DAZ aktuell

Kurskorrekturen für die Praxis

Gastkommentar zur pharmazeutischen Ausbildung

Silvia Geiser

Wer kann sich nicht mehr an den ersten Tag im HV erinnern?
Frisch nach dem 2. Staatsexamen steht man nun als PhiP im HV und begrüßt seine ersten Patienten. Die Lerninhalte aus Biologie, Chemie, Klinischer Pharmazie, Pharmakologie und Technologie sind noch frisch im Kopf. Aber wie bringt man das Gelernte an den Patienten? Wie ist seine Therapie zu bewerten? Was ist bei der Einnahme der Arzneimittel zu beachten? Stimmen die verordneten Dosierungen, sind die Verordnungen zusammen betrachtet sinnvoll? Könnte man eventuell sogar ein paar Medikamente einsparen oder fehlen andere? Und wie erkläre ich das alles verständlich meinem Patienten? Und dann gibt es da auch noch die Selbstmedikation ...

Diese Punkte sind in der öffentlichen Apotheke tagtäglich relevant; nur wo kommen das Wissen oder aber zumindest die Grundlagen und Herangehensweisen dafür her?


Aus dem Studium sollte man meinen.  Leider fühlen sich viele Absolventen nicht auf diese Situation vorbereitet. Jedem Absolventen ist klar, dass er nach dem vollendeten Studium noch kein Meister der Beratung ist, aber kann man wirklich alles praxisrelevante Wissen in einem halben Jahr PhiP in der Apotheke lernen? Ist man wirklich nach dem naturwissenschaftlichen Pharmaziestudium berufsfähig, bzw. nach dem PhiP berufsfertig?


Einige Berufsanfänger machen sich die Mühe, dieses Wissen im Selbststudium oder in Fort- und Weiterbildungen anzueignen: Denn eine kompetente und gute Beratung und Betreuung des Patienten machen einen guten Apotheker aus!  Leider muss man feststellen, dass eine ganze Reihe von Apothekern einfach arbeiten geht und sich kaum wirklich qualitativ und unabhängig fortbildet. Eine kostenfreie Abendveranstaltung einer Firma mit einem netten Abendprogramm zieht in vielen Fällen sicherlich mehr potenzielle Teilnehmer an, als eine (teilweise) kostenpflichtige, aber unabhängige Veranstaltung der Kammer.


Qualitative Beratung, praxisrelevante Inhalte und Grundlagen der Gesprächsführung werden bisher im Studium oft nicht oder nur kaum gelehrt.

Ein großer Schritt in die richtige Richtung, um mit genügend ‚Grundwissen und Rüstzeug‘ auf die Apotheke und das Gespräch mit Patienten und Ärzten vorbereitet zu sein, war die Einführung des Faches Klinische Pharmazie. Leider ist noch nicht jede deutsche Universität mit einer eigenen Professur für Klinische Pharmazie ausgestattet und von Uni zu Uni gibt es erhebliche Unterschiede in der Auslegung der Approbationsordnung zu den Lehrveranstaltungen in diesem Fach. Zusätzlich fehlt den Studierenden oft der Zusammenhang zwischen den vermittelten Lerninhalten und der späteren Berufsanwendung. Deshalb sollte im Studium früh genug begonnen werden, die Theorie praxisrelevanter im Hinblick auf die Offizin zu gestalten. Immerhin werden fast 80% der Pharmaziestudenten später in der öffentlichen Apotheke arbeiten.


Das breitgefächerte Pharmaziestudium hat seinen Reiz, sollte es doch für zahlreiche Berufsbilder qualifizieren. Dieses Konzept finde ich gut und es soll bleiben! Es erlaubt große Entscheidungsfreiheit und verhindert zu frühzeitiges Abbiegen in eine fachliche Sackgasse, aus der man eventuell nicht mehr herauskommt. In seiner jetzigen Form bereitet das Pharmaziestudium allerdings besser für eine wissenschaftliche Karriere in Industrie und Universität vor, als für die Offizin oder gar die Krankenhausapotheke. Hier sollte man sich fragen, ob manche Inhalte generell noch zeitgemäß sind oder ob nicht Platz für praxisrelevantere Inhalte gemacht werden kann, um das o.g. Ungleichgewicht etwas auszutarieren.

Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung wäre, die bisherigen universitären Ausbildungsinhalte innerhalb des Studiengangs besser zu vernetzen: Viele Lehrveranstaltungen, gerade im Grundstudium, vermitteln Grundlagen, die im Hauptstudium nicht mehr aufgegriffen werden. Dabei könnte man doch z.B. von den mathematischen Grundlagen aus der Lehrveranstaltung im Grundstudium  bei der Interpretation klinischer Studien stark profitieren.


Auch wenn es vonseiten der Verbände beschworen wird: Um das Verhältnis zwischen Arzt und Apotheker ist es nicht immer zum Besten bestellt. Das zähe Ringen um das ABDA-KBV-Modell zeigt das nur zu gut. Auch hier gäbe es durch gemeinsame Lehrveranstaltungen/Praktika mit Medizinstudierenden (z.B. direkt am Krankenbett) die Möglichkeit, bereits während des Studiums die Samen für eine spätere gute Zusammenarbeit der beiden Berufsstände zu säen.


Durch ein paar Kurskorrekturen in der universitären und praktischen Ausbildung könnte schon viel erreicht werden, um die Absolventen besser auf die Tätigkeit in der Offizin vorzubereiten. Denn im gleichen Atemzug, in dem umfassendere Kompetenzen sinnvollerweise in den Berufsalltag integriert werden sollen, wie z.B. Medikationsanalysen im Sinne des Medikationsmanagements, müssen diese Inhalte auch im Studium vermittelt werden. Derzeit sind diese Kenntnisse nur über teils kostenintensive Weiterbildungen zugänglich, sodass der Großteil der fertigen Apotheker diese Angebote nicht nutzen wird.

Apothekerin Silvia Geiser


Silvia Geiser, Andreasstr. 22  10243 Berlin

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