Fortbildungskongress

Wenn der Schutzwall bröckelt

Impfungen sind die kosteneffektivste Präventionsmaßnahme, die uns im Gesundheitswesen zur Verfügung steht. Prof. Dr. Thomas Weinke, Potsdam, zeigte, welche neuen Impfstoffe in der Entwicklung sind.

Impfungen schützen nicht nur die Geimpften. Durch den Schutzwall profitieren auch nicht geimpfte Personen indirekt, und eine Infektionskrankheit kann sich gar nicht erst ausbreiten. Für einen ausreichenden Schutz vor Infektionskrankheiten sollte die Durchimpfungsrate über 90% liegen, was derzeit nicht immer der Fall ist.

Durch den Rückgang vieler Infektionskrankheiten sind deren schwere Folgen auch nicht mehr sichtbar und verschwinden damit aus dem Bewusstsein.

Masern-Partys: gefährlicher Leichtsinn

So werden zum Beispiel die Masern heute nicht mehr ernst genommen, und in anthroposophischen Kreisen wird eine Impfung abgelehnt. Stattdessen werden die Kinder auf sogenannten Masern-Partys absichtlich angesteckt. Weinke wies darauf hin, dass das Impfrisiko zu vernachlässigen ist, aber eins von 1000 Kindern an einer gefährlichen Masern-Enzephalitis erkrankt: "Ich würde mein Kind nicht auf eine Masern-Party schicken."

Im Umkreis von anthroposophischen Kinderärzten und Rudolf-Steiner-Schulen kommt es immer wieder zu Masernausbrüchen. Auch die aktuellen Masernerkrankungen im Bodenseeraum sind darauf zurückzuführen. "In Bezug auf Masern sind wir ein Entwicklungsland", so Weinke. Touristen, die nach Deutschland einreisen, wird heute eine Masern-Impfung empfohlen.

Für Mädchen ab 12 Jahren: HPV-Impfung

Die jüngste offizielle Impfempfehlung der STIKO ist die Immunisierung gegen humane Papillomaviren (HPV). Generell sollten alle Mädchen im Alter von zwölf bis 17 Jahren geimpft werden, möglichst vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr. Über die Dauer der Immunität und den daraus abzuleitenden Zeitpunkt für eine Auffrischimpfung liegen noch keine abschließenden Erkenntnisse vor; nach bisherigen Studien hält die Wirkung bis zu fünf Jahre an.

Durch die Impfung soll der Gebärmutterhalskrebs deutlich reduziert werden, der von HPV verursacht wird. Die meisten sexuell aktiven Frauen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit einem oder mehreren Typen dieses Virus, eliminieren es jedoch meistens wieder. Wenn das Virus persistiert, lösen die Typen 16 und 18 ein Zervixkarzinom aus, die Typen 6 und 11 führen zu Genitalwarzen.

Der Impfstoff Gardasil® schützt vor den HPV-Typen 6, 11, 16 und 18 und ist zur Prävention von Zervixkarzinomen, Zervixdysplasien, dysplastischen Läsionen der Vulva und äußeren Genitalwarzen indiziert. Der Impfstoff Cervarix® richtet sich nur gegen die Typen 16 und 18 und damit nur gegen das Zervixkarzinom. Beide Impfstoffe bieten einen sehr guten Schutz vor den Viren.

Rotaviren

Seit 2006 stehen in Deutschland zwei orale Lebendimpfstoffe gegen Rotaviren zur Verfügung, Rotateq® und Rotarix®. Bei uns wird die Impfung derzeit von der STIKO nicht empfohlen, anders dagegen in Österreich und den USA.

Rotaviren sind die häufigste Ursache viraler Darminfektionen bei Kindern, vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern. Sie sind sehr ansteckend und werden oral-fäkal übertragen. Die Symptomatik der Infektion reicht von leichten Diarrhöen bis zu schweren Erkrankungen. Erst nach mehreren Infektionszyklen bildet sich eine ausreichende Immunität.

Impfung gegen Gürtelrose

Das Varizella-zoster-Virus ist sehr ansteckend und verursacht im Kindesalter die Varizellen (Windpocken). Danach persistiert der Erreger in den Ganglien der sensiblen Nervenzellen, kann später reaktiviert werden und den schmerzhaften Herpes zoster (Gürtelrose) auslösen. Das passiert meistens ab einem Alter von 50 Jahren, wenn der Immunschutz nicht mehr ausreicht, oder bei einer Unterdrückung des Immunsystems, etwa durch Krankheiten oder Stress.

Heute wird eine Immunisierung gegen das Varizella-zoster-Virus zwischen dem 12. bis 14. Lebensmonat empfohlen. Außerdem befindet sich unter dem Namen Zostavax® ein Impfstoff für ältere Menschen in der Entwicklung, der sehr hoch konzentriert ist und eine Gürtelrose verhindern soll. Er wurde 2006 in Deutschland zugelassen, ist jedoch bei uns noch nicht auf dem Markt.

Neuer Influenza-Impfstoff

Auch die Influenza gehört zu den unterschätzten Infektionskrankheiten. Vor allem ältere Menschen sollten geimpft werden, um sich vor den Folgen zu schützen. Der beste Zeitpunkt für die Influenza-Impfung ist Oktober bis November.

Konventionelle Impfstoffe werden in embryonierten Hühnereiern hergestellt und benötigen mehrere Monate Vorlauf, so dass in einer Epidemiesituation nur unzureichend reagiert werden kann.

2007 ist unter der Bezeichnung Optaflu® ein Impfstoff zugelassen worden, der in einer Säugetierzellkultur hergestellt wird und mit dem in einer Pandemiesituation eine schnelle und effiziente Impfstoffproduktion möglich sein soll.


hel

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