Arzneimittel und Therapie

Neue Studien zur Frühtherapie

Welche Behandlungsmethoden das Fortschreiten einer multiplen Sklerose gleich zu Beginn aufhalten können, wird seit vielen Jahren intensiv untersucht. Zugelassen zur Frühtherapie sind bisher nur Betaferon® (Interferon beta-1b) und Avonex® (Interferon beta-1a). Jetzt werden auch Rebif® (Interferon beta-1a) und Cladribin, eine neue orale Behandlungsform in der Entwicklung, beim frühzeitigen Einsatz getestet.

Die multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und die häufigste nicht-traumatische neurologische Erkrankung bei jungen Erwachsenen. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge leiden weltweit bis zu 2,5 Millionen Menschen an MS. Am weitesten verbreitet ist die schubförmig verlaufende Form der Erkrankung. Während eines Schubs greift das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern an und zerstört diese. Die Folge sind unterschiedliche neurologische Ausfälle, je nach Ort des Schadens.

Erste Symptome einer MS sind vor allem Sehstörungen, Taubheit oder Kribbeln in den Gliedmaßen sowie körperliche Schwächung und Koordinationsstörungen. Nach der Diagnose sollte möglichst rasch eine Behandlung mit einem krankheitsmodifizierenden Arzneimittel begonnen werden, um möglicherweise irreversible neurologische Schäden zu verhindern.

Krankheitsverlauf verzögern

Alle Beta-Interferone und Glatirameracetat (Copaxone®) wirken bei der schubförmigen Form der Erkrankung und reduzieren hier nachweislich Krankheitsprogression, Schubrate sowie Ausdehnung und Aktivität der im Kernspintomogramm sichtbaren Läsionen. Man nimmt an, dass Beta-Interferone dabei helfen, das Immunsystem des Körpers zu modulieren und die Entzündung zu verringern. Der genaue Mechanismus ist unbekannt.

Patienten, die ein einmaliges klinisches Ereignis erlebt haben, das auf eine multiple Sklerose hindeutet, zum Beispiel eine optische Neuritis, eine Myelopathie oder ein Hirnstammsyndrom, und die ein hohes Risiko für die Entwicklung einer klinisch sicheren multiplen Sklerose haben, können heute mit Betaferon® (Interferon beta-1b) und Avonex® (Interferon beta-1a) behandelt werden.

Betaferon® nach dem ersten Schub senkt das Risiko

Eine Behandlung mit Betaferon® sofort nach dem ersten Schub senkt das Risiko signifikant, einen zweiten Schub zu erleiden und damit an einer klinisch gesicherten MS zu erkranken, um 37%. Das zeigen nach Angaben der Firma Bayer die neuen Ergebnisse der BENEFIT (BEtaferon in Newly Emerging multiple sclerosis For Initial Treatment)-Studie, bei der die Wirksamkeit einer frühen Betaferon® -Behandlung über einen Zeitraum von fünf Jahren untersucht und mit einer später einsetzenden Therapie verglichen wurde. Dabei zeigte sich, dass eine sofortige Therapie nach dem ersten Schub einen größeren therapeutischen Nutzen als eine verzögerte Therapie erbrachte.

Neue Studie: Rebif® bei ersten Anzeichen

In einer neuen Studie soll jetzt auch der Nutzen von Rebif® (Interferon beta-1a) im Frühstadium einer MS nachgewiesen werden, wie die Firma Merck berichtete. In der REFLEX-Studie (REbif FLEXible dosing in early multiple sclerosis; flexible Dosierung von Rebif bei multipler Sklerose im Frühstadium), einer randomisierten, placebokontrollierten, internationalen Doppelblindstudie der Phase III, werden 517 Patienten untersucht, für die das Risiko besteht, aufgrund eines erst kurz zurückliegenden isolierten demyelinisierenden Ereignisses MS zu entwickeln, und bei denen eine kernspintomographische Untersuchung des Gehirns frühe Anzeichen von MS belegt. Die Studienteilnehmer erhalten entweder Rebif® 44 Mikrogramm dreimal wöchentlich, Rebif® 44 Mikrogramm einmal wöchentlich oder Placebo als subkutane Injektion. Primärer Endpunkt der REFLEX-Studie ist die Zeit bis zur Entwicklung einer klinisch definierten MS. Außerdem werden kernspintomografische Aufnahmen des Gehirns, klinische Schübe sowie das Fortschreiten der Behinderung beurteilt.

Orale Therapie mit Cladribin

Eine neue orale Therapiemöglichkeit könnte das Purin-Nukleosidanalogon Cladribin (vorgesehener Handelsname Mylinx®) bieten, das seit 1997 unter dem Markennamen Leustatin® zur Therapie der Haarzell-Leukämie eingeführt ist.

Cladribin wirkt, indem es die Anzahl und Aktivität bestimmter B- und T-Lymphozyten, die am Krankheitsgeschehen der MS beteiligt sind, nachhaltig verringert. Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat Cladribin-Tabletten in das beschleunigte Prüfverfahren aufgenommen (Fast Track Designation).

Cladribin befindet sich seit 2005 als orale Darreichungsform in Phase III der klinischen Entwicklung zur Behandlung der schubförmigen MS. An der sogenannten CLARITY1-Studie (CLAdRIbine Tablets Treating MS OrallY, Cladribin-Tabletten für die orale MS-Behandlung) nehmen mehr als 1200 Patienten teil. Ergebnisse werden Anfang 2009 erwartet.

Cladribin zur Frühtherapie

Jetzt soll außerdem die Wirkung einer oralen Formulierung von Cladribin zur Frühtherapie bei Patienten mit Risiko für die Entwicklung einer MS untersucht werden. In der jetzt begonnenen Studie ORACLE MS (ORAl CLadribine in Early MS; orales Cladribin bei MS im Frühstadium), einer randomisierten, placebokontrollierten, internationalen Doppelblind-Studie, sollen über 600 Patienten eingeschlossen werden, die bereits ein erstes klinisches Ereignis erlebt haben, das auf eine MS hindeutet und bei denen eine kernspintomographische Untersuchung des Gehirns frühe Anzeichen von MS zeigt.

Die Studienteilnehmer erhalten oral entweder eine von zwei unterschiedlichen Dosierungen von Cladribin oder Placebo. Im Rahmen der Studie werden die Cladribin-Tabletten in zwei oder vier Behandlungszyklen pro Jahr verabreicht. Pro Zyklus muss das Präparat täglich an vier oder fünf aufeinanderfolgenden Tagen eingenommen werden. Das heißt, dass die in die Studie einbezogenen Patienten während des ersten Jahres an nur acht bis 20 Tagen Cladribin einnehmen. Im zweiten Jahr der Behandlung durchlaufen alle Patientengruppen zwei Behandlungszyklen.

Primärer Endpunkt der ORACLE-MS-Studie ist die Zeit bis zur Entwicklung einer klinisch gesicherten MS. Weitere Endpunkte umfassen Beurteilungen von kernspintomografischen Aufnahmen des Gehirns sowie das Fortschreiten der Behinderung. An dieser Studie werden sich voraussichtlich rund 200 medizinische Zentren weltweit beteiligen.


Quellen

Pressemitteilungen der Merck KgaA, Darmstadt, 17. und 18. September 2008.

Pressemitteilung der Bayer Vital GmbH, 22. September 2008.


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