INTERPHARM

Welche Lehren müssen aus dem Zyto-Skandal gezogen werden?

Berlin - 20.03.2018, 07:00 Uhr

Auf der Interpharm 2018 diskutierten am vergangenen Wochenende AOK-Versorgungschefin Sabine Richard, der ehemalige kaufmännische Leiter der Bottroper Zyto-Apotheke Martin Porwoll, DAZ-Chefredakteurin Doris Uhl, der Amtsapotheker Torsten Wessel sowie VZA-Chef Klaus Peterseim (v. li.) über den Bottroper Zyto-Skandal. (Foto: Schelbert)

Auf der Interpharm 2018 diskutierten am vergangenen Wochenende AOK-Versorgungschefin Sabine Richard, der ehemalige kaufmännische Leiter der Bottroper Zyto-Apotheke Martin Porwoll, DAZ-Chefredakteurin Doris Uhl, der Amtsapotheker Torsten Wessel sowie VZA-Chef Klaus Peterseim (v. li.) über den Bottroper Zyto-Skandal. (Foto: Schelbert)


Warum haben Kassen, Finanzamt und Hersteller nichts bemerkt?

Hätten nicht auch andere Stellen mögliche Auffälligkeiten bemerken müssen? Kassen hätten keine eigenen Möglichkeiten, die einzelnen Vertragspartner einer Überprüfung zu unterziehen, sagte Richard – und keine Einsicht in die Einkäufe. Jeder Apotheker bekäme regelmäßig Betriebsprüfungen, erinnerte Peterseim: In dem Bottroper Fall habe das Finanzamt eine „exorbitant hohe Marge“ gefunden müssen, wenn die Vorwürfe zutreffen – doch die Beamten würden womöglich nur tätig, wenn es Anhaltspunkte für Steuerhinterziehung gebe, und nicht bei zu viel gezahlten Steuern. „Über ausreichend gezahlte Steuern wird sich kein Finanzamt beschweren“, ergänzte Porwoll. Die Marge der Apotheke habe sich tatsächlich am oberen Ende des Erklärbaren befunden.

Die AOKs möchten mit den herstellenden Apotheken noch stärker ins Gespräch kommen, sagte Richard – auch um für mehr Transparenz zu sorgen. Aus ihrer Sicht sei die Diskussion um die wohnortnahe Versorgung widersprüchlich: Der Bottroper Zyto-Apotheker habe nämlich in weit entfernte Gegenden geliefert. Wie könne es sein, dass ein Apotheker Ärzte in sechs Bundesländern dazu bringt, sich von ihm beliefern zu lassen, fragte die AOK-Versorgungschefin: Welche Art der „vertrauensvollen Beziehung“ zwischen Arzt und Apotheker habe dort geherrscht? „Diese Möglichkeit der Versorgung lassen Sie weiterhin in der Regelversorgung zu“, sagte sie in Richtung Peterseim: Bislang sei dieser Aspekt nicht von Zyto-Apothekern auf die Agenda gebracht worden.

Der VZA-Chef bezeichnete dies als „wunden Punkt“ – da es vom Gesetz her möglich sei, dass eine Zytostatika-abgebende Apotheke sie von einer anderen Apotheke oder einem Herstellbetrieb bezieht. „Das kann dann sehr weit entfernt sein – das halten wir nicht für gut und richtig. Der Gesetzgeber muss diese absurde Gesetzeslücke schließen.“

Wohnortferne Versorgung sei „Alltag in der Regelversorgung“

„Wir hätten mit unseren Ausschreibungen genau das erreicht“, sagte Richard. Das, was als Geschütz hiergegen in Anschlag gebracht wurde, sei derzeit Alltag in der Regelversorgung. „Die eigentlichen Fragen sind andere: Gibt es Wettbewerb in der Versorgung, wollen sich Apotheken dem Wettbewerb stellen“, sagte sie. „Wenn wir so weitermachen, bleiben die Probleme auch.“

Es sei doch eine gute Idee, das mit dem Schiedsspruch zur Hilfstaxe das viele Geld aus dem System genommen werden soll und Anreize für kriminelle Energie so reduziert würden, erklärte die Moderatorin und DAZ-Chefredakteurin Doris Uhl. Doch Peterseim kritisierte stark, dass mit der Herstellungspauschale der Aufwand nicht abgedeckt werden könne. Dem Deutschen Apothekerverband sei es nicht gelungen, dass an andere Stelle mehr Geld ins System müsse, wenn Zyto-Apothekern die Einkaufsmarge weggenommen wird. „Sonst funktioniert der Betrieb nicht“, erklärte er. „Die Lücke hätten die Hilfstaxenverhandlungen schließen müssen. Das ist nicht gelungen, deshalb gibt es in unserer Kollegenschaft eine große Unruhe.“

Richard erinnerte daran, dass die Schiedsstelle nach langen Verhandlungen entschieden hat: Existenznöte könne sie nicht verstehen. Bislang sei sie davon ausgegangen, dass es keine überhöhten Margen gibt, welche in den Verhandlungen auch nicht thematisiert worden seien. Auch das Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums sehe Einsparpotenziale, betonte sie. „Insofern wäre es schön, die Zahlen auf den Tisch zu legen und sich auszutauschen.“



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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