Geschichte

Giftmorde – Meilensteine der forensischen Toxikologie

Klassische Gifte und ihre Nachweismethoden

Von Erika Eikermann

Giftmorde ereignen sich seit Anbeginn der Menschheit bis zum heutigen Tag; sie gehören zu den nicht aussterbenden Übeln dieser Welt und sind zugleich ein spannendes Kapitel der Kulturgeschichte, der Justizgeschichte und der Toxikologie. Sie gaben den Wissenschaftlern immer wieder Anstöße, neue analytische Methoden zu entwickeln und nach Antidoten zu suchen. Auffällig häufig haben Frauen Giftmorde verübt.

Autorin
Dr. rer. nat. Erika Eikermann studierte Pharmazie in Freiburg/Breisgau, wurde 1971 approbiert und 1995 Fach­apothekerin für Offizin-Pharmazie. 2004 wurde sie an der Universität Bonn mit der Dissertation "Heilkundige Frauen und Giftmischerinnen – eine pharmazie­historische Studie aus forensisch-toxikologischer Sicht" promoviert.
Anschrift:
Dr. Erika Eikermann
Von-Groote-Str. 60, 50968 Köln
E-Mail: erika.eikermann@gmx.de

Jedes Zeitalter und jedes Land hat seine "berühmten" Giftmörderinnen, die den Einsatz von Gift als sicheres, jedenfalls bequemes Mittel zum Ziel ansahen. Einige dieser schillernden und in ihrer Schlechtigkeit und Raffinesse "genialen" Frauengestalten sind der Nachwelt im Gedächtnis geblieben; ihre Gerichtsakten liegen in geheimen Staatsarchiven – vor der Öffentlichkeit verborgen.

Antikes Rom – Agrippina und Nero

Im Laufe der Jahrhunderte gab es immer wieder so genannte "Höhepunkte" der Vergiftungskunst. Aus dem Rom der Kaiserzeit sind uns die Vergiftungstaten u. a. von Agrippina d. J. (15–59 n. Chr.) bekannt, der Namenspatronin der Stadt Köln. Literarisch dokumentiert von zeitgenössischen Schriftstellern ist der 54 n. Chr. vollendete Giftmord an ihrem zweiten Ehemann, Kaiser Claudius, unter Verwendung von Aconitum-Extrakt. Zweck des Verbrechens war, Nero, ihren Sohn aus erster Ehe, auf den Kaiserthron zu setzen. Dieser wiederum übertraf seine Mutter noch mit der Zahl seiner Giftmorde.

Renaissance – hohe Schule der Vergiftungskunst

Einen weiteren Höhepunkt an Vergiftungen gab es zur Zeit der Renaissance. In Italien waren insbesondere die Familien Borgia und Medici dafür berüchtigt. Lucrezia Borgia (1480–1519) und Catarina de Medici (1519–1589) werden stets als giftkundige Repräsentantinnen dieser Epoche genannt, obwohl es keine zuverlässigen Berichte über tatsächlich von ihnen verübte oder in Auftrag gegebene Giftmorde gibt.

Catarina und später auch Maria de Medici (1573–1642) haben französische Könige geheiratet und sollen – so die Volksmeinung – die italienische Kunst des Vergiftens nach Frankreich gebracht haben, sozusagen als "Mitgift". Unter der Regierung von König Ludwig XIV. (1638–1715) häuften sich die Giftmorde in Adelskreisen.

Frankreich – "Poudre de succession"

Noch heute bemerkenswert sind die Taten der Marquise de Brinvilliers (1630–1676). Sie soll zusammen mit ihrem Geliebten – so der Schriftsteller und Jurist E. T. A. Hoffmann (1776–1822) – "jenes feine Gift zubereitet haben, das ohne Geruch, ohne Geschmack, entweder auf der Stelle oder langsam tötend, keine Spur im menschlichen Körper zurückließ und alle Kunst, alle Wissenschaft der Ärzte täuschte, die, den Giftmord nicht ahnend, den Tod einer natürlichen Ursache zuschreiben mussten".

