Versucht Amazon über die PillPack-Übernahme langfristig Einfluss auf PBM-Konzerne zu nehmen? (Screenshot: amazon.com)

Versucht Amazon über die PillPack-Übernahme langfristig Einfluss auf PBM-Konzerne zu nehmen? (Screenshot: amazon.com)


Erst Blutdruckmittel, dann Karotten

„Arzneimittelverordnungen sind in hohem Grade persönliche Informationen - sie können Auskunft darüber geben, ob jemand Krebs hat oder eine sexuell übertragbare Krankheit“, zitiert das WSJ Julie Roth, Rechtsanwältin bei der US-Kanzlei Spencer Fane LLP. Das könnte Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre aufwerfen. Demnach wäre es für Amazon schwierig, einem Kunden, der Blutdruckmedikamente bestellt, zu empfehlen, mehr Karotten über Amazon Fresh zu ordern - zumindest nicht, ohne dass sich der Kunde bewusst dafür entscheidet, so die Anwältin.

Nach Einschätzung der Zeitung hätte Amazon nur wenige Möglichkeiten, diese Hürde zu meistern und die Patientendaten zu nutzen: So könnte der Konzern das PillPack-Geschäft in eine eigene Einheit ausgliedern, die nur im begrenzten Maße Daten mit dem Rest von Amazon austauscht. Oder der Handelsriese müsste sein gesamtes Geschäft umorganisieren, um mit dem HIPAA konform zu sein. Das, so die WSJ-Autoren, dürfte aber deutlich mehr Aufwand erfordern als es Vorteile bringt.

Für welche Daten interessiert sich Amazon?

Eine andere Möglichkeit, wenigstens einen Teil der Patientendaten zu nutzen, bestehe darin, die Patienten um deren ausdrückliche schriftliche Einwilligung zu bitten. Die könnte erteilt werden, indem die Kunden ein entsprechendes Kästchen ankreuzen. Dabei wäre allerdings fraglich, ob die Kunden wirklich realisieren, welche Auswirkungen ihr Häkchen hat. „Niemand liest die Hinweise zum Datenschutz“, zitiert das WSJ Ryan Stark, Senior Privacy Attorney bei der Kanzlei Page, Wolfberg & Wirth.

Unabhängig von den Daten der PillPack-Kunden verfügt Amazon bereits heute über große Mengen an Gesundheitsinformationen seiner Kunden, da der Konzern deren Käufe von Artikeln wie medizinische Hilfsgüter, Bücher oder rezeptfreie Medikamente verfolgt. Anfang des Jahres bezeichnete die Washington Post dies als eine „ziemlich große Lücke im HIPAA“. Dieser Datenstrom dürfte nochmals anwachsen, wenn Amazon-Chef Jeff Bezos seine Ankündigung in die Tat umsetzt und zusammen mit der Finanzholding Berkshire Hathaway und der Großbank JP Morgan Chase eine Krankenversicherung gründet. „Letztendlich würde es niemanden überraschen, wenn er als gemeinnütziger Gesundheitsversorger für 1,2 Millionen Angestellte anfangen würde, und diesen Personen in ein paar Jahren auch Amazon-Prime-Vorteile bei allgemeinen Konsumgütern anbietet", sagt Stephen Beck von der in New York ansässigen Beratungsfirma cg42 der Washington Post. „Wenn wir ein paar Jahre in die Zukunft blicken, ist die Sorge um Daten und Privatsphäre offensichtlich.“



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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1 Kommentar

Amazons Willkür

von Heiko Barz am 04.07.2018 um 11:06 Uhr

Jeder sucht für seine Meinungsbeeinflussung die für ihn ( in diesem Fall: die Süddeutsche Zeitung ) nötigen Argumente.
Haben sich aber die Redakteure solcher durchsichtigen Berichte einmal gefragt, dass die Bewertung und Aufklärung der Arzneimittel und derer Anwendung am Patienten schon, solange ich pharmazeutisch denken kann und das bei mir seit 1965, in der disziplinierten Hand und Verantwortung des Deutsche Apothekers liegt?
Was treibt diese Schreibergilde, diesen doch bewährten und verantwortungsvollen Beruf eliminieren zu wollen?
Ist es vielleicht die öffentliche und berufliche Konstanz dieses Berufsbildes und seine Beliebtheit in der Patientenschaft, die man nur wegen der Schlagzeilengeilheit versucht in der Öffentlichkeit zu diffamieren?
Die Reduzierung jeglicher vertretbarer Preislinien durch AMAZON und CO mag ja vielen angespannten Geldbörsen die nötige Erleichterung bringen, aber es gibt da auch noch eine Zukunft, die nach dem Verschwinden jeglicher betriebswirtschaftlicher Ordnung zur Monopolisierung führt, und dann wird die Preisgestalltung unkontrollierbar.
Dann werden sich die führenden Monopolmilliadäre auch politisch einmischen, wenn sie es dann nicht schon längst tun.
Beispiele müssen bekannterweise hier nicht genannt werden!!

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