Monoklonaler Antikörper zur Cholesterinsenkung

IQWiG sieht für Alirocumab keinen belegten Zusatznutzen

Berlin - 15.02.2016, 16:20 Uhr

Wem andere Arzneimittel und Diät nicht hilft, die LDL-Werte zu senken, für den kann Alirocumab eine Hilfe sein. (Bild: ralwel/Fotolia)

Wem andere Arzneimittel und Diät nicht hilft, die LDL-Werte zu senken, für den kann Alirocumab eine Hilfe sein. (Bild: ralwel/Fotolia)


Sanofi hat das IQWiG nicht vom Zusatznutzen seines monoklonalen Antikörpers Alirocumab (Praluent) überzeugen können. Die Kölner Wissenschaftler sagen, die vorgelegten Studien seien für die benannten Fragestellungen nicht relevant. Das letzte Wort hat der G-BA.

Wenn die LDL-Cholesterinwerte im Blut erhöht sind, lautet die Diagnose „Hypercholesterinämie“. Bei der gemischten Dyslipidämie können zusätzlich erhöhte Triglyceridwerte vorliegen. Unbehandelt können beide Störungen bei stark überhöhten Werten zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie etwa einer koronaren Herzkrankheit oder einer Arteriosklerose führen.

Gegen beide Störungen ist seit September 2015 Alirocumab (Praluent®) für Erwachsene zugelassen. Und zwar für solche, bei denen eine Diät und andere Arzneimittel den Cholesterinspiegel nicht ausreichend senken. Zudem kann der Wirkstoff eingesetzt werden, wenn Statine zur Behandlung nicht infrage kommen oder wegen ihrer Nebenwirkungen nicht vertragen werden. Auch wenn der Patientenkreis im Grunde stark eingeschränkt ist: Das Arzneimittel wurde schon vor einem Jahr als besonders umsatzträchtiges Produkt gehandelt. Ein Einzeldosis-Pen (75 mg), der alle zwei Wochen anzuwenden ist, kostet in Deutschland derzeit 376,72 Euro. Ist eine Senkung um mehr als 60 Prozent beabsichtigt, liegt die Einzeldosis bei 150 mg alle zwei Wochen.

Bisher ist die Standardtherapie eine Diät in Kombination mit lipidsenkenden Arzneimitteln (etwa Statinen). Reicht dies nicht aus, kommt eine Blutwäsche (LDL-Apherese) in Kombination mit einer medikamentösen Therapie in Betracht. Bei einer LDL-Apherese wird das Blut vom LDL-Cholesterin gereinigt. Bei einigen Patienten führt jedoch beides nicht zur erwünschten Wirkung. Und hier setzen sogenannte PCSK9-Hemmer wie Alirocumab oder das kürzlich ebenfalls bewertete Evolocumab an.

Alirocumab

Alirocumab gehört zur Klasse der PCSK9-Inhibitoren. Das Enzym PCSK9 kann wie LDL-Cholesterol an LDL-Rezeptoren hepatischer Zellen binden. Der gebildete PCSK9-Rezeptor-Komplex gelangt in die Zelle und wird dort abgebaut. Der Rezeptor steht nicht mehr für die Cholesterin-Aufnahme zur Verfügung. Blockiert man PCSK9, wird die Zahl der LDL-Rezeptoren auf der Oberfläche der Hepatozyten erhöht und der Cholesterin-Spiegel somit gesenkt. Alirocumab wird gemeinsam mit anderen Lipidsenkern bei primärer familiärer Hypercholesterinämie oder kombinierter Dyslipidämie eingesetzt, wenn die Cholesterinwerte trotz der maximalen verträglichen Statin-Dosis nicht ausreichend gesenkt werden können. Bei Statin-Unverträglichkeit ist auch eine Monotherapie möglich. 

Handelsname: Praluent®

Nun hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Zusatznutzen von Alirocumab überprüft. Zuvor hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G‑BA) für drei Patientenpopulationen unterschiedliche zweckmäßige Vergleichstherapien festgelegt: Bei Patienten, die Statine zwar vertragen, aber auch mit der höchsten verträglichen Statindosis ihre Cholesterin-Zielwerte nicht erreichen, sollte Alirocumab in Kombination mit einem Statin und gegebenenfalls weiteren Lipidsenkern verglichen werden mit einer maximal tolerierten medikamentösen und diätischen Therapie zur Lipidsenkung.

Bei Patienten, für die eine Statintherapie nicht infrage kommt, sollte Alirocumab mit einem anderen Lipidsenker als Monotherapie verglichen werden. Und für Patienten, bei denen die medikamentösen und diätischen Optionen zur Lipidsenkung ausgeschöpft sind, sollte die zweckmäßige Vergleichstherapie eine LDL-Apherese sein.

Kritik an vorgelegten Studien

Doch die Studien, die Sanofi für sein Dossier zu den drei Fragestellungen vorlegte – zwölf an der Zahl –, überzeugten das IQWiG nicht.  Sie beantworteten, keine die relevanten Fragen der frühen Nutzenbewertung, heißt es.

So habe in etlichen Studien zur ersten Fragestellung jeweils ein Teil der Patienten keine Vortherapie mit einer maximal verträglichen Statindosis erhalten, was aber die Voraussetzung für eine Therapie mit Alirocumab sei.

Zudem sei in vielen der Studien die zweckmäßige Vergleichstherapie nicht eingehalten worden, überdies seien sie zum Teil zu kurz. Schließlich seien Hypercholesterinämie und gemischte Dyslipidämie chronische Erkrankungen und Alirocumab für eine Dauertherapie vorgesehen. Daher, so das IQWiG sein Studien mit einer Laufzeit von mindestens einem Jahr erforderlich, um den Nutzen oder Schaden zu beurteilen.

Und so kommen die Kölner Wissenschaftler zu dem Schluss: Für keines der Anwendungsgebiete gibt es einen Anhaltspunkt für einen Zusatznutzen von Alirocumab gegenüber der jeweiligen zweckmäßigen Vergleichstherapie.

Doch die IQWiG-Bewertung ist erst ein Zwischenschritt in der frühen Nutzenbewertung; sie ist eine Empfehlung an den G-BA, der den abschließenden Beschluss über den Zusatznutzen und sein Ausmaß trifft. Zuvor wirdnoch ein Stellungnahmeverfahren durchgeführt, in dem der Hersteller weitere Daten vorlegen kann.

Hier finden Sie die Kurzfassung der IQWiG-Nutzenbewertung zu Alirocumab

 


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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