Mit dem später als "Poudre de succession" ("Erbschaftspulver") genannten Gift hat sie ihren Vater und ihre beiden Brüder umgebracht. Ein Anschlag auf ihren Ehemann schlug fehl. Das von ihr verwendete Gift ist nie bekannt geworden, auch der seinerzeit berühmte und in der Giftlehre erfahrene Pariser Apotheker und Arzt Moyse Charas (1619–1698), der zum Prozess hinzugezogen wurde, konnte es nicht identifizieren. Der Schweizer Arzt und Pionier der experimentellen Toxikologie Johann Jakob Wepfer (1620–1695) vermutete, dass es eine Arseniklösung gewesen sei, die damals als "Acquetta di Napoli" ("Wässerchen von Neapel") bekannt war. Die Frage nach der Rezeptur beschäftigte noch lange die Kapazitäten auf den Gebieten der Chemie, Pharmazie und Medizin.

Die Marquise wurde – nach vorangegangener Wassertortur – durch das Schwert hingerichtet. Ihr Porträt zeigt sie im "Armesündergewand" vor der öffentlichen Hinrichtung. Madame de Sevigny (1626–1696), eine Zeitzeugin und Beobachterin der Hinrichtung, schrieb in ihrem Tagebuch, dass die Bevölkerung von Paris die Brinvilliers nach der Hinrichtung als "Heilige" verehrt habe. E. T. A. Hoffmann urteilte gerechter über sie: "Die Brinvilliers war ein entartetes Weib, sie wurde zum Ungeheuer."

Ursinus, "die Brinvilliers von Berlin"

Um 1800 erschütterte die Berliner Bevölkerung der Fall der Geheimrätin Charlotte Ursinus (1760–1836). Sie hatte ebenfalls aus Erbschaftsgründen mehrere Personen (vermutlich mit Arsenik) vergiftet; darunter ihren Ehemann und ihre Paten- und Erbtante. An der Aufgabe, das Gift in den Toten nachzuweisen, scheiterten die namhaftesten Kapazitäten Berlins: die Chemiker und Apotheker Rose, Klaproth und Hermbstaedt sowie die Mediziner Zenker, Formey und Heim (im Volksmund "der alte Heim" genannt). Die Angeklagte wurde dennoch zu lebenslanger Festungshaft in Glatz (Schlesien) verurteilt. Nach 30 Jahren erlaubte ihr der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1797–1840) auf dem Gnadenwege, sich frei in der Stadt Glatz zu bewegen. Einladungen zum Kaffee bei der "Giftmischerin" wurden zum gesellschaftlichen Ereignis im Ort. Testamentarisch vermachte sie eine große Summe ihres Vermögens an karitative Einrichtungen, darunter auch an das örtliche Waisenhaus. Sie starb – ähnlich wie die Brinvilliers – als eine "Heilige"; der Kinderchor des Waisenhauses sang an ihrem Grab ein Dankeslied. Der Apotheker und Schriftsteller Theodor Fontane (1819–1898) kommentiert später: "Die Ursinus war ein garstiges Weib, warum hat sie nicht allerpersönlichst eine Unze Gift genommen?"

Bremen – Gottfried, "Heroine der Arsengiftmorde"

1831 wurde in Bremen die angesehene Bürgerin Gesche Gottfried als letzte Frau in Deutschland öffentlich mit dem Schwert hingerichtet. Sie hatte über 15 Jahre hinweg mehr als 30 Personen vergiftet, darunter ihre gesamte Familie. Ihr Verteidiger Dr. Voget übernahm die Aufgabe, wie er protokollierte, "nicht ohne gewisses Grauen vor einem Wesen, welches beispiellos Entsetzliches vollbracht, ja, die menschliche Natur abgelegt hatte." Gottfried selbst äußerte sich zu ihren Taten: "Ich vergiftete aus Übereilung, dem Trieb folgend, ich konnte mit Lust Böses tun. Ach, sagen Sie mir einmal, so eine Verbrecherin als ich bin, hat es ja wohl noch nie gegeben." Der Dichter Adelbert von Chamisso (1781–1838) verarbeitete 1828 in seinem Gedicht "Die Giftmischerin" die Taten der Gesche Gottfried. Sie gilt als letzte "Heroine der Arsengiftmorde".

Pioniere der forensischen Toxikologie

Das Problem, Giftverbrechen zu erkennen und aufzudecken, ließ sich nur interdisziplinär lösen. Schon sehr früh (1786) hatte Samuel Hahnemann (1755–1843) eine Methode zum Nachweis von Arsenik ausgearbeitet, indem er es mit Schwefelwasserstoff zu Arsensulfid reagieren ließ, das in Form eines gelben Niederschlages ausfiel. Die Methode war einfach, aber nicht zuverlässig.


"In 99 von 100 Vergiftungen kommt arsenige Säure in Betracht."

