Der Fall DocMorris/Hecken in den Medien

(diz). Nicht ohne Häme ergossen sich - nach dem Etappensieg von DocMorris und Hecken vor dem Landgericht Saarbrücken - die Berichte und Kommentare der einschlägigen Journaille über die Bevölkerung. Da wurde gejubelt und gefeiert, dass endlich alte Zöpfe abgeschnitten werden, mehr Wettbewerb in unser Arzneiversorgungssystem dank (ausländischer) Ketten und Fremdbesitz einzieht und endlich die sprichwörtlichen Apothekerpreise schon bald der Vergangenheit angehören. Die Süddeutsche Zeitung sieht schon "mehr Freiheit beim Medikamentenkauf. Politiker, die wenig Ahnung vom Gesundheitssystem haben, machen schon ein Einsparpotenzial von 2 bis 3 Milliarden aus. Wir haben uns die Reaktionen in der politischen und Medienlandschaft angesehen.

Dass im Saarland ein ministerieller Rechtsbruch ersten Ranges stattgefunden hat, über den noch ein Verwaltungsgericht zu entscheiden hat, dass ein deutscher Landesminister einer ausländischen Versandapotheke nach Art einer Roadshow zu einem veritablen Medienauftritt und unbezahlbarer Werbung ersten Ranges verhilft - das haben leider nur sehr wenige weiter denkende Journalisten und Politiker bemerkt.

Freude über das Urteil herrscht bei einigen Politikern: Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, sieht in der Gerichtsentscheidung für die niederländische Versandapotheke die Chance auf niedrigere Preise für Medikamente. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach glaubt sogar, dass die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbots zu einer besseren Versorgung der Patienten und mittelfristig zu Einsparungen von mindestens einer Milliarde Euro führen wird. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums ließ wissen: Die Bundesregierung will im Fall eines entsprechenden Grundsatzurteils das Apothekengesetz sofort ändern; würden Gerichte so entscheiden, dass die deutsche Rechtsetzung ans EU-Recht angepasst werden muss, "würde dies unmittelbar geschehen". Nach Auffassung des Grünen-Chefs Bütikofer ist das Fremdbesitzverbot nicht mehr zu rechtfertigen. Verschiedene "Apothekerprivilegien" kosteten die Kunden jährlich bis zu zwei Milliarden Euro. Auch der Bremer Arzneimittelexperte Professor Gerd Glaeske wirft der ABDA "überflüssige Scheingefechte" vor, die Abwehrkampagne der Apotheker gegen DocMorris sei ein "letztes Aufbäumen".

In Politikerkreisen finden sich allerdings auch Stimmen, die sehr wohl Vorbehalte gegen eine völlige Öffnung der Apothekenmarktes haben, so beispielsweise die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Carola Reimann. Sie meldete Zweifel an den Erwartungen an, eine Liberalisierung bringe automatisch Einsparungen in Milliardenhöhe. Ein mögliches, verstärktes vordringen von Händlern und Pharmaunternehmen auf den Apothekenmarkt könne auch negative Folgen haben. Auch in Unionskreisen wurde auf Bedenken gegen eine zu schnelle Freigabe ohne genaue Regelungen verwiesen. Die Sozialministerinnen von Bayern und Baden-Württemberg, Christa Stewens (CSU) und Monika Stolz (CDU) lehnen die Initiative ihres saarländischen Kollegen Josef Hecken ab. Sie fürchten, dass in den ländlichen Gebieten die Versorgungsdichte stark sinkt. Und Bayerns Gesundheitsminister Schnappauf sieht keinen Anlass, die Versorgungssicherheit besonders im ländlichen Raum gerade in einem Flächenstaat wie Bayern aufs Spiel zu setzen. Bei Kapitalinvestoren sei eine Kommerzialisierung der Arzneimittelversorgung und Konzentration auf lukrative Standorte zu befürchten.

Als unglaubwürdig, ja unanständig bezeichnet dagegen die Berliner Zeitung in einem Meinungsbeitrag "die Art, wie die zuständige Interessenvertretung derzeit auf Kosten der Versichertengemeinschaft für die Beibehaltung ihrer Standesprivilegien kämpft". "Ketten könnten durch ihre Marktmacht und ihre besseren Kostenstrukturen auch rezeptfreie Arzneien Drogerieartikel und Dienstleistungen billiger anbieten - zum Nutzen der Kunden", meint der Kolumnist.

