Feuilleton

"Bluthostien" und andere Anekdoten

Legenden, Anekdoten, Fabeln, oder Schwänke, die der mündlichen Überlieferung entsprungen sind, müssen nicht historisch verbürgt sein und lassen sich auch selten beweisen. Sie sollen kurz, aber von interessantem bis witzigem Inhalt sein. Wenn sie den Leser nachdenklich machen oder heiter stimmen, haben sie ihren Zweck erfüllt und mögen weitergereicht werden. Solche Kriterien erfüllen auch einige Geschichtchen über Farben.

Das Blutwunder von Bolsena (1263). Fresko von Raffael im Vatikan, Stanze des Heliodor, um 1520.

Bluthostien und Blutwunder

Bis ins hohe Mittelalter brachten die Gläubigen zur Kommunion ihr eigenes Brot mit, das der Priester im Gottesdienst weihte. Erst im 13. Jahrhundert wurde es üblich, für die Kommunion Hostien aus ungesäuertem Teig zu bereiten, die auch nach der Wandlung aufbewahrt wurden. Seit jener Zeit wird auch über das wundersame Auftreten Blut-ähnlicher Flecken auf geweihten Hostien berichtet, das teilweise sogar Wallfahrten begründete wie in Bolsena (bei Orvieto in Italien), Walldürn im Odenwald und (Bad) Wilsnack in Brandenburg. Das Blutwunder von Bolsena ereignete sich im Jahr 1263 und war ein wesentlicher Anlass, dass Papst Urban IV. ein Jahr später in der katholischen Kirche das Fronleichnamsfest einführte. Worauf beruht das "Wunder"?

Wenn verschmutzte Hostien (oder kohlenhydratreiche Speisen) in feucht-warmer Umgebung aufbewahrt werden, können darauf Kolonien des Darmbakteriums Serratia marcescens wachsen. Sie gleichen einem Blutfleck, denn die Mikrobe, die früher Monas prodigiosa (lat. prodigium = Wunderzeichen) hieß, synthetisiert und akkumuliert den dunkelroten, aus drei Pyrrolringen aufgebauten Farbstoff Prodigiosin.

Blau machen …

Die Herkunft dieser Redewendung Blau machen wird unterschiedlich gedeutet. Am wahrscheinlichsten stammt sie aus der alten Praxis der Blaufärbung von Textilien. In Mitteleuropa diente dazu der Färberwaid (Isatis tinctoria, Brassicaceae). Die Pflanze enthält die farblosen Glykoside Indican und Isatan B, die in wässrigem Milieu enzymatisch zu Indoxyl und Glucose gespalten werden. Dazu wurden die zerkleinerten Blätter in einer Brühe aus menschlichem Urin und Kalk oder Pottasche (Küpe) "vergoren". Nach alten Rezepten war die Ausbeute besonders hoch, wenn dafür der Harn von Männern benutzt wurde, die tüchtig gebechert hatten. Die Küpe musste in Bottichen einige Tage bei warmen Temperaturen stehen. Dann tauchte man die zu färbenden Textilien ein und hängte sie – nass und stinkend – an Wäscheleinen in der frischen Luft auf. Das geschah meist am Samstag. Allmählich, über Sonntag und am Montag, entwickelte sich durch oxidative Dimerisierung die blaue Farbe. Am Montag hatten die Färber und ihre Gesellen nichts zu tun als auf das Färbeergebnis zu warten. Dazu lagen sie meist – im Interesse des Arbeitgebers – leicht angetrunken in der Sonne und beobachteten die stärker werdende Blaufärbung. Sie "machten blau", sie waren "blau" und feierten den "blauen Montag".

Sprachwissenschaftler, die sich die Hände durch die vorgenannten Verfahren nicht schmutzig machen möchten, bieten außerdem eine etymologische Kaskade an, die vom Jiddischen über das Rotwelsch zur deutschen Sprache führt: belo (ohne) – lo, lau (nichts; vgl. "für lau" = kostenlos) – wlau (gar nichts) – blau.

… und blaues Wunder

Die Erfahrung einer unerfreulichen Überraschung wird umgangssprachlich mit der Redensart "ein blaues Wunder erleben" umschrieben. Vermutlich stammt dieser Begriff aus der Frühzeit der Tuchfärberei, als man noch empirisch arbeitete und das Ergebnis nicht genau vorhersagen konnte. Oft war die blaue Tönung unerwünscht und somit eine böse Überraschung.

Ob Männer, die bestimmte kleine, blaue Tabletten schlucken, ein schönes oder ein blaues Wunder erleben, bleibt ebenso ungewiss, wie die Interpretation der diskutierten Redensart.

Isabellas Farbe

Mit Couleur d’Isabelle oder isabellfarben bezeichnet man die hellbraune Fellfarbe bestimmter Pferde- und Hunderassen. Namengebend waren zwei historische Frauengestalten Spaniens: Prinzessin Isabella Clara Eugenia (1566 – 1633), Tochter Philipps II. und Statthalterin der Spanischen Niederlande, und Königin Isabella die Katholische von Kastilien (1451 – 1504).

