Arzneimittel und Therapie

Acetylcystein bei COPD unwirksam

Die dreijährige tägliche Einnahme von 600 mg Acetylcystein hatte in der randomisierten Doppelblindstudie BRONCUS keinen Vorteil für den Verlauf einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung. Die Abnahme des forcierten exspiratorischen Volumens (FEV1), die jährliche Exazerbationsrate und der Gesundheitsstatus waren gegenüber Plazebo unverändert.

Erhöhter oxidativer Stress spielt bei der Entstehung einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) eine wichtige Rolle. Tabakrauch, der Hauptverursacher einer COPD, enthält hohe Oxidanzien-Konzentrationen. Daher liegt es nahe, in der Behandlung der COPD Antioxidanzien auszuprobieren. N-Acetylcystein enthält eine SH-Gruppe und stellt nach Desacetylierung in der Leber einen Vorläufer von Glutathion dar. Es erhöht so die Konzentration dieses Antioxidans im Organismus und soll neben seiner sekretolytischen Aktivität auch noch direkt andioxidativ wirken.

In der plazebokontrollierten Studie BRONCUS (Bronchitis randomized on NAC study) wurde das stickstoffacylierte Cystein Acetylcystein (z. B. Fluimucil®) bei COPD-Patienten eingesetzt. Dabei wurde untersucht, ob die Behandlung die allmähliche Verschlechterung der Lungenfunktion und die Zahl der jährlichen Exazerbationen (Krankheitsverschlimmerungen) verringert und den Gesundheitszustand der Patienten verbessert.

Acetylcystein zusätzlich

zur Standardtherapie

An 50 Zentren in zehn europäischen Ländern nahmen 523 COPD-Patienten teil. Sie waren zwischen 40 und 75 Jahre alt und hatten in den beiden Vorjahren mindestens zwei Exazerbationen pro Jahr erlitten. Randomisiert und doppelblind erhielten die Patienten 600 mg Acetylcystein oder Plazebo zur einmal täglichen oralen Einnahme über drei Jahre. Die Patienten durften ihre bisherige Therapie fortsetzen, also Bronchodilatatoren jeder Art einnehmen und inhalative Glucocorticoide möglichst in gleich bleibender Dosierung anwenden. Den Patienten wurde empfohlen, keine Vitamin- oder Nährstoffpräparate einzunehmen. Bereits vor der Studie war den Patienten dringend nahe gelegt worden, mit dem Rauchen aufzuhören. An der Studie selbst nahmen nur Exraucher (seit mindestens sechs Monaten) und Raucher teil.

Die Patienten wurden zu Beginn, nach einem und drei Monaten, danach vierteljährlich sowie am Studienende untersucht.

Meist mäßige COPD

256 Patienten bekamen Acetylcystein, 267 Plazebo. Die Patienten waren im Mittel 62 Jahre alt, 21% waren Frauen. Drei Viertel hatten eine mäßige COPD, ein Viertel eine schwere. Rund 70% der Patienten verwendeten inhalative Glucocorticoide. Vor der Studie hatten die Patienten im Mittel 2,5 Krankheitsverschlimmerungen pro Jahr gehabt. Zu Beginn der Studie betrug das forcierte exspiratorische Volumen (FEV1) 1,65 l.

Ungebremste Verschlechterung der Lungenfunktion

27% der mit Acetylcystein Behandelten und 37% der mit Plazebo Behandelten beendeten die Therapie vorzeitig. Die Intention-to-treat-Analyse ergab: Der Lungenfunktionsparameter FEV1 (Einsekundenkapazität) nahm in beiden Behandlungsgruppen vergleichbar ab: in der Acetylcystein-Gruppe um 54 ml und in der Plazebo-Gruppe um 47 ml pro Jahr (– 8 ml). Auch die Vitalkapazität sank in beiden Gruppen vergleichbar stark. Lediglich bei Patienten mit schwerer COPD (GOLD-Stadium III) verlief die Abnahme der Vitalkapazität mit Acetylcystein gemäßigter als mit Plazebo (Differenz von + 36 ml), allerdings war der Unterschied nicht signifikant.

COPD-Exazerbationen gleich häufig

Als Exazerbation galt jede Zunahme von Husten und/oder Atemnot zusammen mit einer veränderten Qualität und Menge des Sputums, die mindestens drei Tage anhielt und den Patienten veranlasste, medizinische Hilfe zu suchen. Patienten der Acetylcystein-Gruppe hatten genauso viele Exazerbationen wie Patienten der Plazebo-Gruppe: Die jährliche Exazerbationsrate betrug 1,25 mit Acetylcystein gegenüber 1,29 mit Plazebo. Nur bei Patienten, die keine Glucocorticoide inhalierten (n = 155), war das Exazerbationsrisiko gegenüber Plazebo verringert (0,96 gegenüber 1,29).