Justus Liebig, 1842

Neben und nach ihm verbesserten viele Apotheker, Mediziner, Chemiker und auch Botaniker die Giftanalytik, darunter Koryphäen wie Johann Friedrich Gmelin, Friedrich Wöhler, Robert Wilhelm Bunsen und Justus von Liebig. Letzterer hat in seiner Antrittsvorlesung in München (1852) formuliert: "Es ist eines der wichtigsten Probleme für die Chemie, auszumitteln, wie und auf welche Weise die arzneilichen und die giftigen Eigenschaften einer Materie abhängig sind von ihrer chemischen Zusammensetzung und in welchem Zusammenhang die Wirkung besteht."

England – James Marsh

Der große Durchbruch gelang dem englischen Chemiker James Marsh (1790/94–1846), dem genialen Assistenten von Michael Faraday. Im Jahr 1832 wurde Marsh vom Gericht des kleinen englischen Dörfchens Woolwich in der Nähe von London beauftragt, in den Eingeweiden eines Verstorbenen das als Todesursache vermutete Arsenik nachzuweisen. Mit Hilfe der Methode von Hahnemann fand Marsh Spuren von Arsen im Mageninhalt des Opfers und demonstrierte dem Gericht ein gelbes Pulver als Ergebnis seiner chemischen Analyse. Doch das Gericht erkannte das Resultat nicht als Beweis an; die Geschworenen wollten Arsen sehen und nicht ein Produkt wie aus der alchemistischen Hexenküche. Der Angeklagte, der gemeinschaftlich mit seiner Familie den vermögenden, aber extrem geizigen Großvater mit dem berüchtigten "Erbschaftspulver" vergiftet hatte, wurde freigesprochen.

Verärgert über den Misserfolg begann Marsh, sich intensiver mit Arsenverbindungen zu beschäftigen, und entwickelte seinen berühmt gewordenen Apparat. Mit diesem konnte Arsen in metallischer Form dargestellt werden, "damit es auch der einfältigste Geschworene bemerken müsste." Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis die Marsh’sche Methode in der wissenschaftlichen Welt bekannt wurde und sich durchsetzte.

Frankreich – Marie Lafarge

Im Januar 1840 wurde in dem kleinen südfranzösischen Städtchen Le Glandier die angesehene Bürgerin Marie Lafarge (1815–1851) unter der Anschuldigung verhaftet, ihren Mann, den vermögenden Charles Lafarge, mit Arsenik vergiftet zu haben. Mehrere Ärzte und Apotheker der Umgebung wurden vom Gericht beauftragt, den Mageninhalt des Toten auf Arsenik zu untersuchen und ebenfalls die vom Verstorbenen zuletzt verzehrten Speisen. In allen Asservaten konnte durch chemische Analysen nach der Methode von Hahnemann Arsenik nachgewiesen werden. Das Gericht erkannte diese Ausmittelung des Giftes als Beweis für die Schuld der Ehefrau Marie Lafarge an. Zum Prozess um die "fürchterliche Giftmischerin" im September 1840 reisten Journalisten aus ganz Europa an.

Orfila und die Marsh’sche Probe

Der Verteidiger von Marie Lafarge, ein Prominentenanwalt aus Paris, war ein enger Freund von Mathèo-José B. Orfila (1787–1853), einem spanischen Mediziner und Chemiker, der seit 1818 den ersten gerichtsmedizinischen Lehrstuhl in Paris inne hatte und den ehrenvollen Beinamen "Fürst der Toxikologie" trug. Der Anwalt bat Orfila, die Organe des Toten nach der modernen Marsh’schen Methode erneut zu untersuchen – in der festen Überzeugung, dass dieser kein Arsenik finden werde. Das Gegenteil trat ein: Orfila bestätigte die Analysenergebnisse der geschmähten, aber dennoch tüchtigen "Provinzchemiker". Das Gericht verurteilte daraufhin Marie Lafarge zu lebenslanger Zwangsarbeit. Orfila und der Verteidiger mussten das Gerichtsgebäude unter Polizeischutz verlassen, vorbei an einer wütenden Menschenmenge. Die Sympathien für die "ehrenwerte" Angeklagte waren bei der Bevölkerung enorm groß; der angesehenen und beliebten Nachbarin hatte man einen Giftmord nicht zugetraut.

