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Das gefährlichste Teratogen ist der Alkohol!

Im Jahr werden im Berliner Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie ca. zwölftausend Beratungen durchgeführt, wie Dr. Christof Schaefer berichtete. Das Problem: Das Risikopotenzial von Arzneimitteln bei Schwangeren wird weder im Beipackzettel noch in Roter oder Gelber Liste adäquat abgebildet und eine vergleichende Risikobewertung vom Arzt ist nur selten möglich oder ausreichend.

Christof Schaefer
Foto: DAZ/ck

Immer wieder kommt es zu Irrtationen bei gut eingestellten Patientinnen, wenn aufgrund einer Schwangerschaft Ärzte eine bewährte Medikation absetzen oder wechseln, weil sie Bedenken haben. Besonders vorsichtig sollten schwer einstellbare Patientinnen mit ausgeprägter Symptomatik unter Antiepileptika oder Psychopharmaka sein und die Risiken genau gegeneinander abwägen.

Etwa drei bis fünf von 100 Kindern weisen bei der Geburt Fehlbildungen auf, die weitaus meisten dieser Fehlbildungen haben nichts mit einer Medikamenteneinnahme der Mutter zu tun. Etwa 15% aller diagnostizierten Schwangerschaften enden als Spontanabort. Auch dies gilt als sogenanntes Basisrisiko, das auch für Schwangere ohne Medikamente gilt. Die Folgen einer inadäquaten Risikokommunikation können schwerwiegend sein: von mangelnder Compliance und Therapieverweigerung über eine überzogene (invasive) Diagnostik bis hin zu einem Abbruch gewünschter Schwangerschaften. Für fast alle Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit gibt es hinreichend untersuchte Arzneimittel. Diese lassen sich aber leider oft nicht anhand von Beipackzettel oder Fachinformation finden. Vorraussetzung für die Therapieauswahl und Risikobewertung ist eine sorgfältige quantifizierte Risikobewertung: selbst nach einer suspekten Medikation ist das individuelle Risiko meist gering, mit Ausnahme von Thalidomid und Retinoiden. Da die Hälfte aller Schwangerschaften ungeplant entstehen, sollten im gesamten reproduktionsfähigen Alter von 15 bis 50 Jahren erprobte Arzneistoffe bevorzugt werden, so Schaefer. Denn heute nicht schwanger zu sein, bedeutet ja nicht, nicht schwanger zu werden!

Das gefährlichste Teratogen beim Menschen ist der Alkohol. Allein in Deutschland werden jährlich 600 Kinder mit fetalem Alkoholsyndrom geboren. Dazu gehören Mikrozephalie, Gesichtsdysmorphie, Lippen-Gaumen-Spalten und Herz- und Nierenfehlbildungen. 4000 Kinder werden jedes Jahr mit so genannten fetalen Alkoholeffekten geboren. Das Spektrum reicht von alkoholbedingten Geburtsschäden bis zu alkoholbedingten neurologischen Entwicklungsstörungen, Wachstumsverzögerungen, organischen und funktionellen Störungen des zentralen Nervensystems. Alkohol in der Schwangerschaft ist die häufigste vermeidbare Ursache für geistige und körperliche Fehlentwicklungen des ungeborenen Kindes! Leider, so Schaefer, fallen die lebenslangen Folgen nicht so auf wie die Thalidomid-Folgen. Von Arzneistoffen wie Thalidomid oder Retinoiden ist das teratogene Risikopotenzial bekannt. Alle anderen Arzneistoffe sind keineswegs als unbedenklich zu bezeichnen, die meisten sind nur formal unzureichend untersucht.

Auch Antiepileptika bergen ein Risiko für das Kind. Valproinsäure ist nach heutigem Wissen das riskanteste antiepileptische Medikament für den Embryo, es können Neuralrohrdefekte sowie Fehlbildungen von Herz und Extremitäten auftreten. Aber Valproinsäure ist hochwirksam, es verhilft zur Krampffreiheit. Schaefer rät daher, wenn irgend möglich, auf dieses Antiepileptikum im gebärfähigen Alter zu verzichten. Ein Mädchen, das als Kind auf Valproinsäure eingestellt wurde, sollte spätestens mit Beginn der Pubertät umgestellt werden. Lamotrigin gilt aufgrund seiner umfangreichen Erprobung und der offenbar guten Verträglichkeit für den Embryo bzw. Feten als das Antiepileptikum der Wahl in der Schwangerschaft. Es sollte möglichst nur in Monotherapie verordnet werden. Kombinationen mit Valproinsäure sind zu vermeiden.

Bei Cumarinderivaten und Vitamin-K-Antagonisten gilt ein sensibles Fenster von sechs bis neun Wochen nach der letzten Regelblutung als belegt. Werden Cumarine bis acht Wochen nach der letzten Regel abgesetzt, so gibt es keine Hinweise auf eine fruchtschädigende Wirkung.

Chronische Erkrankungen wie Asthma bronchiale müssen auch bei Schwangeren ausreichend therapiert werden, um neben dem Wohlergehen der Mutter eine ausreichende Sauerstoffversorgung des Kindes zu gewährleisten. Schweres, unzureichend therapiertes Asthma ist mit einem höheren Risiko für Frühgeburtlichkeit, intrauterine Wachstumsverzögerung und Präeklampsie assoziiert.

Bei der Schmerztherapie in der Schwangerschaft sollten im Hinblick auf Embryo- und Fetotoxizität gut untersuchte Medikamente bevorzugt werden. Auf Neuentwicklungen ohne nachgewiesenen Vorteil oder schlecht untersuchte Medikamente sollte hingegen verzichtet werden. Bei leichten Schmerzen ist Paracetamol während der gesamten Schwangerschaft erste Wahl, Ibuprofen nur im ersten und zweiten Trimenon. ck

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