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Pharmakovigilanz

Haarwuchs mit Folgen

Erfolgreiche Finasterid-Behandlung kann zu dauerhaften Problemen führen

Anhaltende sexuelle Funktionsstörungen nach Absetzen einer Finasterid-Behandlung hatten schon 2012 in den USA dazu geführt, dass die Warnungen in den Produktinformationen verschärft werden mussten. Ungeachtet dessen sieht sich der Finasterid-Hersteller Merck in den USA einer Flut von Klagen gegenüber: Über 1000 Männer, die unter dem sogenannten Post-Finasterid-Syndrom leiden, fordern Schmerzensgeld. Auch in Deutschland melden sich Betroffene verstärkt zu Wort. Doch was versteht man unter einem Post-­Finasterid-Syndrom? | Von Petra Jungmayr

Das Post-Finasterid-Syndrom beschreibt eine langfristige Störung der Sexualfunktion sowie psychische und kognitive Veränderungen, die während oder nach der Behandlung einer androgenetischen Alopezie mit 1 mg Finasterid pro Tag bzw. während oder nach der Therapie einer benignen Prostatahyperplasie mit 5 mg Finasterid pro Tag ­auftreten. Meist verschwinden diese Symptome nach ­Absetzen des Medikaments, ein kleiner Teil der Patienten ­leidet aber unter persistierenden Nebenwirkungen wie sexuellen Dysfunktionen, Depressionen, Angst, kognitiven Störungen und einer starken Einschränkung der Lebens­qualität.

Post-Finasterid-Syndrom – ein Fall

In einer Kasuistik wurde bei einem 24-jährigen Mann mit androgenetischer Alopezie die rasche Entwicklung eines Post-Finasterid-Syndroms mit Libidoverlust, erektiler Dysfunktion und Depression innerhalb von zwei bis fünf Tagen nach Beginn der Einnahme von 1 mg Finasterid beschrieben. Nach etwa einem Monat beendete er die Einnahme, doch persistierten die Symptome nach Absetzen und blieben über die folgenden 11 Jahre unverändert. Die üblichen endokrinologischen Serumparameter lagen im Normbereich, die verwendeten Antidepressiva sowie Sildenafil waren nicht oder nur begrenzt effektiv und wurden aufgrund von Nebenwirkungen abgesetzt [Quelle: Kuhl H, et al.]

Irreversible Blockade der 5α-Reduktase

Die Wirkungen von Finasterid beruhen auf einem starken Abfall der 5α-Dihydrotestosteron-Konzentration aufgrund einer irreversiblen Blockade der 5α-Reduktase in Sexualorganen, im Gehirn, in der Haut sowie in weiteren Organen und Gewebearten. Dadurch wird die Umwandlung von Testosteron in das stärkere Androgen Dihydrotestosteron unterbunden. Ferner wird die Bildung neuroaktiv dämpfender Steroide wie 3α,5α-Pregnanolon (Allopregnanolon) oder Androsteron blockiert (s. Abb.). Der Ausfall der sedativen, antidepressiven und anxiolytischen Wirkungen dieser Steroide im Zentralnervensystem führt zu einer gestörten Regulation der neuronalen Aktivität, sodass es zu teilweise schwerwiegenden psychischen und kognitiven Symptomen kommen kann (Tab). In den meisten Fällen steigt nach dem Absetzen von Finasterid aufgrund der Neusynthese der 5α-Reduktase die Dihydrotestosteron-Konzentration wieder. Bei einem kleinen Teil der Patienten bleibt jedoch die Aktivität der 5α-Reduktase permanent gehemmt. Die Ursache dieser irreversiblen Veränderungen ist nicht geklärt; möglicherweise spielen dabei epigenetische Prozesse eine Rolle.

Abb.: Neurosteroide. Im zentralen Nervensystem können Steroide und ihre Metaboliten den Neurotransmitter-Stoffwechsel beeinflussen, indem sie über Gamma-Amino-Buttersäure (GABA) den GABA-Rezeptor modulieren (s. Tab.). So werden die aktivierenden Neurosteroide 5-Androstendiol, Dihydroepiandrosteron (DHEA), 5-Pregnenolon und Corticosteron unter anderem über die 5alpha-Reduktase zu Neurosteroiden mit inhibierenden Effekten reduziert [Quelle: Kuhl H, et al.]

Konkrete Angaben zur Häufigkeit eines Post-Finasterid-Syndroms liegen nicht vor. Auf einer vom National Institutes of Health eingerichteten Internetplattform, die speziell sexuelle Dysfunktionen infolge einer Finasterid-Behandlung registriert, gingen zwischen 1998 und 2013 nahezu 5000 Spontanmeldungen ein. Dabei handelte es sich in 11,8% der Fälle um schwerwiegende persistierende Störungen, die zum Teil mit Suizidgefahr verbunden waren. Wie hoch die Inzidenz eines Post-Finasterid-Syndroms einzuschätzen ist, lässt sich daraus aber nicht ableiten. Es finden sich Angaben über eine vermutlich geringe Häufigkeit, einigen Autoren zufolge ist möglicherweise mit hohen Dunkelziffern zu rechnen.