Der Prozess hatte ungeheures Aufsehen erregt und den Blick der Weltöffentlichkeit auf die moderne forensische Toxikologie gerichtet. Wegen der sicheren Nachweismethode war der Einsatz von Arsenik, das vor allem von Frauen als Lebensverkürzungsmittel geschätzt wurde, riskanter geworden. Deshalb kamen jetzt in verstärktem Maße wieder – wie einst im Rom der Kaiserzeit – Alkaloidpflanzen zum Einsatz.

Alte Pflanzengifte "neu entdeckt"

Für diese erneut "in Mode" gekommenen antiken Mordgifte gab es zunächst wiederum keine Nachweismethoden. Führende Toxikologen waren sogar der Ansicht, dass man das Geheimnis der Pflanzengifte wohl nie enträtseln werde und dass "es vielleicht für immer unmöglich bleiben werde, an den Opfern der Pflanzengifte das Geheimnis ihrer Todesursache zu enträtseln" (Orfila, 1815). Der Berliner Apotheker Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760–1833) teilte die Meinung (1818): "Zur Zeit mangelt es uns an deutlichen Merkmalen, welche das Daseyn einer Alkaloidvergiftung mit Gewißheit andeuten."

Besonders dringlich wurde das Problem nach der Isolierung und Reindarstellung pflanzlicher Wirkstoffe, beginnend mit der Gewinnung von Morphin aus Opium durch den Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783–1841). So benötigte man zu Mordzwecken nicht mehr den Extrakt der giftigen Pflanze oder Droge, sondern konnte den reinen Wirkstoff in geringerer Menge gezielter verwenden. Es bedurfte wiederum eines außergewöhnlichen Mordfalles, um die Suche nach Alkaloidnachweisen zu forcieren und dabei ein erfolgreiches Ergebnis zu erzielen.

Belgien – Mordfall Bocarmé und Jean Servais Stas

Im November 1850 verstarb auf Schloss Bury in der Nähe der belgischen Stadt Mons der vermögende Apothekersohn Gustave Fougnies nach einem Abendessen bei seiner Schwester Lydie und ihrem verarmten Ehemann, dem Grafen Hippolyte Visart de Bocarmé, unter merkwürdigen Umständen. Der Untersuchungsrichter schickte Asservate des Toten nach Brüssel in die Ecole Militaire, an der seit 1840 Jean Servais Stas (1813–1891), ein Schüler von Orfila, als Professor für Chemie lehrte. Wochenlang untersuchte Stas die Organe des Opfers, bis er schließlich Nicotin als das verwendete Mordgift identifizieren konnte.

Am 19. Juli 1851 wurde Graf Bocarmé hingerichtet, während seine Frau von der Mittäterschaft freigesprochen wurde. Mit Hilfe ihres Verteidigers – es war derselbe, der auch Marie Lafarge verteidigt hatte – konnte sie vor Gericht glaubhaft darlegen, dass sie von ihrem Vater, einem Apotheker, zwar Giftkenntnisse erworben hatte, dass die Mordtat an ihrem Bruder jedoch von ihrem Mann allein geplant und ausgeführt worden war.

Stas-Otto-Gang

Einige Jahre nach dem Bocarmé-Prozess modifizierte und verfeinerte der Braunschweiger Pharmazieprofessor Friedrich Julius Otto (1809–1870) das Verfahren von Stas (Stas-Otto-Gang, 1856). Der Bonner Pharmazieprofessor Carl Friedrich Mohr (1806–1879) – Erfinder der bekannten Mohr’schen Waage – prophezeite: "Nach dem Bocarmé-Prozess wird wohl niemand mehr mit Alkaloiden einen Mord begehen." Er irrte.

München/Wien – Ebergenyi-Chorinsky und das Zyankali

Nachdem der Apotheker Carl Wilhelm Scheele (1742–1786) die Blausäure entdeckt hatte, machte das Kaliumcyanid als Mordgift Karriere. Wegen des typischen Geruchs war es leicht zu erkennen – doch half dies den Opfern nicht, weil es kein sofort wirksames Antidot gab.

Herausragend für die Erforschung des Vergiftungsbildes war der Fall Ebergenyi-Chorinsky 1867. Die österreichische Stiftsdame Ebergenyi war aus Wien nach München gereist, wo sie die Gräfin Chorinsky, die Ehefrau ihres Geliebten, mit Zyankali vergiftete. Dieser Mord regte Nachforschungen über die Wirkungsweise der Cyanide an. Denn pathophysiologisch auffällig und damals unerklärlich waren das hellrote Blut und die roten Totenflecken des Opfers.

