Arzneimittel und Therapie

Happy Birthday Sildenafil!

Im Alter von 20 Jahren ist der PDE-5-Hemmer weit mehr als ein Potenzmittel

rr | Am 27. März 1998 wurde Sildenafil in den USA unter dem Namen Viagra® geboren und wuchs schnell zu DEM Arzneimittel in der Therapie der erektilen Dysfunktion heran. Mittlerweile macht es auch in anderen Gebieten von sich reden – zwölf Ansätze und ihr Erfolg.

Als selektiver Hemmer der Phosphodiesterase vom Typ 5 (PDE-5) vermindert Sildenafil die Abbaurate von cyclischem Guanosinmonophosphat (cGMP), ein Second Messenger für Stickstoffmonoxid (NO), das eine entscheidende Rolle beim Vorgang der Vasodilatation spielt, auch in den penilen Schwellkörpern. Die Entwicklung von Sildenafil war eine Revolution in der Behandlung von Erektionsproblemen und dabei eher ein Zufall: Ursprüngliches Ziel war es, ein neues Arzneimittel gegen Hypertonie und Angina pectoris zu kreieren. Der Wirkmechanismus gibt auch in anderen Indikationen Hoffnung, zum Beispiel …

… bei pulmonaler Hypertonie (PAH). PDE-5 findet sich auch in den Lungengefäßen. Sildenafil führt bei Patienten mit PAH zu einer Vasodilatation im pulmonalen Gefäßsystem und ist in dieser Indikation bereits seit über zehn Jahren in Form des Präparats Revatio® zugelassen.

… bei zystischer Fibrose. In In-vitro-Studien und Tiermodellen zeigte Sildenafil korrigierende Effekte auf mutierte CFTR-Proteine, die für die Entstehung der zystischen Fibrose (Mukoviszidose) verantwortlich sind.

… bei Morbus Raynaud. Durch Gefäßerweiterung kann Sildenafil den mikrovaskulären Blutfluss bei Patienten mit Sklerodermie verbessern und wird off-label bereits bei sekundärem Morbus Raynaud eingesetzt.

… bei sexuellen Funktionsstörungen der Frau. 2004 entschied sich Pfizer nach mehrjähriger Forschung dazu, die Entwicklung von Sildenafil zur Behandlung sexueller Funktionsstörungen der Frau einzustellen. Dabei könnte diese Option Studien zufolge vor allem für Frauen interessant sein, die wegen Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern unter einer sexuellen Dysfunktion leiden.

Foto: Africa Studio – stock.adobe.com
(S)ein blaues Wunder erleben: Die Einsatzgebiete von Sildenafil sind bunt, aber auch mit Vorsicht zu genießen.

… im Sport. Die durchblutungsfördernden Effekte werden von Sportlern zur Leistungssteigerung ausgenutzt. Noch steht Sildenafil nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen der World Anti-Doping Agency (WADA).

… bei Krebs. Verschiedene Karzinome zeigen eine erhöhte PDE-5-Expression, unter anderen Blasen-Plattenepithelkarzinome, Brust-, Prostata- und Pankreaskrebs. PDE-5-Hemmer haben damit Potenzial als Anti-Krebs-Mittel. Neueste Meldung: Sildenafil halbierte bei Mäusen die Anzahl von Darmpolypen, einer Vorstufe von Darmkrebs. Humanstudien laufen bereits.

… als Kombinationspartner für Doxorubucin. Eine Vorbehandlung mit Sildenafil scheint nicht nur die zyto­statische Wirkung von Doxorubicin synergistisch zu erhöhen, sondern auch dessen Kardiotoxizität herabzusetzen.

… zur Erhöhung der Fruchtbarkeit.In den USA und Israel wurden bereits mehrere Frauen unter Behandlung mit Sildenafil schwanger, die eigentlich als unfruchtbar galten. Möglich scheint diese Wirkung durch eine bessere Durchblutung der Gebärmutter. Zuverlässige Daten stehen allerdings noch aus.

… bei Jetlag. Unter Behandlung mit Sildenafil waren Hamster in der Lage, sich schneller an neue Tagesrhythmen anzupassen. Das Drehen an der inneren Uhr könnte auch für Schichtarbeiter interessant sein, so die Wissenschaftler. Für diese Entdeckung gab es 2007 den Anti-Nobelpreis.

… bei vaskulärer Demenz. cGMP ist als Second Messenger beteiligt an Prozessen der neuronalen Plastizität. Im Mausmodell verbesserte Sildenafil die kognitiven Funktionen. Der Effekt war nicht mit Veränderungen der Amyloid-Belastung verbunden.

… bei Typ-2-Diabetes. Die tägliche Gabe von 50 mg Sildenafil wirkte sich in Studien günstig auf die endotheliale Dysfunktion des Pankreas aus.

… bei Adipositas. Sildenafil wandelte in Mäusen verstärkt weiße Fettzellen in beige Fettzellen um, die Nahrungsenergie in Wärme umwandeln. Die Grundlagenforschung gibt Hoffnung, dass dadurch das Risiko für Folgeerkrankungen der Fettleibigkeit vermindert werden kann. Andere Studien warnen dagegen vor nachteiligen metabolischen Effekten. |

Quelle

Fachinfo Viagra® (06/2016) und Revatio®(10/2017)

Dhooghe B et al. Strategies in early clinical development for the treatment of basic defects of cystic fibrosis. Expert Opin Investig Drugs 2016;25(4):423-436

Andrigueti FV et al. Evaluation of the effect of sildenafil on the microvascular blood flow in patients with systemic sclerosis: a randomised, double-blind, placebo-controlled study. Clin Exp Rheumatol 2017;35 Suppl 106(4):151-158

Nurnberg HG et al. Sildenafil treatment of women with antidepressant-associated sexual dysfunction: a randomized controlled trial. JAMA 2008;300(4):395-404

Di Luigi L et al. Phosphodiesterase Type 5 Inhibitors, Sport and Doping. Curr Sports Med Rep 2017;16(6):443-447

World Anti-Doping Agency (WADA). Prohibited List 2018

Islam BN et al. Sildenafil Suppresses Inflammation-Driven Colorectal Cancer in Mice. Cancer Prev Res (Phila) 2017;10(7):377-388

Warum Sie Viagra nehmen sollten. Welt; Artikel verfügbar unter https://www.welt.de/gesundheit/article1165844/Warum-Sie-Viagra-nehmen-sollten.html

Viagra gegen Hamster-Jetlag. Süddeutsche Zeitung; Artikel verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/leben/ueberraschender-potenzmittel-effekt-viagra-gegen-hamster-jetlag-1.861850

Cuadrado-Tejedor M et al. Sildenafil restores cognitive function without affecting β-amyloid burden in a mouse model of Alzheimer‘s disease. Br J Pharmacol. 2011;164(8):2029-2041

Das A et al. PDE5 inhibitors as therapeutics for heart disease, diabetes and cancer. Pharmacol Ther 2015;147:12-21

Kann Viagra Übergewicht positiv beeinflussen? Medizin Aspekte; Artikel verfügbar unter https://medizin-aspekte.de/53216-viagra_35117/

Johann K et al. Effects of sildenafil treatment on thermogenesis and glucose homeostasis in diet-induced obese mice. Nutr Diabetes 2018;8(1):9

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