Interview Kordula Schulz-Asche (Grüne)

„Ich habe noch nie bei einer Versandapotheke bestellt“

Berlin - 01.06.2017, 11:20 Uhr

Die Arzneimittel-Expertin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, im Gespräch mit DAZ.online. (Foto: Kuelker)

Die Arzneimittel-Expertin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, im Gespräch mit DAZ.online. (Foto: Kuelker)


Wie hoch ist ein „minimaler Bonus“?

DAZ.online: Wie hoch könnte denn Ihrer Meinung nach so ein „minimaler“ Bonus sein, damit er den Apothekern mehr Vor- als Nachteile bringt?

Schulz-Asche: Höher als 1 Euro sollte er nicht liegen. Der 1-Euro-Bonus ist ja in Deutschland auch schon gerichtlich bestätigt worden. Ich möchte auch festhalten, dass unser Vorschlag nicht aus sich selbst heraus geboren wurde. Das heißt, wir reagieren damit nur auf das von der Union geforderte Rx-Versandverbot. Uns war es wichtig, dass wir noch in dieser Legislaturperiode einen kurzfristigen Vorschlag umsetzen, mit dem alle Parteien leben können, um das System dann in Ruhe und mithilfe aller Beteiligten und den Patientenvertretern weiterzuentwickeln. Die Union und Minister Gröhe halten aber nach wie vor an einem verfassungs- und europarechtswidrigem Versandverbot fest, obwohl selbst das von Wolfgang Schäuble geführte Finanzministerium Bedenken hat.

DAZ.online: Genauso gut könnte man der SPD die Schuld in die Schuhe schieben und sagen, dass sie eine Lösung verbaut habe, nämlich das Rx-Versandverbot.

Schulz-Asche: Wir können uns doch zwölf Jahre nach der Zulassung des Versandhandels nicht vom europäischen Markt abschotten. Und auch für die deutschen Versandapotheken wäre das rechtlich nicht machbar gewesen. Es ist zudem schon ein sehr schlechtes Signal von Herrn Gröhe in Richtung der vielen kleinen Start-ups aus dem Gesundheitswesen, die gerade innovative Wege beschreiten. Ein solches Verbot signalisiert denen doch, dass man für neue Ideen eigentlich gar keinen Platz freimachen will.


„Der Minister begeht einen schweren politischen Fehler, indem er die SPD weiterhin auffordert, ihren Widerstand aufzugeben.


DAZ.online: Ganz offensichtlich sieht der Minister das immer noch anders. Er fordert die SPD weiterhin auf, ihren Widerstand aufzugeben.

Schulz-Asche: Er begeht damit auch einen schweren, politischen Fehler. Der Minister hat nicht verstanden, dass auch die Union kein monolithischer Block ist – auch da gibt es unterschiedliche Positionen und Abgeordnete, die gegen das Versandverbot sind.

DAZ.online: Aber sollte ein Bundesminister nicht zuerst dafür sorgen, dass die flächendeckende Vor-Ort-Versorgung im ganzen Land gesichert ist, bevor er sich darum kümmert, dass Versandapotheken einen möglichst freien Marktzugang haben?

Schulz-Asche: Natürlich. Ich bin ja auch ein Fan der Apotheke vor Ort. Ich habe noch nie im Versandhandel bestellt. Aber der Versandhandel ist für viele Menschen inzwischen zu einer wichtigen Versorgungsalternative geworden, und von einer Gefährdung der flächendeckenden Versorgung vor Ort kann keine Rede sein – jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Deswegen schlagen wir in unserem Antrag ja umfassend vor, wie man den Beruf des Apothekers stärken und die Arzneimittelversorgung langfristig sichern kann.

DAZ.online: Ähnlich wie die SPD sind ja auch die Grünen in dieser Thematik eher geschwommen in den vergangenen Monaten. Frau Steffens stand als Gesundheitsministerin beispielsweise hinter dem Versandverbot, Ihre Partei wollte liberalisieren, und Sie wollen eine gedeckelte Aufweichung der Preisbindung. Wie steht die Partei grundsätzlich zum Apothekensystem und zur inhabergeführten Apotheke vor Ort?

Schulz-Asche: Ich bin gegen Diskussionen über weitreichende Liberalisierungen. Der EuGH hat uns einen Auftrag erteilt, was die Preisbindung betrifft, und um die müssen wir uns kümmern. Ich bin mir auch sicher, dass unser Antrag inzwischen Konsens in der gesamten Partei ist.

DAZ.online: Vielen Dank für das Gespräch!