Prinzessin Isabella soll gelobt haben, ihr weißes Hemd so lange nicht zu wechseln, bis ihr Ehemann Erzherzog Albrecht von Österreich die Stadt Ostende erobert hat. Die Belagerung dauerte drei Jahre, drei Monate und drei Tage …

Königin Isabella wechselte ihr Hemd aus den oben angeführten Gründen nicht, als ihr Gemahl Ferdinand II. von Aragonien (1452 – 1516) das maurische Granada belagerte, was ebenfalls drei Jahre gedauert haben soll – andere behaupten, es seien nur acht Monate gewesen.

Ob acht Monate oder drei Jahre – ein ursprünglich weißes Hemd ist nach dieser ununterbrochenen Benutzungszeit nicht mehr weiß, sondern eher so gefärbt wie das Fell eines Haflingers.

Fuchsin oder Magenta

Der Farbstoff Fuchsin wurde fast gleichzeitig vom deutschen Chemiker August Wilhelm von Hofmann und dem Lyoner Chemiker François-Emmanuel Verguin dargestellt und von diesem, der die große technische Bedeutung des Farbstoffs erkannte, im Jahr 1858 durch die Firma Renard und Franc zum Patent angemeldet. Der Name soll von der blaurot blühenden Fuchsie abgeleitet sein, die ihrerseits nach dem berühmten Botaniker Leonhart Fuchs benannt ist, der 1535 zum Professor für Medizin nach Tübingen berufen wurde, wo er siebenmal Rektor war und im heute noch erhaltenen "Nonnenhaus" wohnte. Da aber der eine der beiden Firmengründer, die den Farbstoff produzierten, Renard (= Fuchs) hieß, kommt auch dieser als Taufpate infrage.

Nach landläufiger Meinung – aber irrtümlich – werden Fuchsin und Rosanilin als identisch betrachtet. Beide sind Triarylmethan-Farbstoffe weitgehend identischer Struktur, doch enthält Rosanilin am zentralen C-Atom eine OH-Gruppe, während Fuchsin sauerstofffrei ist.

In England, wo das Fuchsin ebenfalls aus einem Gemisch von Toluidin, Anilin, Nitrobenzol und Nitrotoluol gewonnen wurde, nannte man den Farbstoff Magenta. Warum? 1859 siegten die Franzosen bei dem in der Provinz Mailand gelegenen Städtchen Magenta über die Österreicher. Auch in England, das damals mit Frankreich verbündet war, feierte man diesen Triumph und nannte das Fuchsin, das gerade auf den Markt gekommen war, Magenta. Heute versteht man unter Magenta eine der Grundfarben (CMYK) im Vierfarbendruck (s. DAZ 2009, Nr. 23, S. 66).

Napoleon und das Schweinfurter Grün

Dass Napoleon die grüne Farbe favorisierte, war allgemein bekannt. Die Zimmerwände seines Exils auf der Insel St. Helena waren mit dem Arsen-haltigen Schweinfurter Grün gestrichen. Schimmelpilze können daraus den flüchtigen Arsenwasserstoff freisetzen und eine schleichende Arsenvergiftung verursachen. Die Vermutung einer Arsenvergiftung Napoleons wurde durch hohe Arsen-Konzentrationen in seinen Haaren gestützt; doch lassen sich diese eher mit den damals üblichen Präparationstechniken erklären. Aus heutiger Sicht ist es am wahrscheinlichsten, dass Napoleon an einem fortgeschrittenen Magenkarzinom verstarb.

Ein rotes Tuch

Entgegen einem zementierten Irrtum reagieren Stiere nicht aggressiv auf die rote Farbe, also auch nicht auf das rote Tuch der Stierkämpfer, die Muleta. Es sind vielmehr die schnellen, hektischen Bewegungen der Muleta, die den Stier reizen. Die Augen aller Rinder sind für Rot farbenblind, da sie keine Rezeptoren für das Licht entsprechender Wellenlänge haben.

Die Redensart "rot sehen" dürfte auch aus der Verwendung der Muleta im Stierkampf stammen und bringt Wut, Zorn oder Widerwillen zum Ausdruck, die sich aufgestaut haben. Als Anwendungsbeispiel sei der Film "Ein Mann sieht rot" zitiert, in dem Charles Bronson den unbarmherzigen Racheengel spielt. Sein Rotsehen sollte nicht mit einer gleichlautenden Sehstörung (Erythropsie) verwechselt werden, bei der dem menschlichen Auge alles rötlich erscheint.


Autor:
Prof. Dr. rer. nat. Dr. h. c. Hermann J. Roth, Friedrich-NaumannStr. 33, 76187 Karlsruhe, www.h-roth-kunst.com, info@h-roth-kunst.com



DAZ 2011, Nr. 25, S. 76

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