Aus den Ländern

Das Erbe der Klosterpharmazie

Pharmaziehistorische Tagung in Baden-Württemberg

Das ehemalige Kloster Schöntal – zwischen Heilbronn und Bad Mergentheim idyllisch an der Jagst ge­legen – war der passend gewählte Tagungsort zum Thema „Der Name der Rose – Klosterpharmazie gestern und heute“, dem sich die diesjährige Herbsttagung der pharmaziegeschichtlichen Landesgruppen Baden und Württemberg am 22. und 23. Oktober widmete.

Die beiden Vorsitzenden Prof. Marcus Plehn und Prof. Michael Mönnich begrüßten etwa 150 Teilnehmer, darunter Gäste aus Frankreich und der Schweiz. Sie dankten der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg sowie Dr. Elisabeth Huwer vom Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg für ihre großzügige Unterstützung und Mitwirkung bei der Organisation.

Foto: Denninger
Referenten und Organisatoren der Tagung (v. l.): Prof. Dr. Michael Mönnich, Dr. Elisabeth Huwer, Prof. Dr. Peter Dilg, Prof. Dr. Marcus Plehn, Dr. Larissa Leibrock-Plehn, Dr. Johannes Gottfried Mayer.

Heilkunde der Hildegard von Bingen

Zunächst referierte Dr. Larissa ­Leibrock-Plehn, Brackenheim, über „Hildegard von Bingen – zwischen Wissenschaft und Aberglaube“. Hildegard (1098 – 1179) wurde schon als Kind einem Kloster übergeben. Ihre bereits in jungen Jahren aufgetretenen Visionen führten zu einer Vielzahl von Schriften, wobei die Abhandlungen „Causae et curae“ (Ursachen und Behandlung der Krankheiten) und „Physica“ (Naturkunde) für die Pharmaziegeschichte von Bedeutung sind. Sie sind der benediktinischen Tradition (Krankenpflege als Pflicht der Mönche) verpflichtet, aber auch von antikem medizinischem Gedankengut und volksmedizinischen Erfahrungen geprägt. Bemerkenswert ist die durchgängige Verwendung der deutschen Pflanzennamen im ansonsten lateinischen Text.

Zentraler Gedanke in Hildegards Heilkunde ist die Einheit von Körper und Seele: „Die Seele muss heil werden, dann kann der Körper folgen.“ Ihre Heilkunde steht auf fünf Säulen: Ernährung, Fasten, Lebensführung, Physiotherapie und Heilmittel. Die Heilmittel entstammen teilweise der Welt des Aberglaubens, so die Edelsteine Achat und Diamant oder einige tierische Drogen (Maulwurfsblut und Entenschnäbel gegen Epilepsie). Andererseits gibt es einen aus heutiger Sicht sinnvollen Gebrauch von Heilpflanzen (Fenchel gegen Husten und bei Magen-Darm-Beschwerden). Auch Hildegards Vorliebe für Gewürze wie Ingwer, Zimt und Pfeffer ist wissenschaftlich plausibel, ebenso ihre Warnung vor dem Gebrauch von Giftpflanzen.

Die Referentin betonte, dass Hildegard auf den Gebieten der Theologie, Musik und Medizin Herausragendes geleistet hat. Wissenschaft und Aberglaube liegen in ihrem Werk jedoch nah beieinander. Die heute populäre „Hildegard-Medizin“ geht auf den Konstanzer Arzt Gottfried Hertzka (1913 – 1997) zurück, der Hildegards medizinische Schriften „wiederentdeckte“ und zusammen mit dem Apotheker Max Breindl entsprechende Rezepturen entwickelte.

Lorscher Arzneibuch – Klassiker der Klosterpharmazie

Im Anschluss sprach Dr. Johannes Gottfried Mayer von der Würzburger Forschungsgruppe Klostermedizin über „Klosterpharmazie heute“.

Nach einem inoffiziellen Statement der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft kamen „die Effekte der Medizin vor dem 19. Jahrhundert kaum über Placebo hinaus“. Wissenschaftler der Universität Nottingham untersuchten jedoch die Rezeptur einer Augensalbe aus dem 10. Jahrhundert auf ihre Wirksamkeit und fanden eine Wirkung gegen Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA). Die Bestandteile der Rezeptur waren Knoblauch, Zwiebel, Lauch und Wein; die Herstellung erfolgte in einem Kupferkessel. Von einer ausschließlichen Placebo-Wirkung von Medikamenten aus der Zeit der Klostermedizin (vornehmlich 8. bis 13. Jh.) kann demnach keine Rede sein.