Gesundheitszustand erst besser, dann schlechter

Alle sechs Monate wurden den Patienten zwei Fragebogen zum Gesundheitszustand vorgelegt: der krankheitsspezifische St. George's Respiratory-Fragebogen und der allgemeine Euroqol-5D-Fragebogen. Der erste wurde von 445 Patienten, der zweite von 403 Patienten beantwortet, weil in einigen Ländern keine Übersetzungen zur Verfügung standen. Die Auswertung gab eine Verbesserung des Gesundheitszustands im ersten Jahr für beide Behandlungsgruppen und eine Verschlechterung danach. Es bestand kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen. Auch die Subgruppen-Analysen Gold II gegenüber Gold III sowie Inhalation gegenüber Nicht-Inhalation von Glucocorticoiden ergaben keinen signifikanten Unterschied in der Veränderung des Gesundheitszustands zwischen den Behandlungsgruppen.

Lungen-Überblähung verringert?

In einer sekundären Analyse wurde eine Abnahme der funktionellen Residualkapazität (FRC) von 4,46 l auf 4,09 l bei Patienten mit vollständiger Acetylcystein-Einnahme (n = 120) festgestellt. Dagegen blieb bei Patienten mit vollständiger Plazebo-Einnahme (n = 107) die funktionelle Residualkapazität konstant (von 4,33 auf 4,34 l). Dies könnte einen Effekt von Acetylcystein auf die Lungenüberblähung bedeuten, die als Folge der erschwerten Ausatmung infolge der bronchialen Obstruktion auftritt. 2809 unerwünschte Ereignisse ("adverse events") wurden verzeichnet, gleich verteilt auf beide Gruppen. Die meisten waren Exazerbationen der COPD. Kein Ereignis stand im Zusammenhang mit der Arzneimitteleinnahme. Neun Patienten jeder Gruppe starben.

Fazit

Demnach beeinflusst die tägliche Einnahme von 600 mg Acetylcystein bei COPD-Patienten weder die Abnahme der Lungenfunktionsparameter Einsekundenkapazität und Vitalkapazität noch die jährliche Exazerbationsrate noch die Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Da Acetylcystein gut vertragen wurde, könnten in zukünftigen Studien höhere Dosierungen (1200 mg oder 1800 mg) auf einen Nutzen bei COPD untersucht werden.

Susanne Wasielewski, Münster

 

Quelle
Decramer, M., et al.: Effects of N-acetylcy- steine on outcomes in chronic obstructive pulmonary disease (Bronchitis Randomi- zed on NAC Cost-Utility Study, BRON- CUS): a randomised placebo-controlled trial. Lancet 365, 1552 – 1560 (2005).
Donohue, J. F.: Still looking for answers in COPD. Lancet 365, 1518 –  1520 (2005).

Lungenfunktionsparameter 

FEV1 = Einsekundenkapazität = maximal ausatembares Volumen innerhalb der ersten Sekunde nach stärkster Einatmung


 

VC = Vitalkapazität = maximal ausatembares Volumen nach stärkster Einatmung. Ein Maß dafür, wie viel Luft die Lunge maximal aufnehmen kann.

FRC = funktionelle Residualkapazität = Luftmenge, die nach normaler Ausatmung in der Lunge zurückbleibt = exspiratorisches Reservevolumen (was man am Ende der normalen Ausatmung noch ausatmen kann) plus Residualvolumen (was nach maximaler Ausatmung noch in der Lunge bleibt)

Parameter für den

Verlauf einer COPD

Die jährliche Abnahme des Lungenfunktionsparameters FEV1 wurde bisher als Ersatzparameter für den Verlauf einer COPD verwendet. Die einzige Behandlung, für die ein Effekt auf die jährliche FEV1-Abnahme nachgewiesen wurde, ist das Ende des Rauchens: FEV1 sinkt bei Ex-Rauchern jährlich nur noch um 30 ml statt um 60 ml.

Möglicherweise gibt es bessere Verlaufsparameter einer COPD, beispielsweise den aus Körpermasse-Index, Atemflussbehinderung, Atemnot und körperlicher Leistungsfähigkeit zusammengesetzten BODE-Index.

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