Zum toxikologischen Gutachter wurde Ludwig Andreas Buchner (1813–1897), Professor für Pharmazeutische Chemie und Sohn des Münchner Apothekers und Alkaloidforschers Johann Andreas Buchner (1783–1852), bestellt. In seinem Gutachten heißt es: "Was nun die Beschaffenheit des Blutes aus der Leiche der Gräfin Ch. betrifft, so bot dasselbe einige auffallende Verschiedenheiten von gewöhnlichem menschlichen Leichenblute dar. Es fiel zunächst auf, dass dieses Blut eine helle kirschrothe Farbe hatte und diese Farbe mehrere Tage lang behielt."

Die Spur zur 26-jährigen Täterin nach Wien, die mit Wissen ihres Geliebten Graf Gustav Chorinsky gehandelt hatte, ließ sich leicht finden. Beide wurden nach Aufsehen erregenden Prozessen – der Graf in München, die Ebergenyi in Wien – zu zwanzig Jahren schwerer Kerkerhaft verurteilt. Sie ertrugen die harten Haftbedingungen nicht lange und starben nach wenigen Jahren in geistiger Umnachtung.

Im Anschluss an diesen Prozess versuchten zahlreiche Wissenschaftler, die Wirkungsweise der Blausäure aufzuklären. Erst dem Biochemiker Otto Warburg (1883–1970) gelang es, durch die Entdeckung des "Atmungsferments" (Cytochrom-c-Oxidase) das Rätsel zu lösen; er erhielt für seine Forschungen 1931 den Nobelpreis für Medizin.

Wien – Martha Marek und das Thallium

Giftmittel ändern sich wie die Mode mit den Gewohnheiten der Bevölkerung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein neues Gift populär, welches sich für Selbstmörder und Personen mit mörderischen Absichten gleichermaßen als praktikabel erwies. Es waren die Thalliumsalze. 1919 hatte die Firma Bayer das thalliumhaltige Rattengift ® Zelio auf den Markt gebracht. Die breitflächige und von den Behörden wenig kontrollierte Anwendung dieses Rodentizides verursachte ein großes forensisches Problem.

Ein Meilenstein bei der Aufklärung von Morden mit Thalliumsulfat war der Prozess gegen die Wienerin Martha Marek, die über einen längeren Zeitraum hinweg mit Zelio fünf Personen aus Habgier umgebracht hatte. Ihre Taten blieben lange Zeit unerkannt und unentdeckt, da das Vergiftungsbild der Substanz bei den behandelnden Ärzten ihrer Opfer nicht genügend bekannt war. Nach einem langwierigen und Aufsehen erregenden Indizienprozess wurde sie am 6. 12. 1938 in Wien zum Tode verurteilt und durch die Guillotine hingerichtet. Sie war die erste Frau in Österreich, an der nach 38 Jahren wieder ein Todesurteil vollstreckt wurde; und sie war die letzte Frau, die noch unter der Guillotine starb.

Köln – die "Gifthexe vom Rhein" und Morphin

Im Juli 1948 begann in Köln der Prozess gegen eine Giftmörderin, die von der Presse als "Gifthexe vom Rhein" betitelt wurde. Sie hatte ihren meist betagten Opfern Morphinlösung in verschiedene Getränke gemischt und sie beraubt, wenn sie eingeschlafen waren. Bei zahlreichen Opfern war die Morphindosis tödlich. Die Täterin hinterließ eine Vergiftungsspur durch ganz Deutschland, und die Zahl ihrer Opfer konnte von der Staatsanwaltschaft nicht genau ermittelt werden. Die toxikologischen Analysen zum Nachweis des Morphins in den Leichnamen gestalteten sich extrem schwierig, da so kurz nach Ende des Krieges kaum ein Labor mit den benötigten Reagenzien vorhanden war. Da der letzte Mord in Köln verübt worden war, fand dort der Prozess statt. Ein Jahr später wurde die Angeklagte u. a. wegen Mordes in vier Fällen zum Tode verurteilt. Sie war in Westdeutschland die letzte Frau, die noch zum Tode verurteilt wurde, und die erste Person, an der das Todesurteil nicht mehr vollstreckt wurde. Am Tag nach der Urteilsverkündung wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik verabschiedet und damit durch Art. 102 die Todesstrafe abgeschafft. Die Presse kommentierte: "Die Väter des Grundgesetzes retteten die Giftmischerin vor dem Henker." Im Mai 1949 trat sie eine zweimal lebenslängliche Haftstrafe an, und nach 38 Jahren Gefängnis war sie "die Verurteilte mit dem bundesweiten Haftrekord für Frauen".

