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Ausbildung

Schlusslicht Deutschland

Internationale Studie zum Stand der Pharmazie mit ernüchterndem Ergebnis

Wie entwickelt sich die Pharmazie? Wie steht es international um den Wandel hin zu ­klinisch pharmazeutischen Dienstleistungen? Wie werden Apothekerinnen und Apotheker diesbezüglich ausgebildet und welchen Beitrag leistet die Forschung? Diese Fragen wurden jetzt im Rahmen einer internationalen Untersuchung beleuchtet. Für Deutschland kommt die Studie zu einem ernüchternden Ergebnis: Es gibt massive Rückstände in allen Bereichen! | Von Susanne Erzkamp

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die International Pharmaceutical Federation (FIP) haben den nationalen Gesundheitssystemen seit 2006 eine neue Rolle für die Apothekerschaft aufgetragen: Zur Verbesserung des Patientenwohls soll sich der Berufsstand umpositionieren und seine neu erworbenen Fähigkeiten bestmöglich zum Patientenwohl einsetzen. Von der Packungsabgabe losgelöste Leistungen der Apotheker sollen die Therapie optimieren und Arzneimittelrisiken verringern. Präventionsleistungen, Screeningmaßnahmen, Impfen, die unmittelbare Zusammenarbeit mit Ärzten (in Praxis und Krankenhaus) am Patienten oder das Medikationsmanagement sind nur einige Beispiele für den massiven professionellen Wandel, der sich in den 1990er-Jahren in vielen Ländern vollzogen hatte, und der spätestens seit 2006 von der WHO zum internationalen Standard erhoben wurde.

Um mögliche Defizite beim Wandel des Berufsbildes zu erkennen und ungenutzte Potenziale aufzudecken, hat eine internationale Studie zwölf gänzlich verschiedene Länder aus vier Kontinenten miteinander verglichen. Die Ergebnisse wurden jetzt im International Journal of Clinical Pharmacology and Therapeutics veröffentlicht und der Fachöffentlichkeit präsentiert [1].

Teilgenommen haben Experten aus Australien, Belgien, Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Japan, Kanada, Kosovo, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Thailand und den USA. Erhoben wurde unter anderem:

  • Welche allgemeinen Vorschriften gelten für öffentliche Apotheken?
  • Welche Inhalte werden in der pharmazeutischen Ausbildung vermittelt?
  • Gibt es nationale Forschungsergebnisse im Bereich „Patient Care“ (pharmazeutische Betreuung und Versorgungsforschung)?
  • Welche klinisch-pharmazeutischen Dienstleistungen sind in den einzelnen Ländern bereits in der Regelversorgung implementiert?

Die Ergebnisse wurden verglichen und in Hinblick auf mögliche Zusammenhänge analysiert.

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Bisher sind klinische Dienstleistungen von Apothekern in Deutschland nur wenig implementiert.

Die öffentlichen Apotheken im Ländervergleich

Lediglich in drei der zwölf Länder (Australien, Österreich und Deutschland) sind Apothekenketten verboten, auch der Fremdbesitz ist in der Mehrzahl der Länder erlaubt. Allerdings ist die Niederlassungsfreiheit in einigen Ländern begrenzt. Öffentliche Apotheken sind in allen Ländern an fünf bis sieben Tagen geöffnet und ein Notdienst ist überall eta­bliert. Thailand bildet hierbei eine Ausnahme, da der ärztliche Notdienst von Krankenhäusern übernommen wird und dort auch die medikamentöse Versorgung im Notfall erfolgt. Für abgelegene Gegenden (Inseln, Täler, dünn besiedelte Gebiete) gibt es in vielen Ländern ergänzende Sonderregeln zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung.

Blick auf die pharmazeutische Ausbildung

Das Studium der Pharmazie dauert in der Regelstudienzeit in allen Ländern zwischen vier und sechs Jahren. Zusätzliche Praktika sind in acht der zwölf Länder vorgeschrieben. In Österreich, Bosnien-Herzegowina und Deutschland orientiert sich das Studium noch am Arzneimittel und auch die Patientenberatung wird in diesen drei Ländern kaum oder gar nicht geübt. In allen anderen Ländern steht der Patient im Fokus des Studiums und somit Krankheitsbilder, Organsysteme und die dazugehörige Therapie. Der Anteil der Pharmakotherapie variiert erheblich; während Pharmakotherapie in Deutschland und Österreich kaum gelehrt wird, erstreckt sie sich an den Universitäten in Kanada über fünfeinhalb Jahre und beansprucht somit den Großteil des Studiums für sich.

Wissenschaftliche Daten zu klinischen Dienstleistungen

Insbesondere von Arbeitskreisen in Australien, den Niederlanden, der Schweiz, Kanada und den USA sind bereits zahlreiche Untersuchungen zum Nutzen der pharmazeutischen Betreuung durchgeführt worden. Die daraus gewonnenen Daten haben teilweise erheblich bei der Implementierung neuer Dienstleistungen geholfen. Studien zur Leitlinientreue und Effektivität der Apotheker bei der Behandlung im Bereich Diabetes (RxING Studie [2], RxEACH Studie [3]) führten z. B. in Kanada zu einer optimierten Patientenversorgung und einem definierten Verschreibungsrecht durch Pharmazeuten (independend prescriber), ebenso z. B. bei der Behandlung von Blasenentzündungen (RxOUTMAP Studie [4]) und in anderen Indikationen. Immerhin gibt es inzwischen auch einige Daten aus Deutschland (z. B. ATHINA Evaluation [5], WestGem Studie [6]).

