Arzneimittel und Therapie

West-Nil-Virus auf dem Vormarsch

Hintergründe zum Virusnachweis in Deutschland

cst | „Tödlicher Erreger erreicht Deutschland“ – Schlagzeilen wie diese machten kürzlich die Runde. Was ist dran an dieser vermeint­lichen Hiobsbotschaft und welche Risiken birgt eine Infektion mit dem West-Nil-Virus?

Seit das West-Nil-Virus 1999 erstmals auf nordamerikanischem Boden nachgewiesen wurde und in den folgenden Jahren gehäuft Fälle schwer verlaufender Infektionen bei Menschen auftraten, sorgen Meldungen über eine Verbreitung des Erregers auch bei uns immer wieder für Aufregung. Tatsächlich scheint das Virus dieses Jahr in Europa besonders stark zu grassieren.

Mehr Infektionen als im Vorjahr

Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wurden bis einschließlich 6. September 2018 in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) 798 Fälle einer Infektion mit dem West-Nil-Virus beim Menschen bestätigt. Vor allem südeuropäische Länder waren betroffen. So meldete Italien 327 Fälle, Griechenland 168 Fälle, Rumänien 117 Fälle, Ungarn 134 Fälle, Kroatien 25 Fälle, Frankreich 16 Fälle, Österreich zehn Fälle und Slowenien einen Fall. Aus den EU-Nachbarländern wurden 314 Fälle berichtet (262 in Serbien, 49 in Israel, drei im Kosovo). Die Zahl der Infektionen war bereits Ende August mehr als dreifach so hoch als in der gesamten letztjährigen Saison. „Gefährlicher“ als sonst scheint das Virus jedoch nicht zu sein: Der Anteil an tödlich verlaufenden Infektionen blieb gegenüber den letzten sechs Jahren unverändert. Bislang sind 71 Personen infolge einer Infektion verstorben.

Auch bei Pferden wurden in diesem Jahr bereits 117 Ausbrüche des West-Nil-Fiebers registriert. Allesamt in Regionen, aus denen menschliche Infektionen gemeldet wurden (Italien, Ungarn, Griechenland, Rumänien).

In Deutschland wurde bislang weder bei Menschen noch bei Pferden eine Infektion festgestellt. Allerdings wurde das Virus bei einem verendeten Vogel nachgewiesen, wie das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bekannt gab. Der 3,5 Jahre alte männliche Bartkauz war Mitte August in Halle (Saale) in seiner Voliere tot aufgefunden worden.

Foto: Omika – stock.adobe.com
Das West-Nil-Virus wurde in Deutschland bislang nur bei einem Kauz nachgewiesen.

Meist symptomlos

Das West-Nil-Virus zählt zu der Gruppe der Arboviren (= durch Arthropoden übertragbare Viren) und wird der Gattung Flavivirus innerhalb der Familie der Flaviviridae zugeordnet. Zu dieser gehört auch das namensgebende Gelbfiebervirus. Aufgrund seiner Antigeneigenschaften wird das behüllte Positivstrang-RNA-Virus zur Erregergruppe des Japan-Enzephalitis-Virus gerechnet. Vögel bilden das Hauptreservoir des Erregers und dienen als Zwischenwirte. Unabhängig von der Körpertemperatur fühlt sich das Virus in vielerlei Spezies wohl und vermehrt sich in Reptilien, Säugetieren und Arthropoden (Gliederfüßlern) wie Mücken. Vor allem Culex-, aber auch Aedes- und Mansonia-Arten übertragen das Virus nicht nur zwischen Vögeln, sondern auch auf Menschen und Säugetiere.

Eine Infektion verläuft in der Mehrzahl der Fälle symptomlos (80%). Die Inkubationszeit beträgt zwei bis 14 Tage. Eine plötzlich einsetzende, etwa drei bis sechs Tage andauernde grippeähnliche Erkrankung mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Abgeschlagenheit und Lymphknotenschwellungen tritt bei rund einem Fünftel der infizierten Personen auf.

Schwerer Verlauf möglich

Seltener – bei etwa jeder 150. In­fektion – verläuft die Erkrankung schwerer und es entwickelt sich eine Meningitis oder Enzephalitis. Mentale Veränderungen, Muskelschwäche, schlaffe Lähmungen, Ataxie, extrapyramidale Symptome, Sehnervenentzündungen und Veränderungen anderer Hirnnerven sowie epileptische Anfälle sind die Folge. Vor allem bei älteren und immunschwachen Patienten sind auch schwerwiegende Komplikationen möglich: Eine Enzephalitis kann mit anhaltenden kognitiven Beeinträchtigungen verbunden sein und in 15 – 40% der Fälle tödlich verlaufen.

Die Therapiemöglichkeiten sind begrenzt. Die Behandlung erfolgt symptomatisch. Antivirale Wirkstoffe haben sich als nicht effektiv erwiesen. Ein Impfstoff ist bislang nicht verfügbar, befindet sich aber in der Entwicklung. Bei Reisen in Endemiegebiete wird eine Expositionsprophylaxe (Repellents und Insektizide, Moskito­netze, lange Kleidung, Aufenthalt in geschlossenen Räumen in den Abendstunden) empfohlen. |

Quelle

Risikoeinschätzung des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zum frühen Anstieg von West-Nil-Fieber-Fällen in der EU vom 13. August 2018. https://ecdc.europa.eu/; Abruf am 03. September 2018

European Centre for Disease Prevention and Control. Weekly updates: 2018 West Nile fever transmission season. https://ecdc.europa.eu/; Abruf am 10. September 2018

European Centre for Disease Prevention and Control. Unusual large number of West Nile virus infections in the EU/EEA and EU neighbouring countries. 31. August 2018. https://ecdc.europa.eu/; Abruf am 03. September 2018

Robert Koch-Institut. West-Nil-Virus-Situation in Europa und den USA. Epid Bull 35/2012. www.rki.de; Abruf am 03. September 2018

Stellungnahmen des Arbeitskreises Blut des Bundesministeriums für Gesundheit. West-Nil-Virus. Bundesgesundheitsbl 2012;55:1024–1043

Robert Koch-Institut. Steckbriefe seltener und importierter Infektionskrankheiten. https://www.lzg.nrw.de; Abruf am 03. September 2018

Pressemitteilung des Friedrich-Loeffler-Institut vom 29. August 2018. FLI stellt erstmals West-Nil-Virus-Infektion bei einem Vogel in Deutschland fest. www.fli.de; Abruf am Abruf am 03. September 2018

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