Klöster besaßen neben medizinisch-pharmazeutischen Textsammlungen der Antike auch ­mittelalterliche Werke wie das ­Lorscher Arzneibuch (790/95), eine Rezeptsammlung mit jeweils genauen Angaben zu den Bestandteilen, Mengen und der Zubereitung. Es beschreibt ca. 600 Pflanzen­arten, die manchmal nur einmal, teilweise aber auch bis zu 60-mal in den Rezepturen vorkommen. Bemerkenswert ist die erstmalige Erwähnung von Baldrian als Bestandteil von Schlaf- und Beruhigungsmitteln sowie die Empfehlung von Johanniskraut bei Melancholie.

Besonders häufig werden im Lorscher Arzneibuch Pfeffer, Ingwer und Fenchel genannt. Die wichtigsten Auszugsmittel waren Wein und Honig sowie eine Mischung von beiden namens „Oenomeli“ oder „Musulum“. Der Mönch Walahfrid Strabo (809 – 849) von der Insel ­Reichenau verwandte in seinem Gartengedicht „Liber de Cultura Hortorum“ Ziegenmilch als Extraktionsmittel.

Weitere bedeutende Pflanzen der Klostermedizin waren der Andorn (Marrubium vulgare), der Rettich und seine nahen Verwandten. Der Andorn mit seinem hohen Anteil an Bitterstoffen zeigt eine Wirkung auf Magen und Darm und besitzt eine schleimlösende Komponente. Die Senfölglykoside des Rettichs wirken nachweislich schleim­lösend, antibakteriell und verdauungsfördernd.

Zum Abschluss seines Vortrags nannte Mayer ein Rezept für eine „Dattelpaste“ aus dem Lorscher Arzneibuch, das in der eigenen ­Küche zubereitet werden kann und ein Geschmackserlebnis der besonderen Art darstellt.

Klostermedizin bei Umberto Eco

Mit „pharmaziehistorischen An­merkungen zu Umberto Ecos Klosterkrimi“ entführte Prof. Dr. Peter Dilg, Marburg, die Zuhörer schließlich in den bekannten Roman „Der Name der Rose“. Anhand der pharmazeutisch relevanten Pflanzen, Einrichtungen und Gegenstände im Buch stellte er die Frage nach Wirklichkeit und literarischer Fiktion.

Die im ersten Kapitel im Gespräch des William von Baskerville mit Bruder Botanicus Severin erwähnten Heilpflanzen, z. B. der Huf­lattich, entsprechen durchaus der heutigen Anwendung. Andere Heilpflanzenwirkungen lassen sich indes nicht belegen. Genaue Dosie­rungen fehlen. Doch stellt Severin eine Dosis-Wirkungs-Beziehung her, indem er zwischen Gift- und Heilwirkung unterscheidet. So beschreibt er die Wirkung des Kürbis: „… er ist kühl und feucht und lindert den Durst, bei zu viel bekommst du Durchfall“.

Der Roman enthält einige Hinweise auf den Anbau von Heilkräutern, beispielsweise die Kultivierung hinter geschützten Mauern, wie sie im St. Galler Klosterplan dargestellt ist. Mittelalterliche medizinische Werke wie das „Theatrum Sanitatis“ von Ibn Butlan werden als ­Bestand der Klosterbibliothek erwähnt und belegen die Sachkenntnis des Autors. Allein die Art und Herkunft des Giftes, das bei den im Kloster gefundenen Leichen die Fingerkuppen und die Zunge geschwärzt hatte, bleibt im Dunklen. Dies ist der erzählerischen Freiheit des Autors geschuldet.

Am zweiten Tagungstag stand u. a. die Besichtigung der Kloster-Apotheke Schöntal auf dem Programm. Das stark historisch geprägte Erscheinungsbild dieser öffentlichen Apotheke macht einen Ausflug nach Schöntal unbedingt lohnenswert. |

Ilse Denninger, Karlsbad

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