 



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Gesundheitsminister will Forderung in der nächsten Legislaturperiode durchsetzen

Gröhe hält am Rx-Versandverbot fest

Rückblick auf ein brisantes Jahr für die deutschen Apotheken

Ein Jahr EuGH-Urteil

Hennrich sieht Befürchtungen bestätigt und erwartet einen „heißen Sommer“

DocMorris wächst – Politiker sind alarmiert

Gesundheitsminister empfängt Noweda-Chef und Geschäftsführer des Deutschen Apotheker Verlags

Gröhe nimmt Gutachten zum Rx-Versandverbot entgegen

Interview Dr. Georg Nüßlein (CSU)

„Die SPD muss jetzt was für die Apotheken tun“

7 Kommentare

Fehleinschätzung der Grünen Gesundheitspolitik

von Heiko Barz am 01.06.2017 um 13:47 Uhr

Frau S.Asche bemerkt, für mich schon überaus zünisch, das System des Versandhandels wäre unumkehrbar, da seit 2004 festgelegt, so sollte sie sich erinnern, wem wir diesen pharmazeutischen Schwachsinn zu verdanken haben. ( Fischer, Trittin, Bender und Co.) Welcher Partei gehörten diese 'Fachleute' eigentlich an?
Kann denn niemand dieser Frau Asche einmal erklären, dass der Bonuswahnsinn aus Holland einfach damit zu erklären ist, dass diese Heuschreckenabhängigen Rabatte von den Arzniemittelherstellern verlangen können - und das auch mit Nachdruck tun - wie wir diese vor 2004 auch bekamen.
Welche Diskriminierungen wir dabei erfuhren, mit der Krankheit Anderer auch noch Profit zu machen, gipfelt ja derzeit im Wust der Rabattverträge( Gewinner: K.Kassen) und im sogenannten Apothekenhonorar, dass seit 2004 stagniert.
Dass von diesem zementierten Honorar auch noch ein KKassenrabatt von 1.77€ abgeht sollte Frau Asche auch mal zur Kenntnis nehmen.
Der von der Grünen angedachte 1€ Bonus ist nicht diskutabel, weil deutlich sichtbare Auflösungserscheinungen, Aposchließungen, Apprbiertenmangel, Investitionsstau u.s.w. zu deutlich anzeigen, dass unglaubliche Fehler zur absoluten Verschlechterung der Arzneimittelversorgung der Patienten heute schon geführt haben.
Der von der Politik angedachte Paradigmenwechsel hin zur digitalen Versandeuphorie kennt aber nur einen absoluten Verlierer:: den PATIENTEN !!

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Fehleinschätzung der Grünen

von Heiko Barz am 02.06.2017 um 14:27 Uhr

zynisch statt zünisch!

Auch oh Mann

von Peter Bauer am 01.06.2017 um 11:41 Uhr

Kapiert die Frau nicht ,dass in der öffentlichen Apotheke nicht der geringste finanzielle Spielraum für Rabatte ist.Nicht mal ganz kleine.Warum sind die meisten Apotheken mittlerweile unverkäüflich???Weil man einfach nicht mehr genug erwirtschaften kann,um neben dem Lebensunterhalt auch noch die Apotheke abzuzahlen.Wir können einfach keine Aufschläge selber machen ,die es dann hinterher gestatten darauf Rabatte zu geben.Alle anderen Branchen machen dies nämlich so.Wann machen sich solche Politiker endlich frei von diesem ewig gestrigen Denken,dass ein Apotheker in seiner Apotheke sich automatisch dumm und dusselig verdient.Und das sind dann "Gesundheitsexperten"!

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Oh Mann....

von Anita Peter am 01.06.2017 um 11:30 Uhr

Apotheken auf dem Land sollen jetzt 1 Euro Bonus geben, damit man die Kundschaft aus den Stadtapotheken wieder weg lockt??
a) dann gibt auch die Stadtapotheke 1 Euro Bonus und alles ist wieder zurück auf los.
b) ich kann mir nicht mal 50 cent Bonus leisten!

Und was nun?

» Auf diesen Kommentar antworten | 3 Antworten

AW: Oh Mann..

von Christian Becker am 01.06.2017 um 11:46 Uhr

Ist doch klar: zumachen. Sie und noch möglichst viele andere, die die Versorgung auf dem Land sicherstellen.
Dann hat auch Frau Schulz-Asche ihren Beleg, dass das schaden würde.
Ach so... dann wäre es aber zu spät, noch was zu ändern und Hurra!, wir haben ja die Versandapotheken die in die Presche springen können.

AW: @ Christian Becker

von Anita Peter am 01.06.2017 um 12:09 Uhr

Wenn ich 50 cent pro Packung Bonus geben muss, ist meine Apotheke nicht mehr zu betreiben, und das obwohl meine Privatentnahme niedriger ist als ein Nettogehalt einer angestellten Apothekerin. ( bei einer 40 Stundenwoche wohlgemerkt, die 20-30 Stunden, die ich darüber liege, rechne ich schon gar nicht mehr mit.... )
Wie eine Krankenschwester jetzt auf die Idee kommt, die Preisbindung sei schädlich für meine Apotheke, ist mir ein Rätsel.

AW: Oh Mann

von Christian Becker am 01.06.2017 um 12:51 Uhr

Das kann ich mir gut vorstellen, Frau Peters. Daher mein zynischer Kommentar.
Die Preisbindung ist ja letztendlich auch für die Kunden gut - was vielen wahrscheinlich erst klar wird, wenn es sie (die Preisbindung) und Sie (bzw. Ihre Apotheke) nicht mehr gibt.

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.