Der Kommentator der "Welt" geht unter der Überschrift "Mehr Mut zum Markt" bereits davon aus, dass es "bald auch in Deutschland schon erlaubt sein wird, dass eine Apotheke jemand anderem gehören darf als einem studierten Apotheker" - "was daran schlecht sein soll, ist nicht nachvollziehbar", reflektiert er. Das Schlussstatement in der Welt: "Die Apotheker zeichnen zudem ein Bild ihres Berufsstandes, das sich beim Betreten einer mittelgroßen Apotheke als Fantasie erweist. Viele Vertreter der Zunft betätigen sich längst als Kosmetik- und Ernährungsberater. Sie sind keine altruistischen Heilberufler, sondern Kaufleute. Und für die sollten die Gesetze des Marktes gelten."

Abwägend betrachtet die "Frankfurter Rundschau" die möglichen Auswirkungen des Saarbrücker Falls. Sie überlegt: Wettbewerb heißt auch Verdrängung. Auf Dauer werden die Apotheken abseits der städtischen Zentren, ≠in der Fläche', der Konkurrenz nicht gewachsen sein…Dann verlieren die Vororte, die kleinen Städte und Dörfer einen weiteren Teil der Versorgungsqualität… der Einkauf ist zur Transportfrage geworden. Die Veränderungen mögen in den Großstädten kein Problem sein. Der Rückzug ≠aus der Fläche' schafft eins."

Die Zulassung von DocMorris lasse andere Investoren aufhorchen, vermutet die Stuttgarter Zeitung weiter: "Pharmagroßhändler wie das Stuttgarter Unternehmen Celesio oder die Mannheimer Firma Phoenix betreiben im Ausland bereits erfolgreich Apothekenketten."

"Wenn die Koalition Wettbewerb im Gesundheitswesen wollte, sollte sie den Apotheken mehr Markt verschreiben", zeigt sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Kommentar vom 9. August sicher. Doch: "Statt die Debatte um DocMorris zu nutzen, um vom Gesetzgeber mehr Freiheiten zu verlangen, damit sie endlich wie Kaufleute agieren können, machen es sich die Apotheker lieber in einem überregulierten Markt bequem."

Von der F. A. Z. befragt, ob die DocMorris-Filiale in Saarbrücken der Startschuss für Celesio sei, sich selbst im deutschen Markt zu engagieren, entgegnet Celesio-Chef Fritz Oesterle: "Das Kasperletheater machen wir nicht mit. Celesio wartet, bis die Situation stabil ist." Doch Oesterle fürchtet auch Wildwuchs durch Liberalisierung. Apotheken auf dem Land hätten dann nur noch Lückenbüser-Funktion für Notfälle. Davon könne kein Apotheker leben. Auf die Frage, wie man mehr Wettbewerb in den Apothekenmarkt bringt und dennoch die flächendeckende Versorgung sicherstellt, meint Oesterle: "Man könnte die Betriebserlaubnis für Apotheken ähnlich Regeln wie die Kassenzulassung von Ärzten."

Eher kritisch sieht die Entwicklung die sozialistische Tageszeitung "Neues Deutschland". Unter der Überschrift "Apotheken aufgerollt" vermutet sie: "Es sieht danach aus, als müssten sich die deutschen Apotheker künftig auf mehr Konkurrenz einstellen. Denn das althergebrachte System... wird sich gegen das EU-Prinzip der Niederlassungsfreiheit auf Dauer nicht verteidigen lassen." Die Tageszeitung bleibt skeptisch: Ob mit der Konkurrenz allerdings dauerhafte Vorteile für Verbraucher einhergehen, kann auch bezweifelt werden. Sollte nun tatsächlich eine "Discountisierung" des Arzneihandels einsetzen, käme es zunächst zu einem Preiskampf auf dem Rücken der Beschäftigten — und später zur Oligopolbildung und Absprachen."

