Arzt und/oder Apotheker

Basisversorgung – wer ist zuständig?

12.05.2015, 10:35 Uhr

Leserbrief-Diskussion zwischen Ärzte- und Apothekerschaft. (Foto: Ralf Kalytta/Fotolia)

Leserbrief-Diskussion zwischen Ärzte- und Apothekerschaft. (Foto: Ralf Kalytta/Fotolia)


Berlin – An den Plänen von Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, im Borkener Ortsteil Nienborg eine Apotheke zu eröffnen, ist eine Leserbrief-Diskussion entbrannt: Nachdem die „Westfälische Nachrichten“ über Overwienings Vorhaben berichtete, wandte sich ein niedergelassener Arzt aus dem Nachbarort Heek an die Redaktion und betonte, dass die Apothekerschaft zu Unrecht beanspruche, für die medizinische Versorgung zuständig zu sein. Vielmehr verkauften sie teure Medikamente, „die aus ärztlicher Sicht gefährlich für die Patienten sein können“.

Vergangene Woche berichtete die Zeitung von den Plänen der Kammerpräsidentin und ihres Mannes, zusätzlich zu ihrer Apotheke in Heek und den beiden Filialen in Reken eine weitere Apotheke in Nienborg zu eröffnen. Nach knapp fünf Jahren werde es wieder eine Apotheke im Ort geben. Möglicherweise zieht im gleichen Gebäude auch eine Allgemeinmedizinerin mit ihrer Praxis ein. „Die medizinische Nahversorgung im Ortsteil Nienborg wird sich voraussichtlich ab Ende dieses Jahres verbessern“, heißt es im Bericht.

„Es wäre interessant zu erfahren, inwieweit eine Apotheke für die ‚medizinische Versorgung‘ zuständig ist“, fragte jedoch Dr. Bernd Nünning in seinem Leserbrief. Heutzutage würden nur noch Symptome behandelt, aber keine Diagnose mehr gestellt, um weiter zu arbeiten – Beispiel Grippostad. Zudem „hätte jeder Kaufmann Interessenkonflikte, wenn er einem Kunden zu einer preiswerten Lösung rät, da er an dem Produkt verdient“.

„Ich wehre mich als niedergelassener Arzt seit 34 Jahren in Heek dagegen, dass die Basisversorgung in der Medizin von einem Berufsstand übernommen wird, der nicht dafür ausgebildet ist und jetzt beansprucht, für die medizinische Versorgung zuständig zu sein“, konstatiert er. Die medizinische Versorgung sollte durch Ärzte durchgeführt werden, von denen es in seiner Gegend schon zu wenig gebe – man gege bereits einer drohenden medizinischen Unterversorgung ärztlicherseits entgegen.

PhiP kontert Arzt

Auf sich beruhen lassen wollte man dies in Overwienings Apotheke in Heek keinesfalls: Daniel Finke, Pharmazeut im Praktikum (PhiP), schrieb ebenfalls einen Leserbrief. „Im Studium beschäftigen wir uns intensiv vier Jahre lang mit über 350 unterschiedlichen Arzneimitteln, ihren Wirkungen und eventuellen Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln“, erklärt er darin. Die Apotheke bilde in der heutigen Zeit die wichtigste Schnittstelle zwischen Arzt und Patient. Viele Ärzte bekämen überhaupt nicht mit, welche „anderen“ Arzneimittel von ihren Patienten eingenommen werden. Erst in der Apotheke liefen alle Fäden zusammen und es entstehe ein vollständiges Bild. Insoweit spiele der Apotheker eine entscheidende Rolle.

Es gehe nicht darum, den Arzt in seiner Kompetenz zu beschneiden, sondern um den Patienten: „Eine enge Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker zum Wohl des Patienten ist das erklärte Ziel.“ Im Zeitalter einer immer älter werdenden Bevölkerung dürfe man nicht die Augen vor den Fakten verschließen, „wie es manche Kollegen seit 34 Jahren versuchen“. Für die Diagnose seien Ärzte da. Apothekers Aufgabe sei es, „den Patienten gut in der Medikation zu unterstützen, auf eventuelle Risiken aufmerksam zu machen und auftretende Probleme der Medikation – in Kooperation mit dem Arzt – zu beheben“. Keineswegs stehe bei Apothekern der kaufmännische Gedanke im Mittelpunkt.

Plädoyer für gute Zusammenarbeit

Und er schließt mit einem Plädoyer für gute Zusammenarbeit: „Die provokante Frage von Herrn Dr. Nünning, inwiefern die Apotheke für die medizinische Versorgung zuständig ist, will ich ihm also gerne beantworten: Es geht mir um die bestmögliche medizinische Versorgung der Patienten! Für die Zukunft wünsche ich mir eine enge, kollegiale Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Ärzten, um die optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten.“ Die geplante Apothekeneröffnung in Nienborg gebe den Einwohnern die Möglichkeit einer guten medikamentösen Versorgung und vielen älteren erspare es weitere Wege.


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