Arzneimittel und Therapie

Aus der Forschung: Neues Tiermodell für den Veitstanz

Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Tübingen haben ein Rattenmodell entwickelt, mit dem erstmals an genetisch veränderten Ratten die Erbkrankheit Chorea Huntington untersucht werden kann. Im Vergleich zu den bisher untersuchten transgenen Mäusen leben Ratten länger und zeigen einen dem Menschen viel ähnlicheren Krankheitsverlauf. Das Rattenmodell bietet so erstmals die Möglichkeit, die Erbkrankheit am lebenden Organismus zu erforschen.

Zahlreiche Bestrebungen, die Krankheit im Tiermodell mit transgenen Mäusen darzustellen, scheiterten bisher daran, dass Chorea Huntington bei Mäusen sehr schnell tödlich verläuft; die Tiere bilden nur unzureichende und kaum nachweisbare Symptome aus. In dem nun entwickelten Rattenmodell zeigen die Tiere den Huntington-Patienten ähnliche Symptome. Dazu gehören eine beeinträchtigte Wahrnehmung, verminderte Scheu und Bewegungsstörungen.

Weil Ratten ein größeres Gehirnvolumen im Vergleich zu Mäusen haben, sind erstmals auch aussagekräftige Bilder von veränderten Hirnregionen durch spezielle Scan-Verfahren an den lebenden Tieren möglich. Das Tiermodell ist ein erster entscheidender Schritt, um für Betroffene geeignete Therapieformen zu entwickeln wie zum Beispiel die Transplantation von Nervenzellen. Bislang gibt es für die Krankheit keine Therapie.

Tödliche neurodegenerative Erkankung

Chorea Huntington ist eine dominant vererbbare Erkrankung, die meist im dritten und vierten Lebensjahrzehnt auftritt und innerhalb von 15 bis 20 Jahren mit fortschreitender Degeneration des Gehirns zum Tode führt. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Die Patienten verlieren fortschreitend ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten, wobei krampfartige, zuckende unwillkürliche Bewegungen das auffallendste Symptom sind, daher auch die Bezeichnung Veitstanz.

Später folgen Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen, verbunden mit emotionalen Veränderungen wie Depressionen, Reizbarkeit und Angstzuständen. Die Häufigkeit der Huntington-Krankheit wird mit 5 bis 10 auf 100 000 Menschen angegeben. Sie gehört damit zu den häufigsten genetisch bedingten neurologischen Erkrankungen.

Faserige Ablagerungen im Gehirn

Veränderungen im Gen für das Protein Huntingtin auf Chromosom 4 verursachen dieses Leiden. Normalerweise kommt das Basentriplett CAG, das für die Aminosäure Glutamin codiert, in einem bestimmten Sequenzabschnitt dieses Gens 6 bis 35 Mal vor. Das mutierte Huntingtin-Gen besitzt dagegen zwischen 40 und 180 CAG-Wiederholungen. Das defekte Protein hat also eine erhöhte Anzahl von Glutaminmolekülen.

Mit einem derartig veränderten Huntingtin scheinen die Gehirnzellen auf Dauer nicht zurechtzukommen. In den Zellen lassen sich dann glutaminreiche faserige Ablagerungen feststellen. Sie verklumpen zu Aggregaten, die den Zellhaushalt offenbar so empfindlich stören, dass nach und nach immer mehr Zellen absterben – die Krankheit schreitet fort und führt zehn bis zwanzig Jahre nach Einsetzen der ersten Symptome zum Tod.

Literatur

von Hörsten, S., et al.: Transgenic rat model of Huntington's disease. Hum. Mol. Genet. 12, 617 – 624 (2003). ck

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