Tab.: Einfluss von Steroiden und anderen Substanzen auf die GABA-Interaktion mit dem GABAA-Rezeptor und deren Wirkung auf das ZNS [nach Kuhl H (Hrsg): Sexualhormone und Psyche, Thieme-Verlag Stuttgart 2002]
Substanz
Einfluss auf die Aktivität von GABA am GABAA-Rezeptor
Wirkung auf das ZNS
Estradiol
kein Einfluss
aktivierend
Progesteron
kein Einfluss
hemmend
synthetische Gestagene
kein Einfluss
hemmend
Testosteron
kein Einfluss
aktivierend
Androstendion
kein Einfluss
aktivierend
11-Desoxycorticosteron
kein Einfluss
aktivierend
3α,5α-Pregnanolon (Allopregnanolon)
Verstärkung
hemmend
3α,5β-Pregnanolon (Pregnanolon)
Verstärkung
hemmend
3β,5α-Pregnanolon (Isopregnanolon)
Abschwächung
aktivierend
3β,5β-Pregnanolon (Epipregnanolon)
Abschwächung
aktivierend
Androsteron
Verstärkung
hemmend
3α,5α-Androstandiol
Verstärkung
hemmend
3α,5α-Tetrahydro-desoxycorticosteron
Verstärkung
hemmend
Corticosteron
Abschwächung
aktivierend
Pregnenolon
Abschwächung
aktivierend
Dehydroepiandrosteron
Abschwächung
aktivierend
Benzodiazepine
Verstärkung
hemmend
Barbiturate
Verstärkung
hemmend
Ethanol
Verstärkung
hemmend
Melatonin
Verstärkung
hemmend

Der Einfluss auf die Aktivität der GABA beruht auf einer positiven oder negativen Modulation des GABAA-Rezeptors

GABA = γ-amino-butyric acid (γ-Aminobuttersäure)

Keine Therapieempfehlungen

Derzeit gibt es keine zufriedenstellenden Behandlungsmöglichkeiten eines Post-Finasterid-Syndroms. Die transdermale Substitution von Dihydrotestosteron führte in zwei Placebo-kontrollierten Studien zu einer Besserung sexueller Beschwerden; kognitive Funktionen, Depression und Lebensqualität wurden aber nicht verändert. Bei der Gabe von Antidepressiva müssen Vor- und Nachteile sorgfältig abgewogen werden, da einige Antidepressiva zwar die depressive Symptomatik verbessern, sich aber ungünstig auf die Sexualfunktion auswirken. Möglicherweise sind dopaminerge Agonisten wie Bupropion besser geeignet; allgemeine Empfehlungen werden aber nicht ausgesprochen.

Wahrnehmung in der Öffentlichkeit

Berichte und Informationen zum Post-Finasterid-Syndrom finden sind sowohl in den öffentlichen Medien (z. B. in „Die Zeit“, auf „Spiegel online“, in Internetforen) wie auch in Fachkreisen. So wurde etwa aufgrund des wachsenden öffentlichen Interesses im Jahre 2012 die PFS Foundation gegründet. Sie hat zum Ziel, Mediziner, Wissenschaftler und Gesundheitsorganisationen über das Post-Finasterid-Syndrom aufzuklären. 2015 wurde das Post-Finasterid-Syndrom im U. S. National Institutes of Health in das Informationscenter für genetische und seltene Erkrankungen eingetragen. Das National Institutes of Health führt im Research Portfolio Online Reporting Tool (RePORT) eine epidemiologische Studie zur Erfassung unerwünschter Wirkungen unter der Einnahme von 5α-Reduktase-Inhibitoren auf. |

Literatur

Kuhl H et al. Das Post-Finasterid-Syndrom. Gynäkologische Endokrinologie 2017;15:153–163.

Cakir OO et al. Post-Finasteride Syndrome: An underestimated phenomenon. Urol Androl Open J.2016; 1(1): e3-e4. doi: 10.17140/UAOJ-1-e002.

Ganzer CA et al. Persistent sexual, emotional, and cognitive impairment post-Finasteride. A survey of men reporting symptoms. American Journal of Mens`s Health 2015; 9(3):222-228.

Kiguradze T et al. Persistent erectile dysfunction in men exposed to the 5α-reductase inhibitors, finasteride, or dutasteride. PeerJ 5:e3020 ­https://doi.org/10.7717/peerj.3020.

https://rarediseases.info.nih.gov/diseases/12407/adverse-events-of-5-alpha-reductase-inhibitors.

https://projectreporter.nih.gov/project_info_description.cfm?aid=8768599&icde=23688790&ddparam=&ddvalue=&ddsub=&cr=15&csb=default&cs=ASC.

Autorin

Dr. Petra Jungmayr ist Apothekerin und freie Mitarbeiterin der DAZ.

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