Gefahren für den Verbraucher sieht auch der Gesundheitsreferent der Verbraucherzentrale Bundesverband, Stefan Etgeton. wenn Apotheken von Großunternehmen geführt werden: "Macht sich so eine Aktiengesellschaft noch die Mühe, irgendwo in der Lausitz oder auf dem platten Land in Niedersachsen eine Voll- Apotheke hinzustellen? Außerdem: es könnte auch dazukommen, dass diese Kette nicht mehr das volle Sortiment anbietet, sondern dass es nur noch ein sehr eingeschränktes Angebot gibt, weil die Apotheke nur noch mit bestimmten Herstellern kooperiert - oder sogar einem Pharmariesen gehört."

"Ökonomen gilt Däinghaus als Visionär", schreibt die "Welt" in einem Kurzporträt über den Apothekenbesitzer. Er selbst sieht sich als Vordenker: "Ich habe immer Sachen gemacht, die verrückt sind". Ahnung von Betriebswirtschaft habe er nicht, so Däinghaus, aber gesunden Menschenverstand. Regelmäßig spreche er im Gesundheitsministerium vor, treffe sich mit Krankenkassen und Pharmafirmen: "Das Geschäft ist spannend." Fast mit Bewunderung schwärmen Kommentare vom Apothekerschreck Ralf-Däinghaus, dem Ex-Informatiker, der ständig von den bösen Apothekern bekämpft wird, aber sich bisher durch keinen Prozess ("ich bin an Prozesse gewöhnt") hat klein kriegen lassen. Ein Kommentar in FAZnet zitiert ihn als einen unbekümmerten Angreifer, der sich gegen die "Verbandskasper, die mit allen Mitteln ihre Pfründe verteidigen", empfiehlt. "Was wäre zur Einführung der Marke DocMorris besser geeignet gewesen als die Unterschriftenaktion, die dagegen veranstaltet wurde, fragt der Kommentator. "≠Danke, Apotheker', höhnte der sommersprossige Unternehmer, der Nadelstreifen-Anzüge mit forschen Sprüchen kombiniert", heißt es dort weiter. Immerhin, der Kommentator erkennt auch, dass die Realität nicht mit den "kecken Sprüchen" Däinghaus' Schritt hält. Denn noch hat der Versandhandel nur ein Prozent Marktanteil, acht waren prognostiziert. DocMorris will daher, so ist zu lesen, in neue Geschäftsfelder vorstoßen: DocMorris-Generika und DocMorris-Kuren werden angestrebt. Schwierigkeiten gibt es außerdem, DocMorris an die Börse zu bringen, was die Finanzinvestoren sich wünschen. "Symbolisch Siege vor Gericht reichen noch nicht zur Börsenstory", so FAZnet.

Mit dem saarländischen Sozialminister Josef Hecken befasste sich ein Kommentar im Handelsblatt unter der Überschrift: "Robin Hood von der Saar". Der Kommentator sieht in dem Minister "etwas vom englischen Rächer der Enterbten, der die Reichen bestahl, um das Geld den Armen zu geben.

Dank der Erfolge im Internetversand und der geschickten Eigen-PR von Däinghaus sei DocMorris zu einem Bannerträger für den Strukturwandel in der Apothekenbranche geworden, so Spiegel online. Nicht zuletzt geht dieser Beitrag davon aus, dass die Apotheker dem Ansturm der Ketten nicht so schutzlos ausgesetzt seien wie oft suggeriert werde: "Schon heute haben sich tausende von ihnen in Kooperationen wie "Meine Apotheke" oder "Vivesco" zusammengeschlossen, die gemeinsame Werbeaktionen koordinieren. In Zukunft könnten auch andere zentrale Aufgaben mit Einkauf darüber abgewickelt werden." Möglicherweise ist hier der Autor nicht ganz auf dem Laufenden gewesen.

Realistisch sieht die FAZ in ihrem Seite-1-Kommentar das Saarbrücker Urteil: "Den jetzigen Verfolger vor dem Landgericht können Gesundheitsreform und Pharmaversender bestenfalls als Etappensieg für sich verbuchen - und auch das nur, wenn man bereits die ersten Zentimeter hinter der Startlinie für eine nennenswerte Wegstrecke hält... Die eigentlich spannenden Fragen kommen erst demnächst zur Sprache." Selbst ein Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof ist offen, "auch EU-Freiheiten dürfen von den Mitgliedstaaten eingeschränkt werden, sofern sich dafür gute Gründe anführen lassen."

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