Gesundheitspolitik

Arzneimittelfälschungen in Deutschland

Russisches Roulette im Internet / Erschreckend geringes Problembewusstsein bei Verbrauchern

(rs). Fernreisen und Internet machen gefälschte Arzneimittel auch in Deutschland zu einem wachsenden Gesundheitsrisiko. Den Markt unterlaufen nicht nur gefälschte Lifestyle-Medikamente, sondern zunehmend auch Antibiotika, Schmerz- und Verhütungsmittel. Das Einfallstor Nummer eins ist dabei der Versandhandel, warnte die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft auf einer Pressekonferenz am 16. Januar in München.

"Täglich erreichen uns Anfragen, ob oder wo man via Internet bestimmte Medikamente billig und ohne Rezept beziehen kann", berichtete Dr. Katharina Larisch, Ärztin beim Gesundheitsportal Netdoktor. Eklatant, ja frappierend erscheinen dabei die Wissenslücken und das fehlende Sicherheitsbewusstsein vieler Internetnutzer: Man hält ein Gesundheitsportal für eine Apotheke, ordert "Generika" von patentgeschützten Arzneimitteln wie Viagra® , bestellt stark wirksame Medikamente ohne Verschreibung, zahlt per Vorkasse an dubiose Anbieter. Besonders häufig geschah dies bislang bei Mitteln gegen Impotenz, Haarausfall oder Anabolika, bei denen die Kunden ungern Arzt oder Apotheke aufsuchen. Indes: "Zunehmend betreffen Fälschungen auch gewöhnliche Wirkstoffgruppen wie Antibiotika, Schmerzmittel oder Verhütungsmittel", warnte Prof. Ulrike Holzgrabe, die den Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie an der Universität Würzburg innehat.

Nur zwei Beispiele: Im Jahr 2006 kaufte die Firma Pfizer 120.000 gefälschte Packungen ihres Lipidsenkers Lipitor™ aus dem Markt. Die FDA warnte vor Internetportalen, die wirkstofffreie "Kontrazeptiva" versenden. Neben den wirtschaftlichen Schäden setzen die Arzneimittelfälscher Leben und Gesundheit von Menschen aufs Spiel: Beispielsweise kostete im Jahr 2006 Diethylenglykol in Glyzerin aus China mehrere Dutzend Menschen das Leben. Insgesamt sollen pro Jahr Zigtausende in China an gefälschten Arzneimitteln sterben. Zahlen für Deutschland sind nicht bekannt.

Verbraucher über Risiken aufklären

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind 10 Prozent aller versendeten Arzneimittel gefälscht, im illegalen Internethandel gar 50 Prozent. Ein Kernproblem für den Verbraucher: Wie soll er anhand einer Internet-Seite seriöse Anbieter, z. B. aus Deutschland, von dubiosen Angeboten unterscheiden? Im Grunde vermag jeder, der über Kenntnisse im Aufbau von Internet-Seiten und genügend kriminelle Energie verfügt, eine Internet-Versandapotheke zu eröffnen, die von Kunden nicht als Fälschung zu erkennen ist (vgl. AZ vom 22. 10. 2007, S. 2). Worauf sollen Interessenten achten? Dr. Larisch: "Wenn Medikamente marktschreierisch angepriesen werden, wenn mit Billigpreisen geworben wird, wenn man kein Rezept mitschicken muss, wenn die Internetseite kein Impressum mit einem verantwortlichen Apotheker enthält – Hände weg von solchen Angeboten!"


Fakten zu Fälschern


Die meisten Fälschungen kommen nach Angaben des German Pharma Health Fund heute aus Afrika, wo die Häufigkeit von Arzneimittelfälschungen 60% erreicht, sowie aus Lateinamerika und Asien, vor allem China und Indien mit 30% Fälschungen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (2006) enthalten 16 Prozent der Nachahmungen einen anderen Wirkstoff, 17 Prozent den Wirkstoff in abweichender Menge und 60 Prozent gar keinen Wirkstoff.

Sieben Prozent sind Fälschungen mit dem richtigen Wirkstoff.

Nach Wirkstoffgruppen werden am häufigsten gefälscht: Antibiotika (28 Prozent), Hormone (18 Prozent), Asthmamittel und Antiallergika (8%), Malariamittel (7%), Schmerzmittel (6%).

Verunreinigungen durch den Einsatz billiger Ausgangsstoffe und unhygienische Produktionsbedingungen stellen eine zusätzliche Gefahr dar.

Wie gefährdet ist Deutschland?

Im Zuge der Globalisierung werden heute satte 80 Prozent der in der BRD und den USA eingesetzten Wirkstoffe und 40 Prozent der Fertigprodukte in China und Indien produziert, informierte Prof. Holzgrabe. Wie bei Gütern jeder Art, verlagern viele Pharmahersteller ihre Produktion in Länder mit niedrigem Lohnniveau und niedrigeren regulatorischen Anforderungen und Kontrollmöglichkeiten. Wenn in der Folge dieselben Hersteller über mehr Fälschungen ihrer Produkte klagen, handelt es sich gewissermaßen auch um ein "hausgemachtes Problem". Wenn Kontrollen vor Ort und am Beginn der Produktions- und Distributionskette fehlen, können staatliche Kontrollen am Ende der Verteilungskette kaum noch durchgreifenden Erfolg haben.

Da gefälschte Arzneimittel überwiegend auf dem Postweg und durch Reisende nach Deutschland gelangen, kommt den Zollbehörden eine wichtige Kontrollfunktion zu. Gefälschte Arzneimittel oder solche, bei deren Herstellung gegen Marken- oder Patentrechte verstoßen wurde, muss der Zoll bei der Einfuhr beschlagnahmen. 2007 geschah dies an den Flughäfen Frankfurt, München, Köln und Bonn in 3200 Fällen – dreimal so oft wie im Vorjahr, berichtete Gerda Koszinowski, Referatsleiterin bei der Bundesfinanzdirektion Südost in Nürnberg.

Die Beamtin appellierte an die Hersteller von Arzneimitteln, als Inhaber einer Marke oder eines Patents der Zollverwaltung immer in einem entsprechenden Antrag genaue Informationen zu ihren Arzneimitteln zur Verfügung zu stellen. Nur so könne der Zoll Fälschungen identifizieren und beschlagnahmen. Dieses Recht nähmen die pharmazeutischen Hersteller viel zu selten in Anspruch.

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