Neues Modegift E 605

Ende der 40er-Jahre wurde in Deutschland das Pflanzenschutzmittel Parathion, E 605, aus der Reihe der Organophosphate auf den Markt gebracht und vielfach in der Landwirtschaft, besonders im Obst- und Weinbau, eingesetzt. Bei der Ausbietung der Substanz war an die Bekämpfung von Schädlingen, nicht aber an den Missbrauch als Mordwaffe für Menschen gedacht worden.

Eine junge Frau brachte mit diesem Pflanzenschutzmittel innerhalb von zwei Jahren drei Personen um, zunächst ihren Ehemann und dann ihren Schwiegervater. Diese beiden Taten wurden nicht entdeckt; die Vergiftungserscheinungen, die die Opfer aufwiesen, konnten keinem Gift zugeordnet werden und galten als akutes Symptom einer Vorerkrankung. Erst nach dem dritten Mord, der – aus Versehen – ihre beste Freundin traf, kam der Verdacht auf Giftmord auf.

Zum Prozess mussten die Toxikologen erneut Pionierarbeit leisten, um eine Identifizierungsreaktion als valide, vor Gericht nicht angreifbare Nachweismethode zu etablieren. In einem Rückblick zählte "Die Zeit" vom 1. 8. 1985 den Fall zu den "spektakulärsten Kriminalfällen aller Zeiten"; die Mörderin habe eine Kette von Morden und Selbstmorden unter Verwendung des neuen "Modegiftes" E 605 ausgelöst und somit Kriminalgeschichte gemacht.

Apothekerin als "berufsmäßige Giftmischerin"

Zwei Jahre nach diesem Mordprozess geriet eine Apothekerin in den Verdacht, mit E 605 einen Mord und drei Mordversuche begangen zu haben. In die Justizgeschichte ging die Verhandlung als der "Giftkuchenprozess" ein. Mit ihren Verbrechen brachte die Angeklagte wieder einmal einen ganzen Berufsstand in Verruf, der im Volksmund oft als "Zunft der Giftmischer" bezeichnet wurde und wird. Die Apothekerin soll Mocca-Eclairs, auch "Liebesknochen" genannt, mit E 605 präpariert und das Gebäck anonym an die Familie ihres Geliebten geschickt haben. Ihr Ziel könnte gewesen sein, die Ehefrau und die Kinder ihres Geliebten zu beseitigen, um dann den Witwer für sich allein zu haben. Ein 16-jähriges Kind aus der Familie verzehrte das Gebäck und starb daran.

Der in Berlin stattfindende Indizienprozess stellte wiederum eine besondere Herausforderung an toxikologisches Können dar, denn für analytische Untersuchungen standen nur geringste Mengen an Asservaten zur Verfügung. Zum Nachweis von E 605 lag nur ein winziges Kuchenkrümelchen aus einem "Liebesknochen" vor. Obwohl darin Spuren von E 605 identifiziert werden konnten, gelang es letztendlich nicht, die Kausalität zwischen den zum Mord verwendeten Eclairs und der Angeklagten zweifelsfrei herzustellen. Sie wurde mangels Beweises freigesprochen, und die Presse kommentierte: "Die Geschicklichkeit einer berufsmäßigen Giftmischerin hat gesiegt."

Eine Hydra mit nachwachsenden Köpfen

Zu den "klassischen" Mordgiften, die hier vorgestellt wurden, sind noch einige andere zu zählen wie das Quecksilbersublimat. Sie wurden aber nur gelegentlich verwendet und haben bei Weitem nicht die Rolle gespielt wie Arsenik, das "Gift der Gifte". Heutzutage dienen auch Arzneimittel zu Mordzwecken. Erinnert sei an spektakuläre Fälle, bei denen Krankenschwestern und -pfleger sowie Altenpflegerinnen angeklagt waren, ihnen anvertraute Patienten mit Medikamenten in tödlicher Dosis umgebracht zu haben.

Die Kunst der Toxikologen besteht darin, für die jeweils verwendeten Substanzen und ihre Abbauprodukte ein spezielles Nachweisverfahren zu entwickeln. Denn der Erfindungsreichtum von mit Gift mordenden Frauen und Männern bei der Wahl des Giftes und der Applikationsart ist unerschöpflich. Der Kampf der Toxikologen, Gerichtsmediziner, Juristen und Kriminalisten gegen die stets nachwachsende "Gifthydra" wird nie enden.

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