Bereits etablierte klinische Dienstleistungen

Als etablierte Dienstleistung im Bereich der pharmazeutischen Betreuung wurden Angebote definiert, die in der Regelversorgung bereits fest verankert sind. Dienstleistungen, die bislang nur im Rahmen von Pilotprojekten und Studien durchgeführt werden, wurden nicht als etabliert angesehen. Tabelle 1 zeigt Beispiele etablierter Dienstleistungen der verschiedenen Länder.

Tab. 1: Ausgewählte implementierte klinische Dienstleitungen von Apothekern mit Scorebildung und Kategorisierung, übersetzt aus [1], mit freundlicher Genehmigung des International Journal of Clinical Pharmacology and Therapeutics
Land
Medikationsanalysen in öffentlichen Apotheken
Medikationsanalysen in Krankenhäusern
Andere pharmazeutische Dienst­leistungen
Impfungen durch Apotheker
Rx-Verordnungen durch Apotheker
Score
Kategorie/
Stand der Implementierung
Australien
X
X
X
X
4
Hoch
Belgien
X
X
2
Mittel
Bosnien-Herzegowina
0
Niedrig
Deutschland
0
Niedrig
Japan
X
X
X
3
Mittel
Kanada
X
X
X
X
X
5
Hoch
Kosovo
0
Niedrig
Niederlande
X
X
X
3
Mittel
Österreich
X
1
Niedrig
Schweiz
X
X
X
3
Mittel
Thailand
X
1
Niedrig
USA
X
X
X
X
X
5
Hoch

Zusammenhänge zwischen Voraussetzungen und Umsetzung klinischer Dienstleistungen

Basierend auf den Ergebnissen wurden die einzelnen Aspekte dahingehend überprüft, ob ein signifikanter Zusammenhang zur Implementierungskategorie zu beobachten ist, sie also möglicherweise den Wandel des Berufsbildes begünstigt haben. Interessanterweise traf dies für die Rahmenbedingungen nicht zu. Es ist für die klinischen Dienstleistungen offenbar unerheblich, ob die Apotheken inhabergeführt oder fremdgeführt werden, Versandhandel zugelassen ist oder ob Niederlassungsfreiheit besteht. Ein signifikanter Zusammenhang ergab sich hingegen für die Ausrichtung des universitären Studiums und für das Vorhandensein von Studien zur pharmazeutischen Betreuung/Versorgung. Eine klinische Ausbildung mit pharmakotherapeutischen Inhalten und wissenschaftliche Daten scheint also den beruf­lichen Wandel zu unterstützen. Kanada, die USA und Australien sind klare Vorreiter bei der Implementierung von klinisch-pharmazeutischen Dienstleistungen, der Zusammenhang zeigt sich besonders schön anhand der Trendlinie in Abbildung 1.

Abb. 1: Korrelation zwischen klinischer Ausbildung bzw. Forschung und bereits implementierten klinischen Dienstleistungen, übersetzt aus [1], mit freundlicher Genehmigung des International Journal of Clinical Pharmacology and Therapeutics.

Schlüsse und Ausblick für Deutschland

Die umfassenden Studienergebnisse geben Hinweise und identifizieren Gebiete, in denen die einzelnen Länder gegebenenfalls nachjustieren sollten. Die englischsprachigen Länder Australien – und besonders Kanada und die USA – haben die Transformation des pharmazeutischen Berufsbildes nahezu ganzheitlich umgesetzt. Bei näherer Betrachtung der Daten lässt sich allerdings erkennen, dass Australien diesen Wandel ohne eine Verlängerung der Regelstudienzeit bewältigt hat, auch sonst ließ sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Studienzeit und dem Erfolg des beruflichen Wandels erkennen. Allerdings zeigt eine drastische Reform der Studieninhalte hin zu klinisch-pharmakotherapeutischen Inhalten einen deutlichen Zusammenhang mit dem Wandel des Berufsbilds. Dieser Lehrfokus wird im Fall von Australien auch während des praktischen Jahres konsequent verfolgt und kann als verlängertes Studium betrachtet werden. Eine weniger deutliche Umstellung der Ausbildung steht in den meisten anderen Ländern dann auch im Zusammenhang mit einem nur unvollständigen Wandel des Berufsbildes. Hier ergeben sich aus den Studiendaten Defizite und Möglichkeiten zur Verbesserung. Für Deutschland und Bosnien-Herzegowina ist dies leider in allen Bereichen erforderlich, die internationale Entwicklung ist weit voraus. Im Kosovo wurde hingegen in 2018 das Studium grundlegend reformiert, in Österreich gibt es immerhin den klinischen Apotheker im Spital. |

Literatur

[1] Rose O, Derendorf H, Erzkamp S, Fujita K, Hartl A, Hoti K, Krass I, Obarcanin E, Saevels J, Srimongkon P, Teichert M, Tsuyuki RT. Development of clinical pharmacy services in Australia, Austria, Belgium, Bosnia-Herzegovina, Canada, Germany, Japan, Kosovo, Switzerland, the Netherlands, Thailand, USA and correlation with educational standards, level of research, and implementation practices. Int J Clin Pharmacol Ther 2018;56(11):518-530.

[2] Al Hamarneh YN, Charrois T, Lewanczuk R, Tsuyuki RT. Pharmacist intervention for glycaemic control in the community (the RxING study). BMJ Open 2013;3(9):e003154

[3] Al Hamarneh YN, Hemmelgarn BR, Hassan I et al. The Effectiveness of Pharmacist Interventions on Cardiovascular Risk in Adult Patients with Type 2 Diabetes: The Multicentre Randomized Controlled RxEACH Trial. Can J Diabetes 2017;41(6):580-6

[4] Beahm NP, Smyth DJ, Tsuyuki RT. Outcomes of Urinary Tract Infection Management by Pharmacists (RxOUTMAP): A study of pharmacist prescribing and care in patients with uncomplicated urinary tract infections in the community. Can Pharm J 2018;5(38):171516351878117

[5] Seidling HM, Send AFJ, Bittmann J et al. Medication review in German community pharmacies - Post-hoc analysis of documented drug-related problems and subsequent interventions in the ATHINA-project. Res Social Adm Pharm 2017;13(6):1127-34

[6] Köberlein-Neu J, Mennemann H, Hamacher S et al. Interprofessional Medication Management in Patients With Multiple Morbidities. Dtsch Arztebl Int 2016;113(44):741-8

Autorin

Susanne Erzkamp,

Studium der Pharmazie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, ApoAMTS-Managerin, Offizin-Apothekerin mit Tätigkeitsschwerpunkt AMTS und Heimversorgung, Projektleitung der AMBER-Studie (Medikationsmanagement bei Altenheimbewohnern)

Wandel verschlafen?

Ein Gastkommentar von Susanne Erzkamp

Die Pharmazie hat sich in den letzten 25 Jahren komplett neu erfunden. Der Pillendreher, Hersteller, Logistiker und Dispensierer ist weltweit auf dem Rückzug. Der Blick ins Ausland zeigt bereits seit Jahrzehnten eine ungebrochene Entwicklung hin zu kognitiven, von der Packungsabgabe losgelösten pharmazeutischen Leistungen.

Apotheker begleiten Patienten und Therapien, leiten Antikoagulationskliniken, arbeiten auf Stationen und in Arztpraxen, bieten Medikationsanalysen, Impfungen und andere Services an. Damit sind sie unverzichtbare Akteure im Gesundheitswesen und für die Zukunft sattelfest positioniert. Überall, selbst in Entwicklungs- und Schwellenländern ist der Trend erkannt. Überall? Nein, Deutschland bildet eine der wenigen Ausnahmen.

Forschung, Ansätze und Modellprojekte gibt es auch hier, von einer Flächendeckung können wir aber kaum sprechen und sind weit weg von einer Implementierung kognitiver Leistungen in die Regelversorgung. Stattdessen hapert es an allen Ecken und Enden.

In der Studie konnte interessanterweise kein eindeutiger Zusammenhang zwischen den Rahmenbedingungen, wie Apothekenketten oder Versandhandel, gefunden werden, jedoch ein signifikanter Zusammenhang zwischen klinischer Ausbildung bzw. Forschung und der Implementierung von Dienstleistungen. Je stärker eine Umstrukturierung des Studiums erfolgt ist und je mehr Studiendaten vorliegen, desto mehr Dienstleistungen sind etabliert.

Ein professioneller Wandel kann also nur gelingen, wenn auf allen Ebenen angesetzt wird. Insellösungen ohne fundierte pharmakotherapeutische Ausbildung und stimmige Rahmenbedingungen sind nur wenig zielführend.

Wenn das Ziel einer patientenzen­trierten (und gebührend honorierten) zukunftssicheren Pharmazie erreicht werden soll, muss gründlich ausgekehrt werden! Die bloße Forderung nach mehr Anerkennung und besserer Bezahlung fruchtet kaum. Wenn die Ausbildung nicht auf Patientenbetreuung und Pharmakotherapie ausgerichtet ist, ist ein grundlegender Richtungswechsel nicht möglich. Forschungsergebnisse können neue Dienstleistungen evidenzbasiert etablieren – so geschehen in Kanada, wo daraufhin der Independend Prescribing Pharmacist eingeführt wurde.

Warum sind wir in Deutschland von der internationalen Entwicklung abgehängt? Weshalb hinterfragen wir nicht mehr, wie wir die Patientenversorgung verbessern und Mehrwerte schaffen können, statt den Ist-Zustand mit aller Kraft zu verteidigen? Das Ziel sollte klar sein, der Weg dahin auch, an guten Vorbildern mangelt es nicht.

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